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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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III. Kapitel: Traumatische Reflexneurosen, sekundäre traumatische und Drucklähmuiig.

Band VII

Besinnung, erhob sich dann und versuchte rückwärts hinter dieFront der Truppen zu kommen. Nur mit Mühe konnte er sichetwa 300 Schritte weit fortschleppen, dann trug ihn sein linkesBein, welches von Anfang an in einen Zustand lähmungsartigerSchwäche verfallen war, nicht mehr. Er stürzte nieder. Da ervomMoment der Verwundung ab dieSprache verlorenhatte, war es ihm nicht möglich, sich bemerklich zu machen undso blieb er bis zur Nacht des blutigen Tages auf dem Schlacht-felde liegen. Nun brachte man den Aufgefundenen in dasLazareth. Wie er erzählt, musste er hier wegen Blasenlähmung8 Tage lang katheterisirt werden, auch fehlte ihm die Sprachevollkommen. Er konnte beim Essen und Trinken die Lippenund die Zunge frei bewegen. Sobald er aber zu sprechen beab-sichtigte, bemächtigte sich seiner eine furchtbare Aufregung,die Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen verdrehten sich, dieLippen blieben geschlossen und die Zunge lag schwer am Bodender Mundhöhle. Das dauerte etwa eine Woche lang, dannvermochte er einzelne Silben hervorzustossen und bald nachherim Lazareth zu Oberwesel durch abgebrochene Worte und Sätzesich wieder mühevoll mit seiner Umgebung zu verständigen.

Dr. Eschbaum, welcher ihn in Oberwesel behandelte,schloss nach längerer Beobachtung jede Simulation aus undmachte den Grund des Stotterns von einer centralen Läsionabhängig. Er untersuchte die Stimmwege, fand aber wederam Kehlkopf noch in der Mundhöhle Veränderungen. B. littan heftigen Schmerzen im ganzen Rücken, besonders in derMilzgegend, intermittirendem Fieber, grosser Schwäche undAppetitlosigkeit. Jede Bewegung war ihm erschwert.

Das Jahr 1871 verbrachte er, da die Schusswunde nurlangsam heilte, im Garnisonlazarethe zu Frankfurt a. 0. Indiese Periode fallen die militärischen Recherchen nach demVorleben des Verwundeten. Die heimathliche Ortsbehörde undsein Schullehrer bezeugten übereinstimmend, dass derselbe inder Jugend nicht gestottert hatte.

Nach Verlauf von b /i Jahren waren die Wunden vernarbt.Es begann nun eine elektrische Kur, welche nachB.'s Meinungebensowohl gegen die nervösen Störungen im linken Beine alsgegen das Sprachübel gerichtet waren. Während dieses un-verändert blieb, besserten sich jene.

Der Invaliditätserklärung des Mannes liegt ein militär-ärztliches Attest vom 12. November 1872 zu Grunde, welchesunter Bezugnahme auf die oben angegebenen anamnestischenDaten in abgekürzter Form so lautet:

B. klagt noch jetzt über Schwäche und Funktionsstörungdes linken Beins und über störende Sprachveränderungen.

Er ist ein nicht sehr kräftig gebautes Individuum mitt-lerer Grösse von normalem Knochenbau, massig entwickelter,im Allgemeinen schlaffer Muskulatur mit geringem Fettpolster.Bei anscheinend gesunder Hautfärbung trägt der Gesichts-ausdruck einen unverkennbar leidenden Charakter. Der etwasflache Brustkasten schliesst gesunde Lungen und ein regelrechtthätiges Herz ein. An den Baucheingeweiden nichts Krankhaftes.

Die Sprache ist unsicher und stotternd.

Am lateralen Winkel des linken Schulterblattes, 4 cm vonder Achselfalte entfernt, eine zweigroschenstückgrosse, ge-wulstete, härtliche, verschiebbare Narbe; eine unregelmässige3 cm lange, 1 '/2 cm breite, etwas mit den Weichtheilen ver-wachsene, auf tiefen Druck empfindliche zweite rechts nebender Verbindungsstelle des 5. Lendenwirbels mit dem Kreuzbein.An dem in schräger Richtung verlaufenden 35 cm langenSchusskanal lassen sich abnorme Verhältnisse, wie Härte, Ver-wachsungen etc., nicht entdecken.

