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I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band VII.
grosse Dosen Chloralhydrat, Morphium innerlich und subkutanangewendet, waren erforderlich, um den drohendsten Symptomenzu begegnen und erreichten auch schliesslich nach sechswöchent-licher Andauer des geschilderten Zustandes ihren Zweck. Dabeiverheilte die Wunde vollständig und es blieb nur eine massigschmerzhafte Narbe zurück. Dennoch blieb der Patient sehrreizbar und die Geisteskräfte so beschränkt, dass wir seine Ver-setzung in eine Irrenanstalt beabsichtigten.
Nach 14 Tagen eines übrigens verhältnissmässigen Wohl-befindens bekam der Kranke des Nachts, als er zu Stuhl gehenwollte, einen epileptischen Anfall, am selben Tage einenzweiten, und von da ab jeden folgenden Tag mehrere Anfälle. Dabeiklagte er über unerträgliche, von der Narbe bis zum Nackenhinziehende Schmerzen, so dass wir uns zur Exstirpation deseingeheilten und gezerrten Nerven entschlossen. Die Operationwurde am 10. Dezember von dem behandelnden Arzte, HerrnHofrath Koch, unter meiner Assistenz in der Weise ausgeführt,dass ein zwei Zoll langer Schnitt am inneren Rande desm. biceps, wie zur Unterbindung der Art. brachial., die Nervenund Gefässe daselbst freilegte. Nach der Durchschneidung desn. medianus wurde derselbe aus der Narbe, mit welcher er innigverwachsen war, sorgfältig herauspräparirt und das betreffendedegenerirte, knorpelig anzufühlende Stück in der Länge von1 ¡i Zoll entfernt. Gleich nach der Operation hörten dieSchmerzen auf; nur das centrale Ende, aus dessen sehr ver-dicktem Perineurium bei der Operation eine so beträchtlichearterielle Blutung erfolgt war, dass ein kleiner Ast unterbundenwerden musste, blieb schmerzhaft und gab nach einigen TagenVeranlassung, die sehr rasch heilende Wunde an jener Stellezu erweitern, um das Nervenende fürs Erste von jedem Druckzu befreien. Von da ab hörte der Schmerz auf und die weitereHeilung erfolgte schnell und ohne Störung durch Granulation.In der Nacht nach der Operation und an den zwei folgendenTagen hatte der Kranke noch kleine Mahnungen an seinenfrüheren Zustand; er wurde still, verdrehte die Augen, weinteund hatte Zucken in den Gesichtsmuskeln, doch trat kein epi-leptischer Anfall ein; Chloralhydrat bewirkte jeden Abend ruhigenSchlaf. Am vierten Tage heftiger Schüttelfrost, in der folgendenNacht ein gleicher (grosse Dosen Chinin), von da ab voll-kommenes Wohlbefinden.
Seit jener Zeit ist S. gesund, von Epilepsie keine Spurmehr, die wohl immer etwas beschränkte Intelligenz ist intakt.Die Schmerzen im Arm sind ganz geschwunden; der Daumenist etwas beweglich, und seine Sensibilität nicht ganz erloschen,Zeigefinger und Mittelfinger ohne Gefühl und Beweglichkeit:das Ellenbogengelenk, durch die lange Flexionsstellung pseudo-ankylotisch, wurde nachher unter Chloroform gestreckt und mobilerhalten.
Weder Epilepsie noch Geisteskrankheit sind in S. Familieerblieh, er selbst war früher stets gesund.
Virehow hat das resezirte Nervenstück untersucht undden Befund in demselben Bande des von ihm herausgegebenenArchivs für pathologische Anatomie etc. 1871 mitgetheilt.Makroskopisch erkannte er eine grössere Dicke in dem derVerletzung näheren Theile. Mikroskopisch zeigten sich indem sehr verdickten Neurilemm starke Septa, welche indas Innere liefen und wie das Perineurium voll von grossenKörnchenzellen waren. Der Prozess begann, wie eineweitere Untersuchung lehrte, mit starker Proliferation desInterstitial-Gewebes des Nerven und führte zum Untergangzahlreicher Nervenfasern.
