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„war von Anlockungen zur Sünde auf allen Seiten„so umgeben, daß ich die Kräfte nicht hatte, mich„loszureißen, so sehr ich mich auch sehnte, von die-„sen Hindernissen frei zu werden." — Darauf be-kennt er weiter, daß es ihm nur durch das Gebetgelungen sei, sich aus jenem traurigen Zustande los-zuringen. „Mit Freuden und Gewißheit" — sofährt er fort— „stand ich vom Gebete auf, meine„Unruhe war weggenommen; aus vollem Herzen„und Munde lobte ich Gott, der mir so große Gnade„erzeigt hatte. In dieser glücklichen, mit unzähli-gen Thränen erkämpften Stunde hätte ich Him-„mel und Erde, Engel und Menschen in meine„Freude mögen einstimmen hören. Ich ward„tief überzeugt, daß alle Welt, mit aller ihrer„Herrlichkeit und Lust, solche Ruhe und solches„Wohlsein im menschlichen Herzen nicht erwecken„könne, als ich genoß, und konnte hoffen, daß nach„solchen Erfahrungen der Gnade Gottes die Welt„mit ihren verführerischen Reizungen wenig bei mir„ausrichten werde."
Von Lüneburg reiste Francke gegen die Fasten-zeit 1688 wieder nach Hamburg, wo er sich in derfrommen Gemeinschaft mit Gleichgesinnten höchstglücklich fühlte, und zur Verbesserung des Iugend-unterrichts eine Privatschule für Kinder errichtete.Diese Beschäftigung war für sein ganzes folgendesLeben von großer Bedeutung. Das Ergebniß seinerdabei gemachten Erfahrungen faßte er spater in derSchrift zusammen: „Von der Erziehung der Kin-der zur Gottseligkeit und christlichen Klugheit." —Noch in demselben Jahre begab er sich wieder nachLeipzig, um exegetisch-praktische Vorlesungen daselbstzu halten. Sein Geistesverwandter, PH. I. Sve-ne r, war unterdessen (1,686) als Oberhofpredigernach Dresden berufen worden, und Francke tratmit ihm zur Beförderung des verfallenen Bibelstu-diums in nähere Verbindung. Doch seine Neiderund Gegner gewannen endlich die Oberhand: siewußten es dahin zu bringen, daß eine gerichtlicheUntersuchung gegen Francke eingeleitet und ihm vonder theologischen Fakultät das Halten der biblischenVorlesungen untersagt wurde. Umsonst nahm sichder scharfsinnige, vorurtheilsfreie Philosoph ChristianThomasius seiner an. Sogar die Regierung er-griff Partei gegen ihn, und erließ (den 16. März1696) ein Rescript gegen die Pietisten. Thoma-sius wandte sich nach Halle; Spener folgte ei-nem ehrenvollen Rufe nach Berlin, und Franckefand als Diaconus in Erfurt einen neuen Wirkungs-kreis, nachdem er vorher mehrere Reisen in's Mans-feldische, Altenburgische, nach Zeiz, Erfurt, Gothaund Lübeck gemacht hatte.
