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3 (1842)
Entstehung
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70
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Oberschlesien.

Ein Cbaraltergemälde.

Unter Oberschlesien versteht man jenen TheilSchlesiens sowohl unter östreichischer als preußischerHoheit, welcher, außer der Oder nördlich durch dieStobra und südlich durch die glazer Neiße abge-schnitten wird; preußischer Seits begreift man dar-unter insbesondere den Regierungsbezirk Oppeln. Hierverschwimmt das deutsche Volts-Element, das inder Oder seine eigentliche Gränze findet, mit demslavischen, welches nun gegen Nord- und Südosthin vorherrschend wird.

Der Hauptcharakterzug des Landes besteht indieser eigenthümlichen Vermischung der Bevölkerung,worin sich auf der einen Seite, unter den segens-reichen Bemühungen der preußischen Regierung, alleLichtseiten der deutschen Kultur, auf der andernalle Schattenseiten slavischer Rohheit herausstellen.Während nämlich, neben den königlichen Domänenund Etablissements, die deutschen bedeutenden Grund-besitzer in großartigen Industrieanlagen und in demFeld- und Bergbau die materielle Lebensseite mit al-len Vortheilen der steigenden Intelligenz ausbilden,finden die geistigen und sittlichen Interessen ihreVertretung in den vier Gymnasien zu Gleiwitz, Op-peln, Leobschütz und Neiße, und von hier aus indem Mittelstande der städtischen Bevölkerungen. DerKern des Volkes aber, die polnische Landbewohner-schaft, steht noch auf einer so niedern Stufe derKultur, daß die vorhandenen und fortwährend ver-mehrten Volksschulen nur langsam den schweren Bannder Unwissenheit und des Aberglaubens, und damitdie Herrschaft der gröbsten Laster zu lösen vermögen;daher im Vergleich mit dem Landvolke in Mittel-und Niederschlesien, auf der eigentlich deutschen Seitedes Landes, der außerordentlichste Kontrast sichergiebt.

Nachdem in der Ablösung des Frohnwesens,sowie in der eifrigen Sorge für den Unterricht, vonder Regierung längst alles Mögliche für die geistigeund sittliche Erhebung der untern Volksklassen ge-schehen ist, und fortdauernd geschieht, sehen diePhilanthropen als Hauptursache der beharrlichen Er-niedrigung derselben die Branntweinpest an,welche, bei aller Wohlfeilheit des feurigen Giftes,stets den Erwerb des Bauers verschlingt, der, beidem Aufschwünge der Industrie im Bergbaue undHüttenwesen und den hierzu fehlenden, daher gutbezahlten Händen, mitunter bedeutend genannt wer-den kann. Während hiernach Wohlhabenheit undin deren Folge Aufklärung, ja sogar eine gewisseBildung auf dem Lande vorherrschen könnten, fin-det man dort nur die tiefste Armuth und thierischeVersunkenheit der Menschennatur.

Die religiösen Begriffe des Bauers beruhen aufdem rohesten Theile des katholischen Kultus, undunterscheiden seine Andacht nur dem Namen nachvom Götzendienste. Feiertage, Prozessionen, Wall-fahrten, Fasten, Weihwasser und Heiligenbilder,kurz Alles, was unmittelbar die Sinnlichkeit desOberschlesiers berührt, gilt ihm für das Wesen derReligion, welche in der Vergebung der Sünden deneinzigen bewußten, aber auch größtenteils übersinn-lichen Reiz für ihn hat. Wenn er sich Gott denVater als einen alten Mann, die Mutter Gottesschwarz oder weiß, je nachdem er eine Abbildung von

ihr sah, und den heiligen Geist als eine Taube ge-dacht hat; so fügt seine Phantasie um so leichterHölle und Fegefeuer als Gegensatz hinzu, von de-nen er an den Hohöfen und Frischfeuern ringsumdie anschaulichsten Begriffe erlangt. Mit Herenund Gespenstern füllt er endlich die letzten Lückenseiner Vorstellungen von der Gottheit aus.

Es begreift sich, daß bei einer so beschränktenreligiösen Erkenntniß der unteren Volksklasse voneiner äußeren moralischen Einwirkung als Triebfederzum Guten und selbst zur absoluten Pflichterfüllungkaum die Rede sein kann, und in der That ist hier-zu der Prügel oder Batog, wie er hier heißt, dereinzig wirksame Hebel und gleichsam das Symbolder oberschlesischen Humanität. In den Gruben-und Hüttenwerken, wo man die Landleute viel be-schäftigt, würden, nach täglicher Erfahrung, ohnedie Prügelmaxime endlose Verlegenheiten entste-hen; denn so lange der Arbeiter noch einen Pfen-nig zu Branntwein besitzt, ist auf seine Zuverläs-sigkeit nicht zu rechnen, wenn nicht die Furcht ei-nigermaßen das Pflichtgefühl bei ihm ersetzenhilft.

Haus- und Feldzustand des Bauers ist da-bei so elend als seine Kleidung und Lebensweise. Alserstere dient im Sommer ein rohleinenes Gewand,im Winter ein schmuziger Schafspelz. Die Nah-rung besteht in der Regel aus Kartoffeln, Heide-grütze und Sauerkraut. Sehr selten nur, oft kaumeinmal im Jahre, wird sie durch Speck oder Schwein-fleisch erhöht; nie aber fehlt dabei die Branntwein-flasche, welche das Lebensöl dieser Klasse und beiallen besondern Ereignissen auch das Lebenssymbolist. Mit ihr in der Hand begrüßt man den Täuf-ling, und versenkt den Sarg des lebenssatten Grei-ses ; des Sonntags aber strömt der Kartoffelfuselbeim Tanz in der Schenke, und Weiber und Kin-der werden dabei niemals vergessen.

Theils aus Mangel an Kleidern, theils ausMangel an Zeit der Kinder ist ihr Schulbesuch sehrgering. Sie laufen in den blosen Hemden umher,und, wenn diese von der Mutter des Sonnabendsam Teiche rein geschlagen werden, auch ganz nackend.Dabei müssen sie die Schweine von dem älterlichenKraut- und Kartoffelfelde abwehren, während derVater in der Grube oder Hütte arbeitet, oder inder Iudenschenke sich berauscht, und dann den Rauschausschläft. So wächst das Kind mit dem Schweineauf; es bleibt sein unzertrennlicher Gefährte,und der Menschengeist kann in ihm nicht mächtigwerden.

Neben diesen traurigen Zuständen der unterstenVolksklassen sind die der Landeskultur und IndustrieOberschlesien«, denen sie dienen, um so erfreulicher.Den Landbau beförderte Friedrich der Große, nachdem siebenjährigen Kriege, durch herbeigezogene An-siedler aus Würtemberg und der Pfalz, denen erauf seinen Domänen große Begünstigungen zu Theilweiden ließ. Allein auch andere, nicht königlichewüste Grundstücke wurden deutschen Kolonisten zurKultur und zum Eigenthum« angewiesen, und derKönig unterstützte dann die Grundbesitzer in derenAusstattung. Auf solche Weise entstanden über25l) neue Dörfer und über 2NW neue Häuslerstel-len. Besonders sieht man rings in der Gegendvon Kupp dergleichen Kolonien. Sie sind größ-tentheils in den Jahren 177273 angelegt, und