26
I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band Vit
Schlussbetrachtung'.
Unter den sieben operirten Fällen befinden sich alsodrei präsumtive Heilungen. Diesem ausserordentlich gün-stigen Verhältnisse stehen bei den übrigbleibenden 38 Be-obachtungen, welche als Reflexepilepsien aufgefasst sind,zwei Genesungen gegenüber. Von den acht Kranken mitechter centraler Epilepsie wurde einer, aus der Zahl dersymptomatischen Krankheitsform Niemand geheilt. Gestorbensind sechs Epileptiker.
An dem Tode war einmal ganz bestimmt das Nerven-leiden für sich Schuld, in den fünf anderen Fällen vermerkendie Berichte nur die Thatsache. Wiederholt ist darauf hin-gewiesen, dass die im Kriege erlittene äussere Beschädigungin den angezogenen 63 Fällen als die alleinige Ursache derKrankheit zu bezeichnen war. Wie mit grosser Sicherheiteine angeborene Disposition zu verwerfen ist, so dürfte auchübertriebener Skepticismus dazu gehören, hier die centraleepileptische Veränderung als erworbene Disposition und dasTrauma nur als Gelegenheitsursache gelten zu lassen. BeimDurchlesen der Krankengeschichten ergiebt sich ferner ohneWeiteres, dass von Epilepsie immer nur dann gesprochenist, wenn die psychische Alteration die Diagnose recht-fertigt. Ein näheres Eingehen in den klinischen Symptomen-komplex scheitert an der ungenügenden Ausführlichkeiteiner Anzahl der erhobenen pathologischen Befunde. Weraber den Zweck dieser militärärztlichen Untersuchungenkennt und weiss, dass es sich bei denselben lediglich darumhandelt, an der Hand eines positiv nachweisbaren Leidensden Grad der Invalidität und Erwerbsunfähigkeit aus-zusprechen, wird weniger von jenem Mangel als vonder musterhaften Darstellung eines andern Theils derKrankengeschichten überrascht sein. Auch ist nicht zu ver-gessen, dass die kurzen Beobachtungszeiten auf die Wieder-gabe des ganzen Krankheitsverlaufes störend einwirkten.
Offenbar fiel die Mehrzahl der Erkrankungen in dasGebiet der Epilepsia gravior. Dies ist deswegen bemerkens-werth, weil man bei dem Ausschluss der erblichen Anlageeher das Gegentheil erwarten sollte. Besonders auffallendist das häufige Auftreten des epileptischen Anfalls unterdem Bilde einer akuten Geistesstörung, welche den ma-niakalischen Charakter trug. Die transitorischen Geistes-störungen konnten mit Gewissheit als Ausdruck der Epilepsiebetrachtet werden, denn die klassischen Krampfanfällegingen, mit Ausnahme eines Falls, entweder ihnen voran,oder wechselten mit ihnen ab. Unter den supponirtenReflexepilepsien vertheilten sich die sieben Fälle „psy-chischer Epilepsie" derart, dass fünf auf die 25 Schädel-verletzungen und zwei auf die 12 Schusswunden derExtremitäten kamen. Geheilt wurde davon höchstwahr-
scheinlich Neumann (XL), gebessert Brandtner (XXX) undSchütte (LVIII), — letzterer durch den chirurgischen Eingriff.
Dass die traumatische Epilepsie auch beim Menschenunter Umständen vererbbar sein kann, beweisen Masuthe(VII) und Liebermann (XLVIII).
Die Frage, ob nicht bei Entstehung der sekundärenEpilepsie zuweilen eine Neuritis ins Spiel kommt, istvon Nothnagel in seiner Abhandlung über „Neuritis indiagnostischer und pathologischer Beziehung" (VolkmannsSammlung klinischer Vorträge No. 103) in Angriff ge-nommen. Die vorhandenen pathologisch - anatomischenUntersuchungen, zu welchen auch in obiger KasuistikSchütte (LVIII) und Beinhauer (LIX) einen Beitrag liefern,berechtigen bis jetzt nicht, den wirklichen Zusammenhangzwischen Neuritis und Epilepsie auszusprechen. Zunächstist in allen hierher gehörigen Fällen und auch in denobigen, thatsächlich nur eine begrenzte Neuritis in der Näheder Wunde nachgewiesen. Wie aber verhält es sich weiteraufwärts mit dem centralen Stücke des Nerven? Oder war,fragt Nothnagel, die Entzündung in und um den Nervennur ein zufälliger Nebeneffekt einer Verletzung, welcheauch ohne Neuritis bei einem disponirten Individuum dieFallsucht erzeugt haben würde? Als beweisend für die *Wesentlichkeit der Neuritis erklärt dieser Autor nur einenFall, wo eine sogenannte spontane — nicht traumatische —Nervenentzündung als einzige Quelle für die Entstehungder Epilepsie nachgewiesen werden könnte. Möglicher-weise gehört ein von Oberstabsarzt Dr. St oll und Stabs- jarztDr. Fetzer mitgetheilter Fall aus dem Feldzuge hierher.Seiner Bedeutung wegen ist er diesem Kapitel unterNo. LXVII angehängt. Man stellte die klinische Diagnoseauf eine durch Erkältung entstandene Entzündung desArmnervengeflechtes der linken Seite. Aber es fehlt deranatomische Beweis, daher man auch hier nicht über die IVermuthung hinauskommt.
Vorher sind unter No. LXV und LXVI zwei Fällebeschrieben, welche den ungünstigen Einfluss periphererNervenverletzungen auf die schon bestehende centraleepileptische Veränderung darthun sollen; der zweite nimmt jauch wegen des gleichzeitigen Bestehens eines andernNervenleidens Interesse in Anspruch. Höchst beachtens-werth ist endlich der erste Fall der Feldzugskasuistikdadurch, dass an Stelle der verschwundenen Epilepsieeine neue nervöse Störung, ein chronischer Tremorcapitis, trat. Die Literatur ist nicht arm an Beispielenähnlicher Art; besonders gern werden die von Hitzig inseinen Untersuchungen über das Gehirn publizirten zweiFälle für die innigen Beziehungen der Fallsucht zu anders-ai'tigen Nervenkrankheiten herangezogen.