Band VIL
II. Abschnitt: Chirurgische Behandlung traumatischer Epilepsie.
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Auf dringendes Bitten des Patienten, der um jeden Preisvon seinem Leiden befreit sein wollte, entschloss ich mich, ohneeinen andern Anhaltspunkt als die obenbezeichnete schmerz-hafte Stelle, von der die epileptischen Anfälle ausgingen, zuhaben, zur Operation, d. h. zur Auffindung und Ausziehung derKugel. Dieses geschah am 2. Februar 1872 unter Chloroform-narkose, jedoch ohne Erfolg.
Es wurde die oben angegebene Stelle mit Kohle markirt,ein etwa 6 Zoll langer Hautschnitt gemacht, zwischen den musc,semitendinos. und biceps bis auf den nervus ischiadicus präparirt.In der so erhaltenen Wunde wurde vergebens nach der Kugelgesucht; auch die Ansatzstellen des Adductor magnus wurdensoweit als möglich durchbetastet, und auch in dem musc, semi-tendin. und semimembranos. konnte nichts von Kugelexistenzgefühlt werden.
Nun wartete ich das Erwachen des Kranken ab, um vielleichtbeim wachen Zustande nähere Aufschlüsse über den Sitz derKugel zu erhalten, — umsonst, immer nur bezeichnete K. die oben-genannte Ausgangsstelle seiner Krämpfe als den Sitz der Kugel.
Ich trennte nun mit den Fingern soweit als möglich dasumliegende, an der obenbezeichneten Stelle etwas derbere Binde-gewebe des nervus ischiadicus, legte denselben bloss und ver-einigte die Wundränder durch Anlegung mehrerer Nähte.
Patient bekam die darauffolgenden Tage sehr heftigesFieber; es bildete sich nach etwa acht Tagen ein Gegenabszessan der inneren Fläche des Oberschenkels, der eröffnet wurde.Durch die Wunde des letzteren zu der Schnittwunde wurdeeine Drainageröhre angelegt.
Bis Mitte April waren beide Wunden geheilt, die Kontrakturim Kniegelenk gab sich auf warme Bäder, so dass Anfang MaiPatient mittels Krücken gehen konnte.
Die Anfälle sind seit der versuchten Kugel-Extraktion voll-ständig ausgeblieben und befindet sich Patient gegenwärtig inKissingen zum Gebrauch der Soolbäder.
LXIV. Schussverletzung des nerv, ischiadicus dexter.Neuralgie. Nervendehnung. Beseitigung der Neuralgie.
Epilepsie.
Gottlob Decker, Gefreiter der 7. Kompagnie des Branden-burgischen Füsilier-Regiments No. 35, wurde am 16. August 1870bei Vionville von einer feindlichen Kugel getroffen, welche dichtunterhalb des linken Hüftbeinkammes dreiquerfingerbreit vonder Wirbelsäule 1 und 3 cm nach aussen und hinten vom Koll-hügel des rechten Oberschenkels austrat.
Nacheinander in den Lazarethen zu Pont à Mousson, Her-ford, Berlin, Görlitz behandelt, waren die Wunden am 7. Februar1871 geheilt. Es entwickelte sieh nun im rechten Bein eineIschias von grosser Schmerzhaftigkeit, in ihrer Intensitätabhängig von Witterungseinflüssen und dem anhaltenderen odergeringeren Gebrauch des Gliedes. Meistentheils war dieEmpfindlichkeit aber so gross, dassD. am Erwerbe seines Unter-halts behindert wurde. Aus unbekannter Veranlassung nahmim Januar 1879 die Neuralgie derartig zu, dass Patient, welcherschon Monate lang mit dem rechten Fusse kaum aufzutretengewagt hatte und ganz nach links geneigt ging, bettlägerigwurde. Sein Allgemeinbefinden hatte sich bedeutend ver-schlechtert, er sah blass aus, war appetitlos und abgemagert.