Aber auch hier erhob sich bald ein Sturm ge-gen ihn, nicht minder heftig, als derjenige, welchemer eben erst entgangen war. Durch seine kunstlosen,zum Herzen sprechenden Kanzelvorträge hatte er inkurzem einen großen Zuhörerkreis um sich versam-melt, und selbst viele Katholiken fanden sich durchseine Predigtweise mehr erbaut, als durch die Zere-monien ihrer Kirche. Katholische Eiferer fürchtetendeßhalb Gefahr für ihren Glauben; sie wußten denKurfürsten von Mainz, unter dessen Hoheit Erfurtbekanntlich stand, so gegen Francke einzunehmen, daßdieser schon nach fünfuierteljähriger Wirksamkeit abge-setzt und genöthigt wurde, die Stadt zu verlassen.Nur 48 Stunden ließ man ihm Zeit dazu: seine
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Mitbürger weinten ihm die aufrichtigsten Thränennach. —
Es konnte nicht fehlen, daß der Ruf seiner Ge-lehrsamkeit und seines frommen Sinnes eben sowohl,als die Theilnahme an seinem Unglücke manche Ein-ladungen zur Folge hatten. Auch für die eben erstgegründete Universität Halle suchte man ihn zu ge-winnen, indem man ihm eine Professur der Theo-logie und das Pastorat der Vorstadt Glaucha an-trug. Er folgte 1692 diesem Ruse, und nunbeginnt nicht blos der glänzendste, sondern auchder segensreichste Zeitraum seines öffentlichen Wir-kens, aber nicht ohne einen schweren Kampf mitseinen Widersachern. Denn dieselbe Behörde, welcheihn nach Halle berufen hatte, machte bald nach demAntritte seines Amtes schon Anstalten, ihn wiederzu entfernen, da sehr üble Gerüchte über Francke,als einen pietistischen Ruhestörer, sich fast allgemeinverbreiteten, wozu namentlich die Erbauungsstundenin seiner Wohnung viel beitrugen. Allein Franckebesiegt durch seine Unschuld und Standhaftigkeitalle Angriffe.
Kaum hatte er sein neues Amt angetreten, sobemerkte er mit tiefem Kummer die große Sittenlo-sigkeit seiner Gemeinde, deren Ursache er ebenso in derArmuth, wie in der Unwissenheit, zu finden glaubte. Erbeschloß das Uebel bei der Wurzel anzugreifen, aber wel-che Hindernisse waren dabei zu überwinden! — JedenDonnerstag erschienen in seinem Hause eine großeMenge geistig und leiblich Armer. Alle empfingen ausFranckes milder Hand eine kleine Gabe und mehrnoch als dieß: denn ehe er sie von sich ließ, unter-redete er sich mit ihnen eine Zeit lang über die Haupt-wahrheiten des Christenthumes. Bei diesen Gesprä-chen hatte er Gelegenheit, die Verwilderung jenerArmen in ihrer ganzen Größe zu erkennen, undnun sah er ein, daß nur durch Begründung einerArmenschule und somit durch bessere Erziehung desheranwachsenden Geschlechtes dem Uebel erfolgreichgewehrt werden könnte. Im Vertrauen auf Gottund gute Menschen ging er an's Werk. Er brachteaußerhalb eines Fensters, im untern Stockwerke sei-nes Hauses, eine Armenbüchse an, deren Aufschriftin Worten der Bibel (2 Kor. 9, 7. und 1 Ioh. 3,17.) die Vorübergehenden zu milden Gaben auffor-derte. Einst fand er in derselben sieben Gulden aufeinmal; da rief er voll Freude und Entschlossenheitaus: „Das ist ein ehrlich Kapital; damit„kann man etwas Rechtes stiften, ich will„eine Armenschule damit anfangen!" —Das war der kleine Anfang seines großen Werkes!
Um Ostern 1695 eröffnete er hierauf in seinemHause diese Armenschule, bei welcher er einenStudenten mit einem wöchentlichen Gehalte von6 Gr. als Lehrer anstellte. Bald wendete sich dieallgemeine Aufmerksamkeit dieser Stiftung zu: mitder wachsenden Zahl der Schüler vermehrten sichauch die Unterstützungen, welche edle Wohlthäterdem srommen Zwecke zukommen ließen. Unterdessenhatte er bereits 9 älternlose Waisen aufgenommen,die er anfangs bei christlich gesinnten Familien inVerpflegung gab; doch bald sah er sich in den Standgesetzt, ein Haus zu kaufen, um seine Waisenschuledahin zu verlegen. Selbst vornehme Aeltern ver-trauten dem frommen Manne ihre Kinder an, wo-durch er sich veranlaßt sah, das Pädagogium,eine christliche Erziehungsanstalt für Kinder aus hö-
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