Druckschrift 
3 (1842)
Entstehung
Seite
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L o r u

Herzog von Braunschweig-Lüneburg, FriedrichsHut, sowie ein Jahr später durch seinen FreundGericke, den geheimen Kämmerer Friedrichs,dessen Schärpe aus dem 7jährigen Kriege. Um auchseinen Freunden von diesen kostbaren Andenken et-was mittheilen zu können, ließ Gleim Ringe ma-chen, in welchen Silberfäden aus der Schärpe undFedern vom Hute angebracht waren. Im Herbste1786 wurde Gleim auf Müllers Betrieb zumMitgliede der Akademie zu Berlin ernannt, ohnejedoch über diese etwas spate Ehre besondere Freudezu empfinden.

Im Jahre 1790 verjüngte sich der Greis nocheinmal. Auf einer Reise befiel ihn in Ascherslebenbei den Seinigen eine tödtliche Krankheit; er er-wartete nichts als den Tod und nahm schon in Ver-sen Abschied von seinen Freunden. Allein seine kräf-tige Natur, durch die treueste Pflege unterstützt, über-wand die Krankheit so glücklich, daß er voll frischer,neuer Gesundheit nach Hause zurückkehrte. Er warbestimmt, noch Vieles, Unerhörtes und Ungeseheneszu erleben. Es war die Zeit der großen französi-schen Umwälzung! Mit Entsetzen sah Gleim derenFolgen sich auch Deutschland nähern; sein edler Pa-triotismus gewann eine höhere Stufe, aus einemblos preußischen erweiterte er sich zum deutschen,und nicht getäuscht durch den Glanz der neuen Ideenvon Menschenrechten :c., eiferte er vielmehr heiß undheftig für Bekämpfung der falschen Begriffe vonFreiheit und Gleichheit, sowie für kräftigen Wider-stand gegen den äußeren Feind. Er sang preußischeSoldatenlieder, Marsch- und Kriegslieder, und zwardie ersteren in Folge einer unmittelbaren Aufforde-rung des Königs selbst, durch den Freiherrn vonder Reck, der den Plan hatte, durch tüchtige wie-der das kriegerische Feuer und den Nationalstolzin der vaterländischen Jugend zu verbreiten. Gleimlebte seit dieser Zeit mehr als je in der Gegenwart,verfolgte aufmerksam deren Geschichte und so ent-standenZeitgedichte" in verschiedenen Sammlungen.Sämmtliche Dichtungen dieser Art erschienen in sei-nem Selbstverlage und wurden nur unter seine Freundevertheilt. Seine Briefe aus dies« Zeit sind auchlauter patriotische Hirtenbriefe.

Gleim fand indessen Befriedigung wie im-mer in der Poesie. Seine geliebte Muse baute ihmeinHüttchen" und erlebte alsHüttner" wieer sich nannte, zufrieden mit Gott und der Welt.Er fuhr fort zu singen, und sammelte diese ent-standenen Lieder unter dem Namendas Hüttchen."Im Jahre 1797 starb Friedrich Wilhelm II.,und Friedrich Wilhelm III. gab seinem Landeneue Hoffnung einer schöneren, glücklicheren Zeit.Nicht nur hörte der Glaubenszwang und so mancherandere tiefgefühlte Uebelstand sofort auf, sondern esstrahlte auch von dem vaterländischen Throne herabdas seltene Beispiel häuslichen Glückes, strenger Ge-rechtigkeit, prunkloser Einfachheit und jeder uraltenTugend deutscher Nation. Auch diesem dritten Lan-desvater, dessen Regierungsantritt Gleim noch er-lebte, bot er wie seinen Vorgängern, seinen patrio-tischen Gruß, der gnädig aufgenommen und erwie-dert wurde. In demselben Jahre noch legte Gleimseine Stelle als Domsekretär nieder, in welcher er50 Jahre hindurch, durch unermüdliche Thätigkeit,durch seine ausgebreiteten persönlichen Bekanntschaf-ten auch in den höchsten Kreisen, durch seine voll-

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endete Kenntniß aller Statuten und Gebräuche desStiftes, höchst wichtige Dienste geleistet, und so man-che Angriffe auf die Freiheiten und Rechte desStiftes glücklich abgewehrt hatte. Er behielt sichvon seiner gesammten Amtsführung, nebst einerHauptrechnung des Kapitels, nur die Venefizien-geschäfte für die Studirenden vor.

