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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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III. Kapitel: Traumatische Reflexneurosen, sekundäre traumatische und Drucklähmung.

Band T

der Finger an beiden Händen einen eigentümlichen Glanz undeine etwas blauröthliche Färbung (Glossyfingers von Paget).

Die Beweglichkeit verräth, dem geringen Querschnitt derMuskeln entsprechend, wenig Kraft und Ausdauer, doch istdieselbe nirgends aufgehoben. Der Patient hält zwar denrechten Fuss meistens in Dorsalflexion, jedoch ist er vollkom-men im Stande, diese Haltung beliebig zu verändern. Dieelektromuskuläre Erregbarkeit ist unverändert. Man bemerktbeim Elektrisiren bisweilen fibrilläre Muskelzuckungen, dieübrigens auch spontan, wenn auch seltener, auftreten.

Die Sensibilität zeigt verschiedene Anomalien. Das Gefühlals solches erscheint nur an der Aussenfläche des rechtenUnterschenkels (im Bereich des nervus communicans peronei)herabgesetzt, so dass eine einfache Berührung theils nichtempfunden, theils schlecht lokalisirt wird. Zwei Gefühlsein-drücke müssen hier wenigstens 6 cm von einander entfernt sein,um als doppelt perzipirt zu werden. Hingegen ist die Em-pfänglichkeit für Schmerzempfindungen nicht nur hier, son-dern auch an den beiden Endphalangen der Finger beiderHände erheblich herabgesetzt, und ebenso auch das Temperatur-gefühl. Dem entgegen zeigt nun die rechte Fusssohle einesehr merklich gesteigerte Erregbarkeit für Gefühlseindrückejeder Art, welche sich nicht nur durch erhöhte Schmerz-empfindung, sondern auch durch erhöhte Keflexthätigkeit doku-mentirt. Und zwar macht sich diese Hyperalgesie nicht nurbei Reizung der Fusssohle selbst, sondern auch bei Reizungder Fingerspitzen beider Hände geltend, so dass der Patient,sobald er irgend etwas mit den Fingerspitzen berührt, einenlebhaften Schmerz in der rechten Fusssohle verspürt.

Lässt man den S. mit geschlossenen Augen stehen, sofängt er nach einiger Zeit zu schwanken an. Druck auf denScheitel erzeugt ebenfalls Schmerz in der rechten Fusssohle.

Faradische und galvanische Reizung wird an der Aussen-fläche des rechten Unterschenkels und an den Endphalangender Finger beider Hände wie einfache Berührung, in der rechtenFusssohle dagegen sehr schmerzhaft empfunden und löst hierstarke Reflexbewegungen aus.

Die Respirations-, Cirkulations- und Digestionsorgane zeigenkeine Anomalien. Der Urin ist von normaler Beschaffenheit,das Sensorium frei.

Während sich S. im Lazareth befand, wurde er mit warmenBädern und dem konstanten galvanischen Strom behandelt, dochblieb diese Behandlung während einer Dauer von vier Wochenganz ohne Einfluss auf das Befinden des Patienten.

Diagnostisch scheint das festzustehen, dass es sichzunächst um eine heftige Kontusion des Ischiadikusdurch das Projektil handelte und dass in Folge der-selben eine centripetal fortschreitende Neuritis ein-getreten ist, welche schliesslich zu einer partiellen,vermuthlich disseminirten Herderkrankung desRückenmarks geführt hat.

Prognostisch muss das Leiden als ein solchesbetrachtet werden, welches allmälig fortschreitendim Verlauf einiger Jahre zu einem ungünstigen Aus-gang führen wird.

IX. Muskelwunde an der Aussenseite des linken Ober-schenkels dicht über dem Kniegelenke. Konstante leichteReizsymptome, an welche sich zwei Jahre später eineaufsteigende Neuritis mit Parese und Atrophie des Beinesanschliesst.(Beobachtung von Schwahn.)