Den pathologisch - histologischen Vorgang bezeichnetVirehow als Neuritis interstitialis proliféra. Die nähereBeschreibung der einzelnen mikroskopischen Schnitte istam angegebenen Orte nachzulesen.
Aus den Invalidenakten ist der Krankengeschichte zu-zusetzen, dass in dem Lazareth zu Lune'ville, wohin Seh.bald nach seiner Verwundung kam, die Wunde verwahrlost,brandig aussah. Der Knochen lag bloss, es wurden mehrereInzisionen nöthig. Am 9. September 1870 hatten sich diegetrennten Weichtheile angelegt und waren mit dem Knochenverwachsen.
Was aber mehr interessirt, ist, dass die durch dieNervenresektion erzielte Heilung der Epilepsie nicht vonDauer war. Möglicherweise hatte sie bis zum Beginne desJahres 1874 vorgehalten; am 25. Februar 1874 findet sichin den Akten die Bemerkung, dass das Fortbestehen derEpilepsie ärztlich und polizeilich konstatirt ist.
LIX. Schusswunde des linken Bulbus am 6. August 1870.
Heilung der Wunden im Jahre 1878. Seitdem Epilepsie.
Dehnung und Resektion des nerv, supraorbital, sinist.
Ende 1881. Fortbestehen der Epilepsie.
Der Unteroffizier im 2. Nassauischen Infanterie-BegimentNo. 88, Friedrich Beinhauer, laut verschiedener civilärzt-licher Atteste ohne erbliche Anlage zur Epilepsie, bekam beiWörth von links her einen Schuss ans Stirnbein. Das Geschosszertrümmerte das linke Orbitaldach und trat über der rechtenAugenbraue aus.
Vom Schlachtfelde kam B. in das Lazareth zu Spachbach inbewusstlosem Zustande; beide Augen durch Oedem geschlossen.
8. August 1870. Patient ruft beständig: „Ja" oder „Nein".
9. August, Der Kranke deutet durch Gesten seine Wünsche an.Am 10. August bekam er während der Digitaluntersuchungdes Wundkanals einen Anfall von Konvulsionen. 11. August.Die Besinnlichkeit ist besser. 13. August. Patient steht auf,ist bei freiem Sensorium und kann seine Wünsche, wenn auchunvollkommen, durch die Sprache ausdrücken. Aus der linkenWunde quillt ein bohnengrosses Stück Hirn. 14. August. Erfängt an, gebrochene Sätze zu sprechen und schreibt den erstenBrief, muss aber viel korrigiren und sich oft besinnen. 20. August.Der Hirnvorfall geht durch Nekrose zu Grunde. Das linke Augewar durch Panophthalmitis verödet.
Im Verlaufe der Wundheilung stiessen sich nekrotischeStücke des Stirnbeins ab, welche ein fistulöses Geschwür hinter-lassen hatten. Erst im Jahre 1878 schloss sich die Fistel.Bald darauf wurde B. von epileptischen Krampfanfällen heim-gesucht, welche anfangs seltener, später aber häufig — imJahre 1881 20mal — auftraten. Hiermit nahmen auch diegeistigen Kräfte ab. Dr. Brauns in Eisenach machte behufsBeseitigung der Epilepsie am 20. November 1881 die Dehnungund Resektion des nervus supraorbital, sin. Der freigelegteNerv zeigte sich von der Austrittsstelle ab auf 1 — I 1 /* cmLänge doppelt so dick als normal und stark geröthet. DieKrämpfe hörten nicht auf. Ein militärärztliches Attest vom4. Januar 1882 giebt folgenden Befund an: VollkommeneAtrophie des linken Augenstumpfes, Paralyse des linken oberenAugenlides; am oberen Rande dieses Lides eine dem Augen-brauenbogen parallel verlaufende, vom äusseren bis zum innerenWinkel hinziehende Narbe. In der Gegend des inneren Winkels