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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band Vil.

II. Abschnitt: Veränderungen der Muskeln.

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bestehende Schwäche des Armes besserte sich aber nicht. Viel-mehr gesellte sich nach und nach zu derselben eine Abnahmede-- Muskelvolumens der Extremität. Der Patient wurde in Casseleiner längeren Kur mit dem konstanten Strome unterworfen,aber ohne Erfolg. Auch eine Behandlung in dem Garnison -lazareth zu Landsberg a. W. blieb auf das Leiden, welches sichdurch die fortschreitende Abmagerung der mm. cucullaris,deltoideus, biceps, pectoralis, interossei und der Muskulaturam thenar und hypothenar, sowie die fibrillären Zuckungen, alsprogressive Muskelatrophie charakterisirte, völlig resultatlos.

Am 22. Dezember 1871: Der Muskelschwund ist amDaumen- und Kleinfingerballen nur wenig bemerkbar. Derrechte Vorderarm hat in dem Umfange seiner Muskulatur denlinken wieder erreicht. Dagegen besteht am Oberarm inder Mitte desselben noch eine Differenz von 1 cm zu Un-gunsten des rechten Armes. Der Delta- und Kappenmuskelsind etwas weniger umfänglich als auf der linken Seite, dergrosse und kleine Brustmuskel völlig geschwunden, sie tretennur bei Erhebung des Armes als zwei bindegewebige Stränge,ohne jede Fähigkeit sich zusammenzuziehen hervor, eine Be-schaffenheit, die als wesentliche Verschlimmerung aufgefasstwerden muss. Ebenso beschaffen ist der Unterschlüsselbein-muskel. Die Oberschlüsselbeingrube sinkt inspiratorisch einohne Lungenerkrankung.

S. ist am 5. Mai 1873 im Barackenlazareth zu Moabit ge-storben; über den weiteren Ablauf der Muskelatrophie warnichts zu ermitteln.

Möglich, dass auch die beiden folgenden Fälle, vondenen der erste von Professor Berger überlassen wurde,in die Kategorie der progressiven Atrophie gehören.

L. Franz Je cha, Musketier im 22. Infanterie - Regiment,geboren zu Lonitz, Kreis Rybnick. Notizen von Professor Bergerd. d. 2. Juni 1871: dem Patienten fiel im September 1870 eineschwere Last auf die rechte Schulter, wonach Schmerzen undSchwellung derselben eintraten, die aber wieder schwanden.Einen Monat darauf wieder Schmerzen vom Oberarm nach derSchultor. Allmälig wurden die Bewegungen kraftlos und dazukam steigernde Abmagerung der Schulter und des Oberarms.

Die Knochenenden springen deutlich hervor. Die fossaesupra- und infraspinatae sehr abgeflacht, der untere Skapular-winkel steht tiefer. Deltoid, sehr, Oberarmmuskeln und pecto-rales deutlich atrophisch. Bewegungen des Oberarms kraftlosund minder ergiebig, ausser Rotation und Adduktion, diese nur

wenig behindert. Sämmtliche Armmuskeln schwächer, daherauch die Bewegungen des antebrach. und der Finger. Sensi-bilität und elektrische Kontraktion allenthalben herabgesetzt.Kältegefühl am Arm. Innerer Rand der Skapula und Angulusstärker vorspringend (Parese des latiss. dorsi und cucullaris).

LI. Joseph Zajons, Kanonier der 1. leichten Reserve-Batterie Schlesischen Feld-Artillerie-Regiments No. 6, hat imDezember 1870 auf dem Marsche der Batterie von Gray nachBeifort durch Fall mit dem Pferde auf glatter Strasse eineQuetschung der linken Schulter und des linken Armes erlitten,in Folge dessen entweder durch Erschütterung oder durchQuetschung des plexus brachial, bezw. der die Schulter ver-sorgenden Nerven Atrophie der Muskeln der linken Schulter,des Schulterblatts, der linksseitigen Brust- und Rückenmuskelnund des ganzen linken Armes sich entwickelt hat. Z.-ist vom31. Juli bis 10. September im Lazareth zu Ratibor mitFriktionen und Spirituosen Einreibungen und vom 10. Sep-tember bis 30. November im Garnisonlazareth zu Breslau mitinduzirtem und konstantem Strom von Nothnagel behandeltworden, ohne dass eine Spur von Besserung in der Ernährungder Muskulatur zu konstatiren war. Die am 11. Dezember1871 vorgenommenen Messungen ergaben: Umfang der linkenSchulter, von der Achselhöhle über den process, coracoideus ge-messen, 39 cm, rechts 43 cm, linker Oberarm in der Mitte 22 cm,rechter 27 cm, linker Unterarm 5 cm, unterhalb des Ellenbogen-gelenks gemessen 24 cm, rechter an derselben Stelle 26 cm.Umfang der Mittelhand links 20'/2 cm, rechts 22 cm; ausser-dem waren die linksseitigen Brustmuskeln, sowie die Muskelndes linken Schulterblattes und der linken Seite des Rückens inhohem Grade atrophisch, so dass in Folge stärkeren Zugs derentsprechenden rechtsseitigen Rückenmuskeln Schiefstellungder Wirbelsäule mit konvexer Ausbuchtung derselben nachrechts stattgefunden hatte. Die durch die Atrophie der ge-sammten Muskulatur der linken Schulter und des linken Armesentstandene Lähmung war eine so vollkommene, dass eine Er-hebung des Armes vom Körper ganz unmöglich und demnachder Zustand des linken Armes dem Verluste desselben gleichzu erachten war.

1873: Der linke Oberarm ist um 6 cm dünner als derrechte, die Muskeln des Schulterblatts sind geschwunden. DerGelenkkopf des Oberarms steht nach vorn mehr hervor alsnormal, die seitliche Aufhebung des Armes ist gar nicht mög-lich, ebenso wenig die Bewegung nach hinten. Bei passivenBewegungen ist im Schultergelenke starkes Krepitiren zu hören.Patient vermag die Hand nach oben und bis zum Munde zuführen.

Sanitäts-Bericlit über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.