Band VIL
I. Abschnitt: Vorkommen traumatischer Epilepsie.
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von der linken Augenbraue horizontal nach hinten verlaufende
1 Zoll lange Wunde. Zwei Zoll hinter ihr fühlte man unter derHaut 2 kleine Fremdkörper, welche sich nach der Exzision als
2 Bleipartikel von Erbsengrösse erwiesen. B. kehrte am31. Januar 1871 geheilt zum Regiment zurück.
Auszug aus dem ersten Atteste der Irrenärzte Dr. Wendtund Dr. Jansen (?), de dato Altenburg, den 23. Juni 1873:
„Das eine der oben erwähnten Bleistückchen, flach undlose gelegen, wurde leicht entfernt, das andere, mit der Spitzenach dem Knochen zu ziemlich fest sitzende, nach wiederholtenBemühungen. Dementsprechend sind eine lineare und eine stern-förmige Narbe zurückgeblieben. Bald nach der Verwundungangeblich heftige reissende Schmerzen, die sich nach Exstir-pation der Fremdkörper zu Tage und Nächte anhaltender Be-wusstlosigkeit mit Delirien gesteigert haben sollen. Später mitfortschreitender Heilung Nachlass der Schmerzen, jedoch nichtgänzliches Schwinden, selbst bis jetzt, wo namentlich Druck aufdie Gegend der Narbe heftigen, stechend reissenden Schmerzerzeugt. Auch soll Dehnung der Schläfenkaumuskeln bei weitemOeffnen des Mundes, Gähnen, Lachen etc. meist von denselbenSchmerzen begleitet gewesen sein. Vom Militär gesund ent-lassen, will er später bei gebückter Stellung öfters die altenSchmerzen mit starkem Schwindelgefühl und Gehörshalluci-nationen gehabt haben. Im Frühsommer 1872 angeblich mehr-fach Tage lang bettlägerig mit wild benommenem Kopf. ImOktober 1872 als „völlig geisteskrank" in das Victoriastift zuInsterburg aufgenommen ; hier Auftreten kürzere oder längereZeit dauernder Exaltationszustände in unregelmässigen Zeit-räumen mit vorhergehendem, bis zur Unerträglichkeit sich stei-gerndem Schmerz in der linken Schläfe. Dabei lebhafte Gesichts-und Gehörshallucinationen, Pfeifen, Tanzen, Empfindlichkeitgegen Widerspruch, Toben. Mit Eintritt ruhigen Schlafs hörtdie Exaltation auf, alle übrigen Erscheinungen verlieren sichallmälig und lassen keinerlei Spur zurück bis zum Ausbrucheines neuen Anfalls, manchmal erst nach mehreren Wochen.(Med.-Rath Dr. Jauert.) Am 28. Dezember 1872 Aufnahme inAltenburg; während der anfallsfreien Zeit: klar, offen, jedochohne jegliches Bewusstsein über die Vorgänge während derExaltation. Veränderung schon nach einigen Tagen: laut, un-bescheiden, Gesicht und Konjunktiven geröthet. Schmerz in derSchläfe; er forderte entschieden Abhilfe und Hess sich willigeine ihm schon von früher bekannte Morphiuminjektion machen.Trotzdem Steigerung der Erregung bis zu ziemlich hohemGrade. Nach 6 bis 8 Tagen allmälige Rückkehr der Ruhe, be-gleitet von melancholischer Depression und Zweifel an Wieder-herstellung. Auch war die geistige Klarheit nicht ganz un-getrübt, so dass ihm z. B. über die Zeiten zwischen den einzelnenAnfällen die genaue Erinnerung fehlte. Wiederholung solcherAnfälle in Zwischenräumen von 14 Tagen, Dauer der Erregung5 bis 8 Tage, jedoch bei methodischer Morphium-Behandlungallmälige Abkürzung der Anfälle und Verlängerung der freienZeiten. Seit dem 1. April kein Anfall mehr; Zeit der Ruhe freivon Melancholie, offenes Wesen, deutliches Krankheitsbewusst-sein, Erinnerung an alles zwischen den Anfällen Passirte, nurnicht an die Anfälle selbst. Er ist fleissig bei ländlicherArbeit, geniesst möglichste Freiheit; Morphiumbehandlung seitAnfang April ausgesetzt. Es unterliegt keinem Zweifel, dassdie Geistesstörung des Br. mit der Verwundung am 23. De-zember 1870 in ursächlichem Zusammenhang steht und zwarauf Grund der Verletzung eines Astes des nerv, trigem., wahr-scheinlich des n. temporalis subcutaneus. Der Nerv ist in dieNarbe eingewachsen und durch die Narbenkontraktur derartiggezerrt, dass ein dumpfes unbehagliches Gefühl stetig vorhandenist, welches bei Druck auf die Narbe oder Zerrung derselbendurch Anspannung des mit ihr ebenfalls verwachsenen Kau-
muskels sich stets durch Reizung des Nerven zu stechendem,reissenden Schmerz steigert. Auch 1875 und 1876 sollen An-fälle epileptoider Tobsucht beobachtet sein. Von da an fehlendie Notizen über B., nur soviel scheint festzustehen, dass erheute (1883) in Gayzuhnen, Kreis Insterburg lebt und seinemHandwerk als Böttcher obliegt.
