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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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II. Kapitel: Trophoneurosen nach peripheren Verletzungen.

Band Vit,

eine Chassepotkugel verwundet, welche am linken Oberschenkelunmittelbar vor dem Trochanter major ein- und unter wahr-scheinlicher Zerschmetterung des Oberschenkelhalses nach demHüftgelenke zu vordrang. Im März 1871 erwies sich die ganzelinke Unterextremität in allen Gelenken vollkommen steif (?)und grösstentheils gefühllos, stand in halber Rotationsstellungnach vorn und innen zum Becken. Das rechte Bein, über dessenvorherigen Zustand nichts in den Akten zu finden, war durchElektrizität soweit gebessert, dass dasselbe beim Gehen mitKrücken einigermaassen verwendet werden konnte. Am 21. No-vember 1871 wurde ein pathologisches Längenwachsthum derlinken Unterextremität konstatirt.

Abstand der Spina anterior superior vom grossen Roll-hügel beiderseits gleich.

Von der Spina superior bis zur linken Patella . . 49 cm,

., rechten . . . 47 /s

zum äussern linken Knöchel 96

,, rechten 9 o /a

Abnahme des Umfangs des linken Oberschenkels und der

Wade gegen rechts um 2 cm. Die linke Gesässfalte verstrichen.

Linkes Kniegelenk nicht steif, linke Fusssohle abgeplattet, der

ganze Fuss etwas kleiner als rechts.

LXIII. Schuss durch den Oberschenkel. PeriodischeNchinerzhiiftigkeit hohen Grades. Verkleinerung desFusses.

Otto Hein, Unteroffizier im 2. Schlesischen Grenadier-Regiment No. 11.

Kugelschuss durch die Weichtheile des linken Ober-schenkels. Eintritt des Geschosses vorne 2 Zoll unterhalb derSchenkelbeuge. Austritt hinten 2V2Z0II unterhalb des grossenRollhügels.

H. will auf dem Schlachtfelde bei Vionville Mars la Tour inder Nacht vom IG. zum 17. August 1870 liegen geblieben, dann inGorze verbunden und sogleich auf der Eisenbahn nach Engersin ein Lazareth gebracht sein. Die Wunden sollen stark ge-eitert haben, nach zehn Wochen vernarbt, aber später nochhäufiger aufgebrochen sein. Definitiv hatten sie sich erst nachvier Monaten geschlossen. Ferner will er bis zum Jahre 1872keine Empfindung im linken Oberschenkel und das Gefühl ge-habt haben, als fehle der Fuss ganz. Induktionsstrom undBäder schafften Besserung. Die Sensibilität zeigte sich auch1872 am Fusse völlig aufgehoben und an der Extremität all-mälig von unten nach oben zunehmend. Daneben bestandenheftige Schmerzen, welche etwas oberhalb der Narbe begannenund durch das Bein bis an die Zehen ausstrahlten. In denWadenmuskeln sah man fibrilläre Zuckungen.

Am 25. Juli 1873: Der linke Fuss ist merklich kleiner,seine Sohle zart und von Schonung zeugend, die ganze linkeUnterextremität auffallend magerer als rechts, grosse Schwächedes linken Beines. Narben am Oberschenkel lose und schmerz-los. H. ist 1883 Ober-Telegraphen - Assistent, wird durchperiodische unerträgliche Schmerzen häufig in seinem Erwerbe,

seiner Nachtruhe u. s. w. gestört und hat daher eine blasse undkränkliche Gesichtsfarbe. Parese des linken Beines. 1880 uni1881 Badekur in Teplitz mit sehr gutem Erfolge.

Als der oben erwähnte Unteroffizier Witt (vergl. S. 51)neuerdings durch J.Wolf f untersucht wurde, zeigte sich ausserder Verkürzung des linken Fusses eine Verkürzung der ganzenlinken Körperhälfte und eine Verschmälerung des Daumens,auf welche der Kranke selbst aufmerksam machte. Mitdem Maasse wurde festgestellt, dass die Entfernung derSpin. ant. sup. bis zur Tuberositas tibiae links 35, recht36,5, die Breite des linken Daumens 2, die des rechten 2,5,die Entfernung von der Achselhöhle bis zur Spina ant,super, links 37, rechts 38,5 cm betrug. Wolff glaubt,dass es sich hier um Verhältnisse handelt, welche den so-genannten symmetrischen Trophoneurosen an die Seitezu stellen seien. Diese symmetrischen Trophoneurosen hatman, wie Fischer in seiner Kriegschirurgie angiebt, nacheinseitigen Schussverletzungen beobachtet.

Annandale berichtet, dass nach Verletzung einetFingers die unverletzte Hand auch zu atrophiren antin»und dass nach der Entfernung des kranken Gliedes dieverwundete Hand sich wieder herstellte, die gesunde nicht

Fälle ähnlicher Art sind in der Literatur des Feldzugs und in dem vorhandenen Aktenmaterial nicht aufzufinden.

Rekapitulation.

Die aus der vorstehenden Kasuistik gewonnenen kli-nischen Thatsachen bestätigen, dass nach Verletzungender Weichtheile und Knochen, sei es der Epiphyseioder Diaphysen, Ernährungsstörungen der ge-sammten Gewebe beobachtet worden, welche man mitSamuel in Atrophien, Hypertrophien und Dystrophieneintheilen kann. Sie erscheinen vollkommen unabhängigvon etwaigen Veränderungen in dem Grade der Blutzufuhr:die Atrophie setzt keineswegs eine Anämie und die Hyp»trophie keineswegs eine Hyperämie voraus. Die Be-dingungen, welche die drei untereinander verschiedenenArten der trophischen Degenerationen zu Stande bringen,sind nicht genügend bekannt.

Nach Samuel hat das Ausbleiben des trophischenNerveneinflusses die Atrophie, die stärkere chronische Er-regung des trophischen Nerven die Hypertrophie und dieakute Reizung derselben Fasern die Dystrophien im Gefolge.

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