112 Die erzählende Dichtung
ein Studierender auf der Hohen Schule in Paris ist. Ein Sohn des Königsvon England nämlich wird zum Studium nach Paris geschickt und dort beiHofe wohl aufgenommen. Die Prinzessin, die er liebt, wird dem König vonMarokko verlobt, doch der Königssohn entführt sie. Im Walde lagern sie sich,sie schläft ermüdet ein; ein Busant (Falke) raubt ihr einen Ring, der Jüng-ling verfolgt ihn, verirrt sich und treibt sich, da er die Geliebte nicht mehrfindet, wahnsinnig umher; die Prinzessin wird in einer Mühle, später voneinem Herzogspaar aufgenommen. Den Verwilderten finden Jäger auf undpflegen ihn; wiederhergestellt trifft er am Hofe seine Geliebte; eine großeHochzeit im Beisein der Könige von England und Frankreich beschließt dasGedicht. Hier finden wir den Stoff der Magelone, verwandt ist auch „Die guteFrau" (s. oben).
Bürgerlicher Umkreis greift auch in die Novelle Rittertreue (866 V.) 1ein, die eine Verherrlichung ritterlicher Standestreue darstellt. Ein jungerGraf nimmt zum Turnier fahrend Herberge bei einem Kaufmann, der frühereinmal einen bei ihm verstorbenen Ritter im Mist verscharrt hatte, da ihmvon dessen Erben seine Kosten nicht bezahlt worden waren; der Graf löstden Leichnam ein, welcher ehrenvoll bestattet wird. Dann kauft er von einemfremden Ritter ein Pferd zum Turnier und verspricht ihm als Lohn dieHälfte des Turnierpreises. Er erringt die Prinzessin als Lohn und traurig willer dem andern sein Wort halten; da offenbart sich dieser als Geist des vonihm bestatteten Toten und eritschwindet. Die Treuprobe war bestanden unddie errungene Frau wieder sein.
Die bürgerliche Wendung der Zeit spricht auch aus der sentimentalen No-velle Frauentreue (420 V.): 2 Ein Ritter, der in eine Bürgerin der Stadtsehr verliebt ist, veranstaltet ein Turnier, bei dem er schwer verwundet wird.Geheilt steigt er nachts ins Schlafgemach der geliebten Frau und preßt sie inMinne so ungestüm an sich, daß seine Wunde aufbricht und er verblutet. Alser beerdigt wird, bricht ihr das Herz.
Ganz ins bürgerliche Leben übertragen ist diese empfindsame Geschichtein der Novelle Der Schüler von Paris, 3 die denselben Inhalt und den glei-chen tragischen Ausgang hat.
1 GSA. Nr. 6, Bd. I, 101-28 u. S. XCVI ff.; Barth, Liebe u. Ehe S. 271; Stehmann, Stu-hgb. auch Pfannmüller, Mhd. Nov. II Rit- dentenabent. S. 157-62; Stammler, ZfdPh.tertreue, Schlegel, Kl. Texte Nr. 95, 1912; 53, 21; H.-Fr. Rosenfeld, Stammler, Ver-Herbert Thpma, Rittertreue, e. mhd. No- fasserlex. 1,655 f.
velle, 1923, dazu Suolahti, Neuphil. Mitteil. 3 GSA. Nr. 14, Bd. I, 277-311 u. S. CXXVII
25, 1924, 33-35, Ehrismann, Lbl. 1926, 214 ff.; Rosenfeld, Mhd. Novellenstud., I. Der
-16. — Abhandl.: v. Kraus, Z. Kritik der R., Hellerwertwitz, II. Der Schüler von Paris,
ZfdA. 48, 103-28; Pfannmüller, Die Straßb. Pal. 153, 1927, Texte der verschiedenen Fas-
Hs. der R.,Beitr. 40,381-95; R. KAPP(Metr.), sungen (698 V. 704 V. 792 V. 1116 V.). —
s. ob. M. Helmbr.; Stehmann, Studenten- Abhandl.: Rosenfeld aaO., Die Novellen-
abent. S. 146 ff.; Stammler, ZfdPh. 53, 21 f.; gruppe vom Schüler von Paris S. 163-524; Be-
Leitzmann, Beitr. 48, 58. — Bolte-Poli'vka Ziehungen z. Frauentreue, Burchardt S. 109
3, 508. -16, Rosenfeld bes. S. 203 ff. 273 ff.; Stamm-
2 GSA. Nr. 13, Bd. 1,257-76 u. S. CXXIVff.; ler, ZfdPh. 53, 21; Leitzmann, Beitr. 48,Kurt Burchardt, D. mhd. Ged. von d. Fr., 61-63; Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 30, 1929,Berl. Diss. 1911, dazu Helm, Lbl. 1914, 147; 144 f.