S 66 H.P. 7 Des Herrn DE HONVLEZ kluge und nützliche ⛪ * A M X oder Brivat=Politie nach dem neuesten Politicismo. 1 Kluge und D S S Nach Rubriquen, Regelen, Rathschlüsse deren vornehmſte StaatsWorinnen zugleich ganz kurz die subtileste Staats- und Kun triquen, Affecten, Paßionen, Listen, Tücken, Gewohnheiten, Schwaborgene Eigenschaften der Menschen zu entdecken sind; um die Welt Nebst Anfuhrung einiger wichtigen Civil- und Militair-Regelen, oder chen satyrisch-moralischen Reflexionen, sinnreichen LebAllen denjenigen, welche dem gesellschaftlichen Leben der Menschen verbunde vorsichtigen Gebrauch der jetzigen crüf Herrn Johann Wilhelm Carl Adolph de H NOSCE TEIPSUM NOSCE ALIOS. Düsseldorf, druckts und verlegts Carl Phil nützliche W N D S e 1 benen „Aussprüchen und Ermahnungen und gelehrtesten Nännern; st-Griffe enthalten sind, wie die geheimeste Concepten, Inhheiten, Fehler, Neigungen, Begierden, Sitten, Tugenden und verach ihrem inneren Wesen und wahren Beschaffenheit kennen zu lernen: besonderer Staats-Regierungs- und Kriegs-Maximen, sammt etlins=Lehren, und scharfsinnigen politischen Sprüchen, sind, zur heylsamen Warnung des heuttaͤgigen Weltlaufs, als auch zum chen Zeiten mitgetheilet und vorgestellet IONVLEZ von der ARDENNE &c. Sent. Thal. miles. Rubr. polit. Mazar. pp Ludwig Stahl, Churf. Hofbuchdrucker. And. Maximil. FREDRUS Sis Politicus, ne tamen, ut te Catholicum esse obliviscaris. Monit. polit. moral. part. 2. num. 10. Das ist: Lebe zwarn als einen Staatsmann und Weltklugen, doch aber also, daß du einen Christen zu seyn nicht vergessest. Fred. Staats- und Sitteenlehren, 2. Theil, Num. 10. Seiner tel Seiner Hoch gräflichen Excellenz, Dem Hochwürdig=Hochgebohrnen Herrn, HERRR Christop Frau Anton Reichsgrafen zu Hohenzollern, Siegmaringen und Vöringen, Herrn zu Hayerloch und Wohrstein; Des Heil. Röm. Reichs Erb=Cammern; Vice=Dechanten, Kepplern, Schatzmeistern, und Capitularen des hohen Erzund Thum=Stiffts Cölln; Capitular=Herrn des hohen Dom-Stiffts zu Straßburg; Seiner Churfürstlichen Durchlaucht zu Cölln Obrist-Land-Hofmeistern, ersten Staats-Ministern, Churfürstl. geheimen Extra-Conferential-Regierungs=Rathen, Präsidenten eines hochlöblichen Kriegs=Raths, und der Churfürstl. Finanz=Commißion; Statthaltern des Fürstenthums über Rhein Bischthums Straßburg; Groß-Creutz-Herrn des Hoch-Adelichen Ritter=Ordens S. Michaelis &c. &c. gebohrner: Herr! woc Hochwürdi. J=S uer Hochgräflichen Excellenz gegenwärtige Grundlegung einer Privat=Politic unterthänigst zu präsentiren und zu dediciren würde ich mich niemahlen unterwunden haben, wann ich nicht wüste, daß Dieselben Leutseligkeit und Güte gnug besitzen thäten, diese genommene Freyheit zu übersehen, die allein aus einer wohlmeynenden Veneration und Hochachtung herrühret. Ich hielte dafür, daß es in einer Zeit, (da Sie wegen vortreflichen Qualitäten, hohen Herkommen und heldenmüthigen )( 4 thigen Meriten von allen hoch geehret, venerirt und admirirt werden) die Art eines Fehlers wäre Dero grosse und überall bekannte Meriten (oder Verdienste in vorsichtiger Verwaltung schwerer Staats-Geschäften, in applaudirter Vertrettung hoher Dignitäten und wichtiger Officien) nicht zu erkennen und also im Stillschweigen zu verbleiben, da nicht allein von Ihnen das ganze Land, sondern das ganze Reich zu Dero höchsten Ruhm und Lob mit Grund, Wahrheit und Aufrichtigkeit spricht. Vornemlich aber, Hochwürdig-Hochgebohrner Herr, da ich hiedurch Gelegenheit gewinne, vor allen anderen mit mehrern Recht und treu=aufrichtigem Gemüthe offenbar zu machen, was Ihnen die Hochachtung und Estime eines der vornehmsten, vortreflichsten und gütigsten Fürsten unserer Zeit verdient gemacht. Allein jedwem ist Dero angestammete Weisheit in geiste und weltlichen Affairen; fürtrefliche Experienz in Regimentssachen; gründliche Wissenschaft und Gelehrtheit im Staats Wesen; preißwürdige Holdseligkeit; Menschen=Liebe; freundschaftliches Bezeigen und andere adeliche Tugenden (womit Sie hervorleuchten) sattsam bekannt, daß ich solches mit mehreren Worten darzuthun nicht bedarf. Diese Diese und mehrere preißwürdige Tugenden sind Dero Hochgräflichen berühmten Familie gleichsam eingepflanzet; aus welchem vornehmen Stamme so viele vortrefliche Männer entsprossen, die sich um die Kirche, um den Staat, und um das gemeine Wesen höchst verdient