Band VIL
I Abschnitt: Veränderungen an der Haut und deren Adnexen.
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Nachdem er aber die Arbeitsversuche wiederholt hatte, stelltensich von Neuem allerlei Beschwerden ein, welche seine Wieder-aufnahme in dasselbe Lazareth nöthig machten. Er klagteüber Sensibilitätsstörungen auf dem Kücken des linken Vorder-annes und über ziehende Schmerzen in der Schultergegend, imm. trapezius deltoideus. Eine anästhetische Zone fand sichobjektiv im Endgebiete des n. musculo-cutaneus. Ferner zeigtensich einzelne bohnengrosse blasenförmige Hautabhebungen anHand und Fingern, welche platzten und scharfrandige Geschwürs-fiächen hinterliessen. Der Handrücken war ziemlich stark ge-schwollen. Bei einer Behandlung mit Salzwasserumschlägenheilten die Geschwüre; eine elektrische Kur besserte die Anästhesieund die Parese der Schultermuskeln aber nicht.
Dennoch verliess B. auf seinen Wunsch probeweise dasLazareth. Im Laufe der nächsten Zeit blieb sein Zustand un-verändert. Er wurde daher am 15. August 1872 wegen un-vollständiger Empfindungslähmung (Anästhesie) des linkenVorderarms und wegen Funktionsstörung des ganzen Armesinvalidisirt. In den nun folgenden Jahren nahm die Schwächeder linken Oberextremität zwar langsam, aber stetig zu. DerKranke war 1875 nicht im Stande, mit der linken Hand einenEimer Wasser zu tragen, den linken Arm an den Kopf zubringen. Die bezügliche Schulter stand 5 bis 6 cm tiefer. Inder Hohlhand und an der Beugefläche des Daumens und Mittel-fingers waren tiefe Einrisse und im Handteller eine enormeSchwielenbildung zu sehen. Der ganze Arm, am meisten aberdie Hand, hatte einen grösseren Umfang als die gleichnamigenTheile der rechten Seite. Ein den Kranken behandelnder Civil-arzt bescheinigte am 13. Oktober 1877, dass B. an „Elephantiasis"der linken Hand und des linken Vorderarms leide. „Die Handsei durch Hautverdickung reichlich um ein Drittel vergrössertund in den Gelenken steif. An der Beugeseite sämmtlicherGelenke könne man quere Hautrisse wahrnehmen, welche beider leichtesten Arbeit geschwürig würden. Auch entständenbei nur geringer Anstrengung schnell entzündliche Anschwel-lungen des ganzen linken Armes." Stabsarzt Nürnbergernahm wenige Tage später eine dienstliche Untersuchung desKranken vor. Dieselbe ergab Folgendes : „Schon auf den erstenBlick fällt eine monströse Vergrösserung der linken Hand auf.Der Umfang um das Handgelenk beträgt 4, um die Mittel-hand 6, um die einzelnen Finger 2 bis 3 cm mehr als rechts.Vorder- und Oberarm haben dagegen einen um /s cm kleinerenUmfang. Die Haut an diesen Theilen ist ohne Turgor, welkund am Vorderarm mit zahlreichen weissen zur Längsachsequer gestellten Narben, den Schwangerschaftsnarben vergleich-bar, besetzt. An der Hand erscheint die Haut glänzend undgespannt, an ihrer Beugeseite hier und da rissig und ulcerirend.In der Hohlhand befindet sich eine fünfpfennigstückgrosse mitSerum gefüllte Blase. Einzelne Stellen der vola manus sindmit junger Epidermis bedeckt. Die Sensibilität, mit Nadelnund dem Induktionsstrom geprüft, erweist sich an Vorderarmund Hand in erheblicher Art, an Oberarm und Schulter in ge-ringerem Maasse herabgesetzt. Bewegungen werden im Schulter-,Ellenbogen- und Handgelenke aktiv und passiv frei ausgeführt,aktiv aber ohne hinreichende Energie. Die Finger in Streck-stellung können nicht gekrümmt werden. Der Puls in derArteria radialis sinistra ist nicht zu fühlen." Patient gab an,dass die Anschwellung der Hand und des Armes zeitweilig eineverschiedene Intensität erkennen liesse und sich oft, namentlichaber bei Anstrengungen, steigerte. Dass sie früher stärker ge-wesen, als bei der damaligen Untersuchung, schienen die Narbenam Vorderarm zu beweisen. Im Dezember 1877 stiess sich dasEndglied des linken Zeigefingers in Folge einer Periostitisnekrotisch ab. Zugleich wurde ein etwa 5 cm langes ab-gestorbenes Sehnenstück — wahrscheinlich dem m. flexor, digit.
