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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
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Band VII,

I. Abschnitt: Vorkommen traumatischer Epilepsie.

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und nach derselben an einer zusammenhängenden Kette vonKrankheitszuständen litt, ganz allein durch die Verwundungentstanden und sogar eine nothwendige Folge derselben sind,bedarf keines weiteren Beweises.

Am 31. Mai 1874 ist durch Stabsarzt Dr. LückerathFolgendes konstatirt:

In dem verletzten Gliede hat der Untersuchte seit der Ver-narbung beständig Schmerz empfunden mit wechselnder In-tensität (namentlich werden Witterungseinflüsse beschuldigt,dass sie dieselben steigern) und zwar nicht nur in der Gegendder Narbe, sondern von da auch ausstrahlend nach dem Fusseund nach der Kreuzgegend, oft mit krampfhafter Beugung desBeines und der Zehen.

Im September vorigen Jahres traten, nachdem besonderslebhafte Schmerzen in dem Beine vorhergegangen waren,epileptiforme Krämpfe ein und zwar zweimal in einer Nachtmit nachfolgender 4 Tage anhaltender starker Benommenheit desSensoriums. Ein geringerer Grad von Benommenheit, Schwindel,Kopfschmerzen, Flimmern vor den Augen blieben auch nachherzurück. Im Dezember erfolgte dann wieder ein Anfall vonheftigen klonischen Krämpfen mit Bewusstlosigkeit, welcheletztere bis zum andern Tage andauerte. Der nächste Anfallwurde in der Nacht des 27. März er. beobachtet, auf welchenin der folgenden Nacht vierzehn einzelne Anfälle von epileptischenKrämpfen mit kurzen Unterbrechungen folgten; die Bewusst-losigkeit dauerte an bis zum 30. März Nachmittags. Eineunmittelbar sich anschliessende Tobsucht Hess die folgenden14 Tage nur seltene lichte Intervalle wahrnehmen, späterwurden letztere häufiger, so dass jetzt nur noch alle 2 bis3 Tage verschieden lang dauernde maniakalische Anfälle sicheinstellen. In seinen Wahnvorstellungen, die übrigens häufigwechseln, hält sich der Kranke meist für einen von Gott aufdem Schlachtfelde gesalbten Priester, der gesandt sei, der WeltBusse zu predigen. Seit März hütet G. stets das Bett, das ernamentlich wegen des Schwindels nicht will verlassen können.Nach Aussage von glaubwürdig scheinenden Personen seinesOrtes sollen die epileptischen Anfälle schon bald nach demFeldzuge eingetreten, aber von ihm und seiner Familie ver-heimlicht worden sein; auch wurde an ihm, der früher einheiteres Temperament hatte, seit derselben Zeit eine veränderteGemüthsstimmung, ein meist trauriges und in sich gekehrtesWesen bemerkt.

In der Familie des G. ist weder Epilepsie noch Geistes-krankheit erblich; er selbst ist stets sehr massig im Genussvon Spirituosen gewesen, hat nie an Lues gelitten, nie Ohrenflussgehabt und sich niemals eine Kopfverletzung zugezogen.Er war stets, auch während seines Militärdienstes, völlig gesund.

Als ich am 28. Mai den G. besuchte, lag derselbe zu Bette;das Gesicht des kräftig gebauten und gut genährten Manneswar geröthet, die Bindehäute waren injizirt, die Pupillen reagirten,der Puls, etwas schwach, hatte eine Frequenz von 84 in derMinute. Auf alle an ihn gerichteten Fragen gab er zwarlangsam, aber ganz klare Antworten mit anfangs etwas weiner-licher Stimme, später laut weinend. Er wusste nichts vonseinem Irrereden oder hatte nur eine ganz dunkele traumhafteErinnerung daran. Der Kranke machte mir den Eindruckeines tief deprimirten Menschen.