gemacht, und sich eben daher einen unsterblichen Ruhm erworben. Sie aber in die Fustapfen Dero preißwürdigsten Vorfahren trettende Ihro von uralten Zeiten her hochadelichem Hause täglich durch löbliche Thaten je mehreren Glanz, Zierde und Ruhm beylegen. Mich hat also die weltbekannte angenaturte Affabilität, hochverständige Klug- und Weisheit, als andere ruhmwürdige edele Eigenschaften Ew. Hochgräfl Excellenz dahin verbunden, diese Blätter Dero vielvermögender Protection mit gebührender Reverenz vorzulegen, zuzuschreiben und zuzueignen. Ich lebe demnach des zuversichtlichen Vertrauens, es werden Ew. Hochwürd. Hochgeb. dieses kleine Werk eines günstigen Anblicks und den Authoren Dero hochschätzbaren Huld, Wohlgewogenheit, und großgünstigen Patrocinio würdigen. In dieser Hofnung Sie zugleich versicherend, daß )( 3 daß ich mich äuserst bemühen werde, mit der lebhaftesten Empfindung, Ergebenheit und größten Hochschätzung zu leben Hochwürdig=Hochgebohrner Herr, Ew. Hochgräflichen Excellenz. Cölln am Rhein, den 10. Merz 1760. treu=gehorsamster und dienstergebenster Author D'HONVLETZ. 1 ⛪ ⑧ 20 ⛪ 2 ⛪ M S ⛪ □ ⸸ ⸸ + S S D ☚ E 31 ⛪ D ~ A R A 1 W — ⛪ ⛪ Vorbericht. ☋ W er Nahme Politic, das ist Staats-Kunst, hat seinen eigentlichen Ursprung von dem griechischen Wort: πολις A Stadt, πολιτικος städtisch, bürgerlich, πολιτικη ### Staats-Kunst, bey den Franzosen wird sie auch ge③ # nennet Science Civile, bey den Lateinern aber Politica, woher dann bey ihnen auch ein in gemelter Wissenschaft geübter Mann ein Politicus heisset, bey den Deutschen aber ein Staatskluger, Staatsmann, Staatist rc. Da die Staatskunst an sich selbsten zum einzigen Gegenstand hat die Menschen mittels ohnveränderliche LebensRegelen und Maximen in Stand zu setzen, sich und dem gemeinen Besten nützlich zu seyn, so kan man sie billig eine bürgerliche Weltweisheit, oder Philosophia civilis nennen, massen sie in Ansehung dieses ein wesentliches Stück derselben ausmachet, nicht minder als die Vernunft-Lehre, Naturund Sitten=Lehre. Weshalben dann auch die mehreste Gelehrten dieselben mit Fug und Billigkeit unter die erste und vornehmsten Theilen der Philosophie zehlen. Dieses Vorbericht. Dieses soll gnug seyn, was die Etimologie oder anbelangt, ohn weiter in derselben Ruhm, und Vorzügen auszulaufen, weilen unser Vorhaben mit nichten ist, dieselbe nach ihren völligen Enthalt auszuführen, sondern nur in einem kleinen Zusammenzug velut in nuce iliadem die klügeste und nützlichste Staatsgriffe und Maximen nach den Rubriquen und Aussprüch der vornehmsten Staats-Männern anzuführen, damit bey Durchlesung derselben, ein jedweder lehrgieriger Mensch einen etwaigen Vorschmack derselben überkommen, und mittels selbigen suche den gemeinschaftlichen Umgang der Menschen einen Nutzen zu schaffen, massen eine ohnwiderprechliche Wahrheit ist: Non nobis sed patriae nascimur, das wir nicht für uns allein, sondern dem Vatterland zu dienen, gebohren werden; woher dann jener fast den Nahmen eines Menschens oder Weltbürgers unwürdig ist, so aus einem ganz unvernünftigen und menschfeindlichen Betragen den gemeinschaftlichen Umgang derselben scheuet, und nur allein seinen eigenen Lüsten, Sinnlichkeiten und sonstigen Leidenschaften abwartet, ohne zu gedenken, wie anstößlich ein solch Verhalten sey gegen denjenigen, so er dem gemeinschaftlichen Wandel der Menschen schuldig ist. Die Politic überhaupt genommen, wird von uns in die gemeine Staats Kunst (Politica publica) und in die besondere Staats=Lehre (Politica privata) eingetheilet: Erstere handelt nur von Regierung der Länder und Herrschaften, weshalben sie auch Regierkunst benamset wird. Sie schreibet Lehrsätze vor, wie ein Staat füglich zu regieren seye, wie dessen Flor und Aufnahm befördert, dessen Fall und Abnahm vorgebiegt werden, Daher dann Vernulæus sie beschreibet: Quod sit scientia justé, ac sapienter administrandae civitatis seu Reipublicae Vernul. inst. Pol. proem. Die Vorbericht. Die Privat=Politie aber lehret, wie ein jedweder sich in Conversatione civili, das ist: im gesellschaftlichen Leben der Menschen zu verhalten habe. Von dieser letzterer wollen wir in gegenwärtigen Bogen gleichfalls in einem Auszug handeln, und die Haupt=Maximen anführen, vornehmlich, wie eine jede Privat=Person, von was Stand und Würde sie auch immer seyn mag, im Umgang der Menschen, aller