Band VII.
I. Abschnitt: Vorkommen traumatischer Epilepsie.
Wunde heilte mit Hinterlassung von Lähmungserscheinungenan der rechten Gesichtshälfte und an den rechtsseitigen Ex-tremitäten sowie mit linksseitiger Schwerhörigkeit. Dazu tratenSchwindelanfälle und vom Jahre 1873 ab epileptische Krämpfe.
XIV. Prellschuss am rechten Scheitelbein. Schwächedes linken Beines. Knochendepression. Andauernde Kopf-schmerzen und Schwindelgcfühl. Auftreten des erstenepileptischen Insultes 8'/ 2 Monate nach der Verwundung.
Heinrich Karl Friedrich Berg, geboren in Tytus 1843,Jäger bei der 4. Kompagnie Jäger-Bataillons No. 14, wurdeam 2. Dezember 1870 bei Bazoches les Hautes durch Gewehr-schüsse zweifach verwundet. Eine Kugel durchbohrte nachArt eines Streifschusses auf der Höhe des inneren Randes desrechten Scheitelbeins, l'/a Zoll von der Pfeilnaht entfernt, dieWeichtheile und zersplitterte den darunterliegenden Knochen.Gleich nach der Verwundung war B. besinnungslos, hat abernicht gebrochen. Am 7. Dezember gab er an, im linken Beineschlechter zu fühlen, seine Angabe konnte jedoch objektiv nichtunterstützt werden. Motorische Lähmungen fehlten gänzlich.Die Wunde am Scheitelbein hatte eine Länge von 2,5 cm undeine Breite von 2 cm. Der rauhe Knochen war in der Mittedieser Wunde tief eingedrückt. In dieser Vertiefung lag Eiter, dersich mit dem Pulse isochron hob und senkte. Am 14. Januar 1871fühlte die Sonde beweglichen Knochen. Es wurde daher dieWunde erweitert und das ganze eingedrückte Stück in vierTheilen entfernt. Eine Lamina vitrea war an keinem derselbenwahrzunehmen. Das andere Geschoss durchsetzte haarseilartigdie oberflächliche Muskulatur am oberen Drittel des linkenOberarmes, einen etwa zweizölligen Schusskanal hinterlassend.Letztere Verwundung ist, so führt eine Untersuchung vom12. September 1871 aus, ohne spätere Störung der Funktiondes Gliedes in angemessener Zeit verheilt. Die Schädelwundeschloss sich erst Anfang Juni 1871 und hat eine fast fünfLinien tiefe, die Spitze des Zeigefingers aufnehmende Knochen-lücke hinterlassen, die in ihrem Grunde theils von knöcherner,theils von derbhäutiger Narbensubstanz geschlossen erscheint.Wie B. nachträglich behauptet, hat sich gleichzeitig mit derVerwundung eine in erster Zeit hochgradige, später allmäligabnehmende Lahmheit des linken Beines eingefunden, die sichEnde 1871 noch als Mangel an Kraft und Ausdauer des Gliedesund durch ein Gefühl von Einschlafen äussern soll, ohnedass das Glied an Umfang und Ernährung sichtlich gelittenhätte. Ausserdem ruft andauernd gebeugte Stellung höchstlästige Kopfschmerzen hervor. Nachdem der Verwundete übervier Wochen zur Reserve in die Heimath entlassen gewesenund sein Gewerbe (Fischerei) wieder aufzunehmen begonnen,traten plötzlich kurz nacheinander sich wiederholende, mitziehenden Schmerzen im linken Bein und Verlust des Bewusstseinsverbundene Krampfanfälle am 20. Juli 1871 auf, an denenB., wie amtlich erwiesen, nie vorher gelitten. Sie kehrteninnerhalb der nächsten Tage noch mehrmals aber schwächerwieder und wurden durch Attest eines herbeigeholten Civil-arztes, welcher den Zustand allerdings erst in seinen Ausgangs-symptomen beobachtete, als epilepsieartig erkannt.
1873:^ Knochendruck am Scheitelbein so tief, dass manbequem die Kuppe des Zeigefingers hineinlegen kann. Fort-bestehen der Epilepsie. Schwäche des linken Beins.