An der vorderen Seite des linken Oberschenkels, etwa ander Grenze zwischen dem mittleren und unteren Drittel, befindetsich eine rundliche nicht eingezogene Narbe, eine andere eben-falls runde, jedoch etwas eingezogene Narbe hat ihren Sitz ander hinteren äusseren Seite des Oberschenkels zwischen musculusvastus externus und biceps , etwa 7 cm unterhalb der Falte.Das linke Bein hat einen geringeren Umfang und eine etwasniedrigere Temperatur als das rechte. Beim Heben und Be-

Sanitäts-Bericht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.

wegen des Beines trat Zittern ein. Die reissenden Schmerzensollen in derselben Art und Intensität wie früher bestehen,ausserdem wird über Kopfschmerzen, Ohrensausen, Flimmernvor den Augen und Schwindel lebhaft geklagt. Die oben an-geführten, von der Schussnarbe nach dem Fusse ausstrahlendenheftigen Schmerzen, sowie die oft auftretenden krampfhaftenKontraktionen der Beugemuskeln lassen mit Bestimmtheit an-nehmen, dass der nervus ischiadicus, wenn er auch nach derRichtung des Schusskanals nicht direkt verletzt sein kann, doch, seies durch die Narbenkontraktion, sei es durch einen vielleicht nochvorhandenen eingekapselten Fremdkörper, in einen krankhaftenReizzustand versetzt ist. Dass ein derartiger krankhafter Er-regungszustand eines peripherischen Nerven unter Umständendie Veranlassung zur Entstehung von epileptischen Krämpfenwerden kann, lässt sich nicht bezweifeln. Die Möglichkeitdieser Entstehungsweise wird aber in unserem Falle zur Wahr-scheinlichkeit, fast zur Gewissheit. Die Epilepsie ist hier nachder Verwundung und zwar wahrscheinlich bald nach der Ver-narbung der Wunde aufgetreten und zwar bei einem Menschen,der früher stets, auch während seines Militärdienstes, vollkommengesund war, bei dem sich keine Erblichkeit, keine gesundheits-schädlichen Gewohnheiten, überhaupt keinerlei Momente nach-weisen lassen, die bei der Entstehung des Leidens als mitwirkendangesprochen werden könnten. Ein Zusammenhang zwischender Narbe und den Anfällen ergiebt sich auch dadurch, dassletztere stets durch heftigere Schmerzen im Bein und tonischenKrampf der Beugemuskeln eingeleitet werden.

Aus diesen Gründen ist die Annahme durchaus gerecht-fertigt, dass die epileptischen Krämpfe, deren Vorhandenseinärztlich konstatirt ist, und aus denen sich in der Folge die be-schriebenen maniakalischen Anfälle entwickelt haben, auf dieVerwundung bei St. Privat zurückzuführen sind. Der Unter-suchte ist vorläufig zu jeder Arbeit unfähig. Die Möglichkeiteiner Besserung bezüglich der Arbeitsfähigkeit ist anzunehmen.

1875: Bei dem G. sind nach Ausweis der ärztlichen Attesteim Laufe des letzten Jahres fast alle 14 Tage bis 3 Wochenepileptische Anfälle eingetreten.

1876: Die epileptischen Anfälle sind nach beglaubigtenAttesten im letzten Jahre häufiger und stärker aufgetreten.Eine Heilung ist möglich, doch zunächst nicht zu erwarten, dadas veranlassende Moment (Quetschung resp. Zerrung der Nervendurch Schusswunde) noch fortbesteht.

1877: Fortdauer der Epilepsie.

1878: Die Fortdauer der epileptischen Anfälle in einerdie Erwerbsfähigkeit ausschließenden Frequenz und Intensitätist durch protokollarische Zeugenaussagen auch während desletzten Jahres seit der Superrevision pro 1877 bestätigt.

1879: Die Fortdauer der epileptischen Anfälle in einerFrequenz, welche die Arbeitsfähigkeit gänzlich aufhebt, ist durchZeugenaussagen protokollarisch nachgewiesen.

Da diese epileptiformen Anfälle jetzt, wie die Akten er-geben, bereits seit dem Herbst 1873, also fast 6 Jahre bestehen,so ist die Wahrscheinlichkeit einer Besserung nicht mehr an-zunehmen auch macht der Ausdruck des Gesichts des G.den Eindruck, als ob die Intelligenz schon wesentlich gelitten habe.

LIT. Haarseilschuss an der Vorderfläche des linken Ober-schenkels am 14. August 1870. Etwa 4'/ ä Jahre daraufklonische Krämpfe der linken Körperhälfte und nachweiteren 2 Jahren ausgesprochene Epilepsie.

Die Verwundung, welche den Friedrich Matzko vom6. Ostpreussischen Landwehr-Regiment No. 43 betraf, hinterliesszwei leicht verwachsene Narben und in der Hautpartie zwischen

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