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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
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I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.

Band "VTI.

XVI. Schussfraktur des rechten Scheitelbeines. Parese

der linken Körperhälfte. Zuerst Konvulsionen im linken

Arm und linken Bein, dann etwa l'A Jahre nach der

Verletzung ausgesprochene Epilepsie. Tod.

Der Musketier Rudolf Heine, 3. Kompagnie Infanterie-Regiments No. 20, wurde am 24. November 1870 im Gefecht |bei Neuville am vorderen oberen Winkel des rechten Scheitel- !beines durch einen Gewehrschuss verwundet, welcher den Knochen |theilweise zersplitterte, so dass sogleich ein grösseres Stückdesselben entfernt werden musste und später noch sechs kleinereSplitter sich abstiessen. Der Genannte befand sich nach derVerletzung einige Tage in einem betäubten Zustande, konntemehrere Wochen nur undeutlich sprechen, das Seh- und Gehör-vermögen der linken Seite war herabgesetzt, die gleichnamigenGliedmaassen zeigten eine lähmungsartige Schwäche. Auf derEvakuationsfahrt nach Deutschland überstand er ein Erysipelascapitis. Während der nun folgenden Behandlung wurden diegenannten Krankheitssymptome bis auf die Schwäche der Ex-tremitäten beseitigt, so dass Oktober 1871 folgender Zustandbestand: Die von der Verwundung zurückgebliebene Narbe istzwei Zoll lang, einen Zoll im Mittelpunkt tief, mit dem Knochenfest verwachsen. Dieselbe erzeugt bei der Berührung und beikörperlichen Verrichtungen, welche eine Bewegung des Ober-körpers bedingen, Schmerz, Spannung und Zerrung, behindertselbst das Kauen, Husten, Niesen etc. und veranlasst denKranken, den Kopf stets in gerader Richtung zu haltenund vorsichtig aufzutreten. Die Schwäche der linksseitigenGliedmaassen besteht fort, das linke Schultergelenk ist durchMuskelkontraktur in dem Grade steif, dass der betreffende Armaktiv nur bis zur horizontalen Lage gehoben werden kann. Derpassiven Weiterführung sowie der Vor- und Rückwärtsbewegungdesselben stellt sich ein nicht zu überwindendes Hindernissentgegen. Die Ernährung der genannten Extremitäten hatbedeutend gelitten, die Muskulatur derselben ist schlaff, derUmfang in der Mitte des Oberarmes um 2 cm, des Vorderarmesum 3 cm, über der Mittelhand um 1 cm, in der Mitte des Ober-schenkels um 4 cm, des Unterschenkels um 2 cm und über demMittelfuss um 1 cm im Vergleich zu den rechtsseitigen Ex-tremitäten vermindert.

Ein ärztliches Attest vom 11. Mai 1872 bekundete, dassH. zwei Tage vorher von Zuckungen des linken Beines undlinken Armes befallen sei. Im Juli desselben Jahres fand erAufnahme im Garnisonlazareth zu Berlin, woselbst Ende Augustein epileptischer Anfall mit Bewusstlosigkeit ärztlicherseitsbeobachtet wurde.

Im Uebrigen fand sich um dieselbe Zeit kurz nachstehenderBefund: in der vorderen Hälfte des rechten Scheitelbeines, naheder Pfeilnaht, eine etwa 3 bis 4 cm lange Depression desknöchernen Schädeldaches, welche bis auf ein ungefähr linsen-grosses Stück an der tiefsten Einsenkung, dicht neben dem steilabfallenden äusseren Rande, mit einer schwieligen Narbe bedecktist. Aus dieser noch nicht vernarbten Stelle kommt ein dünnerstark riechender Eiter. Beim Gehen au einem Stocke wirddas linke Bein nachgeschleppt; beim Auftreten soll ein Gefühlvon Taubsein in der Fusssohle vorhanden sein. Hüft- und Knie-gelenk dieser Seite können aktiv bewegt werden, während diesbeim Fussgelenk angeblich nicht der Fall ist. Bei passivenBewegungen dieses Gelenks bekommt Explorand starkes Zittern(Fussphänomen?). Der linke Arm kann aktiv nicht vollständiggehoben werden; der Druck der Hand ist links viel schwächerals rechts, die Sensibilität in den linken Extremitäten herab-gesetzt, die Ernährung derselben wenig beeinträchtigt.

