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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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II. Kapitel: Trophoneurosen nach peripheren Verletzungen.

Band VII. Band V

III. Hypertrophie.

Muskelhypertrophie nach Traumen ist noch seltenerals progressive Atrophie. Pseudohypertrophie trat einmalbei einem Kinde nach einem Falle auf, die wahre (?)Muskelhypertrophie in den beiden nächsten Fällen nacheiner Schusswunde des Oberschenkels. In dem von Bergerveröffentlichten und abschriftlich beigefügten ersten Falle ent-wickelte sich das Leiden unter heftigen reissenden Schmerzen.Berger glaubt, dass es sich um eine Erkrankung dertrophischen Nervenfasern gehandelt habe, zu welcher derKranke durch die voraufgegangenen Ueberanstrengungender Beine, sowie durch häufige Durchnässungen und Er-kältungen besonders prädisponirt war.

LII. Franz, C, Landwehrmann, 31 Jahr alt, war frühernie erheblich krank; Eltern und Geschwister sind gesund,hereditäre Krankheitsanlagen in keiner Weise vorhanden. Patientmachte den Feldzug gegen Frankreich mit und wurde am21. Dezember 1870 am linken Oberschenkel verwundet. DieKugel drang etwa 4 Strich nach unten und etwas nach hintenvon der Spin, ant, sup. ein und etwa 3 '/a Strich oberhalb desCondyl. int. fem. an der inneren Schenkelfläche heraus. WichtigereTheile (Knochen, üefässe, Nerven) wurden nicht verletzt. Ein-und Austrittsnarbe etwa zwei Groschen gross, dünn, beweglich,bei Bewegungen nicht spannend, auf Druck nicht schmerzhaft.Patient giebt an, dass es etwa 3 Monate dauerte, ehe der starkeiternde Wundkanal vollständig vernarbt war. Der Ober-schenkel war in den ersten Wochen stark geschwollen, aufDruck sehr empfindlich, die Haut massig geröthet, dagegenzeigte zu keiner Zeit des Heilvorganges der Unterschenkel irgendeine Anschwellung. Als Patient bereits wieder herumging, derOberschenkel aber immer noch nicht auf sein früheres Volumenreduzirt schien, steigerten sich ohne anzugebende Ursachen diebis dahin im Ganzen massigen Schmerzen im linken Bein und,während sie sich früher nur auf den Oberschenkel beschränkthatten, erstreckten sie sich jetzt bis zum Fussgelenk; sie hattenjetzt einen heftig reissenden Charakter und hielten mit seltenenRemissionen wochenlang in gleicher Intensität an. Bald ge-sellten sich häufige Formikationen dazu und die Wade wurdeallmälig stärker. Patient konnte theils wegen der Schmerzen,theils wegen grosser Schwäche des linken Beines nur wenig aneinem Stocke herumgehen. Diese Schwäche steigerte sich all-mälig, während die Wade immer mehr an Umfang zunahm.Ich sah den Patienten am 26. März d. J. Er klagte überneuralgiforme Schmerzen im linken Bein, besonders heftig inder Gegend des Knies, über Formikationen an demselben undgrosse Kraftlosigkeit. Patient, ein grosser, sehr kräftiger Mann,bedient sieb beim Gehen eines Stockes und hinkt sehr starkauf dem linken Beine, indem er nur mit dem vorderen Theileder Fusssohle den Boden berührt. In der Ruhe keine Ab-weichung der Fussstellung von der Norm. Die linke Wade er-scheint beträchtlich voluminöser als die rechte; der Tricepssurae springt, besonders bei Bewegungsversuchen, sehr starkhervor und fühlt sich viel derber und fester an; aber auch derExtensor quadriceps sinister springt in seinen Reliefs stärkerhervor und erscheint den palpirenden Fingern praller undresistenter als reebterseits. In geringem Grade haben auch

die m. glutaei an Volumen zugenommen, während die übrigeMuskulatur des linken Beines keine zu konstatirende Veränderungzeigt. An der oberen Grenze des Oberschenkels ist der Um-fang beiderseits 52 cm. In der Mitte des Oberschenkels links49 cm, rechts 46 cm; am unteren Ende rechts 37 cm, links40 cm; in der Mitte der Wade rechts 31, links 38 cm, amunteren Ende des Unterschenkels rechts 23, links 27 cm. DieHaut erscheint nicht verdickt, eben so wenig die Knocken.Nirgends Oedem; massig erweitertes Venennetz nur in derlinken Wade.

Keine Differenz der Temperatur und des Feuchtigkeits-grades der Haut, normale Pulsation der Arterien.

Die kutane Sensibilität erscheint am linken Beine in massigemGrade herabgesetzt, sowohl das Gemeingefühl, als die taktilenEmpfindungen; am stärksten ist die Herabsetzung an der hin-teren Unterschenkelfläche und im äusseren Theil des Fuss-rückens; Wirbelsäule, die peripheren Nerven des linken Beinesnirgends auf Druck schmerzhaft. Hochgradige Parese desTriceps surae. Behinderung der aktiven und passiven Dorsal-flexion des linken Fusses ; bei forcirter passiver Beugung starkeSpannung der Achillessehne. Von den übrigen Muskeln istbesonders der Ileopsoas in seiner Funktion beeinträchtigt, etwasgeringer der Extensor cruris quadriceps. Patient kann aufdem linken Beine keinen Augenblick allein stehen und ermüdetauf demselben sehr rasch. Farado- und Galvanokontraktilitätim Triceps surae sehr bedeutend herabgesetzt; massiger imExtens. quadriceps, m. glutaeus max. und tibial, antic. In denübrigen Muskeln keine deutliche Herabsetzung. N. tibialis undn. cruralis, in geringem Grade auch der n. peroneus, erscheinenin ihrer Erregbarkeit auf faradischen und galvanischen Stromherabgesetzt. Eine Abweichung vom Brenner'schen Zuckungs-gesetz ist nicht vorhanden. Die elektromuskuläre Sensibilitätim Triceps surae und Quadric. crur. herabgesetzt. Der Patientbietet sonst in keiner Weise etwas Abnormes. Ich sah den-selben nur wenige Mal; eine Exzision eines Muskelstückchen!gestattete er nicht.

LUI. Wilhelm II eise, Wehrmann im Reserve-Landwehr-Bataillon No. 38, bekam am 10. Januar 1871 bei Abévillerseine feindliche Kugel, welche den linken Oberschenkel 7 Zollunter dem Poupart'schen Bande von vorne nach hinten durch-setzte und in der Mitte der linken Gesässfalte herauskam.Nachdem die Wunden geheilt waren, klagte der Getroffene überein Gefühl von Kälte und Taubheit in der ganzen Extremitätund vermochte das Glied in dem Knie- und Fussgelenke nichtzu bewegen. Er hatte zum Gehen eine Krücke nöthig. DieseFunktionsstörung besserte sich erst nach einer zweimaligenBadekur in Wiesbaden. Daher konnte H. 1874 ohne Krückegehen. Am 2. Juni desselben Jahres zeigte sich eine Volumens-zunahme des linken Unterschenkels um 2 cm und an seinerAussenseite völlige Anästhesie.

1883: Hautvenen am linken Unterschenkel und Ober-schenkel unterhalb der Wundnarben gering erweitert, keinOedem, Umfangsdifferenz beider Unterschenkel 2 cm zu Gunstendes linken. Freie Beweglichkeit in allen Gelenken. H. knicktleicht im Fussgelenke um und empfindet beim Streichen ander Aussenseite des linken Unterschenkels Schmerz. Patellar-sehnenrettex links erheblich stärker als rechts.

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