Orten und zu allen Zeiten sich aufführen solle, wie man mit allen umgehen, handelen und schaffen müssen, ja wie sich bey besonders gegenwärtigen critischen Weltläuften vor die arg= und hinterlistige Tück und Ränk der bösen, ungewissenhaften und betrügerischen Menschen zu bewahren; indessen haben wir doch verschiedene Lehr- und Grundsätze aus der UniversalPolitie einfliessen lassen, massen viele davon dem gemeinen bürgerlichen Wesen nicht minder, dann denen hohen Staats=Ministris nütz= und dienlich seyn können. Nicht weniger haben wir unseren Staats=Maximen etliche wichtige Militair=Intriquen und Kriegs=Ränk eingetragen, weilen deren Errinnerung einiger in Kriegs=Diensten stehenden und annoch ungeübten Privat=Personen in vielen kan zu statten kommen. Unser Vorhaben ist aber keineswegs, generale Regeln oder allgemeine Gesätze im Kriegswesen vorzuschreiben, dieweilen dieses fast ohnmöglich in anderen Ständen ist, und noch weniger im Krieg eintreffen kan, allwo manchmahl die Gelegenheit des Orts und der Zeit stets neuere Entschlüß zu nehmen zwinget, desfalls begnügen wir uns, wann wir etliche der wichtigsten angeführet haben, massen der Hauptzweck unserer Schreibart einzig )()( Vorbericht. einzig gewesen ist, in der Kürze unseren Lesern mitzutheilen die klügste und wichtigste Maximen, deren sich ein Privat-Staatsmann in allen Ständen und Gelegenheiten mit Nutzen bedienen kan, wann wir den ganzen Enthalt der Staats=Kunst, sammt alle von den alten sowohl als jüngern Politicis bis hieran ersonnene Grif und Maximen dahie berühren wolte, würde gegenwärtiges unser Werk in das Unendliche hinaus laufen, massen kein Stand und Condition so gering in dem gemeinen Wesen erfindlich ist, der nicht seine besondere Einrichtung und Verfassung habe, und zu wessen ordentliche Ausübung keine absonderliche Geschicklichkeit erfordert werde, darum dann wir nicht nöthig haben, unseren Lesern vieles von der Nützlichkeit dieser Bogen vorzuschwätzen, weilen kein einziger verhoffentlich von so geringer Einsicht seyn wird, das ihm nicht gleich beym ersten Anblick dieser Blätter den Nutzen des darin enthaltenen hervorleuchten solle, wann er nur erwegen will, daß dasjenige, so wir ihm dahier unter Augen legen, nicht sowohl unsere eigene Gedanken Gedanken sind, als Aussprüch und Rathschlüß deren vornehmsten Staats-Männern, so durch ihre gelehrte Schriften sich jemahlen bey der gelehrten Welt verdienstlich gemacht, weswegen wir dann auch deren Nahmen einsweilen in gegenwärtigen Bogen kräftigeres Eindrucks halber, haben einfliessen lassen. Es ist also ferner mir nichts mehr übrig, als nur den geneigten Leser nochmahl zu erinnern, den höchstnothwendigen Zusammenhang der Vorbericht. der privaten Staats-Lehre mit dem gesellschaftlichen Leben der Menschen, als worin die gröste Unordnungen, und die bedaurenswürdigste Mißbräuche sich täglich zutragen, nur allein aus Abgang der Staatsund Sitten=Lehren, dann wann die Menschen ihr Leben und Umgang nach derselben Vorschrift einrichten würden, so thäte man gewiß in balden eine allgemeine Abänderung vieler Unsittlichkeit sehen, und denen meistentheils in der menschlichen Gesellschaft eingeschlichene Mißbräuch Thor und Weg versperren; welche sich aber nunmehro um so häufiger zutragen: Erstlich, weilen man sich so wenig der wahren Staatsklugheit läst angelegen seyn; zweytens auch wegen dem Unterscheidt der Menschen, dann da die Welt aus guten und bösen, aus gesitteten und ungesitteten, aus gelehrten und ungelehrten, und aus andern mit besondern Naturen und Eigenschaften begabten Menschen bestehet, so müssen wir sowol mit groben als höflichen, mit gelehrten und ungelehrten wissen zu leben und umzugehen. Es ist aber eine gar geringe Kunst und Vollkommenheit, mit aufrichtigen und guten Leuten zu conversiren wissen, weilen wir von ihnen nichts übles zu befahren haben, vielweniger zu befürchten, daß selbige uns mittels verdammlicher Ränke und bößartiger Listen hinter das Licht führen. Allein da die Zahl solcher Leute sehr klein und gering ist; finden sich im Gegentheil tausend, und tausend andere ungeartete und höchstgefährliche Menschen, deren Dichten und Trachten nur auf dem zielet, wie sie anderen ehrlichen Leuten entweder oͤffentlich, oder aber verdeck)( 2 ter Vorbericht. ter weise Schad, Schand oder Verdruß zuwege bringen können, weshalben dann