H. ist später gestorben.

XVII. Schuss in den Schädel. Einseitige Parese und

einseitige Konvulsionen. 6 Jahre nachher allgemeine

Krämpfe mit Bewusstseinsverlust.

Der Füsilier KarlJentsch, 10. Kompagnie WestfälischenInfanterie-Regiments No. 37, bekam am 6. August 1870 beiWörth einen Schuss in den Kopf. Das Geschoss drang 5 cm ober-halb des rechten Ohres in das Scheitelbein ein und wurde nichtaufgefunden. Die linke Körperhälfte war gelähmt. Da dieWunde sehr langsam unter Abstossung von Knochensplitternheilte und die Lähmungserscheinungen nur allmälig, wenn auchnicht vollkommen, zurückgingen, so konnte J. erst im Juni 1871aus der Lazarethbehandlung entlassen werden. Zu dieser Zeitsah man an der beschriebenen Stelle des Scheitelbeins einefünfpfennigstückgrosse, dreieckige, einen halben Centimentertiefe, verwachsene Narbe. Der Verletzte spürte in der linkenGesichtshälfte und Hand ein Gefühl von Kriebeln, hatte beiBewegungen Blutandrang nach dem Kopf und Schwindel, oftso stark, dass er sich halten musste, um nicht hinzufallen.

1872 sowie in den drei folgenden Jahren plagten den Ver-wundeten Konvulsionen der linken Seite, zu welchen 1874unter Zunahme der Schwäche auch noch eine Abmagerung derlinken Seite getreten war. Von Anfang 1876 litt J. an täglichenepileptischen Krämpfen.

In den beiden letzten Fällen (XVI, XV11) gingender Epilepsie unilaterale Convulsionen der gelähmten Körper-hälfte vorauf, welche bei Jentsch erst nach mehrjährigemBestehen in ausgesprochene Epilepsie ausarteten. Berg(XIV) hatte 4 Jahre nach dem erlittenen Kopfschusseine den Krampfanfall einleitende Aura von der Narbeaus, so dass es unentschieden bleibt, welcher Causalnexuszwischen der Epilepsie und einerseits der peripheren Ver-letzung, andererseits dem doch wohl mit Sicherheit ausder chronischen Parese der linken Unterextremität zufolgernden organischen Hirnleiden besteht. Bei Eigen-willig (XII), Flechsig (XIII), Bauer (XV) liegen unzweifelhaftHerderkrankungen vor.

Die von der Kugel erzeugte Knochendepression riefbei Becker (XI) eine halbseitige Parese hervor. Daletztere nur einen kurzen Bestand hatte, so liegt der Ver-muthung nichts im Wege, dass sie eine blosse Wirkung desHirndrucks war, welcher von dem nach innen vorgetriebenenKnochen herrührte. Dass der Eitererguss auf der Aussen-fläche der Dura mater bei Schmidt (X) bleibende Nachtheilehinterlassen, ist in Anbetracht der langen Krankheitsdauernicht unwahrscheinlich, deswegen auch die Annahme einesZusammenhanges zwischen Epilepsie und chronischer intra-kranieller Erkrankung bei dem Genannten nicht unstatt-haft. Fraglicher erscheint diese Abhängigkeit bei Gla-disch (IX), zumal, abgesehen von der nicht zweifel-freien Erklärung der den epileptischen Krämpfen vorauf-gegangenen Störungen, der frühe Eintritt des ersten Anfallsmehr an die zuerst beschriebene Form der Epilepsie erinnert.

Die übrigen aufgezählten Beispiele symptomatischerEpilepsie sind durch den zwischen Verwundung und Aus-bruch der vollkommen ausgebildeten Krankheit liegenden