Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
441
Einzelbild herunterladen
 

Glossensammlungen 441

Ebenfalls gesamtdeutsches Recht, oder sogar mit übertriebener Verall-gemeinerungdas Recht der gesamten Christenheit", will das weit verbrei-teteKleine Kaiserrecht" darstellen, das indes erst in die erste Hälftedes 14. Jh.s fällt.

Zu den im 13. Jh. in deutscher Sprache abgefaßten Rechtsbüchern gehörenferner: Der Mainzer Reichslandfriede 1 von 1235 und der BairischeLand friede von 1256. Für das älteste deutsche Reichsrechtsbuch wirdneuerdings das Mühlhäuser 2 vom Anfang des 13. Jh.s gehalten.

Glossensammlungen

Die in ahd. Zeit so eifrig betriebene Glossierungsarbeit wurde in den Glossa-rien und Vokabularien der folgenden Jahrhunderte 3 bis an das Ende der mhd.Periode fortgesetzt, um dann in die alphabetischen, lateinisch-deutschenbzw. deutsch-lateinischen Wörterbücher überzugehen. Wegen seiner literatur-geschichtlichen Bedeutung ist hier besonders anzuführen das SummariumHeinrici, 4 das noch in die frühmhd. Zeit fällt, 11./12. Jh., rheinfränkisch(Worms?), ein sachlich geordnetes Glossar auf Grundlage von Isidors Ety-mologien.

Ebenfalls sachlich geordnet ist auch ein lateinisches Glossar (Ende 10. Jh.s?),das in 150 leoninischen Hexametern die Nomina lignorum (Bäume), avium,piscium, herbarum enthält, in die deutsche Interlinearglossen eingetragenwurden; schon in ahd. Zeit, aber auch in Hss. der mhd. Zeit überliefert. 5

Eine lat. Hs. zu Schlettstadt (12. Jh.) ist mit deutschen Interlinear- undRandglossen versehen: Die Schlettstädter Glossen. Sie stammen schon ausahd. Zeit. 6

Seltsam sind die Glossen der heiligen Hildegard von Bingen 7 (f 1179):eine Sammlung einigermaßen nach Gegenständen geordneter lateinischerbzw. deutscher Wörter (etwa 900); jedes hat neben sich die Übersetzung ineine rätselhafte Sprache. DieseIgnota lingua per simplicem hominem pro-lata" ist offenbar eine mysteriöse Erfindung der Mystiker in Hildegard, dieihr, wie ihre Werke überhaupt, der göttliche Geist diktierte; zum Teil Ver-

1 Naumann, Prosaleseb. S.46-8 (mit Lit.); ad Moenum 1857 (S. I-XXII) und inNovumWolfg. Schnellbögl, Die innere Entwick- Glossarium latino-germanicum med. et inf.lung des bayerischen Landfriedens des 13. Jhs., aet. von Lorenz Diefenbach, Frankf. a. M.1932. 1867, S VII-XXIII.

2 Ausg.: Herbert Meyer, D. Mühlhauser 4 LG. I, l.Aufl. S. 250, 2. Aufl. S. 260.Reichsrechtbuch aus d. Anfang d. 13. Jhs., Rud. v. Raumer, Die Einwirkung des Chri-Deutschlands ältestes Rechtsbuch, 1923. stentums auf die ahd. Sprache, 1845, S. 131.Rich. Scheithauer, Swigger I v. Mühlhau- 135); Wilh. Grimm, Ad. Gespräche, Kl. Sehr,sen, Mühlhäuser Geschichtsblätter 25/26,1926, 3,476.479 f. Älteste Fassung hgb. von Max1-26. Rieger, Germ. 9, 13-29; Schröder, ZfdA.

3 Siehe Wackernagel, LG. I 2 , 119 f. Eine 66, 32.

möglichst vollständige Aufzählung aller lat.- 6 Weigand, ZfdA. 9, 388-98. Bartsch,

deutschen Glossarien u. Vokabularien der spä- Germ. 8, 47 f.

teren Jahrhunderte, bes. des 15., gibt Lorenz 6 Hgb. v. Wackernagel, ZfdA. 5, 318-68.

Diefenbach in seinem Glossarium latino- 7 Hgb. Wilh. Grimm, Wiesbadener Glossen,

germanicum mediae et infimae aetatis con- ZfdA. 6, 321-40.

cinnavit Laurentius Diefenbach, Francoforti