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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
7
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Band VIL

I. Abschnitt: Vorkommen traumatischer Epilepsie.

langen Zwischenraum, welcher von 8 Monaten bis 6 Jahrenschwankt, gekennzeichnet.

Die sekundäre Epilepsie im Anschluss an alle die-jenigen äusserlich sichtbaren Verwundungen der Schädel-knochen und ihrer Bedeckungen, welche eine gleichzeitigvorhandene gröbere Hirnläsion klinisch nicht erkennenlassen, unterliegt einer verschiedenen Deutung. Derherrschenden Ansicht entspricht es am meisten, in solchenFällen die Krankheit zunächst von einem pathologischenReizzustand des verletzten peripheren Nerven abzuleiten.

Diese Voraussetzung wird um so wahrscheinlicher, wenndie Existenz eines solchen Reizzustandes durch subjektiveoder objektive Symptome zweifellos festgestellt ist. Sub-jektiv machen sich im Ausbreitungsbezirk des affizirtenNerven schmerzhafte Sensationen, objektiv klonische odertonische Muskelzuckungen bemerklich. Dabei ist es leichtverständlich, dass frische offene Wunden weniger als inder Vernarbung begriffene und vernarbte für die Her-stellung des Reizes geeignet sind. Die in das Narben-gewebe gebetteten Nervenfäden werden durch äussereEinflüsse gezerrt, durch zurückgebliebene Fremdkörper ge-quetscht, durch Neubildungen an ihren Enden und in ihrerUmgebung gedrückt. Wie die Erfahrung lehrt, bringt derperiphere Reiz aber erst durch eine gewisse ununter-brochene Dauer oder durch häufige Wiederkehr die cen-trale epileptische Veränderung zu Stande, so dass zwischendem Tage der Verwundung und dem Tage des ersten An-falls eine geraume Zeit verstreicht. Der Krampfanfall wirddann von einer, mit der in der Zwischenzeit vorwiegendbeobachteten Reizerscheinung identischen Aura eingeleitet,welche in gleicher Beschaffenheit und in gleicher Konstanzallen folgenden Anfällen voraufgeht. Zuweilen kommt esauch vor, dass im Verlauf der vollentwickelten Krankheitein künstlich angebrachter Reiz, z. B. ein Druck auf dieNarbe oder den eingeheilten Fremdkörper, Applikation deselektrischen Stromes an entsprechender Stelle u. s. w., denAnfall produzirt. Je mehr von diesen Eigenthümlichkeitenden einzelnen Fall auszeichnen, um so grösser die Wahr-scheinlichkeit, dass er auf eine periphere anatomischeNervenläsion zurückzuführen ist. Diese Deutung findet auchdurch die Mehrzahl der nachfolgenden Krankengeschichteneine wesentliche Unterstützung.

Dennoch kann sich die Statistik des Feldzuges mit 'dieser Erklärungsweise allein nicht zufrieden erklären. Sieverlangt eine Aufklärung des Missverhältnisses, welcheszwischen der Häufigkeit der Reflex-Epilepsie nach Ver-letzungen des Schädeldaches und seiner Umhüllungen gegen-über der Epilesie nach Verwundungen des Rumpfes und ider Gliedmaassen besteht. Nach dem dieser Arbeit zu :Grunde liegenden Material hatten von 03 kriegsinvalidenEpileptikern die vier letzten Fälle der Kasuistik sindaus erklärlichen anamnestischen Gründen nicht mitgerech-net 46 Verletzungen des Kopfes, 17 des Rumpfes undder Extremitäten davongetragen. Scheidet man die 17

ersten Beobachtungen und den Fall Beinhauer als zu derrein cerebralen und symptomatischen Epilepsie gehörig ausund vertheilt den Gesammtrest nach Körperregionen, soentfallen auf Wunden des Kopfes 28, und zwar desSchädels 25, des Gesichts 3, auf Hals- und Rumpf-verletzungen 5, auf Wunden der Oberextremitäten 5, derUnterextremitäten 7 Fälle. Eine prozentarische Zusammen-stellung mit der Anzahl der Verwundungen überhaupt(nach Ausschluss der Gestorbenen) ergiebt

auf 8 985 Kopfwunden.......28 = O.si pCt.

11091 Hals- und Rumpfverletzungen . 5 = Ü.0430 700 Wunden der Oberextremitäten . 5 = O.oie35 670 der Unterextremitäten 7 = O.oa

Ganz abgesehen vorläufig von der unbewiesenen Mög-lichkeit der sekundären Epilepsie nach Verletzungen reinmotorischer Nerven, nimmt in der Häufigkeitsskala der ge-troffenen sensiblen bezw. gemischten Nerven der Trigeminusden ersten Platz ein. In seinem Gebiet liegen von den 28Kopfwunden 24. Die Reflexepilepsie schliesst sich, wie be-kannt, mit Vorliebe gerade den traumatischen Läsionen desQuintus und Ischiadicus an. Allein ein Vergleich zwischen derZahl der epileptischen Nachkrankheit nach Schussverletzungendes einen und des anderen Nerven und den Verzweigungenbeider fällt doch so sehr zu Ungunsten des Trigeminus aus, dasshier für das Zustandekommen der sekundären Erkrankungnoch andere Umstände ins Spiel kommen müssen. Amnächsten liegt es, dabei zuerst an solche durch die Ver-wundung hervorgerufenen Veränderungen des Hirns undseiner Adnexa zu denken, welche sich der klinischenDiagnose entziehen. Das scheint wohl immer erlaubt zusein, wenn sich, wie bei Woithe (XXXI), unmittelbar andas Trauma Cerebralerscheinungen reihen.

Aber noch ein anderer Nachtheil der Schussverletzungendes Schädels kommt für ihre Epilepsie erzeugende Prädilektionin Betracht. Die den Knochen treffenden Granatsplitter undGewehrprojektilehinterlassen vielfach unregelmässig geformteWunden und fast immer wegen der geringen Dicke derweichen Bedeckungen eingezogene, festhaftende, stern-förmige Narben, welche durch denZug derbenachbarten Weich-theile und durch Druck gegen eine harte Unterlage, zumal unterMitwirkung äusserer Einflüsse, ungewöhnlich leicht gereiztwerden. Dieser Auffassung entspricht die Thatsache, dassfast in allen Fällen ausgesprochener Epilepsie nach Schädel-schüssen der Knochen wirklich mit getroffen war. Undsollte nicht auch die geringe Neigung der durch scharfeWaffen gesetzten Hiebwunden des Kopfes zur Produktionepileptiformer Zustände der guten Narbenbildung zudanken sein? Die hervorragende Betheiligung der Narben-bildung bei Erzeugung der Reflex-Epilepsie wird noch aul-fallender, wenn man in den Bereich dieser Betrachtungdie nach Verwundungen des Schädeldaches zurückge-bliebenen sogenanntenepileptoiden" Zustände hineinzieht.Griesinger war der Erste, welcher auf die nahe Ver-wandtschaft gewisser unbestimmter Krankheitsbilder mit