Baud VIL
IL Abschnitt: Veränderungen der Muskeln.
45
schenkeis. Eingangsöffnung der Kugel in der Mitte der Innen-seite. Ausgang unterhalb der linken Gesässfalte.
15. April 1871: Oberschenkel 4, Unterschenkel 9 cm ma-gerer als rechts. Extremität bläulich roth, kalt und total ge-lähmt.
1873 : Gang ohne Stock möglich. Oberschenkel noch um2 cm weniger umfänglich als der rechte. Linker Fuss etwaskälter als der rechte und im Gelenke gering paretisch.
1874: Weitere Besserung.
XXXIII. Franz Brauer, Jäger im BrandenburgischenJäger-Bataillon No. 3, verwundet bei Sedan am 2. September1870: Gewehrschuss mit Eingangsöffnung an der vorderen,oberen, linken Brusthälfte, 1 Zoll unterhalb des Schlüsselbeinsdicht am Kopfe des Oberarms, mit Ausgangsöffnung 1 Zollnach innen von dem inneren Bande des linken Schulterblattes.
29. August 1871: Bedeutende Umfangsabnahme der ganzenExtremität. Schultergelenk frei beweglich. Aktive Erhebungdes Armes nur bis zum rechten Winkel. Sensibilität im Daumenund Zeigefinger sowie an der ganzen Eadialseite vermindert.Fibrilläre Zuckungen im deltoideus.
1872 : Geringe Besserung.
1874: Muskulatur links fast eben so kräftig als am rechtenArme. Gebrauchsfähigkeit des Armes kaum behindert.
XXXIV. Wilhelm Spiesinger, 1. Badisches Leib-Grenadier - Regiment, verwundet durch Gewehrkugel am18. Dezember 1870 bei Nuits. Von derselben herrührend zweiNarben, die eine 1 '/j cm unter der Verbindung von claviculadextra und acromion, die andere dicht unter dem behaartenTheil der rechten Achselhöhle.
29. August 1871 : Bedeutende Atrophie des rechten Armes,namentlich an Vorderarm und Hand. Aktive Bewegungsfähig-keit der Finger erloschen, Unbeweglichkeit des Schulter- undEllenbogengelenkes.
1873: Umfang in der Mitte
des rechten Oberarms 20, des linken 24.5 cm„ „ Vorderarms 18.5, „ „ 23.o „
Schultergelenk ankylosirt. Rechtes Ellenbogengelenk aktivfast ganz unbeweglich, rechtes Handgelenk steif. Finger haken-förmig nach innen eingeschlagen, aktiv immobil, passiv nichtganz streckfähig. Reissende Schmerzen in Arm und Fingern.
XXXV. MartinGoehring, Füsilier im MagdeburgischenFüsilier-Regiment No. 36, verwundet am 18. August 1870 beiGravelotte: Gewehrschuss durch den mittleren Theil des rechtenOberschenkels von vorne innen nach hinten unten.
27. April 1871: Kontraktur der Flexoren des Unter-schenkels, daher Krümmung des Beines im Knie und Unver-mögen, es über einen rechten Winkel hinaus zu strecken. Hoch-gradige Atrophie und Lähmung des Unterschenkels und Fusses.
1872: Unifangsdifferenz am Oberschenkel 8, an der Wade10 cm. Pes equinus. Hyperästhesie der Haut des Unter-schenkels und Fusses.
e
XXXVI. Carl Fritze, Unteroffizier im 3. Garde-Grena-dier-Regiment Königin Elisabeth. Verwundet bei Gravelotteam 18. August 1870: zwei Gewehrschüsse. Der erste Schusstraf den Rücken der rechten Handwurzel derart, dass dieKugel auf einen Aermelknopf aufschlug und so mittelbar eineebenso intensive als 'sehr schmerzhafte Kontusion der Hand-
wurzel, aber keine offene Wunde verursachte. Der zweiteSchuss traf das obere Drittel des rechten Oberarms, und warhierbei die Kugel an der vorderen Fläche, etwa drei Zoll unter-halb der Schulterhöhe, dicht über dem unteren Rande desgrossen Brustmuskels eingedrungen und, ohne den Knochen zuverletzen, am hinteren Umfange der rechten Schulter nach innenund vorn von dem durch Arm und Rumpf gebildeten Winkelwieder ausgetreten.