Beim Gehen wird das linke Bein etwas in der Schwebeund ira Hüft- und Kniegelenke flektirt gehalten und der Ober-

körper nach vorne und seitwärts rechts gebeugt. Der Gau»ist in Folge dessen selbst mit Hilfe eines Stockes auffallendhinkend und schleppend. Augenscheinlich ist die Schwer-fälligkeit der aktiven Funktionen des Hüftgelenks, welchessich passiv frei und unbehindert nach allen Richtungen bewegetlässt. Die Muskulatur der linken Unterextremität befindet sielim Zustande beginnender Atrophie. Die linke Gesässhälf'te i>-im Vergleiche zur rechten mehr abgeflacht, die Gesässfalte leichtverstrichen und tiefer gelegen. Ebenso konstatirt man an de)verschiedenen korrespondirenden Stellen des Ober- und Unter-schenkels eine Volumensabnahme von 1 cm zu Ungunsten ialinken Beines. Dabei bestehen nicht nur Sensibilitätsstörungeiindem nach den wiederholt angestellten Versuchen Nadelstiche, Applikation kalten und warmen Wassers, Anweuduii;des Induktionsstromes die Hautempfindlichkeit von derlinken Hüfte bis zum Knie mehr oder weniger herabgesetzt istsondern es hat auch die elektromuskuläre Kontraktilität theilweise abgenommen. Zugleich beobachtet man anhaltend.fibrilläre Zuckungen in den Hüftmuskeln der linken Seite.

Im Juni 1883 zeigt sich B. in schlechtem Ernährung!zustande, von graugelber Haut- und Gesichtsfarbe, mit bleicht!Schleimhäuten und von einem kränklichen Aussehen. Er gehtden Oberkörper gerade aufgerichtet, mit Unterstützung emStockes. Dieser Hilfe bedarf er indessen nicht, sie ist ihnvielmehr zur Gewohnheit geworden. Auch ohne dieselbe gel:er leicht und sicher, doch zieht er dabei den linken Fuss et»«nach und hält beim Vorwärtspendeln die Extremität im HMund Kniegelenke gering gebeugt. Messbare Unterschiede iiUmfang beider Beine existiren an keiner Stelle, nur bei daBetrachtung von hinten fällt eine seichte Abflachung der Seiten-fläche der linken Nates auf, die Sensibilität ist mit Ausnahmeiner handbreiten Zone in der Hüftgegend, welche vom Krembeine bis zum Schamberg reicht, an der ganzen linken Unterextremität wohl erhalten.

In dem Ausnahmebezirke besteht das Gefühl vom Ameisen-kriechen und eine Unsicherheit in der Wahrnehmung gat:leichter taktiler Eindrücke. Das Lokalisationsvermögcn i-hier und weiter abwärts bis zum Fusse ungeschädigt. Arnder Temperatursinn erscheint intakt. Weder spontane n«Druck-Schmerzhaftigkeit im Verlaufe der grösseren NerYei-stämme. Patellarsehnenreflex in gewöhnlicher gleichmässigiStärke links und rechts. Die Beugehaltung im Knie- tuHüftgelenke der linken Seite wird durch eine passiv leicht 1überwindende Kontraktur der Flexoren hervorgerufen. F«den Induktionsstrom ergeben sich in dem Verhalten der links-seitigen Muskeln keine Abweichungen gegen rechts.

Die Schusseingangs- und Ausgangsöffnung ist gut veruarlilDie Narben sind oberflächlich nicht verwachsen und selbst kstarker Berührung schmerzlos.

Brust- und Bauchorgane dürfen als gesund bezeichne 1werden. Die Geschlechtsfunktionen und die Funktionen duBlase gehen ungestört von statten.

B. stottert erheblich selbst im ruhigen Gespräche, noelmehr, wenn er erregt und lange gegangen ist. Dann hateauch, wie er sagt, lebhafte Schmerzen im Kreuz und im Hinterköpf. Wie seine Leidensgefährten, so verzieht auch er, wemdie Intonation nicht glücken will, das Gesicht, wirft daKopf nach hinten, presst die Lippen zusammen, wird roth un¡blau und geräth in Schweiss. Zuweilen wird er dann so verlegen und ängstlich, dass der Rhythmus der Sätze ganz umgar verloren geht. Singen kann er, ohne zu stottern, und andim Flüstern werden die Sätze geläufiger. Seine Sprachwerlzeuge bieten keine Abnormitäten.