526 Erzählende Literatur
Personen, die dabei oft redend auftreten; allegorische Verwendung der Wap-pen der beteiligten Länder oder Fürsten; fromme Bitten und Anrufungen;formelhafte Wendungen an das Publikum. Von der Frische des eigentlichenVolksliedes haben diese „historischen" Volkslieder wenig, von seiner Gemüts-tiefe nichts.
Die historischen Volkslieder geben in Einzelbildern ein Gesamtgemäldevon den inneren Zuständen des deutschen Reiches in den beiden letzten Jahr-hunderten des Mittelalters. Die treibenden Kräfte sind politischer und sozialerArt und liegen einmal in der Befestigung und Ausdehnung der fürstlichenTerritorialgewalt, besonders aber in der Erstarkung der Städte durch wachsen-den Wohlstand der Bürgerschaft und in ihrer inneren sozialen Entwicklung.Machtwille treibt einzelne Fürsten gegeneinander oder gegen die Ritter undbesonders gegen die Städte, diese vereinigen sich zu Bündnissen gegen dieFürsten; oder Städte und Ritterschaft befehden sich, innerhalb der Städteselbst kämpfen die Bürgerschaft und die alten Stadtherren um ihre Rechte,oder es drängen die unteren Klassen, die Zünfte, gegen das bisherige Stadt-regiment der Geschlechter. Nur selten handelt es sich um hochpolitische Be-gebenheiten, die das ganze Reich betreffen, wie das Konzil zu Konstanz, dieHussitenkriege und am Ende der Periode die Türkenkriege. Die ganze Zer-fahrenheit des Reiches aber tritt in der Geschichte des historischen Volks-liedes auch dadurch zutage, daß das Reichsoberhaupt, der König, in seinempersönlichen Einfluß gar nicht hervortritt.
Schweiz
Am stärksten nahmen die Schweizer teil an den politischen Ereignissenihrer Heimat, darum überwiegen die geschichtlichen Schweizerlieder 1 anZahl die anderer Landschaften. Aus der Schweiz ist auch das älteste deutschehistorische Volkslied erhalten, das noch dem 13. Jahrhundert angehört undim Rahmen einer Tierfabel die zwei sich widerstreitenden Städte Bern undFreiburg (Schweiz) zur Einigkeit mahnt (Bündnis von 1243, das Lied istspäter; Liliencron Nr. 1). So gehen denn viele dieser Schweizer Lieder ausinnerschweizerischen Reibungen hervor; größere Züge aber nimmt der Ge-schichtsverlauf durch Kämpfe gegen auswärtige Mächte, zunächst gegen dieösterreichische Herrschaft in den Sempacher Liedern (Nr. 32-33. 34 [dieses
1 Uhland 2, 361-95; Liliencron I, 1. 8. 1889 H. 4/5; E. Dürr, Felix Hemerli (Lilien-il. 13. 14. 19. 25. 32-37. 55. 79-83. 95. 111. cron Nr. 80), Anz. f. Schweiz. Gesch. NF. 12,122; viele Lieder nach dem Jahre 1470 bei 1915, 220-35; F. Waldmann, Alte histor.Liliencron Bd. II; Baechtold S. 195-202; Lieder zur Schweizergesch. d. 13. bis 16. Jh.s,später: Meyer v. Knonau, Die Schweiz, hist. 2. Aufl. v. 0. v. Greyerz, Histor. VolksliederVolkslieder des 15. Jh.s, 1870; L. Tobler, d. dt. Schweiz, 1922; Singer, Schweizer-Schweizerische Volkslieder, 2 Bde, 1882. 84; deutsch, 1928, 76ff. 119ff. 131 f.; KathiGolther, Anz. f. schweizer. Gesch. 1889, Meyer, E. histor. Lied aus d. FrauenklosterNr. 4. 5. 1890, 11-18, dazu Alfr. Stern, ebda zu St. Gallen (1482), Zs. f. Musikwissenschaft46-48; Theod. v. Liebenau, ebda 1890, 24. 1, 1920, 269-77; Halbsuter: O. v. Greyerz,48-50; Golther, D. Lied vom Ursprung d. Stammlers Verfasserlex. 2, 156.Eidgenossenschaft, Anz. f. Schweiz. Gesch.