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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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IL Kapitel: Trophoneurosen nach peripheren Verletzungen.

Band VII.

Knochenbau. Man findet ihn gewöhnlich ausserhalb des Bettesauf zwei Krücken umhergehen, und berührt bei diesen Geh-übungen die grosse Zehe des rechten Fusses den Boden, währendder Hacken etwa 5 Zoll davon entfernt bleibt. Legt man denentblössten J. auf eine flache Unterlage, so bemerkt man vorAllem eine mangelhafte Ernährung der in abnormer Stellungbefindlichen rechten Unterextremität. Der Umfang der linkenWade beträgt 36 cm, der der rechten dagegen 34 cm, derUmfang des linken Oberschenkels in seiner Mitte gemessen46Vücm, der des rechten dagegen 44'/2 cm. In der Mitte derrechten Hüfte, zwischen dem rechten Trochanter und Hüftbein-kamm befindet sich eine 3 cm lange Narbe, welche mit demHüftbein verwachsen ist und in deren Mitte sich eine Fistelbefindet. Eiter, Darmgase und dünne Fäkalmassen entleerensich spontan sowohl durch diese Fistel, als auch, wenn maneinen gelinden Druck auf die Coecalgegend ausübt, in derenTiefe man einen massig schmerzhaften Tumor von der Grösseeiner Niere umschreiben kann. Von dieser Fistel, der Ausgangs-öffnung des Schusskanals, 17 cm entfernt, findet man hintenlinks vom 12. Brustwirbel die strahlig-vernarbte Stelle, wo dieKugel in den Körper eindrang. Der processus spinosus des12. Brustwirbels fehlt. Indem die Kugel von hinten und obenund links von der Wirbelsäule eindrang, zertrümmerte sie denprocessus spinosus, ging in die Tiefe, verletzte dort Theile desplexus femoral., das Coecum und zerbrach das Os-ilium an derStelle, wo sich jetzt die Fistel befindet. Die Motilitätsstörungen,die bestehen, sind folgende: Der Oberschenkel ist gegen denUnterleib dauernd flektirt, und zwar hebt sich der Oberschenkelum etwa 20 cm von der horizontalen Unterlage ab. Jeder Ver-such, den Oberschenkel zu strecken, ruft lebhafte Schmerzen imUnterleibe hervor. Aktiv wird der Oberschenkel gegen denUnterleib weiter flektirt, bis er sich von seiner Unterlage etwa60 cm entfernt hat. Eine weitere passive Beugung ist nichtmöglich, da Patient über heftige Schmerzen in der Gegend derFistel klagt. Die Flexion von 20 bis 60 cm bewerkstelligt J.dadurch, dass er das Gewicht des Fusses und Unterschenkelsauf der Unterlage schleifen lässt. Fixirt man den Oberschenkelin seiner maximalen Flexionsstellung, so kann Patient denUnterschenkel beliebig heben und senken und ebenso alle Be-wegungen im Fussgelenk ausführen. Die passive Abduktiondes rechten Oberschenkels ist möglich, bis der rechte Fuss aufden linken Unterschenkel gebracht ist, und umgekehrt. DieAbduktion ist bis auf etwa einen Fuss vom linken Unterschenkelmöglich. In der Kückenlage vermag J. diese Bewegungen aktivnicht zu vollführen, in aufrechter Stellung auf Krücken gestütztgelingt es ihm mühsam.

Sensibilitätsstörungen: Während am Fusse und Unter-schenkel eine Anomalie in der Sensibilität sich nicht nachweisenlässt, ist die Sensibilität am rechten Oberschenkel erheblichalterirt. Eine vom rechten Hüftbeinkamm nach dem innerenRande der Kniescheibe gezogene Linie giebt die ungefähreGrenze an, die Innenfläche des rechten Oberschenkels fühlt be-deutend weniger wie links, noch weiter nach innen und hintenwächst diese Stumpfheit, um in der Aussenfläche des rechtenOberschenkels und am vorderen Umfange fast gleich Null zuwerden. Von Nadelstichen und vielfachen subkutanen Injek-tionen, welche letztere dem J. der heftigen Schmerzen wegengemacht wurden, fühlte er wenig.

Am 7. Juli 1873 besteht noch die Kothfistel und eine fastvollständige Steifheit des rechten Schenkels mit Auswärts-streckung desselben.

