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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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418 Geistliche Prosa des 13. Jahrhunderts

einem sprühenden Temperament erlebt er ihre Gesinnung und damit die ganzesittliche Haltung der Zeit. Und aus solchem alles durchdringenden Seelenver-ständnis heraus hält er seine Bußpredigten. Denn in erster Linie erstrebt erpraktisch sittliche Wirkung, nicht so sehr dogmatische Kenntnisse; er willden sittlichen Willen stärken, das Wissen der christlichen Lehre ist ihm dieselbstverständliche Grundlage und das sittliche Vorbild. In der unmittelbarenTreffsicherheit beruht die Kraft seiner Rede, er geißelt das Laster, indem erdirekt den Lasterhaften apostrophiert, eine bestimmte Person aus seinenZuhörern anredend.Pfl gitiger, du bist allenthalben an .. . dem boesern teile",1 S.343, 32; Du irügener, du velscher! da muost dich dines amtes äbe tuon ...,1 S. 16, 30; einzelne Personen als Vertreter ihres Berufes: Müller, du tuostdinem amte ouch unrehte . .., Du schuohewürke (Schuster), Du Zapfenzieher(Wirt) ...Du diep unde du velscher, 1 S. 17, 4.10. 14. 32" u. ö. Oder auchumgekehrt: er läßt sein Publikum innerhalb seiner Rede ratfragend sich anihn, den Redner, wenden:Owebruoder Berhtolt, wie suln wir dar umbegetuon?"1 S. 46, 18;Owe, bruoder B., wie suln wir uns danne vor in allen behüeten?"So ist seine volkstümliche, lebendig und dramatisch bewegte Sprache derpassende Ausdruck für die Umstände, unter denen er seine Predigten hielt:es sind Missionspredigten, Wanderpredigten; meist im Freien redete er, vorungeheurem Volkszulauf, ein Raum hätte schwerlich jeweils die Menge fassenkönnen. So führte ihn sein Beruf als Volksprediger durch ganz Ober- undMitteldeutschland. Seine Klosterpredigten vor einer geistlichen Zuhörerschafttreten an Zahl und Bedeutung gegen die Volkspredigten weit zurück. Ge-storben ist Bruder Berthold, der wohl vor 1220 geboren war, in Regensburgam 14. Dezember 1272.

Er hat die Predigten nicht selbst niedergeschrieben und gesammelt heraus-gegeben, sondern dies taten Zuhörer und geistliche Begleiter; von solchenZwischenpersonen also gehen unsere schriftlich überlieferten PredigtenBertholds aus. Manche sind auch Rückübersetzungen aus seinen lateinischenPredigten. Dem vorwiegend auf die sittliche Regelung, auf Unterlassung derSünden und Pflege der Tugenden, gerichteten Inhalt seiner Predigten ent-sprechend sind sie für das allgemeine Verhalten der Menschen bestimmt, so-mit nicht an einzelne Zeiten des Jahres gebunden, sind keine Sermones detempore oder de sanctis, sondern Sermones communes.

In seinen Büß- und Sittenpredigten geißelt er die Laster in allen ihren Arten,besonders aber die Habsucht (gitigkeit) mit ihrem Lug und Trug, das Haupt-übel der Zeit. Ja, er ist bis zur Härte erbarmungslos, asketisch verurteilt erauch erlaubte Weltfreuden. Die Wirkung seines Wortes auf die Hörer warerschütternd: ein Ritter gibt sein geraubtes Kirchengut dem Kloster zurück,Buhlerinnen entsagen ihrem sündigen Leben, Wundergeschichten knüpfen sichan sein Auftreten.

Durch sein Eingreifen in die unmittelbaren Zustände seiner Zeit sind seineReden auch eine Fundgrube für die Kulturgeschichte. Ungemein zahlreich