Die Gottesfreunde 623
Prosa geschaffen, sie haben der Sprache den Geist ihrer Lehre eingeprägt,sie befähigt, das Unergründliche in Worte zu kleiden, das Materielle der Er-scheinung in das Übersinnliche zu versinnbildlichen. Symbolik ist der Aus-druck dieser Sprache. Und doch wieder reine Wirklichkeit, denn die Liebeist, besonders bei Seuse, das Band, das das Irdische mit dem Ewigen verknüpft;und dafür hat die mystische Sprache minnesingerische Worte. Und wer wieSeuse ein Buch seines Lebens schreibt, kann auch die Sprache nicht überallganz in das Reich der Poesie und Symbolik erheben, sondern ist auch derWirklichkeit und ihrem Stile verhaftet.
Die Gottesfreunde
Die „Gottesfreunde" 1 waren keine Vereinigung etwa im Sinne einer be-sonderen Gemeinde, sondern der Name wird nach dem Vorgang von Taulerund Seuse im allgemeinen auf Menschen angewendet, die „zu sittlich-reli-giöser Vollkommenheit gelangt sind". 2 Doch fanden sie darin eine Gemein-samkeit, daß sie sich durch ihre besonderen mystischen Anschauungen ver-bunden fühlten und solche Zusammengehörigkeit auch pflegten. Literatur-geschichtlich ist der Begriff „Gottesfreunde" genau umrissen, indem eine be-stimmte Gattung von mystischen Schriften die „Gottesfreund-Literatur"bildet und demgemäß auch die betreffenden Verfasser und Verfasserinneneinem bestimmten Kreis von Mystikern angehörten.
Der „Gottesfreund im Oberland" 3 ist eine Persönlichkeit, die dem Kreiseder Gottesfreunde angehört, jedoch eine rätselhafte Gestalt. Hat er über-haupt existiert? Nach den gründlichen Forschungen von Pater Seuse Denifle
1920; Ders., Über den Ursprung von mhd. Die Rede von den 15 Graden, rheinische Got-
zecke u. dessen Bedeutung bei Tauler, Neo- tesfreunde-Mystik, 1930, dazu Strauch, Anz.
philol. 6, 1921, 161-69. — Paul Heitz, Zur 49,131 f.—Ausg.: Strauch, Schriften aus der
mystischen Stilkunst Heinr. Seuses in seinen Gottesfreund-Lit. 1. H., 1927, Ad. Textbibl.
deutschen Schriften, Jen. Diss. 1914; Anna Nr. 22: Sieben bisher unveröffentlichte Trak-
Nicklas, Die Terminologie des Mystikers täte u. Lektionen, 2. H. Nr. 23, 1927: Mer-
Heinr. Seuse, Königsberg. Diss. 1914; C. swins vier anfangende Jahre; Des Gottesfreun-
Heyer, Stilgeschichtliche Studien über Heinr. des Fünfmannenbuch (die sog. Autographa),
Seuses Buch der ewigen Weisheit, ZfdPh. 46, dazu Schröder, Anz. 53, 68 f., Luise Ber-
175-228. 393-443. — Eine glänzende Aus- Thold, ZfdPh. 54, 230 f.
drucksform besaß Ruysbroeck. 2 Jos. Quint S. 84. — Schon in der Bibel
l Lit: Wackernagel, LG. I 2 , 428 f. u. An- (2. Jakobi 2, 32) ist Abraham „der Freund
merkungen; Jos. Quint, Merker-Stammler Gottes geheißen", vgl. Ev. Joh. 15, 15
Reallex. 4. Bd. (Nachträge) S.84f. 88 f. — (Wackernagel, Kl. Sehr. 2, 165).
Abhandl.: Wackernagel, Die Gottesfreunde 3 Baechtold, D. Gottesfreund im Oberland,
in Basel, Kl. Sehr. 2,146-92; K. Schmidt, Die ADB. 9, 456; C. Schmidt, D. Buch von den
Gottesfreunde im 14. Jh., 1855.; B. Bähring, neun Felsen hgb., 1859; Denifle, Die Dich-
Johannes Tauler u. die Gottesfreunde 1871; tungen des Gottesfreundes im Oberlande, I.
Wackernagel, Ad. Predigten u. Gebete, Das Meisterbuch, ZfdA. 24, 200-19, IL Die
1876, 381 ff.; A. Jundt, Les amis de Dieu au Proteusnatur des Gottesfreundes S. 280-301,
XIV. siecle, Paris 1879; Max Rieger, Die III. Die Romreise des G.s S. 301-24; L.
Gottesfreunde im dt. MA., 1879; L. Keller, Tobler, Die Sprache des G.s im Ob., Anz. f.
Die Gottesfreunde, die „deutsche Theologie" Schweizerische Gesch. 1880, 1; Preger,
u. die Rosenkreuzer, Monatshefte der Come- Gesch. d. dt. Mystik III, Der G. vom Ober-
niusges. 11, 1902, 145-57; R. Egenter, Die lande. Merswin; F. Lauchert, Des Gottes-
Lehre von der Gottesfreundschaft in d. Scho- freundes im Ob. [= Rulm. Merswins] Buch
lastik des 12. u. 13. Jh.s, 1929, dazu J. Koch, von den zwei Mannen, 1896, dazu Strauch,
DLz. 51, 2451-53; J. B. Schoemann S. J., Anz. 24, 212 f., Herm. Haupt, Lbl. 1898, 125,