16
I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band VIT.
L. Schuss durch den linken Oherarm. Verletzung desNervus radialis. 1 Jahr nach der Verletzung Epilepsie.
Joseph Kramer, 27 Jahre alt, vor dem Feldzuge vonEpilepsie frei, erhielt am 6. August 1870 bei Wörth einenSchuss durch den linken Oberarm. Der Richtung des Schuss-kanals zufolge konnte der nervus radialis mitverletzt sein.Aller Wahrscheinlichkeit nach war derselbe aber mit der Narbeverwachsen. Am 28. August I87T im Garnisonlazareth Görlitz3 epileptische Anfälle.
LI. Schuss durch die linke Hand, S'/s Jahre darauf Muskel-kränipfe im linken Arme mit Bewusstseinsverlust.
Der Tambour (Wehrmann) der 8. Kompagnie 2. Bataillons7. Pommerschen Landwehr-Regiments No. 54 Karl Schultz,am 25. Februar 1837 geboren, soweit bekannt bis zum Jahre 1870frei von Nervenkrankheiten, auch erblich nicht prädisponirt,wurde am 3. Oktober 1870 von einer Kugel verletzt, welchean der Dorsalseite der linken Hand zwischen den Metakarpal-knochen des Ring- und Mittelfingers nahe den betreffendenPhalangealgelenken ein- und an der Volarfläche, dem Einschussgegenüber, aber etwas der Handwurzel näher, ausdrang. Vondieser Verwundung blieb zunächst eine Steifigkeit des linkenHandgelenks und der mittleren Finger der linken Hand zurück.Im Juli 1872 zeigte sich bei ungestörter Bewegungsfähigkeitdes Daumens und Zeigefingers eine Steifheit des linken kleinenund Mittelfingers und eine Steifheit und Krümmung des Ring-fingers. Die Muskulatur des ganzen Vorderarmes war imSchwinden begriffen. 1873 war auch der Zeigefinger steif undgelähmt.
Seit 1874 traten, ausgehend von der Verletzungsstelle,abnorme Sensationen und Zuckungen des linken Armes ein,gingen auf das linke Halsnervengeflecht über und kombinirtensich mit Bewusstseinsverlust, späterhin kamen Krämpfe auch imrechten Arm und Gesicht hinzu.
Heute (1883) ist der lokale Befund an der Hand der zuletztbeschriebene, die Ernährung der Armmuskulatur ist weniggeringer als rechts, das Nervenleiden unverändert.
LH. Schusswunde des rechten Oberschenkels und deslinken Aorderarmes. Epilepsia mitior.
Augustin Zwirn, 3. Württembergisches Infanterie-Regiment No. 121, geboren am 16. Februar 1843, verwundetam 30. November 1870 im Gefecht am Mont-Mesly am rechtenOberschenkel und linken Vorderarm, wurde am 2. Dezember 1870von Boissy St. Leger ins Lazareth nach Pontault gebracht, woer angeblich bei strenger Kälte hilflos und ohne Pflege solange gelegen hatte, bis man ihn zufällig entdeckte. Um dieMitte T87T wurde Z. von Schwindelanfällen heimgesucht, indenen er plötzlich mit Bewusstseinsverlust zusammenstürzte.Diese Anfälle kehrten auch noch in unregelmässiger Auf-einanderfolge 1876 wieder.
LUI. Oberschenkelschuss. Verletzung des nervusischiadicus. Schwere psychische Epilepsie.
Michael Graff, Füsilier der 9. Kompagnie 1. Garde-Regiments z. F., erhielt am 18. August 1870 in der Schlachtbei St. Privat einen Kugelschuss in den linken Oberschenkelund wurde daran im Lazareth zu Fraulautern bis 6. Sep-
tember 1870, dann in Privatpflege bis zum 23. Februar 1871behandelt.