auch die Staatskunst, hauptsächliche und untrügliche Mittel an die Hand giebt, wie man dergleichen bößartiger Leuten Tück und gottlose Kunstgriffe mittels einer wohleingerichteten Lebensart glücklich ausmeiden und verlachen können. Uebrigens der wohlmeynende Eifer, womit dieses Werk zusammen getragen, wie auch die Nützlichkeit desselben an sich selbsten giebt mir die vertröstete Hofnung zum voraus, meine gelehrte Leser werden demselben ihren geneigten Beyfall nicht versagen. Des N * Des Herrn de Honvlez kluge und nützliche Staats⸗Kunſt oder politische Maximen zufolg denen Rubriquen der vortreflichsten und berühmtesten Staats=Gelehrten. O O S D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D D 1. ornemlich und hauptsächlich soll man allzeit aufsehen mit denen man umgehet und conversiret; ihre Qualität, Condition und Caracter bedeuken. Darnach ist die Zeit zu beobachten (wann man spricht oder etwas verrichten soll.] Wodurch auch zu verstehen ist der Jahrgang, als auch die verflossene, gegen⸗ Kluge und nützliche Staatskunst, gegenwärtige und zukommende Zeit; eben also SENECA: prudens animus tribus temporibus dispensatur; praesentia ordinat, futura praevidet, praeterita recordatur: non dubitat sed exspectat, non suspicatur sed cavet. Ueberdem soll man allweg die Oerter und Gelegenheiten betrachten, wo man sich aufhaltet; derselben Landsbräuche, Gewohnheiten, Moden, Natur, Manieren, Pratiquen, Intriquen, Sitten, Sprachen und dergleichen erforschen; damit man sich nach denselben zurichten weiß. Demnach wie man sich zu verhalten habe in den Reden und Thaten; überall, allezeit und mit allen. In Summa, wo, wann, wie, was und womit man redet oder verrichten soll, sowol in privatis, als in publicis, sowol in geistlichen Sachen als in Welthändelen. Hierin bestehet schier die ganze Weltklugheit oder Staatskunst, und eine politische Lebensart. Endlich so heißet es: nosce te et alios; ein Politicus lerne sich selber kennen und alle andre mit denen er conversiren muß, nemlich mit welchen er zu handlen, zu reden, zu schaffen oder umzugehen hat (§. 3. 11.) Er erforsche seine eigene und anderer Menschen Affecten, Paßionen, Inclinationen, Complexionen oder Temperamenten, Concepten, Pratiquen, Intriquen, Gewohnheiten, Schwachheiten, Fehler, Boßheiten, Gebrechen, Begierden, Sitten, Tugenden, Listen, Tücke, Ränke, überhaupt alle Leibs= und Gemüthsneigungen und geheime verborgene Eigenschaften. (§. 84. 87.) Diese vorgehende Principia Generalia oder allgemeine Lehr= und Grundsätze wollen wir nachgehends in vielerley Vorfällen, Zufällen, Begebenheiten und Obliegenheiten des gemeinen Lebens abhandeln und in denen menschlichen Actionen, Werken, Thaten oder Verrichtungen weitläuftiger erörteren und umständlicher erläutern. §. 2. In dem indifferenten Discours oder gleichgültigem Gespräch muß man nicht behend seyn zu reden, sondern man höre, ehe oder politische Maximen. che man spreche (§. 8.). Es gibt viele, welche allzeit die erste seynd zu reden und die lezte zu schweigen und welche sich in alles einmischen, andere verstören und von Sachen reden, die sie etwa nicht verstehen, diß ist ein Zeichen einer großen Indiscretion und Merkmale grosses Unverstandes. Von diesen unbesonnenen Menschen kan man wohl hier den weisen Salomon hören: vidisti hominem velocem ad loquendum, stultitia magis speranda est, quam illius correctio. Proverb. 29. also um seine Reden wohl zu ordnen, heißet es: höre viel und rede wenig (*). Diß ist die Anzeige eines Verständigen und Weisen, wann er andern zuhöret und wenig spricht. Wann in Gesellschaften und Zusammenkünften jemand spricht, so rede man nicht eher, bis er seinen Discours vollendet, und man seine Meinung gehöret habe, also der Weise ermahnet: qui prius respondet, quam audiat, stultum se esse demonstrat et confusione dignum. Proverb. 18. vers 14. und weiters, ehe man gehöret hat, soll man kein Wort sprechen, damit man darnacher seine Reden gründen kan und Zeit gewinnen seine Gedanken umständlich nach den Worten anderer einzurichten; dahero hüte man sich einem gleich in die Rede zu fallen; auf daß er nicht darin verstöhret werde; also dienet hier abermal, was der Weise sagt: priusquam inaudas, ne respondeas verbum. Et inmedio sermonum ne adjicias loqui. Eccles. 11. . 