■ ■
Band VII.
II. Abschnitt: Veränderungen der Muskeln.
47
auftreten, 10 Minuten bis '/2 Stunde dauern, auch durch ihrErscheinen in der Nacht den Kranken sehr benachtheiligen.Ein 1 'A monatlicher Gebrauch des konstanten Stromes mit täg-licher 10 Minuten langer Sitzung hat sich von keinem hei-lenden Einfluss erwiesen. Ein Gebrauch des rechten Armesist daher ganz unmöglich, vielmehr hindert derselbe durch seinAngedrücktsein an den Leib und das Herabhängen der rechtenHand die freie Bewegung des Körpers und damit auch den Ge-brauch des linken Armes.1875: wie oben.
XLII. Tillmann Schiebers, Füsilier im Hohenzollern-schen Füsilier-Regiment No. 40, am 2. August 1870 bei Saar-brücken durch eine feindliche Kugel verwundet, welche unterder Mitte des linken Schlüsselbeins eindrang und auf der fossasupraspinata dextra ausgeschnitten wurde.
19, April 1871 : Atrophie des ganzen linken Armes, Lähmungdes Vorderarmes und der Hand.
22. Februar 1883: Sensibilität ziemlich gut im linkenArme erhalten. Die abgemagerte und zusammengeballte Handsteht im rechten Winkel zum Vorderarme. Jede aktive Be-wegung der Hand ist aufgehoben. Die Beugung und Streckungim Ellenbogengelenke nicht beschränkt, im Schultergelenkekann der Arm bis zur Horizontalen gehoben werden, weiternicht wegen Lähmung des m. serratus antic, major. PeriodischeNeuralgie im ganzen linken Arm.
XLIII. Friedrich Hermann Rademacher, Gefreiterder 3. Kompagnie Infanterie - Regiments Prinz Friedrich derNiederlande (2. Westfälisches) No. 15, erhielt am 18. August1870 vor Metz ein Geschoss durch den linken Oberschenkel,welches auf der äusseren Seite des linken Hinterbackenseintrat und vorn an der rechten Seite des Hodensackesausgetreten ist. In Folge dieser Verwundung blieb eineLähmung des linken Beines und hochgradige Gebrauchs-unfähigkeit desselben zurück, ein Zustand, der wie AnfangJanuar 1871 angenommen, möglicherweise im Laufe der Zeitsich noch bessern kann.
17. Juni 1873: Die Narben sind beide fest und wenig mitden unterliegenden Theilen verwachsen; linkes Bein atrophisch.„Der Mann, welcher sehr elend und nervös aussieht, klagt dabeiüber die intensivsten, bis nach dem Fussgelenk ausstrahlendenSchmerzen und zwar in der Weise, dass schon seit Monatentäglich Morphium-Injektionen haben angewandt werden müssen,wovon die zahlreichen Narben am Bein zeugen."
Am 24. Juni 1875: R. gehört zu jenen unglücklichenLeuten, die sich in Folge von heftiger Hyperästhesie an denGebrauch von Morphium - Injektionen derart gewöhnt haben,dass sie nicht mehr davon lassen können. Die Annahme einerfortdauernden Neuralgie ist demnach wohl begründet, seineAngabe, dass Schmerzen durch das ganze linke Bein bis in dieZehen ausstrahlen, dass sein Fuss so schwach sei, dass er sehrleicht umschlage und er zu fallen drohe und das Auftreten einhöchst unsicheres sei, könne nicht bezweifelt werden.
Der Verwundete hat in den Jahren 1871, 1874 und 1876Oeynhausen besucht. Von der letzten Kur wurde eine wesent-liche Besserung erzielt; das linke Bein hatte sich gekräftigt,war aber doch noch um 1 cm dünner als das andere. Die Schmerzenwaren beseitigt und das Gehen eine längere Zeit ermöglicht.
XL1V. August Geisler, Füsilier im Schlesischen Fü-silier-Regiment No. 38, verwundet am 12. August 1870 durch
Gewehrschuss durch die rechte Halsseite. Eintritt des Pro-jektils in der fossa supra spinata dextra, Austritt dicht überdem Sternaltheil des rechten Schlüsselbeins an der innerenInsertion des Kopfnickers. Bluthusten und Lähmung desrechten Armes.
10. Oktober 1871: G. trägt den Arm in schwacher Beugungaller seiner Gelenke, einschliesslich der Fingergelenke; völligeStreckung derselben ist aktiv unausführbar. Aktive Hebungdes Armes ist kaum bis zur Horizontalen möglich, Beugung imEllenbogengelenk soweit, dass die Hand bis zum Munde geführtwerden kann. Der Druck der Hand ist kaum fühlbar, alle Be-wegungen der Extremität sind so energielos, dass der Mannvon derselben nicht den geringsten Gebrauch machen kann.
Die Ernährung des Armes hat ausserordentlich gelitten, erbietet alle Erscheinungen dar, die bei der sogenannten pro-gressiven Muskelatrophie beobachtet werden, die fibrillärenZuckungen nicht ausgenommen. Dabei besteht eine eigen-thümliche Hyperästhesie aller Muskeln der Schulter und desOberarms, so dass selbst leichter Druck anf dieselben dem G.lebhafte Schmerzen verursacht; die Atrophie erstreckt sich auchauf den grossen Brustmuskel und alle an das Schulterblatt sichinserirenden Muskeln.
Das Hautgefühl ist am ganzen Arme nirgends ganz auf-gehoben, an der Beugeseite des Armes und an dem Daumenund Zeigefinger besteht sogar eine lästige Hyperästhesie.
Stabsarzt Egermann, welcher den Invaliden in denJahren 1879 und 1880 untersuchte, konstatirte eine wesentlicheBesserung des Zustandes namentlich bezüglich der Lähmungs-erscheinungen. Doch bestand noch eine ausgesprochene Atrophieund Hyperästhesie der ganzen Extremität mit lähmungsartigerSchwäche.
Wiederholt ist betont worden, dass eine vollkommeneLähmung längere Zeit ohne jede Muskelatrophie bestehenkann. Hieraus ergiebt sich als nächstliegender Schlusswohl der, dass die Unthätigkeit als solche nur unter ge-wissen Umständen einen raschen und erheblicheren Schwundder Muskelsubstanz bedingt. Zu diesen Umständen mussman die neuritischen Erkrankungen rechnen. Wird ein Nervdirekt oder indirekt durch Geschosse verletzt, so kannrecht wohl eine völlige Unterbrechung der motorischen undsensiblen Leitung, selbst auf lange Zeit hinaus, die Folgesein, ohne dass Atrophien in seinem Verbreitungsbezirkezu sehen sind. Unter solchen Verhältnissen liegt die An-nahme nahe, dass von den im Nervenstamm verlaufendenFasern die trophischen weder direkt getroffen noch indirektdurch eine sekundäre Entzündung in Mitleidenschaft gezogensind. Obwohl die Beispiele sehr selten zu sein scheinen,welche zur Unterstützung dieser Theorie beigebracht werdenkönnen, so haben sich doch aus dem Feldzuge folgendedrei finden lassen:
XLV. Heinrich Niemeyer, Grenadier der 6.KompagnieKaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments No. 1, wurde beiGravelotte am 18. August 1870 durch den Hals geschossen.Eintritt der Chassepotkugel am vorderen Rande des rechtenmusc, sterno-cleido-mastoid., 2 '/2 Zoll oberhalb des Ansatzes andas Brustbein. Austritt zwischen 7. Hals- und 1. Brustwirbel.Sofort totale Lähmung des rechten Armes. Ziemlich rasche