Attest des Stabsarztes Weber vom 20. November 1871:Am inneren Umfange des rechten Oberarmes, etwa drei Zollunterhalb der Schulterhöhe, dicht über dem unteren Rande desgrossen Brustmuskels, finden sich zwei nur einen Zoll von ein-ander entfernte Schussnarben. Dieselben liegen quer neben-einander, sind rundlich, groschengross, blass und ziemlich derbanzufühlen, eine diesen ganz ähnliche Narbe findet sich amhinteren Umfang der rechten Schulter, dicht nach innen vondem durch Arme und Rumpf gebildeten Winkel, also etwa überder Sehne des breiten Rückenmuskels (m. latissimus dorsi)Am Rücken der Handwurzel sind Spuren einer äusseren Ver-letzung nicht mehr zu konstatiren.
Der Arm ist von einer allgemeinen von der Schulterhöhenach abwärts zunehmenden Abmagerung (Atrophie) befallen;namentlich der Mittelhand giebt diese Atrophie ein dünneskantiges Aussehen, die Muskeln am Daumenballen ebenso dieam Ballen des kleinen Fingers, ferner die Zwischenknochen-und die sogenannten Lumbrikalmuskeln erscheinen fast völliggeschwunden, so dass das charakteristische Bild der fortschrei-tenden Muskelatrophie vorzuliegen scheint. Die Hautsensibilitätist von der Oberfläche des ganzen Armes herabgesetzt und ander Radialseite des Vorderarmes und im Gebiete des Ulnar-nerven fast auf Null reduzirt, die Weichtheile des Armes hin-gegen, insbesondere die Muskeln des Oberarmes, sind auf Druckäusserst empfindlich.
Die aktive Beweglichkeit des Armes im Schultergelenk istsehr gering, im Ellenbogen und den übrigen Gelenken gleichNull, zumal die Schmerzhaftigkeit jeder Muskelaktion ent-gegensteht. Das Ellenbogengelenk steht wie die übrigen Ge-lenke unterhalb desselben in flacher Beugung und gestatteteine passive Beugung des Armes etwa bis zu einem halbenRechten, im ähnlichen Verhältniss ist die Beweglichkeit derübrigen Gelenke beschränkt, allemal aber mit Schmerzen ver-bunden. Die Stellung der Hand zum Vorderarm erinnert sammtden flach gekrümmten und eng aneinander geschlossenen Fingernan die von Bleilähmung betroffenen Arme. Die ganze Extre-mität, insbesondere die Hand, ist kühl und trocken anzufühlen,die Hautbedeckung der ganzen Hand zart und glänzend.
F. klagt über Kältegefühl im ganzen Arm, trägt daherdiesen in einem dicken, wollenen Aermel und die Hand in einemPelzhandschuh, ferner über stechende und brennende Schmerzenin den Fingerspitzen, die unter dem Einfluss der Witterungbis in den Ellenbogen hinaufstrahlen. Auch sein Allgemein-befinden sei alterirt, so sei er z. B. zu längerer geistiger Arbeitunfähig, insofern sich bald ein nervöses Erregtsein, Zittern desKörpers mit Schweiss u. s. w. einstelle.
1883: Im Wesentlichen derselbe Befund.
XXXVII. Heinrich Rudolf Jarotzky, Musketier der6. Kompagnie 8. Westfälischen Infanterie-Regiments No. 57,erhielt am 24. September 1870 vor Metz einen Schuss durchden Unterleib, kam zuerst nach Talange, dann am 19. Dezembernach Metz, wurde am 15. März 1871 nach Bernburg und vonda am 18. September nach Wesel ins Lazareth transportirt.J. sieht bei seiner Ankunft in Wesel wohlgenährt aus, hat eineblasse Gesichtsfarbe, eine kräftige Muskulatur und einen derben