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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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IL Kapitel: Trophoneurosen nach peripheren Verletzungen.

Band VII.

Zweiter Abschnitt.Veränderungen der Muskeln.

I. Einfache Atrophie.

Was von der Haut gesagt ist, gilt auch von denMuskeln. Auch sie erleiden nach peripheren NerventraumenVeränderungen ihrer Ernährung, welche für sich allein be-stehen oder mit den vorhin beschriebenen Hautaffektionenzusammen auftreten können. Die bekannteste und häufigsteunter ihnen ist die Atrophie. Ihre Entwicklung beginntalsbald nach der Verletzung, schreitet rasch fort und kannschon im Verlaufe weniger Wochen sehr bedeutende Gradeerreichen. Hierdurch unterscheidet sie sich sehr wesentlichvon der Inaktivitätsatrophie, welche immer erst nach ge-raumer Zeit entsteht, langsam zunimmt und erst nach jahre-langem Bestände zu extremen Graden führt.Einzig undallein die Reizung des Nerven ist im Stande, rasche undfrühzeitige Atrophie der Muskeln herbeizuführen", sagtCharcot. Die neuritische Atrophie setzt nicht das gleich-zeitige Bestehen einer Lähmung nothwendig voraus, obwohlsie mit ihr gewöhnlich zusammentrifft. Aber es kommennach traumatischen Nervenverletzungen einerseits totaleParalysen von längerer Dauer ohne Atrophie der gelähmtenMuskeln und andererseits bedeutende Atrophien ohne denVerlust der Bewegungsfähigkeit und unter dem Gebraucheder atrophirenden Theile vor. Weit seltener, als die reineAtrophie der Muskeln, ist die Atrophie mit gleichzeitigerFettgewebsbildung in dem interstitiellen Gewebe und diewahre Muskelhypertrophie.

Je rapider die Atrophie entsteht, um so mehr tretendie neuritischen Symptome in den Vordergrund. Vielfachsind es unvollständige Nervendurchtrennungen, blosseKontusionen, Reizungen der Nervenstämme durch Narben-zerrungen, welche den Muskelschwund einleiten. Zuweilenkommt es vor, dass, wie bei Werner (XXIII), nach jahre-langem Bestände der Lähmung erst mit dem Einsetzen einerNeuralgie die Abmagerung beginnt. Niemals sah man inso kurzer Zeit Inaktivitätsatrophie von solchem Umfange,wie bei Tschoppe (XXI), Thess (XXIV), es sei denn, dassdas periphere Trauma eine irritative Erkrankung des Nerveninduzirt habe. Die Trennung des Muskels von dem trophischen

Centrum als solche hätte diesen Muskelschwund erst nachdem Verlaufe einer weit längeren Zeit veranlassen können.Aus der in einer Anzahl von Fällen Tschoppe (XXI),Kruse (XXII), Kniep (XXVII), Meyer (XXVIII) ein-getretenen Heilung der Lähmung lässt sich schon mitziemlicher Gewissheit folgern, dass die Durchtrennung desNerven keine vollständige war. Schiefferdecker fandbei seinen sechs Verwundeten die Muskelatrophie gleich-zeitig mit den trophischen Hautveränderungen.

Was die nach Gelenkentzündungen eintretenden Muskel-atrophien anlangt, so hat Friedberg einen Theil derselbenauf die Inaktivität zurückgeführt, einen andern Theil abervon der per contiguitatem von dem erkrankten Gelenk aufdie Muskulatur fortgepflanzten und rasch zu degenerativerAtrophie führenden Entzündung abgeleitet. Er trenntedemnach die Myopathia propagata von der Myopathiamarasmodes. Val tat, welcher durch entzündungerregendeEinspritzungen in die Gelenke von Thieren schon nachwenigen Tagen die auffälligsten Muskelatrophien bewirkte,machte die Rapidität, mit welcher sowohl in den klinischenFällen, wie in den Experimenten die Atrophie eintritt, dieStabilität derselben nach Beseitigung des primären Gelenk-leidens und den Umstand, dass einzelne Muskelgruppen,namentlich die Extensoren, mehr als andere affizirt werden,zur Widerlegung des Einflusses der Inaktivität geltend.Gegen die Annahme einer direkten Propagation der Ent-zündung vom Gelenk auf die benachbarten Muskeln führteer die gleichzeitige Erkrankung der betreffenden Muskelnin ihrer ganzen Dicke und Breite und das Fehlen allerErscheinungen von Myositis ins Feld. (Wolff.)

XXI. Fleischschuss des Oberschenkels. NeuralgischeSehmerzen. Rapide und hochgradige Muskelatrophie.Einjähriger unveränderter Fortbestand. Fast völlige Her-stellung.

Paul Tschoppe, Füsilier im 3. Brandenburgischen In-fanterie-Regiment No. 20, verwundet am IG. August 1870 hei