1874: Zustand gebessert, jedoch immer noch erheblicheSchwäche des linken Beines und häufige Schwindelanfälle.
1875: Die tiefe Narbe am Schädel ist bei Berührungschmerzhaft, bei den leichtesten Bewegungen der behaarten Kopf-
haut stets von Neuem gereizt und verursacht dann entwederSchmerzen, Schwindel oder Bewusstlosigkeit und klonischeKrämpfe.
1876 weicht die ärztliche Untersuchung wenig von derletzten ab. B. ist am Leben und wohnt in Teschow.
XV. Schrotschuss gegen Schläfen- und Hinterhauptsbein.Bewusstlosigkeit. Halbseitige Lähmung und Sprach-störung. 9 Monate darauf Epilepsie.
Karl Friedrich Franz Bauer, geboren im September1847, ging als Gefreiter des 1. Garde-Ulanen-Regiments in denFeldzug. Am 22. Oktober 1870 wurde er im Gefecht bei Vernondurch einen Schrotschuss gegen die linke Seite des Kopfes amSchläfenbein, zwei Finger breit über dem äusseren Gehörgang,und am Hinterhauptbein derartig verwundet, dass er sofortbewusstlos zu Boden stürzte. Von allen Vorgängen der beidenfolgenden Monate, so lautet das militärärztliche Attest vom17. August 1871, weiss er gar nichts, von der späteren Zeithat er auch nur eine dunkle unklare Erinnerung. Man kannnoch heute eine Vertiefung im Schläfenbein vom stattgehabtenSubstanzverlust des Knochens an der Schussstelle, und in derKopfhaut hier und am Hinterhaupt die Narben der Verletzungenwahrnehmen.
Durch das Zeugniss seiner Kameraden und die zugegangenenKrankheitsjournale ergiebt sich, dass er bewusstlos bald nachseiner Verwundung nach Gisors gebracht worden ist. Seingegenwärtiger Zustand ist folgender: er versteht zwar die anihn gestellten Fragen, kann aber oft die Worte zur Antwortnicht finden und verfällt sodann in ein blödsinniges Lächeln,die Zunge erscheint gelähmt; die Worte werden deshalb mehrunartikulirten Lauten gleich hervorgestossen ; er erkennt dieeinzelnen Buchstaben, kann ein Wort zusammensetzen, verliertaber den Begriff und das Verständniss bei mehreren aufeinander-folgenden Worten, so dass ihm das Lesen unmöglich ist. Körperlichmacht sich in Folge der geschilderten Schussverletzungen amKopf eine Lähmung des rechten Armes und des rechten Beinesin der Weise bemerklich, dass der Arm im Ellenbogengelenkhalb gebeugt hängt, das Handgelenk nach der Beugeseite ver-zogen und sämmtliche Finger krampfhaft eingeschlagen sind,welche fehlerhafte Stellungen nur mit Gewalt und nur für solange, als dieselbe angewandt wird, verändert werden können.Er selbst durch seinen Willen kann weder den Arm ganz indie Höhe bringen noch im Ellenbogengelenk und im Hand-gelenk gerade richten, ebenso wenig die Finger ausstrecken.Die Empfindung in der rechten oberen Extremität hat gleichfallsetwas gelitten. Die Ernährung der Schulterblatt- und Arm-muskeln fühlbar geringer; Temperatur herabgesetzt. Dasrechte Bein schleppt beim Gehen nach, Bewegungen unsicher,Gang taumelnd, schwankend. Empfindung etwas gelähmt,Temperatur kühler. Zu diesen Leiden haben sich seit derRückkehr aus Rehme, wo er vom 6. bis 20. Juli war, nochepileptische Anfälle gesellt, deren letzter am 16. August 1871ärztlich konstatirt ist.
Am 27. Juli 1872: Arm unverändert, das rechte Bein istnach aussen rotirt und scheint gleichsam luxirt zu sein, beimGehen wird dasselbe nachgeschleppt. Bewegungen und Streckungenunvollständig und unsicher, Gang taumelnd und schwankend,nur mit Hilfe eines Stockes auf kurze Strecken möglich.Temperatur und Sensibilität herabgesetzt. Gedächtnissschwäche,epileptische Anfälle in Pausen von 3 bis 4 Wochen.