XXXVIII. Franz Stiller, Füsilier im 3. Garde-Grenadier-Regiment Königin Elisabeth, wurde am 18. August 1870 durch

eine feindliche Kugel dienstunbrauchbar gemacht, welche dieMuskulatur des linken Oberschenkels hinten der Länge nachdurchsetzte.

9. Oktober 1871: Der linke Unterschenkel erscheint ab-gemagert, bei jedem Gehversuch ziehen sich die vom nerv,peroneus innervirten Muskeln abnorm zusammen, so dass St.nur auf dem Innenrande des Fusses auftritt. Bei längeremGehen treten tonische Muskelkrämpfe im Peroneusgebiete ein,welche auch auf den Oberschenkel übergreifen. Daneben be-stellt Schmerzhaftigkeit und sehr bedeutende Herabsetzung derEmpfindung in der Fusssohle.

1873: Besserung. Geringe Funktionsbeeinträchtigung desBeines.

XXXIX. Heinrich Pratje, Gefreiter im 7. WestfälischenInfanterie-Regiment No. 56, war nach einer am 16. August 1870erlittenen Schusswunde des rechten Oberschenkels, wobei dieKugel hinten 2 Zoll unter der Gesässfalte ein- und vorn 3 Zollunter der Schenkelbeuge austrat, nicht im Stande, vom Schlacht-felde zu gehen. Im Lazareth konstatirte man einen reinenMuskelschuss. Das Bein war gelähmt.

10. Juni 1871: Erhebliche Schmerzen. Bedeutende Ab-magerung des ganzen Beines, Unmöglichkeit, das Knie zu beugen.

23. September 1872: Umfangsunterschied beider Ober-schenkel 4 cm.

September 1873: Keine Atrophie, keine Funktionsstörung.

XL. August Leber, Sergeant im 1. Garde-Regiment z.F.,erhielt am 18. August 1870 einen Bajonettstich dicht unterhalbdes Köpfchens der Fibula in die Wadenmuskeln der rechtenSeite. Als Folge dieser Stichverletzung blieb eine Druck-schmerzhaftigkeit der Narbe, ein Gefühlsverlust an der Aussen-seite des Unterschenkels und eine Lähmung der Streckmuskeln(?)des Fusses zurück. Dazu hatte sich schon im September 1871eine bedeutende Abmagerung des Unterschenkels gesellt.

1883: Der rechte Fuss hängt schlaff nach vorn und kannim Fussgelenk nicht bewegt werden. Umfang der rechten Wade32, der linken 38 cm, des rechten Unterschenkels über denMalleolen 21, des linken 24 cm. Periodische Schmerzen in Fussund Unterschenkel, sowie klonische und tonische Krämpfe inden Muskeln dieser Theile. Geht mit einer Fussmaschine.

XL1. Gustav Rosa, Feldwebel im Colbergschen Gre-nadier-Regiment No. 9. Am 2. Dezember 1870 verletzte ihneine feindliche Kugel, welche an der Innenseite des rechtenSchultergelenks IV2 Zoll nach innen vom Gelenkkopf undebenso weit entfernt vom Akromialende des Schlüsselbeins indie Tiefe eindrang und in der Mitte des rechten Schulterblattesstecken blieb, wo sie durch Einschnitte entfernt werden musste.Stettin, den 3. Mai 1871:Die Wunden -sind vernarbt, es be-steht aber in Folge der Verletzung des plexus brach, eineAtrophie der ganzen rechten obern Extremität. Der Oberarmliegt am Thorax an und kann im Oberarmgelenk nur bis zueinem Winkel von ungefähr 30° erhoben werden; der Vorder-arm steht in einem rechten Winkel zum Oberarm, lässt sichaktiv noch weiter beugen, aber weder aktiv noch passiv inFolge der Muskelkontraktur strecken. Die Hand sowie sämmt-liehe Finger sind in den Gelenken gebeugt, die Streckmuskelnderselben fast vollständig gelähmt. Ausser dieser Läh-mung sämmtlicher Streckmuskeln mit konsekutiver Kontrakturder Beugemuskeln bestehen noch neuralgische Anfälle,welche in sehr variablem Rhythmus alle Tage wiederholt