566 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts
Das Augsburger Passionsspiel 1 (2604 V.) hat dadurch eine besondereStellung in der Geschichte des mittelalterlichen geistlichen Dramas, daß esdurch verschiedene Umarbeitungen mit dem späteren OberammergauerPassionsspiel zusammenhängt. An sich bietet es wenig Bemerkenswertes.
Das Egerer Passionsspiel 2 (oft auch Egerer Fronleichnamsspiel ge-nannt) umfaßt die ganze Heilsgeschichte, Sündenfall und Erlösung; die8312 Verse sind auf drei Tage verteilt. Luzifers Sturz, Adam und Eva, Kainund Abel, Sündflut, Abraham, David und Goliath, Salomo, Prophezeiungenvon vier Propheten, Leben Jesu bis zur Verurteilung, Kreuzigung und Auf-erstehung. Als Dichtung ist das Stück geringwertig, auch in der Formhölzern.
Das Wiener Passionsspiel 3 ist nur in Bruchstücken erhalten (530 V.).Die Vorlage ist noch im 13. Jahrhundert verfaßt; die Hs. wurde in der erstenHälfte des 14. Jahrhunderts geschrieben. Die Vorlage war wahrscheinlichmitteldeutsch (thüringisch?). Drei Abschnitte sind deutlich geschieden:I. Luzifer wird wegen seines Hochmuts in die Hölle gestürzt; der Sündenfall;Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben und von den Teufeln indie Hölle geschleppt; danach auch die Seelen von drei Verbrechern, Vertre-tern der drei Stände: Bürger, Pfaffe, Ritter; dann ein Weib. II. Das WeltkindMaria Magdalena; das Gastmahl bei dem Pharisäer Symon; ihre Bekehrung.III ist ganz verstümmelt; Abendmahl. Abschnitt I enthält nur wenige la-teinische Verse; die lateinischen Stellen im Abschnitt II sind frei ins Deutscheübersetzt, der III. Abschnitt steht wegen seiner Kürze außerhalb einer Be-urteilung. Einige Verse stimmen mit dem Benediktbeurer Osterspiel und demAlsfelder Passionsspiel überein.
Das Wiener Osterspiel 4 von der besuchunge des grabis vnd der ofirsten-dunge gotis ist kein Wiener Erzeugnis, sondern gehört zu der rheinfränkisch-hessischen Gruppe, die Hs. hat schlesischen Dialekt. Zeit der Entstehung:zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts (1172 V.). Der Inhalt geht von der Be-stellung der Wächter des Grabes durch Pilatus bis zum Wettlauf der Jünger.Der Volkston ist glücklich getroffen durch das Eingehen auf das Alltägliche,auch dadurch, daß, wie beim Wettlauf der Jünger, die Lachlust angereizt wird.
Das Klosterneuburger Osterspiel 5 steht dem Benediktbeurer sehrnahe und stimmt weithin wörtlich mit ihm überein.
1 Hgb. Aug. Hartmann, Das Oberammer- 1874, 355-81; Froning S. 302-24. — Creize-gauer Passionsspiel in seiner ältesten Gestalt nach S. 85 f. 111-13 u. Reg. S. 627; J. Zeid-z. ersten Male hgb., 1880. — Creizenach ler, D. Wiener Schauspiel im MA., Gesch. d.S. 232 f.; Burdach, Vorspiel I, 1, 200. 202. • Stadt Wien III, I, 88-92; Alfred Orel, Die
2 Hgb. Milchsack, Lit. Ver. Nr. 150, 1880; Weisen im Wien. Passionsspiel aus d. 13. Jh.,Auszug: Bartsch, Germ. 3, 267-97. — Crei- Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Wien 6,1927,zenach S. 231-33 u. Reg. S. 594; Anton 72-95.
Klitzner, Vokalismus der Reime im Egerer 4 Hgb. Hoffmann, Fundgruben II, 296-^338.
Fronl., Wien. Diss. 1921; Burdach, Vorspiel I, — Froning S. 97-102; Creizenach S. 107;
1,192 A. 2. 200-202; Gierach, Stammlers Ver- Höpfner, Untersuchungen aaO.
fasserlex. 1,730-32. B Hgb. H. Pfeiffer, Klosterneuburger Oster-
3 Hgb. Jos. Haupt, J. M. Wagners Archiv, feier aaO.