Band VII.
II. Abschnitt: Chirurgische Behandlung traumatischer Epilepsie.
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Einschnittes bis auf den Knochen und der Kauterisationder Wunde bedarf. Mit Recht hat aber Westphalbei einerBesprechung des Aufsatzes von Echeverría auf die erheb-lichen Zweifel in Betreff des angeblichen Erfolges hin-gewiesen, da in den geheilten bezw. gebesserten Fällenzum Theil gleichzeitig innere Mittel gegeben wurden, zumTheil aber bestimmte Angaben über die Dauer der Heilungfehlen. Denn ein entscheidendes Urtheil, ob durch dieseoder jene Kur ein Epileptiker wirklich geheilt ist, lässtsich bei dem unbestimmten Verlauf der Krankheit mit einergewissen Sicherheit eigentlich erst dann behaupten, wenn eineschwere, in häufigen Krampfanfallen chronisch wiederkehrendeForm der Krankheit durch das therapeutische Eingreifenalsbald verschwindet und bis an das Lebensende des vormalsKranken nicht wiederkehrt. Von Rechts wegen kann dieStatistik der Heilungen nur auf Grundlage dieser Voraus-stezung aufgebaut werden. Das ist auch schon vonverschiedenen Seiten geschehen und es hat sich' dabeiherausgestellt, dass im Allgemeinen vollständige Heilungender Epilepsie als Ausnahmen von der Regel angesehenwerden müssen, so vielfach man auch von Heilungen derEpilepsie durch Mittel liest, denen zwar ihr Werth füreine mehr oder minder günstige Modifikation des Krankheits-verlaufs nicht abgesprochen werden kann, die aber fürnichts weniger als Spezifika gegen die Erkrankung selbstgelten dürfen. Die chirurgische Behandlung der Reflex-epilepsie bietet nun zwar theoretisch die beste Garantiefür einen Erfolg und hat hierdurch, sowie durch die grosseZahl der Publikationen von vermeintlichen Heilungen sogarzu der voreiligen Annahme verleitet, dass die Beseitigungdes von der Peripherie her einwirkenden Reizes auch alle-mal die Epilepsie beseitige. Allein man ist doch durch dielänger fortgesetzte Beobachtung der operirten Krankenmehr und mehr zu der Ueberzeugung gekommen, dassauf diesem Wege nur selten durch vollständige Rück-bildung des centralen Krankheitsherdes ein dauernderEffekt erreicht wird. Ungeachtet der Entfernung desperipheren Reizes bleibt meist die centrale epileptische,anfänglich vielleicht ermässigte, Veränderung bestehen undes bedarf nur einer passenden Gelegenheit, um sie vonNeuem in Thätigkeit zu setzen. Wie der nun folgendeVerlauf der Krankheit sich gestaltet, hängt von der Zahlund der Art der jetzt wirkenden, jeden einzelnen Anfallauslösenden Gelegenheitsursachen ab; er kann danach einbesserer, ein schlechterer oder ein unveränderter sein.
Der v. Nussbaum'sche Epileptiker, Namens Hailer(LV1I), an welchem die berühmt gewordene, wegen schmerz-hafter Muskelkontraktur ausgeführte Dehnung des plexusbrachialis vollzogen wurde, verlor die Epilepsie gar nicht.Schlimmer war Decker (LXIV) daran. Bei ihm ent-wickelte sich V/t Jahr nach der Dehnung des Ischiadicusdie Epilepsie, an welcher er vordem trotz der sehr schmerz-haften Ischias gar nicht gelitten hatte. Ob in Folge der
Operation? nicht unwahrscheinlich; es mehren sich dieStimmen, welche von epileptischen Zuständen nach Nerven-dehnungen erzählen. Gelegentlich der Diskussion in derBerliner medizinischen Gesellschaft über den Werth diesesneuen gegen Nervenkrankheiten allerlei Art gerichtetenchirurgischen Heilverfahrens erinnerte auch Israel aufGrund einer eigenen Erfahrung an diesen Zusammenhang.
Dr. Graf, welcher am 10. Dezember 1871 bei demunter No. LVIII aufgeführten Füsilier Schütte die Resektiondes in die Wundnarbe eingeheilten und fortdauernd gereiztennerv, median, vornehmen liess, als eine schwere Epilepsieden Verwundeten befiel, welche lege.artis nur als Reflex-epilepsie aufgefasst werden konnte, wird enttäuscht sein,zu erfahren, dass sein von ihm vermeintlich geheilterPatient später rückfällig geworden ist. Gleichwohl hattedie Operation für Schütte ein sehr günstiges Resultat. Ein-mal blieb er eine geraume Zeit, möglicherweise 3 Jahrelang, ganz von Krampfanfallen frei; sodann konnte, wie ausdem Grade der Erwerbsfähigkeit, welche ihm im Jahre 1874militärärztlicherseits zugesprochen wurde, erhellt, nach demWiederausbruch der Krankheit ihre Form, welche vor derNervenresektion als eine sehr schwere bezeichnet werdenmusste, nur eine leichte sein. In der günstigen Beein-flussung des die Epilepsie begleitenden Symptomenkomplexesdürfte der Hauptwerth der chirurgischen Behandlung derEpilepsie bestehen ; hier hat sie gute Erfolge zu verzeichnen.Und schon aus diesem Grunde wäre sie im gegebenen Falloimmer indizirt.
Dr. Brauns resezirte bei dem schwerverwundetenBeinhauer (LIX) wegen konsekutiver Epilepsie den nerv,supraorbitalis. Die Resektion blieb ohne jeden Nutzen, dochist es fraglich, ob mehr die Hirnläsion oder mehr dieNarbenbildung in dem äusseren Nervengebiete die Krank-heit verschuldete, oder ob das centrale Ende des Nervendurch Propagation des neuritischen Prozesses den Fort-bestand der Epilepsie unterhielt. Die Kugelextraktion beiHermann (LX) hatte auf die sekundären epileptischenAnfälle keinen sichtlichen Erfolg.
Eine Garantie der dauernden Heilung Brinkmanns(LXI), Pricks (LX1I) und Knolls (LX1II) besteht keines-wegs. Dem ersten wurde vor einem Jahre die Schussnarbe,von welcher die epileptische Aura ausgehen sollte, exzidirt,aber schon jetzt (1883) lassen bedenkliche Anzeichen dieRückkehr der Anfälle befürchten, der zweite blieb nach derTrennung der adhärenten, schmerzhaften Narbe am Unter-schenkel kaum 10 Wochen, der dritte nach Lösung desden nerv, ischiadicus einschnürenden Narbengewebes nichtmehr als 7 Monate unter ärztlicher Aufsicht, also eine soknappe Zeit, dass ein Urtheil über den dauernden thera-peutischen Erfolg völlig ausgeschlossen ist. Sehr zu be-dauern bleibt, dass sich über die weiteren Schicksale derbeiden letzten Invaliden nichts hat ermitteln lassen.
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