Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
59
Einzelbild herunterladen
 

Band VIT.

I. Abschnitt: Traumatische Reflexneurosen.

59

1

ihrer nämlich häutiger, aber in bo kurzen Bemerkungen,dass ein genaueres Eingehen auf sie an dieser Stelle sichverbietet. Beispielsweise erhielt ein Oberjäger im Pom-nierselien .läger-Bataillon No. 2, Namens Poepke. am2. Dezember 1870 bei Villiers einen Schuss durch dielinke Brust mit der Eingangsöffnung am unteren Winkeldc> linken Schulterblattes. Poepke litt vom Augenblicke> der Verletzung an einer Lähmung des linken Armes, welcheihn im September 1871 völlig erwerbsunfähig machte, aberim Jahre 1873 verschwunden war. Musketier Stegnerbekam bei Sedan einen Haarseilschuss an der rechtenThoraxseite unterhalb der Achselfalte. Von Stunde anwar die rechte Hand derart gelähmt, dass sie als nichtvorhanden betrachtet werden konnte. Im Jahre 1872erscheint der rechte Arm noch schwach und abgemagert,die (land blauroth, kalt und für aktive Bewegungen nurin massigem Grade geeignet. Ein Jahr später ist erheb-liche Besserung eingetreten". Aller Wahrscheinlichkeitnach muss sowohl bei Poepke als bei Stegner einedirekte Verletzung des Armnervengeflecktes ausgeschlossenwerden, aber es fehlt ohne die präzise Angabe über den»erlauf des Schusskanals an der für ein definitives Urtheilnoth wendigen Gewissheit.

In Hinblick auf die Erfahrungen jenseits des Oceans be-fremdet es, dass aus dem Deutsch-Französischen Kriege nichtein einziges Beispiel bekannt geworden ist, in welchem beieiner Schussverletzung eines Armes oder Beines reflektorischeine nicht getroffene Extremität gelähmt wurde. Die Ver-muthung, dass im Drange der Arbeit und bei der obenan ste-henden Sorge für den verletzten Körpertheil den Peldärztendie leichteren nervösen Störungen und selbst ausgesprochenemotorische Paresen entgehen können, wird wohl nicht aufWiderspruch stossen. Ganz ungerechtfertigt würde es abersein, diese Vermuthung weiter auszudehnen. Man istdaher zu der Annahme gezwungen, dass ausge-sprochene motorische Paralysen einer Extremitätin direktem Anschluss an eine Schussverletzungeiner anderen Extremität im Feldzuge 1870/71unter den Deutschen nicht vorgekommen sind.Auch von Paraplegien nach Schusswunden der Bauch-decken, welche die genannten Amerikanischen Aerzte nacheiner summarischen Angabe elf Mal beobachtet haben, istin den Deutschen Kriegsberichten 1870/71 nirgends die Kede.Sollte in der That die zukünftige Erfahrung lehren,dass gerade die Schussverietzungen des Thorax ausserhalbdes Aminen engeflechtes besonders häufig von gleichseitigen: Armlähmungen unmittelbar begleitet sind, so dürfte sichdiese Prädisposition am ungezwungensten aus der durchdie knöchernen Brusttheile, insonderheit die Rippen, fort-gepflanzten indirekten Erschütterung des Plexus erklärenlassen. Von einer Reflexlähmung im eigentlichen Sinnedes Wortes könnte dann in der Mehrzahl der oben auf-geführten Fälle nicht gesprochen werden. Diese bliebe viel-mehr allein für die sechste und siebente Beobachtung reservirt.

Vollständig ausser Rechnung für die Beziehungen derVerwundung zu der Lähmung durften in den oben an-gezogenen Fällen die Narben mit ihren bewegungshemmen-den Einflüssen gestellt werden. Ls war ja die Lähmungeine der Schussverletzung auf dem Fusse folgende; sie er-streckte sich nicht bloss auf den Arm im Allgemeinen,sondern auch, wie bei Schulze X., Gallonska undWe s s eis auf die Hand und ging bei Nagel mit einerspastischen Kontraktur der Finger einher. Auch eine dieVerwundung etwa begleitende stärkere Blutung konnte alsVerbindungsglied zwischen Verletzung und Reflexparalyseunberücksichtigt bleiben. Dagegen sprach, abgesehen davon,dass die Lage der Schusswunde bei Schulze X., Seihast,Gallonska, Ripcke und Wessels einer profusenHämorrhagie überhaupt nicht günstig war, die von demTypus der bisher beschriebenen anämischen Lähmung ab-weichende Form der Reflexparalyse. Bekanntlich charakte-risirt sich die Lähmung nach Blutung als eine zuweilenrasch, meist allmälig entstehende, aber immer rasch günstigverlaufende Paraplégie oder Paraparese. Die völlige Un-abhängigkeit der Reflexlähmung von der Blutung ergiebtsich ferner ohne Weiteres bei der Durchsicht der Amerika-nischen Fälle, von denen nur der sechste mitheftigerBlutung" kombinirt war. Gerade dieser Fall hält überdiesdie kardinalen Symptome der reflektorischen Lähmung amwenigsten inne.

An die vorstehenden Fälle soll an dieser Stelle nochein neunter angeschlossen werden, welcher auf dem Bezirks-kommando Berlin wiederholt untersucht wurde. Ueberseine Zugehörigkeit in die Klasse der Reflexneurosen lässtsich streiten. Es handelt sich um einen Soldaten, welchersogleich nach einem schief über den Rücken verlaufendenund die Lendenwirbelsäule treffenden Schusse Krämpfe imHypoglossusgebiete bekam, welche sich bei jedem Versuchezu sprechen einstellten und das Sprechen unmöglichmachten. Aus dieser Aphthongie oder Reflexaphasie, wieFleury den Zustand nannte, entwickelte sich allmäligeine verwandte spasmodische Neurose, das Stottern.

IX. Schuss quer über den Rücken mit Verletzung der

Lendenwirbelsäule. Reflexaphasie durch Hypoglossus-

Krampf, später Stottern.

Ernst Bohne, Musketier der 2. Kompagnie 5. Branden-burgischen Infanterie-Regiments No. 48, erhielt am 16. August1870 bei Mars la Tour im liegen eine feindliche Kugel, welche4 cm von der hinteren Falte der linken Achselhöhle entferntan der lateralen Ecke des Schulterblattes eindrang und 2 cmrechts vom letzten Lendenwirbel unter der Haut stecken blieb. 1 )Von hier wurde sie durch Einschnitt entfernt. Das Geschosshatte die Wirbelsäule verletzt, denn im Wundverlauf stiessensich von ihr kleine Knochensplitter ab. Der Getroffene fühlteeinen vehementen Schmerz in dem Kreuz,als ob er mit einemDolch durchstochen sei", verlor wohl auf eine halbe Stunde die

') Auf Tafel I, Figur 1 ist Anfangs- und Endpunkt des Schuss-kanals kenntlich gemacht.