profund, angehörig — aus einer nach Phlegmone entstandenenHautperforation der Hohlharld entfernt. Ein halbes Jahr nach-her beschrieb Oberstabsarzt Peters den lokalen Befund so:„Die linke Hand ist zu einer unförmlichen Masse aufgeschwollen.Umfang des linken Oberarms 27, des rechten 25 cm,
„ „ „ Vorderarms 28, „ „ 26 „
„ „ „ Handgelenks 20, „ „ 18 „
„ der „ Mittelhand 26, der „ 24 „
„ „ sämmtlichen linken Finger 26, „ „ 21 „
„ des linken Daumens 11, des „ 8 „
„ „ „ Mittelfingers 13, „ „ 8 „
In der Hohlhand, sowie an den Beugeflächen des linkenMittelfingers und linken Daumens fallen geschwürige Stellenauf, an mehreren anderen Punkten Einrisse der verdicktenHaut, welche ebenfalls in Geschwürsbildung begriffen sind.Hand absolut unbrauchbar."
Am 13. Juli 1880 fand Oberstabsarzt Lockemann „dielinke Hand noch gänzlich deform, den Zeigefinger gestrecktund steif, den Daumen in massigem Grade aktiv beweglich, dieganze Extremität vom Oberarm bis zu den Fingern herab be-deutend geschwollen und unbeholfen". Von der Anschwellungdes Armes konnte Oberstabsarzt Schmiedt am 5. Juli 1881nichts nachweisen, die der Finger war unverändert, der Hand-rücken atrophisch.
XIX. (Jranatschuss durch den Oberarm. Ulnarislähmung.
Flache eitrige Blasen an den Fingern.
Ernst Schmotze, Soldat im 3. Königlich SächsischenInfanterie-Regiment No. 102, verwundet bei Gagny am 1. De-zember 1870; Granatschuss durch die Weichtheile des linkenOberarms.
13. Januar 1871: Wunde geheilt. Bewegungen im Ellen-bogen frei und kräftig, im Handgelenk schwach und unvoll-ständig, am schwächsten in den Fingern, von denen der fünftesein Empfindungsvermögen auf beiden Seiten, der vierte dasselbebloss auf der Ulnarseite verloren hat. Auch die Ulnarseite derHand ist empfindungslos. Die Haut der Finger ist kalt undcyanotisch, an den Fingern zeigen sich flache eitrige Blasen.
8. Januar 1872: Elektrizität ohne Erfolg geblieben. Ge-ringe Atrophie der Hand, die vier letzten Finger gekrümmt,unbeweglich und ohne Gefühl.
XX. Schussverletzung des n. ischiadicus. 1873: Mal
perforant du pied.
Ein anscheinend leichter Weichtheilschuss an der hinterenSeite des rechten Oberschenkels aus der Schlacht bei Vionville—Mars la Tour am 16. August 1870 führte bei dem Füsilier der3. Kompagnie Hohenzollernschen Füsilier-Regiments No. 40MathiasDostert zunächst zu einer Empfindungsabschwächungund Schwerbeweglichkeit der Zehen und des Fussgelenkes.
1872 war ein ziemlich hoher Grad lähmungsartiger Schwächeder ganzen Extremität vorhanden.
1873 hatte sich hierzu eine Volumsabnahme des Beinesund eine Verbildung des rechten Fusses durch Kontraktur derZehen nach Art eines Klumpfusses gesellt. An der Fusssohlefand sich in der Gegend des ersten Metatarsophalangealgelenkesein tiefes missfarbenes Geschwür; der ganze Fuss war ödematösgeschwollen und mit erweiterten Blutgefässen bedeckt. Fuss-gelenk nur wenig beweglich, der Gang sehr mühsam und be-schwerlich.
1875 Atrophie des Beines. Klumpfussstellung und Ge-schwür unter dem Grosszehenballen.
Sanit&ts-Bericht lltrer die Deutschen Heere 1870/71. VII. lad