12
I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band VII.
gefüllt. Eingangsöffnung der Kugel 2 cm über dem Jochbogenfest vernarbt. Klagen über Kopfschmerzen, Schwindelanfälle,taumelnde Bewegungen. Keine Lähmungserscheinungen. Der-selbe Befund 1875 und 1876. Im Sommer 1877 stellten sichunter Zunahme der Kopfschmerzen und des Schwindels periodischeKrämpfe mit Bewusstseinsverlust und zugleich eine gewissegeistige Schwäche ein. Beide sind bis heute unverändert ge-blieben und haben den Kranken sehr heruntergebracht. Ge-schwulst in der Schläfenseite in demselben Umfange wie früher.
XXXIII. Schusswunde der Scheitelbeine im Dezember 1870.
Kopfsehmerz, Schwindel bis 1873. Später psychische
Epilepsie.
Grenadier 3. Garde-Grenadier-Regiments Königin ElisabethKonstantin Winter, geboren am 3. März 1847, verwundetam 21. Dezember 1870 bei Le Bourget.
Die Kugel traf den Schädel an der Vereinigungsstelle derPfeilnaht mit der Kranznaht. Nach der Vernarbung konnteman einen fünfgroschenstückgrossen Knochendefekt nachweisen,von welchem aus eine strahlige Narbe nach abwärts verlief.Klagen über beständigen Kopfschmerz und Schwindel. W. er-hielt 1871 eine Stellung als Bahnwärter und war in seinemkörperlichen Befinden 1873 unverändert. Nach einem militär-ärztlichen Atteste aus dem Jahre 1876 hatte sich später eineso wesentliche Verschlechterung des Zustandes eingefunden, dàssseine Entlassung aus dem Verwaltungsdienste der Eisenbahnverfügt werden musste. Neben dem Schwindelgefühl und denKopfschmerzen waren,abwechselnd mitperiodischemBewusstseins-verlust, periodische Geistesstörungen mit maniakalischer Er-regung, welche eine längere Bewachung nothwendig gemachthatten, aufgetreten.
Das periodische Irresein konnte auch im Juli 1877 als nochbestehend angenommen werden.
XXXIV. (iranatsplitter gegen die Stirn am 19. Januar 1871.Epileptiforme Krampfanfälle, später übergehend inpsychische Epilepsie.
Lorenz Kein, geboren am 27. Februar 1839, ohneerbliche Disposition zu Nervenkrankheiten, litt nach der schrift-lichen Erklärung seines Lehrers während der Schulzeit nichtan Krämpfen, wurde im Jahre 1862 als Ersatzrekrut beim Mi-litär eingestellt und war von 1862 bis 1864 als Offiziersburschenach den Mittheilungen seines Herrn gesund und frei vonEpilepsie. Im Jahre 1865 fand er Stellung bei einem Maurer-meister, danach in anderem Dienste. Die Dienstherren bezeugtenschriftlich, dass ein epileptisches Leiden des Mannes von 1865bis 1870 zu ihrer Kenntniss nicht gekommen sei. R. hatteausserdem den Feldzug 1866 gegen Oesterreich mitgemacht.Im Jahre 1870 wieder eingezogen, rückte er als Kanonier der1 O.Kompagnie Brandenburgischen Festungs-Artillerie-RegimeutsNo. 3 ins Feld. Nachdem er durch eine in sein Quartier ein-schlagende Bombe heftig erschreckt worden und nächstdemüber Kopfschmerzen und Schwindel geklagt hatte, traf ihn am18. Januar 1871 ein Granatsplitter an die Stirn. Hiervon rührtedie spätere Narbe an der rechten äusseren Stirnhälfte in derGegend der Haarwuchsgrenze her, welche etwa 5 cm lang undnicht mit den unterliegenden Theilen verwachsen war. NachAussage seiner Frau wurde er etwa sechs Wochen nach been-detem Feldzuge von Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlustbefallen, aber nur Nachts.
R. nahm aufs Neue eine Stellung bei einem Bauunternehmeran, lief zu vier verschiedenen Zeiten ohne Motive von derArbeit fort.
1875 war er in der städtischen Irrenanstalt zu Berlin. EinAttest des Direktors Dr. Ideler sagt: „In den Zuständen ist ersehr ernst und zu Gewaltthätigkeiten geneigt, in der Zwischen-zeit ruhig und nur einen geringen Grad geistiger Schwächedarbietend."
XXXV. Granatverwundung des linken Scheitelbeines.Psychische Epilepsie.
Wehrmann Jakob Pütz — 5. Rheinischen Infanterie-Regiments No. 65 — geboren am 22. Mai 1842, erlitt am14. Oktober 1870 bei der Beschiessung von Verdun durcheinen Granatsplitter eine schwere Verletzung an der linkenKopfseite, woher eine Narbe rührt, welche sich gelegentlicheiner ärztlichen Untersuchung am 3. April 1882 auf der Höhedes linken Scheitelbeines, einen Querfinger von der Sagittalnahtentfernt, findet, etwa 4 cm lang und verschiebbar ist. Unterderselben ein seichter Knochendefekt; der Haarwuchs an derStelle etwas gelichtet. Während des Heilverlaufes, der etwa6 Wochen in Anspruch nahm, sollen wiederholt Knochensplitterentfernt worden sein. Nach Beendigung des Feldzuges sind,wie aus den Akten ersichtlich, zweifellose Zeichen periodischerGeistesstörung aufgetreten, so dass P. aus diesem Grunde ausseiner lohnenden Stellung in einer Papierfabrik entlassenwerden musste. Nach Angabe seines Vaters und verschiedenerOrtsinsassen äussert sich die anfallsweise auftretende Geistes-störung hauptsächlich darin, dass P. eine gewisse Unruhekundgiebt, Grimassen schneidet und laute Selbstgesprächeführt. Nach Alkoholgenuss sollen zeitweise auch Tobsuchts-anfälle auftreten. Wird er zu irgend einer Arbeit angehalten,so zeigt er sich willig und legt Hand an, plötzlich läuft erdavon und macht die unsinnigsten Gebehrden. Im Jahre 1881verliess er zwecklos das elterliche Haus und musste denSeinigen wieder zugeführt werden.
April 1882: P. klagt über einen permanent bestehen-den , dumpfen, zeitweise bis zur Arbeitsunfähigkeit sichsteigernden Schmerz in der linken Kopfhälfte. Fast all-abendlich treten Schwindel und Ohnmachtsgefühl ein, unddiese halten an bis zum Einschlafen.
Der Genannte ist im Uebrigen ein ziemlich kräftiggebautes Individuum, die Muskulatur leidlich entwickelt, derallgemeine Ernährungszustand ein befriedigender. An denOrganen der Brust und des Unterleibes ist nichts Abnormeszu konstatiren.
P. steht mit geschlossenen Augen, ohne zu schwanken.Die Zunge wird gerade hervorgestreckt. Patellarrefiex er-halten; leichtes Stottern der Sprache, angeblich seit 4 Jahrenbestehend. An den Händen keine Arbeitsschwielen.
Die an ihn über seine persönlichen Verhältnisse gerichtetenFragen werden, wenn auch in träger Weise, richtig beant-wortet.
XXXVI. Schusswunde des Hinterhauptes. Ein Jahrdarauf Epilepsie.
Der Gemeine Bartholomäus Ostheimer vom 3. Baye-rischen Infanterie - Regiment wurde am 8. Dezember 1870 beiBeaugency durch eine Kugel ans Hinterhauptbein getroffen.Mitte 1871 war die Wunde noch nicht völlig geheilt. In dertief eingezogenen, fest verwachsenen Narbe an der linken