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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.

Band VII.

LXII. Schussfraktur des rechten Unterschenkels. Epilepsie.Heilung (lurch Operation!

Dr. Marten in Hoerde schrieb in derAllgemeinenmedizinischen Central-Zeitung" 1871:

Stephan Trick, 9. Kompagnie 3. Westfälischen Infanterie-Regiments No. 16, 22 Jahre, war früher stets gesund und stammtaus ganz gesunder Familie. Am 16. August bei Mars la Tour er-hielt er durch einen Schuss eine komplizirte Komminutivfrakturdes rechten Unterschenkels. Als diese im November vorigen Jahreszu konsolidiren begann, stellten sich mit einer kurzen Aura,von der Bruchstelle aufsteigend, epileptische Krämpfe bei ihmein, welche nach seiner Angabe mehrmals bei Tage und beiNacht auftraten, selten einen oder zwei Tage aussetzten, oftstundenlang dauerten, Kopfschmerz und Oppression auf derBrust zurückliessen und durch keinerlei Medikation alterirtwurden. Am 3. März dieses Jahres trat er in das Joseph-Hospital ein, wo die Krampfanfälle in der beschriebenen Form,Häufigkeit und Dauer konstatirt wurden. Da er überdies aneiner schmerzhaften Leberanschwellung mit Gelbsucht litt,wurde diese zunächst durch die geeigneten Mittel beseitigt.Ueber die Mitte der konsolidirten Tibia verlief in etwas schrägerRichtung von innen nach aussen eine adhärente, fingerlangeNarbe, welche oben und unten von je einem Fistelgange durch-brochen war, die eine dicke Sonde durchHessen und in eineHöhle des Knochens führten, durch welche beide kommunizirten,die sich nach oben und unten noch bis 2 Zoll weit erstreckte,mit dunkelrothen Granulationen gefüttert war und viele loseund halblose Knochenplättchen fühlen Hess. Dabei waren dieWadenmuskeln in Kontraktur, der Fuss in Equinusstellung.Diese Beschaffenheit der Wunde, verbunden mit der von der-selben aufsteigenden, ganz genau erkannten Aura, Hess mitSicherheit schliessen, dass dort der Herd der epileptischenKrämpfe sei, welche, wenn sie in der angegebenen Weise fort-bestehen blieben, den Mann nicht allein vollständig erwerbs-unfähig machten, sondern auch sein Leben erheblich verkürzenmussten. Pottaschebäder hatten keinen Erfolg.

Ausgehend von einer Beobachtung in der Romberg'schenKlinik: Epilepsie nach Kopfverletzung, Heilung durch Spaltungder Narbe, schritt ich am 27. März in der Narkose zur Operation,spaltete die Narbe, löste sie vom Knochen, meisselte die Brückezwischen den beiden Fisteln aus, räumte die Höhle von denKnochenplättchen und fungösen Granulationen aus und ätztedie Wandungen mit Liquor ferri sesquiehlorati. Unmittelbaran die Operation anschliessend bekam er einen heftigen,3 /i Stunden dauernden Anfall, und blieb dann gänzlich verschontbis zum 5. April er. In der Wunde bildeten sich gesunde, festeGranulationen. An dem genannten Datum besuchte er seinenin der Nähe wohnenden Vater, allerdings auf Krücken und denverletzten Fuss in Riemen aufgehängt, hatte diesen aber dochwohl zu sehr angestrengt; denn als er sich darauf mit Kopf-schmerzen wieder zu Bett legte, empfand er ein leichtes Ziehen,vom Bein aufsteigend, im ganzen Körper und wurde Yj Stundebewusstlos. Diese leichteren Anfälle wiederholten sich bis zum25. desselben Monats beim Gebrauche von Bromkalium einigeMale und dann nicht wieder. Am 17. Mai wurde der Tendo-Achilles subkutan durchschnitten, nach drei Tagen der Fussmittelst Gypsverband in normaler Stellung fixirt. Am 18. Juniwurde er auf Regimentsordre zu seiner Truppe zurückgeschickt.Oben in der Narbe vor der Tibia befand sich noch eine kleine,Vi Zoll tiefe, senkrecht zum Knochen eindringende Fistel, diefrühere Höhle ganz mit Callusmasse ausgefüllt, die Equinus-stellung gehoben; auch die Epilepsie darf man vorläufig alsgeheilt ansehen.

