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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Bund VU.

II. Abschnitt: Sekundäre traumatische Lähmung.

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Gleichzeitig bestand Lähmung und Muskelschwund deslinken Armes, ein Leiden, welches sich ohne nachweisbare Ver-anlassung noch während des Krankenlagers im zweiten Monatenach der Verletzung allmälig entwickelt hatte unter heftigenneuralgischen Schmerzen am äusseren Kondylus des Oberarms.Die Umfangsdifferenz der Arme betrug '/»", die motorische

fchwäche des linken Armes war bedeutend.Im Jahre 1876, 1880 und 1882 sind die Wunden amUnterschenkel aufgebrochen.

Am 20. Mai 1883: Atrophie des ganzen rechten Beinesum 1,52 cm; Verkürzung um 5 6 cm. Empfindlichkeit dergrossen unregelmässig gestalteten, mit dem Knochen verwachsenenNarbe. Kraftsinn des linken Armes herabgesetzt, aber keineVolumensabuahme mehr. Patient arbeitet mit der linken Hand,ermüdet aber schnell mit derselben. Die Besserung der Ober-extremität schreibt er der jahrelang angewandten Elektrizität zu.

Noch viel häufiger als in den späten Wundstadiengehen kürzere oder längere Zeit nach der Wundheilungunter neuritischen Symptomen, welche, wie besonders her-vorzuheben ist, nie vermisst werden, die sekundären Läh-mungen in Scene. Zuweilen setzen sich die Reizungs-erscheinungen in massigen Graden über die Wundver-narbung hinaus ununterbrochen fort, exazerbiren einesTages unter der Mitwirkung accidenteller Schädlichkeiten,führen zu aufsteigender Neuritis, zur Mitbetheiligung derCentralorgane, zur Nervenentzündung in entfernten Gebieten.Mitunter liegen zwischen der ursprünglichen Läsion undder durch Zerrungen des Narbengewebes, durch Druckwandernder Fremdkörper, durch ein frisches Trauma, durchGescliwulstbildungen in dem und um den Nerven, durchEinflüsse der Witterung und durch noch mancherlei andereUrsachen ermöglichten Neuritis jahrelange Zwischenräume.Der Verfasser (Oberstabsarzt Dr. Stricker) untersuchtenoch vor kurzem den Invaliden Jacob (vergl. No. XIX)aus dem Feldzuge 1866, bei dem sich 15 Jahre nach derSdiussverletzung eine sekundäre Lähmung entwickelte.

Tl. Weichtheilschuss des linken Oberschenkels. Tetanns.Parese der linken Hand. Besserung.

Julius Scholz, Gefreiter der 11. Kompagnie 1. Ober-Bchlesischen Infanterie - Regiments No. 22, wurde am 30. Sep-tember 1870 bei Chevilly vor Paris von einem Gewehrprojektilverletzt, welches die Weichtheile des linken Oberschenkels etwain der Mitte in der Richtung von vorn nach hinten durch-bohrte. Im Lazareth lag er vom 11. Oktober bis 1. Novemberan Wundstarrkrampf krank. Nachdem er diese Komplikationglücklich überstanden, heilten die Wunden, es blieben aber imHüft- und Kniegelenke Muskelkontrakturen, welche durchpassende Verbände nur langsame Besserung erfuhren.

Im März 1871 wurde Seh. invalidisirt. In dem Attesteheisst es, dass er auf dem linken Beine lahm gehe, dass dieMuskulatur der linken Unterextremität, namentlich des Unter-schenkels, bedeutend geschwunden sei, sowiedass er an einerunvollkommenen Lähmung der linken Hand leide", welche alsReflexlähmung aufgefasst werden könne. Ueber die zeitlicheEntstehung dieser Lähmung lässt sich aus dem Aktenmaterialnichts feststellen, in einem bis zum 1. Januar 1871 geführtenLazarethjournal ist von ihr nichts erwähnt. Möglicherweisedürfte sie also erst später entstanden sein. Durch einen zwei-

Sanitäts-Bericht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.

maligen Gebrauch der Bäder zu Warmbrunn besserten sich dieLähmungserscheinungen so vortrefflich, dass der Invalide 1874für nur theilweise erwerbsunfähig angesehen werden konnte.

