Muleum kür preuhilche ilaterlandskunde.
Band m.
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Lies. R4.
August Hermann Francke,
Stifter des hallischen Waisenhauses.
Unter den ausgezeichneten Männern, deren Na-men in den Jahrbüchern der Geschichte glänzen, wares nur Wenigen vergönnet, zugleich auch in ihrenWerken fortzuleben. Zu diesen Wenigen gehört Au-gust Hermann Francke (so, nicht Franke,schrieb er sich), welcher von vielen seiner Zeitgenossenverkannt, erst von der gerechteren Nachwelt, nachseinem ganzen Verdienste, gewürdiget worden ist. Ersäete, wie mancher Redliche, unter Thränen, aberer ward nicht müde im Glauben und Lieben; darumwurde ihm die große Freude zu Theil, seine Saa-ten wachsen, grünen und gedeihen zu sehen. Nunernten späte Enkel die reichsten Früchte und „ehrendes Stiftenden Geist, glaubend und liebend, wie er."
August Hermann Francke war 1663 den12. a. oder 23. März n. St. zu Lübeck geborenund der Sohn des dortigen Domsyndicus O. Jo-hann Francke (-j- 1670), welcher jedoch 3 Jahrenach der Geburt dieses Sohnes, als Hof- und Iu-stizrath nach Gotha berufen wurde. Die Versetzungdes Vaters hatte auf die erste Bildung des Kna-ben den größten Einfluß: denn der Hof des Her-zogs Ernst des Frommen konnte als Musterder Religiosität gelten, und in keinem deutschenLande geschah damals so viel für Erziehung undUnterricht, als in dem kleinen Herzogthume Gotha,Das Gymnasium der Residenz, aus welchem derjunge Francke gebildet wurde, erfreuet« sich der be-sondern Fürsorge des Fürsten und hatte kurz zuvoreine fast gänzliche Umschaffung erfahren. Mit un-gewöhnlichen Fähigkeiten begabt, machte hier derJüngling so bedeutende Fortschritte, daß er schonim 14. Lebensjahre das Schulziel erreicht hatte, we-gen seiner Jugend aber, erst nach 2jährigem Pri-vatstudium, mit den günstigsten Zeugnissen seinerLehrer versehen, 1679 die Universität Erfurt be-zog. Sein frommer Sinn führte ihn dem Studiumder Theologie zu, auf deren Gebiete gerade damalseine gewaltige Bewegung eingetreten war, ohne je-doch die Philosophie, Geographie, Geschichte :c. zuvernachlässigen. Denn so eben hatte der ehrwürdigePhilipp Jakob Spener zu Frankfurt am Mainseine „Vorlesungen für Vibelfreunde" eröffnet und warin seinen „frommen Wünschen" (pi» cleziclerm) gegendie herrschende Theologie seiner Zeit aufgetreten, welchebeim strengsten Festhalten an den herkömmlichenGlaubensformen (Orthodoxie) das fromme Gemüthohne Nahrung ließ. Francke, der an allen religiö-sen Erscheinungen den lebhaftesten Antheil nahm,wurde in die allgemeine Bewegung hineingezogenund trat, nach langem Kampfe mit sich selbst, aufSpeners Seite, dessen Anhänger mit dem unpas-senden Namen „Pietisten" (Frömmler) bezeichnetwurden; denn gerade den blosen Schein der Fröm-
migkeit, welchen der Frömmler um sich her zu ver-breiten sucht, wollten sie dadurch vermeiden, daß sieüberall auf thätiges Ehristenthum drangen.
Von Erfurt hatte sich Francke, schon amSchlüsse des ersten halben Jahres, nach Kiel ge-wendet, wo er ein ansehnliches Familienstipendiumdurch seinen mütterlichen Oheim Dr. Glorin zuLübeck genoß, und hier war es, wo er mit demberühmten und eckt christlich gesinnten Theologen Dr.Kortholt, als dessen Zuhörer, Haus- und Tisch-genosse, in eine enge, für seine theologische Bildunghöchst wichtige, Verbindung kam. Nach 3jährigemAufenthalte ging er von Kiel nach Hamburg, umnach dem Rathe des berühmten hebräischen Sprach-lehrers Es ra Edzardi das Hebräische gründlich zulernen. Nach 2 Monaten reiste er von da nachGotha, wo er dann anderthalb Jahre mit demgrößten Eifer jene Sprache studirte und es darinso weit brachte, daß er seit Ostern 1684 dem Theo-logen Wichmannshausen in Leipzig Privatunter-richt ertheilen konnte. In Leipzig setzte er seine eig-nen Studien fort, erlernte da« Rabbinische und Ita-lienische, wie früher in Kiel die englische, und in Gothadie französische Sprache, und ward mit den meistenleipziger Gelehrten bekannt und von allen geliebt.Im Jahre 1685 promovirte er zum Magister, habi«litirte sich mit einer Disputation über die hebräischeSprachlehre, und sing hierauf an, Vorlesungen zuhalten, welche zahlreich besucht wurden. Noch ein-mal sollte Francke 168? jenes Familienstipendiumerhalten, wenn er sich einige Zeit nach Lüneburg zudem frommen Superintendenten Sand Hagen bege-ben wollte, um sich von demselben in der Auslegungder Bibel weiter unterrichten zu lassen. Lüneburgnannte Francke später seine geistliche Geburts-stadt; denn da war es, wo er, nach jahrelangem Hin-und Herschwanken, zur Entschiedenheit gelangte.Sein Selbstbekenntniß darüber ist merkwürdig, daes nicht blos den frommen Mann selbst zeichnet,sondern auch die falsche Richtung der Zeit, gegenwelche Spener kämpfte, so treffend darstellt.
„Meine Theologie" — sagt der redliche Mannvon sich selbst — „war nur in meinem Kopfe, nicht„in meinem Herzen. Sie war eine todte Wissen-schaft, die mein Gedächtniß und meine Phantasie„beschäftigte. Wenn ich die heil. Schrift las, ge-„schah es nur, damit ich recht gelehrt werden möchte,„nicht um ihren Inhalt auf mich anzuwenden. Ich„forschte sehr viel darin, um Alles aufs Papier zu„bringen, in mein Herz aber etwas zu schreiben, das„war mir ein zu seltener Gedanke. So hatte ich„sieben Jahre lang Theologie studirt und wohl ge°„faßt, bis ich endlich einsah, daß ich, weil das„Wort Gottes bei mir nicht Leben gewann, son-„dern unfruchtbar blieb, auf's Neue den Anfang„machen müsse, ein Christ zu weiden. Ich fand„mich so tief in die Dinge dieser Welt verstrickt,