576 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts
Frommen in den Himmel eingehen. Es bestehen fünf deutsche Fassungen des15. Jahrhunderts, die auf einen verlorenen deutschen Grundtext zurück-gehen, der wohl aus der bußfertigen Stimmung der Geißlerzüge um die Mittedes 14. Jahrhunderts hervorging.
Das Spiel von den zehn Jungfrauen
Historisch denkwürdig ist Das Spiel von den zehn Jungfrauen 1 (die10 klugen und törichten Jungfrauen), durch dessen Aufführung in Eisenachim Jahre 1322 der Landgraf Friedrich von Thüringen so erschüttert wurde,daß er, vom Schlag gerührt, in Siechtum verfiel und nach zwei Jahren starb.Und in der Tat besitzt dieses Drama eine außergewöhnliche Wirkungskraft.Schon die gegensätzliche Stimmung, die Freude der Klugen, die Verzweiflungder Törichten, mußte den Zuschauer in die bange Sorge versetzen, welchesSchicksal ihm zuteil werde, der Himmel oder die Hölle. Und dem gewaltigenInhalt (553 V., 2 Hss.) ist der Dichter, wohl ein Mönch des Dominikaner-klosters in Eisenach, vollständig gerecht geworden, denn er besitzt eine großeGewandtheit in der sprachlichen Darstellung, die sich auch auf die Wahlder Verse erstreckt. Stark herausgearbeitet ist die religiöse Gesinnung derKlugen: „Der Tod schleicht spät und frühe heran, keiner entflieht ihm ...,findet uns der Bräutigam bereit, so werden wir geleitet in die Freude, die keinEnde hat." Ebenso kräftig und anschaulich ist der Leichtsinn der Törichtenausgemalt: „Wer sollte sich noch kehren an Fasten und an Beten wie die altenKirchentreterinnen ? Wir freuen uns noch dreißig Jahre, darauf lassen wir unserHaar scheren und begeben uns in ein Kloster." Ais sie kein öl haben, kommensie zum Bewußtsein ihrer Sünde und bitten Christus um Einlaß; er aber weistsie ab, selbst die Fürbitte seiner Mutter Maria erhört er nicht, denn er muß ge-recht richten. — Große Sorgfalt ist auf den Rhythmus verwendet, der durchdie Stimmung des Textes eingegeben ist: rasch beschwingt sind die Reden derTörichten, in langsamem Tempo dagegen bewegen sich die der Klugen, inzwölf schweren Nibelungenstrophen endet der tragische Abschluß mit denKlagen der törichten Jungfrauen. Quelle des Stückes ist das Ev. Matth.Kap. 25, 1-13; dazu sind lateinische Hymnen benutzt. Von den lateinischen,gesungenen Textworten sind nur die Anfänge verzeichnet, die deutschen,gesprochenen Reimpaare sind vollständig angegeben.
1 Hgb. Stephan, Neue Stofflieferungen für 129-66; Ders., Vortrag, Rostock 1872; Wein-
d. dt. Gesch. 2,1847; Ludw. Bechstein, 1855; hold, Weihnachts-Spiele u. Lieder aaO.
eine zweite Bearbeitung: Max Rieger, Germ. S. 70-73; G. Bossert, D. geistl. Schauspiel
10, 311-37 (565 V.); Otto Beckers, D. Spiel von d. 10 Jungfr., 1883 (populärer Vortrag);
von den zehn Jungfrauen und das Katharinen : Joh. Marbach, Die Aufführung des geistl.
spiel hgb., Germ. Abh. 24, 1905, dazu Ehris- Spiels von den 10 Jungfrauen zu Eisenach
mann, ZfdPh. 40, 380-82; übersetzt bei Bech- 1322, Korrespondenzbl. d. Gesamtvereins d.
stein aaO. und bei A. Freybe, D. Spiel von dt. Gesch.- u. Altertumsvereine 1894, 150-55;
den 10 Jungfrauen, 1870. — Abhandl.: L. Ottokar Fischer, Die mittelalterl. Zehn-
Koch, D. geistl. Spiel von d. 10 Jungfrauen Jungfrauenspiele, Arch. 125, 9-26; W. Rehm,
nach Sinn u. Tendenz beleuchtet, Zs. d. Ver. Todesgedanke aaO. S. 80 f.; Stammler, D.
f. Thüring. Gesch. 7; Reinhold Bechstein, relig. Drama S. 24 f.; Creizenach S. 70 f.
Zum Spiel von den 10 Jungfrauen, Germ. 11, 120-22.