Erstes Kapitel.Traumatische Epilepsie.
Erster Abschnitt.Vorkommen traumatischer Epilepsie.
JMach dem Urtheil einer Reihe hervorragender Autorensoll in der Aetiologie der Epilepsie die hereditäre neuro-pathische Belastung eine so dominirende Stellung ein-nehmen, dass ihr gegenüber alle anderen Momente alsmögliche Ursachen dieses Nervenleidens zurücktreten. Manist sogar so weit gegangen, der erblichen Anlage allein dieFälligkeit zuzuschreiben, diejenige centrale epileptische Ver-änderung, welche das eigentliche Krankheitswesen ausmacht,wachzurufen. Da das erste Auftreten der vererbten Epilepsienur ausnahmsweise gleich nach der Geburt, meist erst nachmehrjähriger Lebensdauer und entweder im unmittelbarenAnschluss oder während der Dauer krankmachender Ein-flüsse anderer Art erfolgt, so hat man sich bei einer solchenAnschauung dazu verstehen müssen, den centralen Krankheitsherd als das Resultat eines chronischen pathologischenProzesses, oft von jahrelangem Bestände, und die den Aus-bruch der Erscheinungen einleitenden oder begleitendenSchädlichkeiten nur als Veranlassung zur Erzeugung desepileptischen Symptomenkomplexes, nicht als Ursachen derKrankheit, zu betrachten.
Dass es nicht immer so sein kann, lehrt die Erfahrung.Bei der Sprengung einer Eisenbahnbrücke bei Besançon imFeldzuge 1870/71 trat dem vordersten Deutschen Soldaten,einem Badenser, ganz unversehens hinter einem Pfeilerhervor ein Französischer Zuave mit angeschlagenem Gewehrauf wenige Schritte Entfernung entgegen. Der feindlicheSchuss ging fehl. Die Bestürzung aber, welche der un-erwartete Anblick des Feindes und die auf ihn gerichteteGewehrmündung bei dem sonst keineswegs schreckhaften,
Sanitäts-Bericht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
vielmehr vor dem Feinde bewährt gefundenen Soldatenhervorrief, übte eine so gewaltige Erschütterung des Nerven-systems aus, dass der Mann augenblicklich niederfiel undeinen aus der Beschreibung seiner Kameraden deutlichals solchen zu erkennenden epileptischen Krampfanfallbekam. Die sorgsamsten Nachforschungen, welche spätergelegentlich der Invalidisinmg angestellt wurden, Hessenkeinen Zweifel darüber, dass der Kranke durch seineGeburt und seine Erziehung eine Prädisposition zur Epilepsienicht besass und dass er bis zu dem Ereigniss auf derBrücke bei Besançon von Krämpfen frei gewesen war. DieEpilepsie, welche ihn hier zum ersten Male befiel, verliessihn nicht mehr. — Ein Sächsischer Soldat des Infanterie-Regiments No. 103 wurde in dem Augenblicke, als eineGranate in seiner Nähe niederfiel, ihn aber weder umwarfnoch verletzte, epileptisch, ebenso ein Preussischer Füsilierdes Garde-Füsilier-Regiments, als plötzlich wider alle Be-rechnung und alles Voraussehen ein heftiges Geschützfeuerdicht hinter seinem Rücken in Scene ging. Beide warenvon Hause aus gesund und krampffrei gewesen, litten abervon da ab bis zum Jahre 187G, bis zu welcher Zeit sieverfolgt werden können, ununterbrochen an Epilepsie.
Solche Beispiele beweisen zwar mit Sicherheit nur,dass der Schreck, die Bestürzung unmittelbar den erstenepileptischen Anfall auszulösen vermag, aber bei derUngleichmässigkeit in den pathologisch-anatomischen Be-funden, welche dazu zwingt, die Epilepsie in vielen Fällenals eine rein funktionelle Erkrankung anzusehen, gebendieselben ein Recht, den psychischen Eindruck zugleich alsdie eigentliche Ursache der Krankheit hinzustellen. Von.