Der jüngere Titurel 73
Die leitenden, durch Wolfram gegebenen Richtlinien sind zu dem ungeheue-ren Umfang von 6207 siebenzeiligen Strophen angeschwollen, und zwar durcheigene Zutaten und Erweiterungen des Verfassers, als da sind Kämpfe undFeste, moralische und wissenschaftliche Reflexionen, gelehrte Ausführungenund Beschreibungen aller Art. Die Krönung des Planes wird in dem Priester-tum Parzivals erreicht. Dieser letzte Abschnitt ist — nur an eine kurze An-deutung im Parzival (822,21-823,3) angeknüpft — ganz Albrechts Eigentum.Hier finden sich Züge französischer Gralromane. 1 Aber bezüglich der histo-risch-politischen Auffassung wird der Nachahmer von einer andern Gesin-nung geleitet als sein Vorbild. Albrechts Ansicht von der geschichtlich-gesell-schaftlichen Wirklichkeit ist hierarchisch geordnet; von der Kirche geht dieRegelung der irdischen Dinge aus (z.B. Str. 1846 [1834J-90. 5220-33), undder Priesterstand steht über jedem andern erhaben da; stark ist also dasgeistliche Element ausgeprägt. Das Sein wird bei Albrecht gradualistisch ge-messen, das Weltleben stellt eine niederere Stufe als das geistliche dar, bei Wolf-ram dagegen trägt das Rittertum ,humanistisch aufgefaßt' seinen Eigenwertin sich, ohne am Priestertum gemessen zu werden. Aber eben dadurch, daßAlbrecht über Wolfram hinaus das hohe Geheimnis des Grals ans Licht brin-gen wollte und seine eigenen Erfindungen alles überwuchern ließ, hat er denursprünglichen ethischen Grundgedanken, den der Läuterung des sich vomIrrtum zur Wahrheit, von der Welt zu Gott durchringenden Menschen, ver-wischt.
Am grellsten fällt der Widerschein von Wolframs Kunst bei der Betrach-tung der Form 2 in die Augen. Die dunkle Sprache wird im jüngeren Titu-rel bis zur Unverständlichkeit überboten. Hier ist alles verkünstelt, man mußsich den Schwulst erst in eine vernünftige Bedeutung übersetzen. Wolframssprachlicher Ausdruck ist die Physiognomie seines Geistes, gestaltgewordenePersönlichkeit, aus Albrechts Stil dagegen spricht die Verschrobenheit des
Die deutsche Verserzählung Oswalds des Ettal, 1860, dazu Zingerle u. Pfeiffer,
Schreibers aus Königsberg (Ujbanya) in Un- Germ. 6, 246 f.; Boisseree aaO.; San-Marte,
garn, 1914, dazu Bela Zolnai, Lbl. 1917, Leben u. Dichten S. 293; Zarncke, Der Gral-
219 f. — Architektur d. Graltempels: tempel S.479f.; Schwietering, ZfdA. 60,
Görres, Lohengrin S. XVI-XXX; Sulpiz 120 f.
Boisseree, Abhandl. d. bayer. Ak. d. Wiss. 1, l Quellenfrage: Zarncke, Beitr. 3, 304 f.;
1835, 307-92; San-Marte, Leben u. Dichten Birch-Hirschfeld, Sage vom Gral S. 288-91;
S. 277-84; Ernst Droysen, Progr. Kroto- San-Marte, ZfdPh. 15, 391-98; Borchling
schin 1871; Piper, Höf. Ep. 3, 735 ff.; Bur- pass.; Golther, Gralb. S. 236.
dach, DLz. 1903, 3057 u. Vorspiel I, 1, 172 f.; 2 Stil: Lachmann, Kl. Sehr. S. 354; Borch-
Blanca Röthlisberger, D. Architektur d. ling S. 119-78; Schneider, Heldendichtung
Graltempels im j. Tit., 1917, dazu Baesecke, usw. S. 317 f.; Mordhorst, Egenv. Bamberg
Wissenschaft!Forsch.-Berichte III, 1919,71 f.; u. d. geblümte Rede, 1911, pass., bes. S. 136
Schwietering, ZfdA. 60, 118-27; Golther, -38; Brinkmann, Wesen u. Form, Reg. S. 195;
Gralb. S. 238^2; Brinkmann, Wesen und Kurt Herb. Halbach, Gottfr. v. Straßb. u.
Form S. 144. — Die Kirche zu Ettal, gebaut Konr. v. Würzburg, Klassik u. Barock im
unter Ludwig dem Bayern, hat in ihrem Plan 13. Jh., 1930, pass.; Alfred Hübner, Die
Ähnlichkeit mit dem Aufriß des Graltempels mhd. Ironie od. die Litotes im Altdeutschen,
im j. Tit.; ferner steht die heil. Kreuzkapelle Pal. 170, 1930, 187-91. — Fremdwörter:
in Karls IV. Burg Karlstein bei Prag; H.Hol- Borchling S. 122-31; Suolahti, Mem. VIII,
land, Kais. Ludw. d. Bayer u. sein Stift zu pass.