Da bei einer medikamentlichen Behandlung keine Besserungeintrat, Hess er sich am 22. Mai 1879 ins Augusta - Hospitalzu Berlin aufnehmen. Hier wurde am 31. desselben Monatsdie Dehnung des rechten Hüftbeinnerven vorgenommen. DerErfolg der Operation war aber nur ein unvollkommener. Des-wegen wiederholte man am 13. Juli 1879 die Dehnung in er-giebigerem Maasse. Dieses Mal nahmen nach der]Operation dieSchmerzen stetig ab, so dass D. am 23. August desselben Jahres,angeblich vollkommen schmerzfrei, aus dem Krankenhause ent-lassen werden konnte. Aber schon wenige Tage später tratenvon Neuem Beschwerden ein, wenn auch nicht in der früherenHeftigkeit, und der Operirte suchte deswegen bei dem Bezirks-kommando Berlin seine Invalidisirung nach.
Abgesehen von den gut verheilten Narben der Schusswundenzeigten sich Ende Oktober 1879 drei weitere längliche Narben,welche von Inzisionswunden herrührten. Die eine 2 cm langeauf der Mitte des Kreuzbeins stammte von einem Einschnitte,welcher in Pont à Mousson kurz nach der Verletzung gemachtwurde, die beiden anderen parallel verlaufenden Narben von12 bezw. 17 cm Länge erstreckten sich von der Gegend desrechten Sitzbeinknorrens bis dicht an den hinteren Abschnittdes Darmbeinkammes. Diese beiden waren die Folgen der imAugusta-Hospital vorgenommenen Operationen. Da die Gesäss-muskeln durchschnitten werden mussten, so erklärte sich dieerhebliche Tiefe des Narbengewebes und weiterhin die schmerz-hafte Behinderung beim Gehen. Eine Neuralgie im Gebietedes Ischiadicus konnte im Uebrigen nicht mehr nachgewiesenwerden. Auf die Ernährung der linken Unterextremität hattedas frühere langjährige Leiden keinerlei nachtheiligen Einflussausgeübt. Das Allgemeinbefinden war vom Tage der zweitenOperation ab rasch ein gutes geworden.
Im Laufe des nächsten Jahres lockerte sieh das Narben-gewebe an dem Gesäss, die Gebrauchsfähigkeit des Beines erhöhtesich. Erst gegen Ende des Jahres suchten den Invaliden pe-riodische Zuckungen in der Muskulatur der Extremität heim.Anfang 1881 kombinirten sich diese Zuckungen mit Schwindel-gefühl, welches letztere auch häufiger für sich allein eintratund manchmal so stark wurde, dass D., um nicht hinzufallen,sich setzen musste. Der Tag, an welchem er unter Eintritt vonKrämpfen bewusstlos hinfiel, ist ihm nicht mehr genau erinner-lich, es war aber bestimmt in den Anfangsmonaten 1881. Später-hin gesellten sich zu den Muskelkrämpfen im rechten Beineauch ebensolche im rechten Arme, vor deren Beginn die Fingereinschliefen, kalt und kreideweiss wurden. Fast immer verbandensich die Zuckungen mit vorübergehender Benommenheit imKopfe und Schwindel, aber angeblich nur an zwei verschiedenenTagen mit länger dauernder Bewusstlosigkeit.
D. zeigt sich im Juni 1883 gut ernährt, aber von älteremAussehen, als seinen Jahren zukommt. Im Verlauf des rechtennerv, ischiadicus finden sich schmerzhafte Druckpunkte nicht.Die Bewegungen des rechten Beines sind frei, und nur beimTreppensteigen empfindet der Mann ein Gefühl von leichterSpannung in der Gegend der Operationsnarben. Beide Unter-extremitäten sind gleich voluminös, die rechte im Oberschenkelsogar etwas umfänglicher. Ausser über Schwindelgefühl hat D.keine Klagen und erklärt auf das bestimmteste, dass er denjetzigen, wenn auch immerhin lästigen Zustand gegenüber dengewaltigen Schmerzen vor der Operation gerne in den Kaufnehme.
Sanitäti-Bericht Über die Deutschen Heere 1870/71. VII. 64