3 Ein Staatsmann soll allzeit seine Geschäften also einrichten und versehen, daß er niemalen präveniirt oder vorgekommen werde. In seinen Reden seye er bedacht mit Maaß und Genauigkeit von allen Sachen zu sprechen (§. 2.); worzu uns auch der weise SALOMON ermahnet: qui moderatur sermones suos, doctus est et prudens A 2 [*) Audi multa; loquere pauca oder wie der Weltweise Bias Prieneus spricht: audi multa, loquere tempestiva celeritatem in loquendo oderis &c. Kluge und nützliche Staatskunst, dens &c. Proverb. 17. Er wolle die Gemüther und Naturen derjenigen, mit welchen er umgehet, erforschen (§. 1.) seinen Ruhm, Ehr und Reputation zu beschützen, seye er allezeit beflissen, nicht aber hierinnen ein Sclave oder Leibeigener. Er wolle sorgen, daß er bey dem Publico mehr in Liebe und Hochschätzung als in Forcht und Haß stehe. Derhalben FREDRO spricht: Severitas amittit assiduitate autoritatem. monit. polit. moral. num. 36. 40. 4 Ein Politicus solle einen getreuen Freund haben, welchem es frey stehe seine Fehler, Mängel und Unvollkommenheiten zu entdecken und ihme referiren, was von ihme bey der Welt gesprochen wird. Demnach sorgen, daß ihme nichts kan vorgeworfen werden. Er sorge, daß seine Knechte und Untertanen seiner Autorität nicht mißbrauchen. Mit Unverständigen und Einfältigen handele er verständig (§. 1.) und wolle er allzeit richtig von allen Sachen urtheilen und sprechen (§. 3.) können. Deswegen: ne incautus sis, ut sermonibus tuis hallucineris. Mazar. Rub. polit. Wann einem Weltklugen eine Sache vorgeworfen wird; ſo wolle er nicht dem Echo, welcher dem Donnerkrachen zu antworten pflegt, folgen, sondern die Gelegenheiten und damit verknüpfte Umstände bedenken. Vielweniger soll er andern etwas vorwerfen, zum Exempel ihre Laster öffentlich darthun, oder ihnen ihre Irrthümer, Schandflecken, Unehre, Leibsungestalt, Verstandsschwachheit, Armuth, Unglück (*) und dergleichen vorwerfen. Kurz, ein Staatskluger [*) Dieses hat schon zu seinen Zeiten der alte Weltweise Thales Milesius bestraffet: Infortunato ne quid exprobraveris, in his enim Deorum vindicta sedet. oder politische Maximen. kluger bilde sich niemalen ein, daß er nach dem pöbelhaften Moden leben müsse. Seine Betrachtungen müssen immer hierauf abzielen, daß eine beständige Gleichheit in unterschiedlichen Sorgen, Pflichten und Geschäften herleuchte. Daß er alle seine tägliche Handlungen und Verrichtungen ordentlich einrichte und regulirter Weiß vollbringe, so wird er niemalen eine Verwirrung in verschiedenen auch wohl uberhäuften Affairen spüren. Dann nichts schöner und preiswürdiger ist, als wer eine Regel und Ordnung in allen seinen Sachen stellt; Wer aber verworren und vermischter Weise alle Ding verrichtet, der lebet gleich in einem Labyrinth, alles wird ihme gleich einem confusum chaos vorkommen, daß er auch zu etlichemalen, sonderlich in wichtigen und großen Geschäften, stecken bleibt. §. 6. Indem nicht die wahre Ehr in einem dummen und blinden Gemüth (wie auch allzeit geglaubet worden) bestehet; so ist nichts würdiger einem Politico, als seine Feinde und Verfolger durch ehrliche Wege zu begegnen; dieselbe überwindend durch Mässigung, Weisheit, und Gedult. Mancher großer Hans, dem das point d'honneur oder Ehrpunct in Hirn kitzelt, suchet gleich Revange, damit er nicht im Cujonenregister eingeschrieben werde, wagt gleich daher Haab und Gut, so gar öfters Leib und Seel, und findet sich dannoch nach allem revangiren zulezt betrogen. Daher ist es eine große Thorheit ja Blindheit, sich gleich zu rächen (§. 3.) sondern man muß die Consequenzen zuvor bedenken, insonderheit aber ist es also zu sagen eine Vermessenheit, wann man gegen mehr Vermögenden und stärkeren Parteyen Rach suchet. Daher TITUS LIVIUS wohl Ursach hat, solche alsdann zu verlachen: Vana sine viribus ira Tit. Liv. lib. I. cap. 10. pag. 10. Was hilft daher also aller Zorn? wie weit wird man kommen, wann man immer Rach oder Revange suchen wollt? daher ist es dienlicher alles wohl voraus zu bedenken (§. 1.). §. 