Das Werk 199
Das ist nicht die Salonmode der höfischen Rittergalanterie und andereKräfte sind bei der Verbreitung dieser ungefüegen dcene am Werke, dieSpielleute.
4. Der Minnesang als Objektivierung des Seelenlebens. In beschränktenEmpfindungskreis ist die mhd. Lyrik gebannt, sie ist im wesentlichen Liebes-dichtung, ein Singen von Minne. Das Gefühlserlebnis erstreckt sich nicht aufdie Freundschaft, nur ganz vereinzelt klingen vaterländische Töne an, reli-giöses Empfinden ist beschränkt auf die zeitgenössische Bewegung der Kreuz-züge und das Gefühl für die Natur ist wohl rege, aber nicht zum Einzel-erlebnis entwickelt. In sich versonnen, den Blick auf sein Idealbild und aufdas unergründliche Wesen der Liebe gerichtet, baut sich der Dichter ein eige-nes Reich mit einer unumschränkten Herrscherin, der Minne, in Gestalt dervollkommenen Geliebten und mit dem Gefolge der im Dienste der Minnestehenden Tugenden und Stimmungen. Das ist typische Auffassung desdichterischen Vorwurfs und typisch ist die innere Form zumal des deutschenMinnesangs. Individuelle Züge kommen da kaum auf und finden sich in derTat selten in bestimmter Ausführung. So läßt sich auch eine typische Seelen-struktur des Durchschnittsminnesängers zusammenstellen: das Gefühls-leben ist trotz aller Schwärmerei nur mäßig gehoben, ohne den Wellenschlagdes bewegten Herzens. Intensität und Mannigfaltigkeit der Phantasie, derschöpferischen Kraft, sind beschränkt. Die durch die Vorstellung angeregtenWillenstrebungen mögen, je nach dem Charakter der Dichter, mehr oder min-der stark sein, aber zumeist beharren sie in der durch das Verhalten derDame bedingten schmerzlichen oder freudigen Gemütslage und gelangennicht zu starken Entschlüssen oder energischem Handeln. Mit wenigen Aus-nahmen ist die eigene schöpferische Kraft dieser dichtenden Ritter gering,das meiste beruht auf Überlieferung, die Kunst nähert sich dem Handwerk.Es ist ein monotoner Singsang, aber voll Sehnsucht und Seligkeit.
5. Musik. Die weltliche Musik tritt in Deutschland erst in Begleitung desMinnesangs auf. Die Liedkomposition war noch sehr einfach. Der Gesangwar einstimmig. Er war mit Geigenspiel begleitet. Da jedes Lied einen eige-nen Bau hatte, so mußte auch immer eine neue Melodie dazu verfaßt werden(ein höhez niuwez liet in süezer wise singen MF. 117, 25). Die Musik war einemathematische Kunst, ars, und die Melodiefindung darum mehr eine berech-nete Technik denn ein unmittelbarer Ausdruck des Gefühls; die Minnesängerund Spielleute werden sich mehr an ihr durch die Tradition beeinflußtesGehör gehalten haben. Es galt als Gesetz, daß kein Dichter dön und wise(Melodie) eines andern aufnehmen soll. 1 Melodien sind nur in wenigen Hand-schriften auf uns gekommen. Die ältesten deutschen Vertonungen enthältdas Münstersche Fragment von Walther, zu einigen Sprüchen und zum Kreuz-
1 Der Marner schilt Reinmar v. Zweter dorne- the, Reinmar S. 183; Heusler, Versgesch.diep, H.Fischer, Germ. 20, 113 ff.; Wil- 2,244.manns, Walther, 2. Ausg. 1883 S. 58; Roe-