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III. Kapitel: Traumatische Reflexneuroseii, sekundäre traumatische und Drucklähmung.
Band VJ
I
der linken Hand, Atrophie des linken Armes. Typhus (sechsWochen vor dem Tode). Der linke Arm ist stark abgemagert,die Muskeln aufs äusserste geschwunden, ihre Reste indess vonguter Farbe. An der linken Hand ein fast geheilter Schuss-kanal, welcher zwischen den Köpfchen des 2. und 3. Metakarpal-knochens die Substanz derselben in etwas schräger Richtungdurchbohrt hat. Die beiden Knochen sind durch feste Gewebs-massen unbeweglich vereinigt, die Gelenke frei. Lungen frei,schiefrige Narben der Plaques, Milzschwellung.
Leider ist, sagt Klebs, nicht konstatirt worden, obin dem atrophirenden linken Arme auch Sensibilitäts-störungen vorhanden waren. Was die Atrophie der Mus-kulatur betrifft, so war sie keineswegs Folge einerLähmung, welche, wie der behandelnde Arzt mittheilte,nicht vorhanden gewesen ist. Man hat es demnach miteiner jener räthselhaften nervösen Atrophien zu' thun,welche wohl nur durch die Annahme trophischer Nerven-fasern erklärbar sind. Die Ausbreitung der Störung aufdie ganze verletzte Extremität deutet darauf hin, dass inFolge der Verletzung gewisse centrale Läsionen eingetretenwaren, die Atrophie demnach als eine reflektorische auf-zufassen ist.
Hieran schliessen sich 4 Fälle von Reflexkon-traktur:
XV. Gottlieb Rohr, Musketier im Infanterie-RegimentNo. 46, wurde bei Worth am 6. August 1870 durch ein feind-liches Projektil verletzt, welches an dem hinteren oberen Theileder rechten Schulter, etwa in der Mitte zwischen Schulterhöheund Wirbelsäule 2 cm unter der Schulterhöhe, eindrang und ausderselben Oeffnung wieder entfernt ward. Dem entsprechendbefand sich an der bezeichneten Stelle eine etwa 1 cm im Durch-messer betragende, vollkommen mit normaler Haut überwachseneNarbe. Ein Granatsplitter hatte ausserdem den oberen Theildes Schulterblattes zerschmettert. Seit Mitte 1871 ist dieKnochenverletzung geheilt. Obgleich durch das Geschoss dasSchultergelenk nicht getroffen war und man bei Bewegungenfühlte, dass die Gelenkflächen desselben vollkommen glatt waren,so konnte gleich nach der Verletzung weder der Kranke noch einUntersuchender den Oberarm mehr als wenige Centimeter vomRumpfe entfernen. Bei Versuchen hierzu spannten sich dergrosse Brustmuskel und der breite Rückenmuskel schmerzhaftan und die Sehnen dieser Muskeln sprangen zu beiden Seitender Achselhöhle hervor.
Die Kontraktionen der Muskeln in der Umgebung desSchultergelenks waren also reflektorische und durch die Schuss-verletzung veranlasste. Der Kranke gebrauchte seinen linkenArm zu keinen Verrichtungen, sondern trug denselben beständigin der Weise, dass er den Oberarm fest an den Rumpf gedrückthielt, das Ellenbogengelenk rechtwinklig gebeugt hatte unddie Hand zwischen zwei Knöpfe der Weste oder des Rockeshineinsteckte. In Folge dieser Haltung hatte sich später aucheine Kontraktur des Ellenbogengelenks entwickelt, dasselbekonnte nicht vollkommen gestreckt werden.
Der Zustand besserte sich nicht. R. starb 1882 an Lungen,phthisis.
XVI. Benedikt Körle, vom 7. Württembergischeu I t .fanterie-Regiment No. 125, stürzte, als er am 30.Dezember 1870 inGefechte bei Villiers eine Granatkontusion an der linken Schulte'bekam, in ein 8 Schuh tiefes Steinloch und fiel angeblich audie Fingerspitzen. Gleich nach dem Sturz stellte sich das Handgelenk in permanente Beugung, zugleich in Pronation untAbduktion, die Finger wurden krampfhaft gebeugt und deArm blieb im Ellenbogengelenk in gestreckter Stellung. hiLazareth Ehingen wurden die einzelnen Finger und das Hanigelenk gestreckt. Sofort nach Abnahme der Extensionsmaschimfiel die Hand in die ganz gleiche Stellung wieder zurück.
Am 8. Juni 1871 können die drei ersten Finger selbst-ständig gestreckt werden; nach langer Zeit auch der viertenie aber der fünfte ; das Handgelenk lässt sich passiv leicht bdie normale Stellung zurückführen. Nachdem bei gestreckteStellung der Finger und des Handgelenks um die ganze Eitremität ein Gypsverband angelegt war, nimmt 14 Tage daran!nach Abnahme des Verbandes, die Hand sofort ihre frühenStellung wieder ein ; die drei ersten Finger sind zu streckennicht aber der vierte und fünfte. Fortwährendes Zitter:im Arm.
2. Juli 1875. Vollkommene Lähmung und Verunstalte;der linken Hand. Schulter und Ellenbogengelenk steif. Schultein die Höhe, Oberarm an den Thorax herangezogen, Ellenbogengelenk gestreckt. Vorderarm in Pronation, Hand flektirtFinger gegen die Hohlhand herangezogen, unbeweglich. Haiin fortwährend zitternder Bewegung.
XVII. Adolf Giese, Musketier im Brandenburgischeuljfanterie-Regiment No. 24, erhielt am 16. August 1870 kVionville einen heftigen Kolbenschlag gegen den rechten Ellenbogen. Der Arm schwoll gleich darauf bedeutend an. wiblutunterlaufen und konnte im Ellenbogengelenk aktiv ga:nicht bewegt werden. Dies und das Handgelenk hatten sit.sofort in Beugekontraktur gestellt.
April 1871: Arm erheblich abgemagert, Hand und Fingt!blauroth gefärbt, kalt. Ellenbogen- und Handgelenk in Beugtkontraktur und nur in geringem Grade beweglich. 4. uni5. Finger ganz gelähmt. Bäder, Einreibungen und Elektrizitiführten keine Besserung herbei.
1873 Zustand unverändert.
XVIII. Am 30. November 1870 bekam Georg Müller, ii1. Württembergischen Infanterie-Regiment No. 119, einen Fleischschuss in den linken Oberschenkel. Gleich nach der nicht nähtibeschriebenen Verletzung hatte sich eine Kontraktur der Flexorades Unterschenkels und eine Lähmung des Fusses eingestelltso dass das Kniegelenk in flektirter Stellung gehalten wurdiund der Vorderfuss herabhing. Patient konnte im August 1871mit dem Fusse nicht auftreten, die Muskeln der ganzen Ei-tremität reagirten auf elektrische Reize. Zwei Monate darauwar eine Besserung eingetreten soweit, dass M. jetzt den Fusaufsetzen und im Gelenke leicht dorsalflektiren konnte. DaMann starb am 18. November 1871 an Lungenphthisis.
') ViAbschnitt.