Band VII.
I. Abschnitt: Veränderungen an der Haut und deren Adnexen.
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wird dem jetzt erkrankten atrophischen Gliede dasselbeErnährungsmaterial wie in seinem gesunden Zustande zu-geführt. Da nun durch die Atrophie der Muskulatur einebedeutende Verminderung des Stoffverbrauchs eingetretenist, so wird ein Ueberfluss von Ernährungsmaterial vor-handen sein und dieser der Haut und den epidermoidalenGebilden zu Gute kommen, die in Folge dessen hyper-trophiren."
Den Hautaffektionen gingen auch in den Schieffer-decker'sehen Fällen nervöse Reizungserscheinungen voraus,denn nirgends fehlt in den Krankengeschichten die bestimmteAngabe von der spontanen oder der Druck-Schmerzhaftigkeitder getroffenen Nervenstämme.
Obwohl die trophischen Veränderungen der Haut inder überwiegenden Mehrzahl der Fälle nach solchen Ver-letzungen zu entstehen scheinen, welche auf eine partielleZerstörung der die Nervenstämme zusammensetzenden Fasernschliessen lassen, so sind sie doch mitunter auch nach voll-ständigen Nervendurchtrennungen und daher rührendenkompletten Lähmungen beobachtet worden. Man schreibtsie zum Theil der verminderten Widerstandsfähigkeit dergelähmten anästhetischen Theile gegen äussere Einwirkungenzu und führt zur Unterstützung dieser Annahme eine Reihebemerkenswerther Beobachtungen von Romberg, Dieffen-bacb, Erichsen u. A. an. Dabei ist zu berücksichtigen,dass von den Kranken häufig die traumatische Hilfsursache,zumal wenn sie nur geringfügig ist, wegen der Unempfind-lichkeit an den gelähmten Theilen ganz ausser Acht ge-lassen und in der Anamnese negirt wird. Nach Ausschlussdieser Fälle bedürfen nur die äusserst spärlichen Mit-theilungen spontaner Hautaffektionen nach Nervendurch-schneidungen und Lähmungen einer Erklärung. Der un-ermüdliche Vorkämpfer für die Existenz der trophischenNervenfasern, Samuel, lässt sich darüber in der Eulenburg-schen Realencyklopädie folgendermaassen aus: „Viel zueinseitig sind wir geneigt, die Anästhesie als ein sicheresZeichen vollständiger Lähmung aller übrigen Fasern desNerven anzusehen. Doch ist die Anästhesie nur ein Zeichenfür die Unterbrechung der Kommunikation zwischen demperipheren und dem zentralen Abschnitte der Empfindungs-nerven, eine Unterbrechung der Leitung, die nicht aus-schliesst, dass die Leitung in anderen Fasern erhalten ist.Denn weder ist die Bahn aller Fasern eine vollständigidentische, noch sind sie alle gegen Druck und Quetschunggleich empfindlich. Ist aber auch die Kommunikationzwischen Zentrum und Peripherie vollständig durch denSchnitt unterbrochen, so ist doch keineswegs ausgeschlossen,dass nicht neuritische und anderweitige Reizzustände im
peripheren Abschnitt der centrifugalen Nerven obwaltenkönnen, bis die von ihrem trophischen Centrum getrenntenNervenfasern vollständig degenerirt sind. Denn die Gangliensind wohl die regelmässigen aber nicht die einzigen Hebelnervöser Thätigkeit. Endlich geben sich ja, von allen be-sonderen Reizungszuständen der peripheren Nervenstückeganz abgesehen, im Gebiete der peripheren degenerirendenNervenabschnitte stets noch Reizerscheinungen von be-trächtlicher Dauer kund — die Muskeloscillationen. Esliegt daher der Gedanke nahe, dass in dem centrifugalenNerven mit seiner Trennung vom Centrum keineswegs eineabsolute Ruhe im peripheren Nervenabschnitte eintritt,sondern dass bis zur vollen Degeneration paralytischeReizungsvorgänge stattfinden mögen, die spontan schon undbesonders leicht bei geringfügigen äusseren Anlässen hervor-treten. Aus alledem geht hervor, dass die Anästhesiekeineswegs ein entscheidendes Gewicht gegen dasBestehen von Reizzuständen in peripheren Ab-schnitten trophischer Nervenfasern hineinzuwerfenvermag."
Lässt man das irritative Moment als allgemeine Be-dingung für das Zustandekommen der in Rede stehendentrophischen Hautaffektionen gelten, so fragt es sich, obund welchen konstanten anatomischen Veränderungen desNerven dasselbe zuzuschreiben ist. Einzelne Autoren, unterihnen Charcot, plaidiren für eine Neuritis. Da aber nichtjede Neuritis nothwendigerweise das Auftreten trophischerStörungen nach sich zieht, so bedarf es, wie Charcotsagt, der Dazwischenkunft von Umständen, welche dieUntersuchung bis jetzt noch nicht zu enthüllen vermochte.
Der Charcot' sehen Hypothese wurde von verschiedenenSeiten entgegengetreten. Namentlich hält Erb die vondem Französischen Autor gegebene Begründung der An-schauung, dass die meisten trophischen Störungen bei peri-pheren sowohl wie bei centralen Nervenläsionen auf ab-norme Erregungszustände bestimmter Nervenbahnen zurück-zuführen seien, für entschieden missglückt. „Keine Er-klärung," sagt Erb, ,,hat sich allgemeiner Anerkennungzu erfreuen, keine ist wohl auch für alle Fälle zutreffend.Vielleicht wirken mehrfache Momente zusammen: direkteFortleitung irritativer Prozesse (Friedreich), Aufhebungcentraler trophischer Einflüsse, vasomotorische Einflüsse,Nervenirritation; vielleicht ist auch reflektorischen Vor-gängen dabei eine gewisse Rolle zuzuweisen, ganz abgesehenvon den Möglichkeiten, welche auf indirektem Wege beivorhandener Lähmung und Anästhesie die verschiedenstentrophischen Störungen herbeiführen können."
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