7. A 3 Kluge und nützliche Staatskunst, 7 Hierin bestehet der Hauptpunct; daß ein Politicus sich auf einer Wissenschaft, Kunst, Amt, Handlung, oder sonst auf einer andern Beschäftigung begebe, durch welche er bey der Welt zu einem Stand gelangen kan und welche zwar de pane lucrando ist, wofern er nicht von sich bereichet ist. Viele Eltern schicken ihre Kinder auf Academien oder Universitäten, damit sie sich qualificiren, aber wie gehet es zu. Einige studieren öfters vermeinter Weiß, halten die Collegia publica mit spatzieren gehen, seynd Hansen in allen Gassen; halten die Collegia privata in Wein, Bier, Brandtwein, und Coffeehäuser; defendiren nur Theses pro forma, paßiren hernach für graduirte Doctoren, seynd aber in der That Idioten in folio. Ja, diese seynd rechte Federfechter; [rechte Studiermachersgesellen] welche ihren Eltern viele hundert Gulden verstudieret und am Ende besitzen sie solche Qualitäten de non pane lucrando, daher zulezt oͤfters ihr Patrimonium verhaseliren und verzehren. Inzwischen kan ein politischer Weltmann so viel von andern Disciplinen und Künsten lernen, daß er von allen Sachen vernünftig raisonniren (§. 1.) kan. Ich sage darum nicht, daß er in allen Wissenschaften und Künsten erfahren seyn soll, (sondern erstens diejenige erlernen worzu er inclinirt und durch welche er in der Welt profitiren, ihme nützen und anderen dienen kan), obwohlen man Exempel an vielen gehabt, die in der Theologie, Jurisprudenz, Medecine, Philosophie, Mathematic und anderen Wissenschaften excelliret haben; dabey viele fremde Sprachen verstanden. Wie sonderlich jener Student auf der weltberümten Academie zu Paris, der zwanzig Jahr alt gewesen, in allen Künsten und Wissenschaften erfahren und welcher zu Zeiten des Gelehrten Roderici Castellani (wie JONSTONUS in seinem Buch naturae constantia. prop. 5. art. 3. pag. 68. 69. meldet), gelebet habe. Endlich nachdem man in einer Wissenschaft gegrundet ist, so soll ein Staatist ihme angelegen seyn lassen zu sehen, welche Sitten, oder politische Maximen. Sitten, Manieren und Lebensarten ihme zu jetzigen Zeiten und Weltgängen gebühren (§. 1). §. 8. Man wisse seine Reden also zu dirigiren (§. 2.) damit nichts unnützes, vielweniger etwas unbedachtsames (welches auf einer plauderischen Zunge vorkomt) gesprochen, weder auch kein unnütziges, frefentliches, freches, unverschamtes, garstiges, schimpfliches oder stichlendes Wort soll aus dem Munde gehen, wodurch man anderen gewiß nicht gefallen wird, noch ihnen selbsten einen Nutzen seyn wird. Die Reden und Thaten anderer soll man allzeit verschweigen, wofern man nicht demjenigen schaden oder nützen kan, welchem man verbunden ist. Viele haben alle ihre Kunst, Witz, Verstand und Tugend in der Zungen, bey welchen es nach dem gemein=bekanten Spruch heißet: loquentiae multùm, sapientiae parùm. Verständige aber müssen sich nach dem Ort und der Zeit schicken (§. 1.). Des Harpocratis ganze Weltweisheit bestunde in der Lehr und Ermahnung, wie die Zung im Zaum zu halten seye. Derhalben hat man ihn mit einem Finger an dem Mund gemahlet; zum Zeichen, daß er die Verschwiegenheit anbefohlen. Was ist nicht derhalben dem Fabio Maximo und Granio Marcello begegnet, wovon CORNELIUS TACITUS lib. I. annal. pag. 20. 21. zu lesen. Was verstehet man eben hier durch die Verschwiegenheit, als eine weise Mäßigung im Gespräch? nemlich, daß man nichts ärgerliches, nichts unwahres, nichts vermessenes, verlogenes, verläumderisches und ehrabschneiderisches rede; daß man nicht trotzig, halsstarrig, verstellt und affectirt im Reden seye, noch etwas Böses, daß ihm selbsten oder anderen schaden kan, spreche, und daß, mit einem Wort, je weniger man rede, je weniger man fehlen kan. Und um darzuthun, daß die Verschwiegenheit einem jeden wohl anstehet, habe ich nicht vonnöthen viele Beweisgründe anzuführen, da die tägliche Erfahrung meinen Satz in vielerley Vorfällen der Conversation bestättiget. Wie ergehet Kluge und nützliche Staatskunst, ergehet es nicht manchem unbesonnenem Schwätzer (§. 45.), und Plauderer? was nützet ihme manchmal sein vieles Plaudern und Geschwätz, als nur das Ansehen eines ohne Grund und Bescheidenheit redenden Menschen zu gewinnen und sich öfters dadurch heimlichen Haß und Verfolgung nach zuziehen? 9. Also solst du deine Sitten einrichten, damit sie dir nützen, andern aber gefällig und angenehm seyen. Nicht anders aber können sie dir vortheilhaft seyn, als wann du keiner Meynung noch keinem Rathschlag glauben zustellest. Deine Begierden, Neigungen, Leidenschaften und Gemüthsbeschaffenheit sollst du verbergen und verheelen. Und so du etwa mit einem oder dem andern in Gespräch gerathest, so must du nicht trotzig oder hartnäckig seyn (§. 2. 