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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
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Band VII.

Schlussbetrachtun<r.

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LXV. Eine höchstwahrscheinlich schon bestehende, aber

in sehr seltenen Anfällen auftretende Epilepsie wird durch

Verwundung augenblicklich manifest und hat einen

schweren Verlauf.

Roman Iwankowsky, am 19. Dezember 1847 geboren,hatte schon laut Kompagniebericht als Rekrut des l.PosenscbenInfanterie-Regiments No. 18 am 18. Dezember 1869 einen Anfallvon Krämpfen. Die im Ansebluss hieran stattgefundene vier-wöchentliche Beobachtung des Mannes im Garnisonlazareth zuGlatz war resultatlos. Derselbe rückte also mit in den Feldzug.In Thiais vor Paris auf Vorposten verwundeten ihn am 29. No-vember 1870 zwei Kugeln, die eine am rechten Oberschenkel,die andere am linken Oberarm. Unmittelbar darauf beimAnlegen des ersten Verbandes heftiger epileptischerAnfall. Obwohl während der Lazarethbehandlung die ge-bräuchlichen Arzneimittel systematisch in Anwendung kamen,nahmen die Krämpfe an Häufigkeit und Intensität zu. Bei derUntersuchung am 5. Januar 1871 zeigte die Krankheit dienacbtheiligsten Folgen auf das psychische Verhalten. DerKopf befand sich in fortwährenden, abwechselnd nach rechtsund links gerichteten Pendelbewegungen. Mitte 1874 wurdedurch glaubwürdige Zeugen versichert, dass die Anfälle inIntervallen von 4 Wochen wiederkehrten. Die Zitterbewegungenunverändert, der geistige Verfall grösser, das Gedächtniss schwach,der Gesichtsausdruck stumpf.

LXVI. Tetanie und Epilepsie. Verschlimmerung eines

schon vor dem Feldzuge vorhandenen Nervenleidens durch

einen Oherschenkclfleischschuss.

Pantaleon Wäschle, Maurer, geboren am 25. Juli 1846zu Unterdigisheim, Schwarzwaldkreis, eingestellt am 4. April1867 beim 1. Württembergischen Grenadier-Regiment KöniginOlga, entlassen am 15. Juni 1871.

Oberstabsarzt St oll und Stabsarzt Fetz er stellten am3. Dezember 1875 nachfolgendes Attest aus:

Am 30. November 1870 erhielt W. in der Schlacht beiVilliers einen Chassepotschuss durch den rechten Oberschenkel.Er wurde an dieser Verwundung in den Lazarethen zu Noisiel,Meaux, Reims, Stuttgart und Gmünd behandelt. Die Wund-heilung dauerte 4 Monate und ging ohne besondere Zwischen-fälle von statten. Nachdem er wieder zu seiner Kompagnienach Frankreich zurückgekehrt war, sollen sich gleich beimersten Versuch, zu exerziren, Krämpfe gezeigt haben, welchesich vom rechten Bein über den ganzen Körper verbreiteten,so dass er vom Platze habe weggetragen werden müssen. Erwurde im April und Mai 1871 im 6. Württembergischen Feld-spital in Reims daran behandelt, am 13. Mai nach Deutschlandevakuirt und am 15. Juni 1871 als für immer untauglich ausdem Königlichen Militärdienst entlassen. Seither sollen sichdiese Krämpfe beständig wiederholen und in der letzten Zeiteher häufiger geworden sein, so dass er kaum im Stande ge-wesen sei, die leichteren Geschäfte, welche sein Beruf bietet, zuversehen.

Die Untersuchung und Beobachtung des W. im KöniglichenGarnisonlazareth ergab Folgendes:

W. ist von mittlerer Grösse, kräftig gebaut, sehr muskulös,aber nicht sehr fettreich. Besonders gut entwickelt ist dieMuskulatur seiner Unterextremitäten.Am rechten Oberschenkelfinden sich als Residuen der früheren Schussverletzung zweiNarben, von welchen die obere Einschussnarbe 16 cm unter derSpitze (?) des grossen Rollhügels liegt, etwa fünfpfennigstückgross,weich und beweglich und nicht abnorm empfindlich ist, während