XXXI. Zerschmetterung des linken Scheitelbeins. Kopf-
schmerz, Schwindel, (iedächtnissschwäche. Anfälle
von vorübergehender Bewusstlosigkeit.
Dem Grenadier der 8. Kompagnie Grenadier - RegimentsPrinz Karl von Preussen (2. Brandenburg.) No. 12 WilhelmWoithe, welcher, 24 Jahre alt, am 11. Januar 1871 vor Le Mansverwundet wurde, stellte Stabsarzt Dr. Wolff am 4. September1871 folgendes Attest aus:
„Woithe hat genannten Tages in das linke Scheitelbein,etwa 2 Zoll oberhalb des Zitzenfortsatzes vom Schläfenbein,einen Gewehrschuss erhalten, der den Knochen zerschmetterteund eine langdauernde Gehirnerschütterung mit völlig auf-gehobenem Bewusstsein zur Folge hatte. Erstes Lazareth un-bekannt; später kam er nach Düsseldorf, Anfang März 1871nach Schönebeck, von wo er am 21. August 1871 zu seinemTruppentheil entlassen wurde. Während seines Aufenthalts inSchönebeck wurden mehrfach Knochensplitter aus der Wundeentfernt. An Stelle derselben ist gegenwärtig eine ungefähr1 Zoll lange, tief eingezogene und mit dem Knochen verwachsene,bei Druck noch empfindliche Narbe vorhanden. Der sonstblühend aussehende Kranke klagt über fortwährendes Flimmernvor den Augen, starke Kopfschmerzen, wüstes Gefühl im Kopfeund Schwindel. Der Gang ist unsicher und etwas schwankend;auch klagt W. über zeitweise auftretende reissende Schmerzen,besonders im rechten Unterschenkel. Die geistigen Fähigkeitendes Verletzten sind geschwächt, da er die vorgelegten Fragenzwar richtig, aber nur sehr langsam auffasst und ebenso langsamund abgebrochen beantwortet; indem er oftmals nach dempassenden Ausdruck sucht und denselben nicht finden kann,fängt er an zu stottern, was er vor seiner Verletzung keines-wegs gethan hat.
1875: Schmerzen in der rechten Kopf hälfte, Flimmern vordem rechten Auge, Schwindelgefühl und plötzlich eintretendeBewusstlosigkeit.
XXXII. Schuss gegen das linke Schläfenbein. Wahr-scheinliche Retention des Geschosses. Von Anfang anKopfschmerzen, Schwindel und häufig taumelnde Bewegung.Sommer 1877 Epilepsie. Beginn derselben etwa 6V2 Jahrnach der Verletzung. Psychische Schwäche.
Karl August Wilhelm Schugardt, am 11. Januar 1849geboren, erhielt als Musketier des Brandenburgischen Infanterie-Regiments No. 20 an seinem Geburtstage, dem 11. Januar 1871,in der Schlacht vor Le Mans einen Schuss gegen die linke Schläfe.Am 21. Februar 1871 verliess er geheilt das Lazareth zuPotsdam, kam zuerst zum Ersatz - Bataillon, später wieder zuseinem Regiment nach Frankreich. Wegen Aufbruchs der Wundewurde am 12. April seine Wiederaufnahme in das Etappenlazarethzu Bingerbrück nothwendig, von wo er erst am 1. Juni alsRekonvaleszent zur Ersatztruppe entlassen werden konnte. ImSeptember 1874 zeigte sich nach einem wegen der abermalsaufgebrochenen Wunde durchgemachten zweimonatlichenKrankenlager die ganze linke Schläfenseite durch eine leichtödematöse, bei Berührung höchst empfindliche Geschwulst aus-
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