8.); sondern alles mit einer höflichen und indifferenten Mine und schöner Manier annehmen; und das Simuliren und Dißimuliren zu spielen trachten. Herr DANAEUS erzehlet, daß Ludwig der Eilfte König in Frankreich seinem Sohn dem König Carl der sechste nur diese Woͤrter zu beobachten anbefohlen: qui nescit simulare nescit regnare. Dan. Aphor. polit. & milit. pag. 224 Und der Engländische Poet OwENUS wohl spricht: Dissimula, simula, quoties occasio poscit, Moribus ut morem temporibusque geras: Temporibus, qui ritè sapis, servire memento, Omnibus, ut tempus serviat omne tibi. Im Simuliren und Dißimuliren waren Kayser Tyberius und Alexius Comnenus geübte Staatsmänner; wie TACITUS bezeuget: nullam aequè Tiberius ex virtutibus suis, quam dissimulationem diligebat. Tacit. lib. 4. annal. fol. 82. Dieser Lehrsatz von der Simulation oder Verstellung soll hernach in folgenden Absätzen weiter ausgeführt werden. Und es ist desto nothwendiger, da dieselbe, so zu sagen, die Quint-Essenz der ganzen Conversations=Wissenschaft ist. §. 10 oder politische Maximen. §. 10. Nichts ist einem politischen Weltmann schädlicher und kan ihme keinen größeren Schaden zugefüget werden, als da er ein offenherziges Gemüth besitzet und die Rathschlusse entdecket. Darum der Herr von MARSELAER billig sagt: rerum ingentium anima silentium est. Marsel. lib. de legat. und gar schön spricht der Königlich=französische Geschichtschreiber hier pierre de MATTHIEU: taciturnitas optimum & tutissimum rerum administrandarum vinculum est. Niemand wird wichtige und hohe Sachen unterhalten können, wann ihme das Schweigen schwer fallet, daher wann man die Geheimnissen anderer nicht verschweigen will oder kan; so seye man doch beflissen, seine eigene geheime Sachen von wegen eigenem Nutzen verborgen zu halten. Nemlich du muß dich der Verschwiegenheit also bedienen, damit sie dir nutze, zum wenigsten nicht schade. Und wer seine Geschäften andern entdecket, macht sich zu ihrem Leibeigenen wie solches Herr GUAzzus wohl ausdrückt: Servum se facit alterius, qui secreta sua ignoto pandit. Guaz. lib. de civil. conversat. Es ist dahero lächerlich, daß einer begehrt, daß andere seine Geheimnisse sollen verborgen halten, wann er selber nicht so verschwiegen gewesen, andern dieselbe zu offenbaren. Endlich ist unwiedersprechlich wahr, daß die albere Offenherzigkeit eine große Thorheit bey jedem ist; wie diesen Fehler gar schön der gelehrte Sittenrichter Herr NAUMANN in seinen sittlichen Schilderungen nach dem Leben rc. vorstellet. Bey anderen, insonderheit ganz Fremden, soll man sich nicht öfters nach verschiedenen Sachen, (vornemlich da es ihr Interesse antreffen könte) befragen, wann besonders dieselbe dir keinen Vortheil bringen können, oder dir nicht angehen. Deswegen ist hier ein vorsichtiges Mißtrauen und kluges Urtheil vonnöthen, durch welchem wir wohl erwägen können, von wem und was wir ohne Gefahr glauben sollen (§. 9.). §. 11. Kluge und nützliche Staatskunst, 10 §. 11. Ein Politicus hüte sich vor die Conversation vieler Menschen; vor allzu grosser Gemeinschaft aller und jeden. Hierzu gehöret der Rath eines vortreflichen Weltklugen: Cavendum à familiaritate nimia parium praesertim & inferiorum, à quibus nihil commodi [cujus homo politicus studiosissimus esse debet] praeter contemptum vel diversa, si non sinistra judicia provenire possunt. Comp. polit. mor. art. 7. Ander Seits darum, damit niemand jemahlen von dir urtheilen kan; jedannoch damit du die Gemüther derjenigen (§. 1. 3.), welche du conversiren muß, balder ausspehen kansi, als sie das deinige. Absonderlich entferne dich der Conversation gewisser intreßirter bona Dies-Bruder, Reverenzmachern und Fuchsschwantzern, dann diese masquirte Maximisten seynd die rechten Pseudopolitici, oder besser zu sagen, geübte Chevaliers d'industrie; von sehr alten Familie herstammend; deren Uhrvätter schon zu Zeiten Pilati berühmte Pharisäer gewesen; die ihr Interesse unter allerhand speciosen Prätexten und mit subtilen Practiquen (nemlich Betrug) suchen. §. 12. In allen seinen Thaten und Verrichtungen soll man vorsichtig seyn und behutsam gehen (§. 1.), damit man nicht fehle, auch nicht von andern betrogen werde (§. 9.); also nach denen Rubriquen des berühmten Cardinals und grossen Staatsmann MAZARINI: Actionibus tuis cave, ne cautio desit. Mazar. Rubr. polit. man wird aber von niemand betrogen, wann man den Witz, Vernunft, Sitten, List, Neigung, Begierde und Kunstgriffe wohl einsiehet. (§. 