Lieutenant B. erhielt am 1. September 1870 bei Sedaneinen Fleischschuss an der Aussenseite des linken Oberschenkels.

Heilung in vier Wochen. Von Oktober 1870 wieder im Dienohne Beschwerden; nur ein ab und zu auftretendes Mustzucken im linken Oberschenkel. Anfang 1873 Abmagerndes linken Oberschenkels um 0.04 m und leichte Ermüdung ¡linken Unterextremität. Unmöglichkeit, das Knie völlig,beugen. Periodische, spontane, schmerzhafte, spastisjFlexionen des Kniegelenks. Druck auf die mehr nach ingelegene Narbe ruft kribbelnde Empfindung an derAussensedes linken Unterschenkels hervor. Wirbelsäule bei Drucksgends schmerzhaft.

Therapie 1873, 1874 und 1875, 4 bis 6 Wochen, Quel.von Wildbad und 1873 konstanter Strom. 1875 Durchsein,dung der Narbenstränge, welche die Innennarbe trichterförieinzogen. Im Dezember desselben Jahres Zustand unverändeebenso Mitte 1876.

Nach mehr als zwei Jahren hatte sich mithin in Poleiner anscheinend leichten Schussverletzung in der Natbarschaft eines Kniegelenkes eine erhebliche Funkt«Störung und Abmagerung der ganzen gleichseitigen unter-Gliedmaassen eingestellt. Wollen wir, meint Schwalzur Deutung des Krankheitsbildes eine von der NarbeZweigen des Plexus lumbosacralis aufsteigende Neuriunterstellen, so werden wir mit den pathologischen Tbsachen in Widerspruch nicht gerathen und eine braue«Anschauung des Krankheitsherganges gewinnen."

X. Schussverletzung des Oberschenkels. AufsteigeiNeuritis. Hemiplegie.')

Johann H., 33 Jahre alt, am 19. Januar 1874 aufmedizinische Klinik zu Strassburg aufgenommen, giebt an,igesunder Familie zu stammen und selbst immer gesund gewezu sein. Am 9. November 1870 erhielt er in der NäheOrléans einen Schuss in den linken Oberschenkel, welchenhinten her durch das dicke Fleisch durchdrang, ohne iKnochen zu verletzen. In Folge des starken Blutverkwurde er ohnmächtig, die Wunde heilte in relativ kurzer 2iso dass Patient Anfang 1871 zu seinem Regiment zurigeschickt wurde. Seit seiner Verwundung verspürte er heftSchmerzen in dem Beine, anfangs nur auf die Wunde lokalkallmälig auf den ganzen Unterschenkel bis zur Fussspitzelverbreitet, späterhin zogen sie sich auch nach oben bis ;Hüfte, und endlich traten ähnliche Schmerzen in der linkOberextremität auf. Am l.Mai 1873 zog Patient mit seilPferden aufs Feld und hatte kaum eine Stunde geeggt, allplötzlich merkte, dass seine ganze linke Seite gelähmt 1Dabei wurde er so stark schwindlig, dass er sich auf sPferd setzen musste und nach Hause ritt. Er blieb im Be«und als er nach einigen Tagen aufstand und den Veramachte, zu gehen, fiel er nach der linken Seite um. Das liiBein war völlig unbrauchbar und hing, wenn er (mit UnkStützung) stand, fast ganz schlaff herunter. Auch die 1»Gesichtshälfte war gelähmt, die Zunge wich nach rechts .das linke Auge war schwächer. Das Bewusstsein war nie !stört, Schmerzen im Rücken hat Patient niemals gehabt.diesem Zustande blieb Patient zwei Monate, man verori»ihm Blutegel hinter die Ohren und Vesikatore in den Nad»Einreibungen der gelähmten Glieder, warme Bäder. Die Lähm!wurde im Verlauf von zwei Monaten besser, aber doch bli

J ) Aus Leyden, Klinik der Rückenmarks-Krankheiten.

Band VII.

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