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I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band VII.
LVII. Der v. Nusshaum'sche Fall Hailer, ergänzt undvervollständigt nach militärärztlichen Erhebungen.
Kolbenschlag an den linken Ellenbogen oder ins Genick? Epilepsie,schmerzhafter spastischer Krampf in den Beugemuskeln des Vorderarms,der Hand und im grossen Brustmuskel. Nervendehnung. VorübergehendeBesserung des Krampfes und der gleichzeitigen Anästhesie. Fortbestehender Epilepsie. Wiederkehr der schmerzhaften spastischen Kontraktur undder Anästhesie, Verschlimmerung der Epilepsie. Tod an Tetanus.
Rudolf Hailer aus München erhielt nach seiner eigenenursprünglichen Angabe am 1. September 1870 in Bazeilles einenSchlag mit dem Gewehrkolben an den linken Ellenbogen, sodass sogleich eine starke Geschwulst entstand, welche sich aberbald wieder verlor.
Am 20. September erfolgte seine Aufnahme in dasReservelazareth zu Lippstadt. Hier stellte man nach der vor-liegenden Zählkarte die Diagnose „Kolbenschlag, Stich in denHals". Auf dem Journalblatt steht: „Stich in die Hand."
Schon am 23. September wurde H. als Rekonvaleszent nachMünchen entlassen, war vom 29. September bis 27. Oktober imKriegsspital Fürstenfeld, vom 27. Oktober bis tí. November 1870im Vereinslazareth Scheyern.
Am 17. November 1870 kam er in das Lazareth Ober-wiesenfeld (München), wurde dort bis zum 17. Dezember ejusd. a.behandelt, an diesem Tage mit der von dem damaligen Ordi-nirenden Prof. v. Rothmund gestellten Diagnose: Contractu™antibrachii sinistr. e luxatione et commotione brachii ungeheiltentlassen.
Neben einer guten Körperkonstitution fand man am9. Januar 1871 bei ihm den linken Vorderarm rechtwinkeliggebeugt, alle 5 Finger der linken Hand fest in die Hohlhandeingeschlagen, Sensibilität des ganzen Vorderarms gänzlicherloschen.
H. bewarb sich Ende dieses Monats um eine Geldunter-stützung und legte ein ärztliches Attest des Prof. Dr. Posseltbei, in welchem es heisst: Contractura spastica im linken Ellen-bogengelenk und Beugekontraktur sämmtlicher Finger, so dassdie Hand ständig zur Faust geballt erscheint. Die Kontrakturim Ellenbogen lässt sich durch anhaltenden Zug etwas aufheben,auch gewaltsame Streckung der Finger ist möglich. Am Ellen-bogen selbst ist keine Deformität zu bemerken.
Im Laufe des Jahres 1871 traten epileptische Anfälle auf.
H. kam Anfang Februar 1872 in die chirurgische Klinikund in die Behandlung des Prof. v. Nussbaum. Der Klinikerhat eine detaillirte Leidensgeschichte des Mannes in dem erstenBande der deutschen Zeitschrift für Chirurgie niedergelegt, aufwelche hier verwiesen wird. Zum ersten Male brachte derKranke vor, dass er ausser dem einen Schlage auf denEllenbogen noch einen zweiten mit dem Gewehrkolben in dasGenick erhalten habe. Durch den letzteren sei ein Abszessentstanden, der geöffnet und geheilt Bei. (Daher vielleicht dieNotiz der Zählkarte in Lippstadt: „Stich in den Hals." R.)
Es war, wie der Nachlass der Erscheinungen in derChloroformnarkose bewies, ein Krampf, welcher die Flexorendes Vorderarms und der Hand ergriffen hatte.
Dieser Krampf war manchmal so heftig, dass sich dieFingerspitzen stundenlang in die Hohlhand bohrten und siewund machten. Der musc, pectoralis major fühlte sich stetswie ein Stein an. Auf der Dorsalseite des Vorderarms hattesich eine derartige Anästhesie ausgebildet, dass tiefe Einschnitte,Tenotomien etc., ohne Schmerzäusserung gemacht waren.
