Spervogel 243
Der ältere Dichter ist ganz aufsein persönliches Leben eingestellt, seineSprüche sind autobiographisch. Wir sehen ihn, wie er im Stegreif durch dasLand reitet, wir hören seine Klage: kein Hüsung. Er preist die Ehre und dieTugenden der Herren, das heißt die Freigebigkeit, von deren Gunst er lebt,einen Walther von Hausen, Heinrich von Giebichenstein, einen von Staufenund besonders Wernhart von Steinberg (Steinsberg), dem er eine Totenklagewidmet. Diese Höfe sind Reiserouten, und wir treffen ihn in Bayern (dieBurggrafen von Regensburg nannten sich auch Staufer), am Rhein (Hausen),in Obersachsen (Giebichenstein), in der Pfalz (Steinsberg bei Sinsheim). Einenfesten Anhalt zur Zeitbestimmung gibt die Erwähnung Walthers von Hausen,der bis 1173 urkundlich vorkommt. — Eine zweite Gruppe führt von denGönnersprüchen (25, 13-26, 13) zu seinem Spielmannsleben (26, 14-27,12). Hier sorgt der Heimatlose in bitterer Lebensnot um eine feste Wohn-stätte. — In der dritten Spruchreihe (27, 13-28, 12) tritt der persönliche Ge-sichtspunkt in den Hintergrund, und in der Verkörperung von Tierfabelnwerden Menschentypen mit verhüllter Lehre und Warnung dargestellt. — Inanschaulichen Bildern faßt der Fahrende als Lehrer die Grundwahrheiten derHeilsgeschichte zusammen (vierte Gruppe) und macht sie in schlichter Fröm-migkeit verständlich für das Gemüt der einfach Gläubigen, fern von der scho-lastischen Spitzfindigkeit der späteren „Meister" erzählt er von Christ unddem Teufel, vom Glanz des Himmelreichs und der dunkeln Trostlosigkeit derHölle, von Weihnachten und der österlichen Erlösung und schließt mit einemPreis auf die Allmacht Gottes. Diese religiösen Sprüche (28, 13-29, 12 u.30,13-33) werden unterbrochen durch eine fünfte Gruppe, die meist in Form vonBeispielen (bispel) persönliche und allgemeine Lebenserfahrungen vorträgt(29,13-30,12). Die fünf Gruppen umfassen Stoffe, die auch zum Inventar derfolgenden Spruchdichter gehören. Die einzelnen Sprüche der Gruppen sind zuverschiedenen Zeiten abgefaßt, bilden also nicht eine chronologische Einheit.
Die 28 Stücke tragen einfachste Form: drei Reimpaare, 1 und 2 mit vierHebungen männlich, das dritte mit der auch für das ältere epische und ly-rische Strophenprinzip charakteristischen Verlängerung der Schlußzeile: vier+ fünf Hebungen weiblich.
Mit einer gewissen Berechtigung schließt man aus der dritten Strophe(20, 18) des jüngeren Dichters, daß er den Namen Spervogel trug: einSangesgenosse von ihm hat diese Strophe, eine Responsion und Erweiterungder vorhergehenden (20,9), verfaßt und nennt ihn seinen Gesellen. Ein andererCharakter unter anderen Kulturverhältnissen spricht aus den Strophen Sper-vogels als aus denen des „Anonymus". Die Denkart beider ist verschieden,der ältere sieht die Dinge anschaulich, der jüngere arbeitet mehr begrifflich,jener gehört einer noch einfacheren, volkstümlicheren Kulturstufe an undlebt in bedrängteren Verhältnissen, der jüngere zeigt Züge einer fortgeschrit-teneren Epoche und steht in gesellschaftlich höherem Ansehen, er hat einenweiteren Horizont, seine Lehren erstrecken sich über sittliches Verhalten,
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