die Ausschussnarbe etwa in der Mitte des vorderen Umfangesdes Oberschenkels 15 cm unterhalb der Leistenbeuge liegt undvon annähernd gleicher Beschaffenheit ist, wie die Einschuss-narbe. Die beiden Narben sind 9 cm von einander entfernt.Die Weiehtheile der Extremität bieten mit Ausnahme derspäter zu besprechenden Stelle nichts Abnormes dar, als dass dieHaut etwas weniger dick, das Unterhautzellgewebe fettarmer,als links erscheint. Die Berührungsempfindlichkeit ist imäusseren Umfange der rechten Unterextremität abgeschwächt,insofern Nadelstiche etc. nur langsam und unvollkommenempfunden werden, und die davon betroffene Hautstelle nichtdeutlich bezeichnet werden kann. Im Uebrigen ist W. an-scheinend vollkommen gesund.

Während seines Lazarethaufenthaltes überstand der W.8 bis 10 Anfälle, welche meist nach Versuchen, das Bein aus-zustrecken, auftraten, öfters auch ohne nachweisbare äussereUrsachen sich einstellten und im Allgemeinen in folgender Weiseverliefen:

Im Beginn des Anfalls empfindet W. in der Gegend desrechten Fussgelenks (Achillessehne) einen Krampf, welcherso dick wie ein Besenstiel" in der Wade in die Höhe steigeund äusserst schmerzhaft sei. Mit dem Auftreten dieserEmpfindung erblickt man ein krampfhaftes Zucken in denMuskeln des rechten Unterschenkels, welches sich alsbald nachdem Oberschenkel fortpflanzt. Steht W. oder geht er, so wirder erbarmungslos auf die Seite geschleudert; liegt er zu Bett,so wirft der Krampf ihn auf die linke Seite oder auf den Bauch.Beide Beine strecken sich gewaltsam, vorzugsweise das rechte.Der Fuss wird tetanisch in Spitzfussstellung ausgestreckt, dieKnie- und Hüftgelenke sind in gestreckter Stellung fixirt.Anfangs nimmt man noch klonische Zuckungen in den Muskelnwahr, welche aber nach kurzer Dauer in einen vollkommenenTetanus übergehen, wobei sich die Muskeln in äusserst plastischerWeise wie beim Gladiator als harte Geschwülste durch dieHaut hindurch ausprägen. In der Regel theilt sich sofort derTetanus auch dem Rumpf mit, welcher sich nun gewaltsamrückwärts krümmt (Opisthotonus), wobei der Kopf krampfhaftin den Nacken gezogen wird, bis der ganze Körper einen nachder Rückenfläche konkaven Bogen bildet. Bei einem einiger-maassen intensiven Anfall geht der Krampf auch auf die Armeüber, welche in bald klonische, bald tonische Konvulsionenverfallen, wobei sie in den Ellenbogen krampfhaft gebeugt,die Fäuste geballt werden. Auch die Gesichtsmuskeln nehmenan den Krämpfen Theil, und nach kurzer Dauer des Anfallsbietet W. vollkommen das Bild eines äusserst intensiven all-gemeinen Tetanus dar, wie man ihn bei Wundstarrkrampf,Wasserscheu etc. zu beobachten Gelegenheit hat. Nachdemder Anfall etwa eine Minute lang angedauert hat, wobei W.vor Schmerz laut stöhnt und schreit, bedeckt sich die Haut mitperlendem Schweiss. Die Augen sind injizirt. Die Pupillenreagiren aber gut, das Sensorium bleibt ungetrübt, wenn auchW. vor Schmerz öfters nicht zu antworten vermag. Der Pulsist voll und beschleunigt. Bei den heftigsten Anfällen setztsich der Krampf auf die Respirationsmuskeln fort, wobei dasAthmen mühsam wird (Zwerchfellstetanus). Ueberlässt manden Anfall sich selbst und sorgt nur für Ruhe, so hört derTetanus meist nach 5 bis 10 Minuten Dauer von selbst auf undzwar so, dass die Krämpfe von oben nach unten allmälig nach-lassen, im rechten Bein aber noch länger bemerkbar bleiben.Hie und da stellt sich gegen das Ende des Anfalls Erbrechenein. Beim geringsten Anlass kann der Tetanus aber wiederhervorgerufen werden und alsbald wieder zur früheren Blüthegelangen. Nach dem Anfall ist W. äusserst hinfällig undklagt noch lange über heftige Schmerzen in den ergriffenenMuskeln, über Kopfschmerzen und allgemeine Erschöpfung.

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