520 Erzählende Literatur
widmet sind; lateinisch, doch da der Graf kein Latein verstand, danebendeutsch übersetzt. Der Verfasser war in Konstanz am Bodensee zu Hause,und aus dem dortigen Volkstum stammt auch der Inhalt.
Aus einer ganz anderen Geistesrichtung hervorgegangen ist das Schwank-buch vom Till Eulenspiegel. 1 Sind die vorher genannten VolksbücherNiederschlag, Abglanz höfischer Kultur, so steht der Eulenspiegel überhauptauf einer anderen Kulturstufe, auf der des niedersten Bauern- und Handwer-kerstandes. Die Geschichte vom Till (Tyll) Eulenspiegel ist ursprünglich inniederdeutscher Sprache abgefaßt (daher in einigen Drucken Dyl Ulenspiegel),vielleicht um 1480. Das niederdeutsche Original ist verloren; die hochdeutscheBearbeitung desselben wurde um 1500 verfaßt und fälschlich dem ThomasMurner zugeschrieben. Es war das beliebteste Volksbuch, besonders bei denunteren Klassen heimisch, von 1515 bis 1572 in ungefähr 20 Drucken verbrei-tet, deren älteste, zugleich Erstausgaben des Buches, von 1517 und 1519 da-tiert sind; auch ins Niederländische, Französische, Englische, Dänische, Pol-nische, Judendeutsche wurde es übersetzt. Von Fischart wurde die Prosa inVerse gebracht: „Eulenspiegel Reimensweis".
Ein Till Eulenspiegel hat wirklich existiert; er war ein Bauernsohn ausKneitlingen im Braunschweigischen und ist nach chronikalischem Bericht zuMölln in Lauenburg 1350 an der Pest gestorben, wo sein, gewiß unechter,Grabstein noch gezeigt wird. 2 Eulenspiegel ist — und war gewiß in Wirklich-keit — ein Schalksnarr, der die burleskesten Spaße und unflätigsten Possenausführte. Viele von den in dem Buche erzählten Abenteuern und Schwänkenhat er wohl auch tatsächlich mit Bauernschläue selbst ausgeführt, viele andere,z. B. aus dem Pfaffen Amis, wurden erst auf ihn übertragen, nachdem er einenliterarischen Ruf erworben hatte. Die Erzählung seines Lebens beginnt mitseiner Geburt und seiner Taufe, die schon närrisch ausfiel, da er dreimal ge-tauft wurde (vom Priester, vom Kote, in den ihn seine Mutter hat fallen lassen,und dann in warmem Wasser beim Abwaschen von diesem Schmutz). Heran-gewachsen wanderte er durch viele Länder, überall seine Streiche zum bestengebend. In der Reihenfolge der Schwanke liegt eine gewisse Ordnung; siebeginnt mit den Jugendstreichen, dann kommen seine Anschwindelungen von
1 Hgb. Görres S. 195-200; Simrock, Dt. 1515 neuhgb., 1924. — Walther, Nd. Jahrb.
Volksbücher; J. M. Lappenberg, Dr. Thomas 19, 1894, 1-79; Jellinghaus, Pauls Grundr.
Murners Ulenspiegel hgb., 1854; H. Knust, II 2 ; Stammler, Gesch. d. nd.Lit., 1920, 64f.;
Eulensp., Abdruck der Ausg. v. 1515, 1884; Mackensen, Die dt. Volksbücher aaO. pass.;
C. Molli, Till Eulenspiegels Schalks-u. Schel- Bobertag 2 Reg. S. 196, bes. 1, 172-86;
menstreiche, der Jugend erzählt, 1888. Rud. Scherer, QF. 21, 1877, 26-34.78-92; Hils-
Müldener, Till Eul. lustige Fahrten und berg, Der Aufbau des Eulenspiegel-Volks-
Schwänke, der lieben Jugend erzählt, 3. Aufl. buchesl515, Hamburg. Diss. 1933; Schröder,
1888; Brie, Eulenspiegel in England, Pal. 27, Ein unbekannter Eulenspiegel-Druck, ZfdA.
1903; R. Benz, Die dt. Volksbücher (Abdr. 70, 273-79. — Stelle: Nd. Kbl. 24, 34 f. 52 f.
der Straßbg. Ausg. von 1515); Ein kurtzweilig 25, 5. 37, 8. Goedeke, Grundr. I 2 , 344-47;
lesen von Dyl Vlenspiegel.. . (Faksimilie des Koberstein l 6 , 429 f. u. Anm. (mit Lit.).
einzigen Exemplares der Ausg. von 1515) mit 2 Hoffmanns Fundgruben 2, 243 Anm. 3;
Geleitwort von Edw. Schröder, 1911; Bo- Lappenberg aaO.; J.. Grimm, ZfdA. 1, 32,
bertag, Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 25; bezweifelt, daß er wirklich gelebt hat.F. von Zobeltitz, Eul. nach dem Druck von