Band VII.
II. Abschnitt: Chirurgische Behandlung traumatischer Epilepsie.
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Den Umstand, dass Hailer in verschiedenen Militär-lazarethen für einen Simulanten gehalten worden ist, hatman den Militärärzten zum Vorwurf gemacht. An dieserStelle sei daher konstatirt, dass seitens der Militärärzte nie-mals und nirgends die Art der Krankheit, sondern nur dieArt ihrer Entstehung angezweifelt worden ist. Dazu hatteH. selbst genügende Veranlassung geboten. Zunächstwar er bald nach den ersten Märschen seines Truppen-theils in einem Dorfe bei Langenkandel als krank zurück-geblieben und von dort so spät seinem Regimenté nach-marschirt, dass seine Betheiligung am Strassenkampfe inBazeilles mehr als zweifelhaft war. Hier wollte er aberden Kolbenschlag empfangen haben. Dieser Kolbenschlagsollte nach der ersten Behauptung im Lazarethe zu Lipp-stadt den Ellenbogen, nach der Angabe im KriegsspitalFürstenfeld den Vorderarm, endlich nach der Aussagein der chirurgischen Klinik zu München den Ellenbogenund den Nacken getroffen haben. In Lippstadt sprachIL von einem Stich in den Hals (Hand), in Münchenvon einem Abszess am Halse als Folge des erlittenenSchlages. Kurz, überall begegnet man den bedenklichstenWidersprüchen in der Anamnese.
Die Eutstehungsursache seiner Krankheit muss alsunaufgeklärt angesehen werden. Dass sie eine traumatischegewesen, ist freilich höchst wahrscheinlich.
Bei der Frage nach der Invalidisirung des Manneskam es aber für die Militärärzte darauf an, die bestimmteArt des Traumas festzustellen. Wenn dies H. durchseine widersprechenden Angaben, von denen keine einzigedurch seine Vorgesetzten und Kameraden eine beweis-kräftige Unterstützung fand, unmöglich machte, so ver-schuldete er selbst den Verdacht, in welchen er beimMilitär gerieth. Dass ihm ungeachtet dessen von vornhereindie volle Kriegspension gewährt wurde, indem militär-ärztlicherseits sein Leiden als die Folge einer Verwundungvor dem Feinde angesehen wurde, dürfte der v. Nussbaum-schen Krankengeschichte hinzuzufügen sein.
Dem Bayerischen Oberstabsarzt Pachmayr sind dieNotizen Über die letzten Lebensschicksale des Mannes zuverdanken.
Am 7. September 1876 Abends bemerkte IL, dass er-sieh schlecht bücken konnte und verspürte Schmerzen in derNackenmuskulatur, welche sich mehr und mehr steigerten undmit einem tetanischen Zustande der Muskeln verbanden, durchden der Kopf nach hinten gezogen wurde. Am Morgen des9. September trat Kinnbackenkrampf ein. Bei seiner Mittagsdieses Tages erfolgten Aufnahme in das städtische Krankenhauszu München vermochte Patient die Zahnreihen nur '/« cm voneinander zu entfernen. Er wurde chloroformirt und erhielt inder Narkose 0,18 g Morphium in subkutaner Injektion.
Darauf folgte, gemäss einer Abschrift des Krankenjournals,einige Erleichterung; der Mund konnte leicht geöffnet werden,doch persistirte die Kontraktur der Nackenmuskeln. Abends9 Uhr erhielt der Kranke 3 g Chloralhydrat per Clysma, woraufSchlaf von dreistündiger Dauer eintrat. Um 4 Uhr Morgenswar die Schmerzhaftigkeit besonders in der Rückenmuskulatursehr gross, auch der Kinnbackenkrampf sehr ausgesprochen, die
Zahnreihen konnten nicht von einander entfernt werden, dieAthmung war mühsam, der Puls, der bis jetzt gut gewesen, warklein und flatterhaft. Morphiuminjektion. 10./9.: Um 7 /s Uhrbeginnendes Lungenödem. Facies Ilippocratica. 11'/4 Uhr Tod.Postmortale Temperaturen: 12 Uhr 39.8,
1 „ 37.,,
2 „ 34.9,
3 „ 32.8.
Nächsten Tags wurde in dem pathologisch-ana-tomischen Institute die Sektion gemacht. Den Be-mühungen Pachmayrs ist es nicht gelungen, dasObduktionsprotokoll zu erhalten. Der Sektionsbefundfindet sich auch nicht in den gedruckten Annalen desKrankenhauses, in welchen sonst viele bemerkens-werthe Sektionsergebnisse des Jahres von dem da-maligen Assistenten des pathologischen Instituts Dr.Schweninger aufgeführt sind. Sollte dieser Mangelnoch zu ersetzen sein, so würde sich hier m it ge wisse r-maassen eine Verpflichtung gegen die Neuropatholo-gie erledigen, in welcher vornehmlich durch diesenFall ein neues Operationsverfahren — die Nerven-dehnung — inaugurirt wurde.
LYIII. Zersplitterung- des rechten Oberarms in der Mitteam 18. August 1870. Nach der Verteilung Epilepsie, vondem dureli die Narbe gereizten nerv, median, ausgehend.Reseetio nerv, median, am 10. Dezember 1870. ZeitweiligesVerschwinden, dann Wiederkehr der Krampfanfälle.Neuritis interstitialis proliféra nerv. med. reseeti.
Die nachfolgende Krankengeschichte rührt von dem di-rigirenden Arzte des Reservelazareths in Düsseldorf, Dr. Grafher und findet sich im 53. Bande des Virchow'schen Archivs.
Theodor Schütte, Füsilier im 3. Westfälischen Infanterie-Regiment No. 16, am 16. August durch einen Schuss in den rechtenOberarm verwundet, wurde am 15. September in das KöniglicheReservelazareth zu Düsseldorf gebracht. Da der Arm sich ineinem gefensterten Gypsverbande befand, so lag die Vermuthuugnahe, dass es sich um eine Schussfraktur oder Fissur des Humerushandle, welche Diagnose jedoch weder durch nachfolgendeCallusbildung noch durch Kuoehenexfoliation ihre Bestätigungfand. Nach Entfernung des üypsverbandes zeigte sich einSchusskanal, welcher, etwa l'/s Zoll über der Ellenbeuge ander Innenseite des Armes beginnend, schräg nach aussen, obenund hinten in der Länge von drei Zoll verlief. Die ersten dreiFinger der rechten Hand waren fast vollständig unempfindlichund paretisch, so dass an eine Nervenverletzung nicht gezweifeltwerden konnte. Die enorme Schmerzhaftigkeit der Wunde beiBerührung und Bewegung des Armes gab Veranlassung zurferneren Applikation des Gypsverbandes. L>abei zeigte der Patientfortwährend Symptome cerebraler Reizung, welche bei ziemlichnormalen Temperaturverhältnissen sich durch Unruhe, Schlaf-losigkeit, Aufspringen aus dem Bette und unbändiges Verlangennach der Heimath bekundeten. Auf Fragen gab derselbe nurnothdürftige und verworrene Auskunft.
Nach kürzeren und längeren Intervallen eines ruhigerenBefindens steigerten sich diese Reizsymptome im Oktober undNovember bis zu enormer Höhe, zu Delirien und Tobsucht;Patient klagte über unerträgliche Formikation („ich habe Läusein der Haut"); Puls intermittirend, Temperatur nur selten er-heblich gesteigert. Eisumschläge auf den geschorenen Kopf,Blutegel, Abführmittel, Quecksilber, Jodkalium, kalte Ueber-giessungen, welche jedesmal grosse Erleichterung gewährten,