Band VII.
I. Abschnitt: Vorkommen traumatischer Epilepsie.
Vereinigung mit dem rechten Scheitelbein, in Folge welcher Ver-letzung ein erheblicher Substanzverlust jenes Knochens entstand.Der Genannte wurde in Odenkirchen vom 24. August bis 29. Sep-tember 1870 behandelt. Schon hier traten heftige epileptische An-fälle auf, während die Wunde nach Ausstossung kleiner Knochen-stücke heilte. Am 4. Mai 1871 erscheint die Narbe als eineetwa groschengrosse Grube am Rande des Kopfhaares, die demhier nur sehr dünnen Stirnbein adhärent, auf Druck und beim Auf-liegen der Kopfbedeckung äusserst schmerzhaft ist, so dass P. sichgenöthigt sieht, die Mütze schief auf der linken Seite des Kopfeszu tragen. Desgleichen empfindet derselbe ab und zu, besondersbeim Bücken, Schwindel und wird von lebhaften Schmerzen ander rechten Seite des Schädels geplagt. Endlich soll er auchlaut ärztlichen Attests wiederholte epileptische Insulte in Folgeder Verwundung erlitten haben.
Am 25. Juli 1871: Epileptische Anfälle dauern fort. BeiBerührung der Narbe oder Bewegung des Kopfes tritt Schwindelund Blutandrang nach dem Kopfe auf. Zuletzt untersucht 1875durch Oberstabsarzt Dr. Fleck. Die Krampfanfälle bestanden fort.
XIX. Gewehrschuss gegen das linke Schläfenbein. Epilepsie.
Beginn während der Wundheilung.
Bernhard Behr, geboren den 21. Dezember 1849, Mus-ketier der 8. Kompagnie 6. Westfälischen Infanterie-RegimentsNo. 55, erhielt bei Gravelotte am 18. August 1870 ein Projektilgegen das linke Schläfenbein. Die hierdurch erzeugte Wundeeiterte lange und führte während der Behandlung des Mannesin dem Kruppschen Lazareth zu Essen, noch während sichKnochensplitter abstiessen, zu häufigen epileptiformen Anfällenund zu periodisch wiederkehrenden heftigen neuralgischenSchmerzen in der linken Kopfseite. Die Krämpfe hörten nachVernarbung der Wunde nicht auf. Die Narbe war eingezogen,theilweise dem Knochen adhärent und sass auf einem Knochen-defekte von dem Umfange einer Fingerspitze.
XX. Granatsplitter an das Hinterhaupt. Am 40. Tage
darauf erster epileptischer Anfall.
Friedrich David, 27 Jahre alt, Gefreiter im 3. Nieder-schlesischen Infanterie-Regiment No. 50, ging aus dem Ausfalls-gefecht bei La Malmaison am 21. Oktober 1870 dem Schloss-lazareth in Versailles mit einer durch Granatsplitter entstandenenwallnussgrossen Wunde am Hinterhaupte zu. Die Wunde er-streckte sich von unten und rechts nach oben und zur Mittel-linie des Schädels und hatte einen geringen Verlust an Knochen-substanz bewirkt. Nach der Heilung wurde Patient nach Ham-burg und von dort nach Posen evakuirt. Auf der letzten Reiseerkrankte er am 30. November 1870 im Eisenbahnwagen anepileptischen Krämpfen und fand dieserhalb im Lazareth zuMarburg Aufnahme. Dort entzündete sich die Umgebung deraufgebrochenen Wunde; es trat erysipelas capitis et faciei hinzu.Auf die Krämpfe hatte diese interkurrente Krankheit keinengünstigen Einfluss, eher einen ungünstigen, da sie in Marburgsehr häufig beobachtet wurden.
Im Jahre 1875 bestand die Epilepsie weiter. D. lebt zurZeit (1883) in Maerzdorf.
XXI. Schmerzhafte Narbe an der Stirn. Schwindel, Ver-dunkelung des Gesichtsfeldes, Bewusstlosigkeit. Beginn
der Epilepsie 4 Monate nach der Verwundung.