Schäffer machte imAerztlichen Intelligenzblatt 1872"folgende Mittheilung :

LXIII. Epilepsie nach Quetschung des nervus ischiadicus.Versuchte Kugelextraktion. Heilung der Epilepsie?

F. Knoll, 24 Jahre alt, von Gosseidorf, Bezirksamt Ansbach,pensionirter Korporal im 15. Linien-Infanterie-Regiment, kamden 16. Januar 1872 in das städtische Krankenhaus zu Ansbachund gab folgende Anamnese zu Protokoll:

Ich erfreute mich von Jugend auf einer sehr guten Gesund-heit, kam zum Militär und wurde am 7. November 1870 in derNähe von Orleans durch einen Kugelschuss amlinken Oberschenkelverwundet und gefangen genommen. Nach dem Städtchen 0.gebracht, machte ein Arzt Versuche, die Kugel auszuziehen,was nicht gelang, und äusserte sich, die Kugel stecke zu tief,wäre am Beine abgewichen, und ich müsste abwarten, bis sienach der andern Seite sich durchgedrängt habe.

Von 0. wurde ich über Bordeaux nach Blaye geliefert.Mein Fuss war sehr angeschwollen, ich hatte heftiges Fieber.Ich bat den dortigen Arzt, da ich die Kugel gegen die Kniekehlezu deutlich fühlte, er möchte sie herausschneiden. Er gab mirdenselben Bescheid, wie der Arzt zu 0.

Am 26. Februar 1871 bekam ich zum ersten Male Krämpfe,jedoch von kurzer Dauer. Am 3. März 1871 wurde ich aus-geliefert und bekam unterwegs wiederum einen Anfall. Am14. März in das hiesige Vereinsspital aufgenommen, bekam ichalle 2 bis 3 Tage Anfälle von solcher Heftigkeit, dass ich aus demBette geworfen wurde. Diese dauerten in der Regel 2 Stunden.

Die Schusswunde war nun zugeheilt und man konnte dieKugel nicht mehr so gut durchfühlen und zwar in derGegend der Kniekehle als früher.

Nach vierwöchentlicher Verpflegung im Vereinsspital kam ichin das Lazareth zu Ingolstadt und wurde der Sanitätskommissionvorstellig gemacht.

Während meines 14tägigen Aufenthalts daselbst hatte ichkeine Anfälle.

Ich begab michin meine Heimath, konnte mich jedoch keinemBerufe unterziehen, theils hinderte mich mein Fuss, welchermir grosse Schmerzen verursachte, die sich bei Witterungs-wechsel steigerten, theils wiederholton sich immer wiedermeine Anfälle, jedoch in grösseren Zwischenräumen und mitgeringerer Heftigkeit."

Die Kräfte des Kranken kamen durch diese Anfälle sehrherab. Den Anfällen gingen jederzeit Schmerzen voraus aneiner Stelle des Oberschenkels, welche dem nerv, ischiadicusentspricht, und welche Patient als gegenwärtigen Sitz der Kugelbezeichnete.

Von da aus verbreitete sich vor dem Anfalle der Schmerzüber die linke Nates der Rückenmarkssäule entlang gegen denHinterkopf und endete mit Bewusstlosigkeit etc.

Bei der Untersuchung zeigte sich an der vorderen Seitedes linken Oberschenkels, etwa eine Hand breit oberhalb desKniegelenkes, eine Narbe von einer Schusswuude die Eingangs-öffnung der Kugel. Die Narbe ist gegen Druck unempfindlich.Eine harte Stelle im ganzen Umfang des Oberschenkels auf-zufinden, gelang der sorgfältigsten, öfters wiederholten Unter-suchung nicht. Nur die oben angegebene Stelle, etwa 3 Zollunterhalb der Narbe, wurde bei Druck schmerzhaft befunden.

Ich war der Ansicht, dass die Kugel in den Ansatzpartiendes Adductor magnus sitze und von da aus auf den nervusischiadicus drücke, oder dass pathologische Veränderungen inder Umgebung der jedenfalls abgekapselten Kugel den Nervenzerren, die epileptischen Krämpfe bedingen, und dass nurauf opera-tivem Wege eine Heilung angestrebt und erzielt werden könne.