VII. Granatverletzung des Daumens. AufsteigendeNeuritis mit Atrophie des ganzen Armes.

Heinrich Schloe, Füsilier der 9. Kompagnie Holsteini-schen Infanterie-Regiments No. 85, erhielt am 18. August 1870bei Gravelotte einen kleinen Granatsplitter an die Aussenseitedes ersten Daumengliedes der rechten Hand. Der Splitterzerriss die Muskulatur und drang an der Innenseite desselbenGliedes wieder aus. Der Verwundete taucht in den Aktenzuerst wieder im November 1871 auf. Um den steifen Daumenlief damals eine mit dem Knochen verwachsene Narbe. Dieäusseren Finger der Hand waren beweglich, ebenso das Hand-gelenk und die ganze übrige Extremität. Es bestand aber einegrosse Schmerzhaftigkeit der Hand und des Armes. Das Volumendes rechten Vorderarms geringer als links.

1872: Rechte Hand verkrüppelt und so empfindlich, dassder Mann nicht wagt, seine Fingernägel zu beschneiden, derArm von oben bis unten hochgradig abgemagert.

1873: Vollständige Lähmung der rechten Hand und Finger;Parese des Armes. Hochgradige Reizbarkeit der Gefühlsnervender rechten Hand namentlich des Daumens.

VIII. Schussverletzung des rechten n. ischiadicus. Nach

der Wundheilung neuritische Symptome. Später Parese

sämmtlicher Extremitäten mit vasomotorisch-trophischen

Störungen.

Robert Schapke, verwundet am 18. August 1870. Ein-schussöffnung am Rande der Bicepssehne des rechten Ober-schenkels in der Höhe des oberen Patellarrandes. Die Kugelwird an der Sehne des m. semitendinosus 8 cm oberhalb desinneren Oberschenkelknorrens exzidirt. Nach Heilung desWundkanals beginnen Schmerzen im Ausbreitungsbezirke desrechten Hüftnerven, welche mit kurzen Intervallen fortdauern.Dazu gesellen sich paretische Erscheinungen. Später erstreckensich die Schmerzen auch auf die Lendenwirbelsäule, es tretenunangenehme Sensationen im linken Beine, Muskelzuckungenund motorische Schwäche hinzu. Patient wird zur Feststellungseines Krankheitszustandes 1875 in das Garnisonlazareth Danziggeschickt und mit folgendem Atteste aus demselben entlassen:In der Mitte des Fussrückens gemessen zeigen beide Füssegleichen Umfang, 21 /2 cm; das rechte Fussgelenk misst 23'/2,das linke 24, die rechte Wade 27'/2> die linke 28 V«. DieseDifferenz in dem Umfange beider Extremitäten beschränkt sichnun aber nicht auf die unterhalb der Verletzung gelegenenPartien, sondern ist oberhalb derselben noch prägnanter, dader Oberschenkel, 26 cm unterhalb der Spina ant. sup. os iliumgemessen, rechts einen Umfang von 34/s, links einen solchenvon 36 cm zeigt. Aus den angeführten Maassen erhellt, dassauch das linke Bein, wenngleich weniger stark als das rechte,so doch in hohem Grade atrophisch ist. Dieser Muskelschwundbeschränkt sich jedoch nicht auf die unteren Extremitäten,vielmehr erscheint auch die Muskulatur des Rumpfes, nament-lich aber die der oberen Extremitäten auffällig wenig ent-wickelt, so dass beispielsweise beide Daumenballen gar nichthervortreten, sondern abgeflacht sind, wie bei progressiverMuskelatrophie. Beide Hände und Füsse fühlen sich kühl anund sind beständig mit Schweiss bedeckt. Haut und Nägelverhalten sich im Uebrigen an der verletzten wie an den an-deren Extremitäten normal, nur zeigen die beiden Endphalangen

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