Therapie: Jod, Merkur, Opium, Belladonna, Strychnin,Vesikantien, Gymnastik, Elektrizität, subkutane Tenotomienohne Erfolg.
H. litt unter dem spastischen Krämpfe an unerträglichenSchmerzen.
Auch Prof. Voit untersuchte den Kranken.
Er hielt, da in denselben Nervenstämmen die sensibelenFasern gelähmt, die motorischen gereizt, die Unempfindlichkeitund die Kontrakturen weit nach oben, letztere bis auf denpectoralis, ausgedehnt waren, den Sitz des Leidens für einencentralen. Dabei gab es mehrere Möglichkeiten: entwederhatte der Nackenschlag nur die linken Wurzeln getroffen oderdie Hinterstränge verletzt, oder beides veranlasst. Am wahr-scheinlichsten hielt er es, dass der Schlag die linken seitlichenTheile der Wirbel lädirt und so die hinteren Wurzeln starkgezerrt oder abgerissen hatte, dass dagegen die vorderenWurzeln durch irgend einen fremden Körper, ein Stück desWirbels gereizt wurden, daher die Empfindungslosigkeit unddie Kontraktur.
v. Nussbaum machte am 15. Februar 1872, indem er dennerv, ulnaris am Olecranon und den plexus brachialis in derAchselhöhle und oberhalb der Clavicula biossiegte und an denblossgelegten Stellen ergiebige ziehende Bewegungen vornahm,die Nervendehnung.
Nach den Angaben des Operateurs war der Erfolg derNervendehnung ein glänzender. Die Lähmung der Gefühls-nerven, der Krampf der Bewegungsnerven war sofort besiegt.
Wie nach früheren, so kamen auch einige Zeitnach dieser Chloroformnarkose leichte Konvulsionendes ganzen Körpers mit einer nur wenige Minutendauernden Bewusstlosigkeit. H. erzählte, dass dies inseiner Familie liege, und weitere Folgen wurden davon auchnicht gesehen.
Eine militärärztliche Kommission fand am 19. März 1872bei dem Operirten: Sehr geschwächte Körperkonstitution. Diefrühere Kontraktur der Oberextremität hat in Folge derOperation einer vollkommenen Relaxation Platz gemacht, diefrühere Anästhesie hat aufgehört, jedoch ist aktive Beweglichkeitnoch nicht vorhanden. In Folge der lange bestandenen Kon-traktur sind die Muskeln des Armes theils fettig, theils fibrösentartet. H. befindet sich in einem Zustande grosser Hinfälligkeitund Abmagerung.
v. Nussbaum entliess ihn 102 Tage nach der Nervendehnungund empfing, wie er in seinem oben citirten Aufsatz aus demJahre 1872 bemerkt, wiederholt von seinem ferneren Wohl-befinden Nachricht.
Sehr schlecht sah es aber bereits am 22. April 1873 mitH. aus, wie militärärztlich festgestellt wurde. Die Epilepsiehatte sich wieder eingefunden.
Der Kranke war blass und mager und zeigte vielfacheSpuren von subkutanen Injektionen. Die linke Oberextremität,in allen Gelenken zwar aktiv und passiv beweglich, konnte nichtgebraucht werden. Sobald nämlich mit ihr stärkere Bewegungenausgeführt wurden, stellten sich krankhafte, mit Schmerzen ver-bundene Muskelkontraktionen am Vorder- und Oberarm ein,welche sich bis zum ausgeprägten epileptischen Anfall steigerten,wie dies am Untersuchungstage — 22. April — der Fall war.H. wurde auch 1874 militärärztlich untersucht. Der Operations-erfolg war ganz und gar durch tonischen Krampf aufgehoben.Es bestand rechtwinklige Kontraktur des linken Ellenbogensund Volarflexion des linken Handgelenks und der Finger,welche auch gewaltsam nicht streckbar waren. Ernährungund Sensibilität des Armes stark herabgesetzt. Zahllose Stichevon Morphium-Injektionen. Die epileptischen Anfälle wieder-holten sich täglich 3 — 4 Mal. Auch bei der Untersuchung tratein solcher ein.
1876 derselbe Befund.