Kluge und nützliche Staatskunst,46Trutz zeiget, daß er mehr weiß als du, und deiner nicht mehr von-nöthen hat. Also sollst du auch mit denjenigen handelen, welche ei-ne Gunst, Dienst, Hülfe, Schutz oder sonsten etwas von dir be-gehren, nemlich ihnen nicht auf einmal all ihr Begehren concediren,sondern allgemach (wann du argwohnest, daß sie undankbar seynwerden) damit sie deiner beständig vonnöthen haben, und dir verbun-den, sonsten möchten sie deiner nach gutthätiger Hülfleistung gleichwieder vergessen, und nichts mehr nach dir fragen. Wann du etwas vonjemand begehrest, und es dir abgeschlagen wird; so bitte einen anderenFreund, daß er dasselbige unter gewissen Vorwand vor sich selbsten begeh-re, so wirst du es alsdann balder erhalten (§. 18.). Ferner soll man auchkeine grosse Begierlichkeit zeigen (§. 22.), da man stets, was andereschönes, kostliches und kunstreiches haben und ihnen lieb ist, geschenkt be-gehret, sondern man begehre solches mit Vergeltung oder Bezahlung(nach dessen schätzbaren Preiß). Ist aber alsdann einer so freyge-big, der es dir umsonst schenket; so kanst du es mit einer äusserlichenund manierlichen Weigerung annehmen (§. 21.). Nicht aber sollman sich prostituiren oder vorstellen wie viele, die beständig von an-deren (auch wohl ohne Verdienste) Gaben oder Geschenke begehren;und die man mit Recht unersättliche Gabenfresser heißen kan, dasie, so bald sie nur etwas sehen, auch Lust darzu haben, solches, sozu sagen; abbetteln und wollen geschenket haben. Diß ist aber eineverächtliche Gewohnheit, und schimpfliche Begierde, wodurch mansich allzeit bey andern unbeliebt machet (*). Und man denjenigen,der immer bettelt, fordert, begierlich und intereßirt scheinet, überallhasset, auch dessen Gewinn- und Freundschaft fliehet. Es ist besser,daß andere dir verbunden seynd, als daß du anderen einige Obli-gation schuldig bist; so ist es ein verständiger Rathschluß, daß, sobald jemand dir eine Gunst, Dienst, Hülfe, Wohlthat, Gefallenoder ein Plaisir erwiesen hat, du denselben gleich darüber möglicherundLaut des Spruchs: Illum nullus amat, qui semper, da mihi, clamat.
Druckschrift
Kluge und nützliche Staatskunst oder politische Maximen nach denen Rubriquen, Regelen, Rathschlüssen, Ausprüchen und Ermahnungen deren vornehmsten und gelehrtesten Staats-Männern : worinnen zugleich ganz kurz die subtileste Staats- und Kunstgriffe enthalten sind, wie die geheimeste Concepten, Intriquen, Affecten, Paßionen, Listen Tücken, Gewohnheiten, Schwachheiten, Fehler, Neigungen, Begierden, Sitten, Tugenden und verborgenen Eigesnchaften der Menschen zu entdecken sind ...
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