I. Kapitel: Traumatische Epilepsie.
Band VIT.
dieser Schlussfolgerung ganz unberührt bleibt dabei dieVoraussetzung eines für die Epilepsie geeigneten Nerven-systems.
Die Aetiologie der Epilepsie im Deutseben Heerewährend des Feldzuges kann die angeborene Krankheits-disposition überhaupt nur in wenigen Fällen in Rechnungziehen. Unsere Soldaten haben das Alter überschritten,bis zu welchem nach den Erfahrungen von Echeverría,Reynolds, Nothnagel u. A. die Heredität wirksam bleibt.Die vererbte Epilepsie soll sich nämlich spätestens bis zumzwanzigsten Lebensjahre manifestiren und ein Individuum,welches darüber hinaus ist, auch fernerhin von der Krankheitverschont bleiben. Dagegen giebt das militärische Lebenschon im Frieden und noch mehr im Kriege auch für einenLebensabschnitt, welcher den meisten übrigen Berufsklasseneine gewisse Toleranz gegen die Fallsucht, selbst aufanderer Grundlage als der erblichen, gewährt, durch eineReihe nachtheiliger Einflüsse eigener Art in Wahrheit denersten Anstoss zur Entwickelung der Epilepsie. Daherdie grosse Zahl von Erkrankungsfällen an reiner Epilepsiebei den Deutschen Heeren während des Krieges 1870/71, aufwelche einzugehen einem anderen Kapitel dieses Bandes vor-behalten bleibt. 1 )
Ganz unbestritten, weil auf demBodender experimentellenPhysiologie fassend, ist die Thatsache, dass Verletzungenbestimmter anatomischer Art den centralen Ausgangsortder Epilepsie, gleichgiltig, an welcher Stelle derselbe zusuchen ist, in eine zur Erzeugung der Krankheitssymptomegesteigerte Erregbarkeit zu versetzen und hier eine bleibendeVeränderung zu erzeugen vermögen. Nach den Versuchenvon Brown-Séquard, Westphal u. A. entwickelt sichim Anschluss an diese Läsionen der epileptische Zustandallmälig. Das Westphal'sche Meerschweinchen verfalltzwar nach leichten Hammerschlägen auf den Kopf sofortin Konvulsionen, bleibt dann aber einige Wochen vonKrämpfen verschont und wird erst nach Ablauf dieser Zeitspontan oder nach Reizung der epileptogenen Zone vonEpilepsie befallen. Leyden, Neftel, Nothnagel u. s. w.haben analoge Beobachtungen beim Menschen veröffentlicht.Aus der Feldzugskasuistik dürften folgende Fälle hierher zurechnen sein:
I. Kolbcnschlag auf den Kopf. Darauf zuerst epileptischeAnfälle, später nach Verschwinden der Epilepsie tremor
capitis.
Der am 3. Oktober 1842 geborene, angeblich in der frühenJugend und erwieseuerniaassen während seiner aktiven Dienst-zeit vollkommen gesunde Carl Laaser — Gefreiter der7. Kompagnie 3. Ostpreussischen Grenadier-Regiments No. 4 —erhielt am 31. August 1870 bei Noisseville einen Kolbenschlagauf den Kopf. In den Lazarethen zu Saarlouis und Coblenz, woderselbe zunächst behandelt wurde, hatte er epileptische Krampf-anfälle, welche in 5- bis 6 tägigen Intervallen wiederkehrten.
J ) Vergl. sechstes Kapitel.
Der Tag des ersten Anfalls lässt sich nicht feststellen. Nach-dem dann längere Zeit die Krämpfe verschwunden waren unddas Allgemeinbefinden vortrefflich geworden, begab sich L. zuseinem Truppentheil zurück. Am 16. Januar 1871 fand ervon Neuem in einem Feldlazareth zu Amiens Aufnahme undbehauptete dort, dass er wiederum von Krämpfen heimgesuchtsei. Ausserdem klagte er über fortwährenden Kopfschmerz.Bis zum 31. Januar kam ein epileptischer Anfall nicht zur Be-obachtung. Der Kranke wurde evakuirt.
Von einer militärärztlichen Untersuchung ist in den Aktenerst wieder am 28. Juni 1875 die Rede. Laaser klagte da-mals über Schwindel und dadurch herbeigeführte zeitweiseArbeitsunfähigkeit. Unter einer leicht verschiebbaren, kaumsichtbaren Hautnarbe, genau in der Mitte des Hinterkopfes,fühlte man eine leichte Verdickung des Knochens. Ausserdembestand ein Symptom, welches der Untersuchte entweder selbstnicht kannte oder doch nicht für erwähnenswerth hielt, einbeständiges Zittern des Kopfes in horizontaler Richtung, dasbei geschlossenen Augen noch stärker hervortrat. 1877 er-wähnt ein Attest, dass L. doppelt sieht, geht aber auf diesSymptom nicht weiter ein. Bis zu diesem Jahre ist in denAkten von der Epilepsie nichts wieder zu lesen.
II. Sturz auf den Kopf heim Abladen von Eisenbahn-material. Gleich darauf Epilepsie.
Jakob Wenk, Kanonier der 2. Kompagnie der BadischenFestungs-Artillerie-Abtheilung, geboren 5. Februar 1845, stürztebeim Abladen von Material am Bahnhofe in Kork am26. August 1870 vom Wagen, fiel auf den Kopf und musstesofort in das am Orte befindliche Lazareth aufgenommen werden.Bald nach seiner Aufnahme fanden sich epileptische Krampf-anfälle ein. Späterhin kam W. noch in andere Lazarethe. —Die anfänglich ziemlich seltenen Krampfzustände folgten ein-ander in kurzen Zwischenräumen. Dr. Engesser attestirtein Konstanz am 9. Mai 1871, dass die Untersuchung mit demAugenspiegel auf Zirkulationsstörungen im Schädelraum undGehirn schliessen lasse und diese als Ursache der epileptischenAnfälle zu betrachten seien.
III. Sturz mit dem Kopfe gegen eine Mauer. Wunde amNasenhein. Dreitägige Besinnungslosigkeit. Bald daraufEpilepsie. Nach dreijährigem Bestände Abnahme der
Anfälle.
Am 2. Mai 1871 stürzte der Einjähfig-Freiwillige imHessischen Feld-Artillerie-Regiment No. 11 Julius Lippe,19 Jahre alt, beiMeaux in Frankreich während des Reitdienstesvom Pferde und mit dem Kopf gegen eine Mauer. Er zog sichhierbei eine Wunde auf dem Nasenbein zu und war drei Tagelang ohne Bewusstsein. — Commotio cerebri. Bald darauf be-kam er epileptische Krampfanfälle. Er begab sich in dieWasserheilanstalt des Dr. Herzog zu Wolfsanger bei Kassel.Dort sah der behandelnde Arzt persönlich 3 Anfälle, welchesich durch Bewusstlosigkeit, Konvulsionen, Pupillenstarrecharakterisirten. Im August 1873 sah L. blass aus. SeineHände zitterten bei Bewegungen dergestalt, dass die Schrift-züge sägeförmig wurden. Druck auf den Dornfortsatz desersten Brustwirbels verursachte Schmerzen, welche gegen denKopf ausstrahlten und Injektion des Gesichts, besonders derAugenlider, veranlassten.
Der Kranke litt an heftigem Kopfschmerz, schneller Er-müdung bei Beschäftigung, Gedächtnissschwäche, Schwer-