Unter die größten Kümmernisse am Abende sei-nes Lebens gehörten diejenigen, welche ihm die Frie-densverhandlungen des rastadter Kongresses bereiteten.Neben dem politischen Geiste seiner Zeit verursachteihm auch der philosophische Kummer. BeiWolfs und Vaumgartens Philosophie alt gewor-den, kannte er nur das Bedürfniß, mit der je-der Zeit neu auftauchenden Hauptneiaung obenhinbekannt zu sein; die neue Philosophie Kants undFichtes mit ihrer kalten Abstraktion blieb ihmdaher fremd. Gleichwohl versuchte er die SchriftenKants und Fichtes zu lefen, brachte aber darausnichts als eine Kenntniß der oft komischen Termi-nologie heraus, aus welcher er spottende Pfeile spitzte,und gestand selbst, daß ihm Kant zu unverständ-lich, oder, wie er sich ausdrückte, zu wenig mensch-lich schreibe. Noch unzugänglicher war ihm natür-lich Fichte, dem er nichts destoweniger, als dieser,von Mißverständnissen hart bedrängt, auch ihmseineAppellation an das Publicum" zusandte, mit gewohn-ter Humanität und Offenheit antwortete, seinenEifer für Weisheit und Wahrheit anerkennend pries,und sich ihn zum Freunde machte.

Das letzte Iahrzehend seines Lebens war das an-genehmste. Die erwähnte schwere Krankheit zuAschersleben hatte seine Natur gereinigt, und erempfand in seinem ganzen Dasein ein nie gefühl-tes Wohlbehagen. Er las und schrieb schlafloseNachte hindurch, wie in den jüngern Jahren, ar-beitete mit Lust und Kraft, und war für jede Freudeleicht gestimmt. Die fast regelmäßigen Besuche sei-ner auswärtigen Freunde Eschenburg, Voß undHerder mit ihren Familien, das nachbarliche Le-ben mit Nachtigall, Schmidt, Fischer, Streit-horst und dem jüngern Gleim, der fortgesetzteBriefwechsel mit alten und neuen Freunden, dererheiternde Umgang mit der gräflich stolbergschenFamilie, und die Beschäftigung mit seiner treuenMuse war der freudenreiche Inhalt des Abendsseines Lebens.

Zu den werthesten Besuchen in jener Zeit ge-hörten die von Baggesen und Jean Paul. Vondes letzteren Werken war er wie ein Jüngling be-geistert, und nannte ihn voll Entzücken einen Gottge-nius!Auch Seume besuchte unseren edlen Greismehrmals, und giebt eine wahrhaft rührende Schil-derung von dem gleimschen Hause. Zu denheitersten Tagen dieses letzten Iahrzehendes gehörtenseine Geburtstagsfeste, welche durch Briefe und Ge-schenke der Freunde von nah und fern, durch Blu-men, Lieder und Gesänge, und namentlich durchdie Theilnahme der stolbergschen Familie, auf dasSchönste verherrlicht wurden. In diefer glücklichenZeit entstanden: Triolettische Gedichte";Nesselnauf Gräber", eine Reihe kleiner epigrammatischerStücke auf schlimme Helden, Thoren und Narren.Amor und Psyche", die interessanteste Samm-lung dieser Zeit; Lieder, unter denen mehrere derschönsten Jugend würdig, Punschlieder, dra-matische Gedichte, Lieder zu einem Roman,