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I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band VII.
der Fallsucht aufmerksam machte. Vor Allem beschuldigteer diejenigen Schwindelanfälle, welche ohne materielleBasis in unregelmässigen Zwischenräumen wiederkehren,der Zugehörigkeit zur Epilepsie. Unter den Feldzugs-invaliden befinden sich 138 Individuen, welche nach Ver-letzungen des Schädeldaches über periodischen, gradweiseverschiedenen Schwindel klagten. Derselbe war häufigermit Zittern der Glieder, mit Herzklopfen, mit Störungender Verdauung verbunden und von minuten- bis tagelangerBenommenheit des Kopfes gefolgt als schnell entstehend undohne Nachtheil vorübergehend. Es fielen in die Konturendes Scheitelbeins . . . G4 Wunden,
„ Stirnbeins .... 36 ,,
„ Hinterhauptbeins . . 19 „
„ Schläfenbeins ... 15 „unbestimmter Knochen 4 „
Nur zweimal rührten die Verletzungen von Säbelhiebenher, welche das Schläfen- bezw. Hinterhauptbein getroffenhatten und beide Male in den Knochen gedrungen waren.Viermal hatte ein Sturz auf den Kopf stattgefunden undjedesmal entweder eine Depression des Knochens odergleichzeitig eine Zerreissung der Weichtheile mit sich ge-bracht. Alle übrigen 132 Wunden verdankten Granat-oder Gewehrschüssen ihre Entstehung, waren nur 4 maloberflächlich, 128 mal aber mit einer mehr oder wenigerumfangreichen Knochenläsion komplizirt gewesen, in Folgederen sich die Narben verwachsen, verbildet, vertieft undgespannt erwiesen. Eine Kontrole über den Bestand derSchwindelanfälle wurde mitunter über Jahre hinaus durchglaubwürdige Wahrnehmungen dritter Personen ermöglicht.Schon ein Blick auf die Ueberschriften der nachstehendenKrankengeschichten reicht aus, den so entstandenenSchwindelanfällen durch ihren allmäligen Uebergang inechte Paroxysnien ihren epileptischen Charakter zu wahren.Für Militärärzte ist diese Thatsache um so beherzigens-werther, als bei der Untersuchung solcher mit Schädel-narben behafteter Personen den subjektiven Klagen einfrisches, blühendes Aussehen, ein guter Ernährungszustand,eine kräftige an die Arbeit gewöhnte Muskulatur oft geradezuzu widersprechen scheint. Man darf aber nicht unbeachtetlassen, dass, wie für die vollendete Epilepsie, so auch für denepileptoiden Schwindel, das Wohlbefinden während derIntervalle die Hauptsache im Krankheitsbilde darstellt.
So häufig übrigens der Uebergang des einen leich-teren in den anderen schweren Erkrankungszustand zusein scheint, — die Regel bildet er nicht. Vielmehr ver-bleibt es noch öfter unter den neuropathisch nicht be-lasteten Personen des Soldatenstandes bei dem blossenperiodischen Schwindelgefühl als Folgeerscheinung eineräusseren Schädelnarbe. Aber selbst ein mehrjähriges Frei-bleiben von den Uebergangsformen der Epilepsie und derausgesprochenen, durch den Bewusstseinsverlust markirtenKrankheit selbst gewährt nur eine trügerische Sicherheit.Helm (XXXVIII) klagte 2, Sostmann (XXIV) 3, Schugardt
(XXXII) gar 6'/2 Jahre über Schwindel, ehe ihn der ersteepileptische Anfall überraschte. Nicht unwahrscheinlich, aberunbewiesen ist es, dass in diesen und ähnlichen Fällen nochandere, vielleicht psychische Momente den ersten Paroxysmusauslösen.
Die Richtigkeit der Griesinger'schen Ansicht vondem „epileptischen" Schwindel wird auch durch den ge-lingen Prozentsatz der Heilungen unter den Feldzugs-invaliden bestätigt. Es herrscht keine Meinungsverschieden-heit darüber, dass die Prognose der Epilepsie in all' ihrenFormen von der leichtesten bis zu der schwersten cpioadvaletudinem eine schlechte ist. Kann man überhaupt vongünstigen Aussichten reden, so haben nach der Ueber-zeugung der Autoren die aus peripheren Ursachenveranlassten Arten dadurch, dass zuweilen das ätiologischeMoment beseitigt werden kann, noch die besten Heilungs-chancen. Wo die Ursache aber fortbesteht, hält auch dieWirkung an. Von einer nachträglichen Operation an denSchädelnarben der 132 an Schwindelanfällen leidenden In-validen, zum Zweck der Beseitigung des Nervenreizes, istin den Akten nichts zu lesen. Vielmehr lassen die militär-ärztlichen Untersuchungen, welche durchschnittlich 4 Jahrehindurch, vielfach aber noch weit länger, alljährlich ein-auch zweimal wiederholt wurden, an der unverändertenBeschaffenheit des Narbengewebes keinen Zweifel. Be-trachtet man die Mehrzahl der subjektiven Angaben derInvaliden als unbeeinflusst durch äussere Motive, so befindensich unter den Schwindelanfällen nach den 4 Weichtheil-schüssen 2, nach den 128 Knochenschüssen 8 Heilungen.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Mitchellaus dem Amerikanischen Sezessionskriege keines Falles vonsekundärer Epilepsie nach Schussverletzung eines peripherenNerven Erwähnung thut,') während, wie Fischer erzählt,unter 98 Pensionären mit Kontusionen des Schädel-knochens 9, und unter 69 Pensionären, welche grössereSplitter- und Sequesterextraktionen der Kopfknochen er-fahren hatten, 14 Epileptische sich befanden.
Nach den vorstehenden Erörterungen dürfte bei einemTheil der letzten Kategorie die Epilepsie als Folgekrankheitder traumatischen Läsion eines peripheren Nervenabschnitteszu betrachten sein.
XVIII. Schuss ans Stirnbein. Frühestens 6 Tage danachEpilepsie zu einerZeit, als die Wunde noch nicht geheiltwar.
Der Füsilier vom Magdeburgischen Füsilier-Regiment No. 36Ferdinand Prüfer, am 19. September 1848 geboren, erhieltam 18. August 1870 bei Gravelotte einen Gewehrschuss auf dasrechte Stirnbein nahe dessen äusserem oberen Winkel und seiner
J ) im Allgemeinen lässt sicli überhaupt weder aus der Tetanus-statistik noch aus anderen Kapiteln der medizinischen Geschichtedes Krieges jenseits des Oceans die von Neftel behauptete ange-borene Schwäche und Widerstandslosigkeit des Nervensystems undweiterhin eine gesteigerte Disposition der Amerikaner zu nervösenErkrankungen folgern.