Die Kugel drang auf der Vorderseite des Oberschenkels ander Grenze vom mittleren und unteren Drittheil ein und trat inder Mitte der Hinterseite aus. Die Wunden heilten ; die Narbenverwuchsen mit den Muskeln. Im März 1871 war der Ober-schenkel abgemagert, die Empfindlichkeit des ganzen Beinesherabgesetzt, die Haut des Unterschenkels und Fusses verdünntund röthlich glänzend, leicht abschilfernd. Motorische Kraftder Extremität in geringem Grade herabgesetzt.
Am 25. September 1871 konstatirte Oberstabsarzt Dr. Puhl-mann, dass die Muskulatur des Beines kräftig und gleichmässiggut entwickelt, jedoch die aktive Bewegung durch Schmerz undSchwäche noch behindert war.
Nachdem bekannt geworden, dass G. an Epilepsie leide,ordneten die militärischen Behörden erneute Untersuchungen an.
Am 27. April 1874 attestirte der Kreisphysikus Dr. Doll-mann Folgendes:
G. bekam am 18. August 1870 vor dem Feinde eine Schuss-wunde des rechten Oberschenkels, welche nach den vorliegendenAttesten aus den Jahren 1871 und 1872 zwar ganz geheiltwar, jedoch noch immer Schmerzhaftigkeit, Schwund derMuskulatur und Schwäche der betreffenden Extremität zurück-gelassen hatte. Nachdem er im vorigen Jahre nothgedrungensich wieder an dem Geschäft seines Vaters als Ackerer undFuhrmann betheiligt hatte, bevor die Schwäche und Schmerz-haftigkeit des Beines gänzlich beseitigt waren, traten imHerbst 1873 epileptiforme Konvulsionen auf, welche einigeTage anhielten, mit Bewusstlosigkeit verbunden waren undheftigere Schmerzen im Beine, welche bis zum Rückenmarkzogen, zurückliessen. Im Winter und zuletzt Ende vorigenMonats wiederholten sich diese Anfälle. Nach dem letztenAnfalle am 20. März trat mehrtägiger fester Schlaf (Sopor) ein,nach welchem sich eine mehrwöchentliche Geistesstörung mitdem Charakter der Exaltation einstellte.
Die Untersuchung ergab gleichmässige Abmagerung desganzen Körpers und namentlich beider unteren Extremitäten.Die Wunde, welche von der Mitte der vorderen Seite des Knochensvorbei und an der hinteren Seite des Schenkes wieder herausging,ist vollständig vernarbt und zeigt jetzt weder Verwachsungennoch sonstige Abnormitäten.
Beim verlangten Aufheben des linken Beines entstehtheftige Beugung der sämmtlichen Zehen, wie dieselbe willkürlichunmöglich bewirkt werden kann. Die Sensibilität des linkenUnterschenkels sowie dessen Wärme sind merklich vermindert.Die beiden Pupillen sind ungewöhnlich stark erweitert, undreagiren dieselben auf Lichtreiz äusserst schwach. Der Pulsmacht 90 Schläge in der Minute. Nach allem Vorstehendenkann es keinem Zweifel unterliegen, dass der ganz in der Nähedes Schusskanals verlaufende grosse Hüftnerv durch die Ver-narbung desselben, welche nothwendig mit Verwachsungen,Einschrumpfungen und Zerrungen verbunden war, selbst indiese hineingezogen worden und mehr oder weniger gezerrtund in seiner Lage beeinträchtigt werden musste.
Dies geht aus der fortdauernden Empfindlichkeit, dermangelnden Wärme und Sensibilität deutlich hervor. Es be-durfte nur geringer Anstrengung der unteren Extremitäten, umeine so bedeutende Reizung des wichtigen Nerven und Fort-pflanzung derselben auf das übrige Nervensystem hervorzurufen,wie sie auch wirklich stattgefunden hat. Die eingetretenenKonvulsionen sind sogenannte Reflexkrämpfe, welche durchReizung eines peripherischen Nerven und Fortpflanzung der-selben auf das Gehirn sehr häufig vorkommen.
Dass diese Zustände bei einem Mann, der sich bis zuseiner Verwundung immer der besten Gesundheit erfreut hatte