Füsilier Karl Friedrich Wilhelm Wegener, 3. Branden-burgischen Infanterie-Regiments No. 20, bei Beginn des Feldzugs
Sanitïts-Bericht aber die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
21 Jahre alt, wurde am 16. August 1870 in der Schlacht vonVionville durch einen Granatsplitter an der Stirn und an derrechten Brusthälfte verwundet. Am 10. Dezember desselbenJahres konnte er geheilt von Neuem seinem Truppentheil über-wiesen werden.
Es stellte sich aber alsbald heraus, dass er dem Dienstenicht mehr gewachsen war. Er bekam selbst bei massigenAthemzügen heftige Schmerzen in der mit dem Knochen ver-wachsenen Stirnnarbe, Schwindelgefühl, Schwarzsehen und Ohn-mächten, an welche sich jedesmal ziemlich anhaltender Kopf-schmerz anschloss, und musste im November 1871 als Invalideentlassen werden.
Nach angestellten polizeilichen Recherchen besteht dieserKrankheitszustand noch unverändert fort.
XXII. Schuss gegen das linke Schläfenbein am 6. August1870. Epilepsie. Leichte Form.
Die Verwundung betraf den Musketier der 5. Kompagnie2. Hannoverschen Infanterie - Regiments No. 77, BernhardAnton Mörseler, geboren am 25. Juli 1845. Die Aktenenthalten über ihn nur Folgendes: Von der Verwundung rührteine adhärente Narbe am linken Schläfenbein und ein geringerSubstanzverlust dieses Knochens her. Der Verletzte hattebereits 1871 bei steten Klagen über Schmerzen in der Narbewiederholte Anfälle von Bewusstlosigkeit. Zur Feststellungseiner Aussagen über den Fortbestand des Leidens wurde er imNovember 1873 in das Garnison - Lazareth zu Wesel auf-genommen. Eine 17tägige Beobachtung verlief resultatlos.Zwei Jahre später fand eine erneute Untersuchung statt.Die Zeugnisse seiner Brotherren sowie sein blasses und leiden-des Aussehen führten zu der Ueberzeugung, dass seine An-gaben über Schmerzen im Kopfe, Schwindel und kurze, vor-übergehende Anfälle von Bewusstlosigkeit allen Glaubenverdienten.
XXIII. Stirnverletzung. Epilepsie mit Aura von der
Narbe.
Den Gefreiten 2. Schlesischen Grenadier-Regiments No. 11Carl Wegener, 21 Jahre alt, trafen am 18. August 1870bei Mars la Tour zwei Kugeln, von denen die eine in denrechten Oberschenkel drang, den nerv, saphen. major und denKnochen, die andere das Stirnbein dicht über dem linkenAuge verletzte. Im elterlichen Hause zu Altona, in welcheser am 26. August evakuirt wurde, schwoll die verwundeteStelle an der Stirn an, zeigte grosse Empfindlichkeit und riefKopfschmerzen, Schwindel und Krampfanfälle hervor. Patientkam dadurch sehr herunter. Er war Ende 1873 abgemagertund von kränklichem Aussehen. Dicht unter dem linkenAugenbrauenbogen fühlte man zwei Exostosen von Kirsch-bezw. Ilaselnussgrösse. Ueber ihnen war die Haut geröthet,zwischen ihnen in ein adhärirendes Narbengewebe verwandelt,welches bei Berührung grosse Schmerzhaftigkeit zeigte. DerKranke klagte über ein Gefühl von Druck im Kopfe undGedächtnissabnahme. Nach Aussage seiner Pflegemutterstellte sich alle 24 Stunden ein Krampfanfall ein, welchen)Herzklopfen, Schwindel und vermehrte Empfindlichkeit derNarbe, Gesichtsröthe, erschwertes Athmen voraufging. ImAnfang schwand das Bewusstsein, das Gesicht und sämmtlicheExtremitäten zuckten. Nach 1 /i — Va stündiger Dauer endeteein Seufzer und das Hingreifen an die empfindliche Narbedie Attacke. Der Zustand war 1874 unverändert.