1. 3.). Man soll keinen privaten Unterredungen, weder öffentlichen Rathschlägen widersprechen (§. 1. 2.) wofern sie dir nicht schaden können. Insonderheit soll man sich hüten, dasjenige allein zu verdammen oder zu widerstreben, zu widerreden oder zu verachten, ### oder politische Maximen. 11 achten, was allen gefällt oder vom meisten Theil der Menschen approbirt oder gut gehalten ist; weilen dieses einen allgemeinen Haß nach sich ziehen kan. Auch grossen Spott und Verachtung, wann man im Widersprechen ungegrundet ist. Ueberdem ist es zu schliessen, daß, was von dem grösten Theil gut geheissen wird, doch einigen Grund habe. Und solte es auch seyn, daß ein Concept, Vornehmen, oder Rathschluß, der mit einhelliger Stimme geschlossen, ubel gefasset seye; so ist es doch rathsamer zu schweigen, als denselben allein zu critisiren oder propria authoritate zu contradiciren. In Summa, man soll alle und alles loben (*); allen Beyfall geben, keinem widersprechen, alles gutheissen (mit dem ausdrucklichen Beding, daß es nicht gegen der Liebe des Nächsten oder gegen eigenem Gewissen streite) und sich in allen ihren Willen schicken. Hierzu diesen politischen Vers observiren: Qui fidus nullis, affabilis omnibus, omnes Decipit, hunc primo suscipit aula loco. Daher geschicht es, daß andere dir ihre Gemüther eröfnen; ihre Gedanken offenbaren, ihre Geheimnissen entdecken; und dich zu ihren verborgensten Rathschlägen aufnehmen, aus welchen du dann erwählen kanst, was dir da beförderlich wird seyn können. Wann aber etwas zu verrichten ist, welches andere, sowol in privatis als in publicis beleidigen oder erzörnen kan; so muß du dieses nicht selber verrichten, sondern durch andere geschehen lassen. Was aber im Gegentheil anderen kan gefallen und angenehm seyn, daß solst du selbsten B 2 thun. [*) Wo ich aber hier unterweilen die Lobredung oder andere allzeit zu loben ermahne, so geschiehet solches aus der einzigen Absicht, eine Begierde zur Nachfolgung einer aufrichtigen Preisung und sittlicher Lobung zu erwecken und durchaus nicht die Schmeichlung, und Heucheley zu rathen, davon bekenne weit zu seyn. Wäre es ja nicht eine tadelhafte Unternehmung, die Heuchelung zu lehren, und der ehrbaren Welt vorzulegen, oder uns selbsten in demjenigen Fehler schuldig zu geben, welchen wir so hoch in anderen straffen und schänden. Kluge und nützliche Staatskunst, 12 thun. Daß erstere entfernet dich von allem fremden Haß und Grollen, daß leztere aber verschaffet dir alle Lieb und Wohlgewogenheit anderer. Also soll allzeit das Gute unmittelbar von dir herkommen, das Böse aber von anderen. §. 13. Damit man aber nicht betrogen werde, wie schon gesagt worden (§. 12.); so muß man sein Gemuth, seine Urtheile, Rathschlüsse und Gedanken also einrichten, damit unsere Reden und Thaten keinen Fehltritt (§. 8. 9.), thun. Eben darum muß man alle Circumstanzen und Dependenzen beobachten (§. 1.), ehe man etwas unternimt (*). Demnach soll man seine Geschäften wohl verrichten und sich das Ende reiflich vorstellen, was darauf erfolgen kan. Hier dienet wohl jenes: Quidquid agis, prudenter agas & respice finem; Corrige praeteritum, praesens rege, cerne futurum. Hierin muß man denen Klugen und Weisen nachfolgen, welche nicht allein sehen, was ihren Augen vorstehet, sondern auch das Zukommende, durch richtige Vernunft- und Erfahrung-Schlüsse, vorsehen. Mit einem Wort, man soll heute reiflich denken für morgen und vor lange Zeit, die folgen wird. §. 14. Auf daß aber unsere Sitten und Manieren andern angenehm seynd: so müssen wir alles simuliren (§. 9.), aber ohne Schmeichelung und Fuchsschwänzerey; besonders bey Monarchen, Magnaten und Republiquen, dann selten werden die Schmeichler und Schmarutzer in einem Staat, oder bey Hof die vornehmste Stelle besitzen. Die Wie die Weltweisen PITTACUS: Occasionem cognosce; und BIAS: Cogita & deinde fac. ermahnen. oder politische Maximen. Die Heuchler und Schmeichler hat der alte heidnische Weltweise BION unter den wilden Thieren einen Tyran und unter den Zahmen das Aergste zu seyn verglichen. Conrad. lycosthen. in apophth. adulat. Kayser Rudolphus der erste und König Alphonsus der Weise in Arragonien, haben die Fuchsschwänzer den Wölffen verglichen. Dornav. in Rudolph. hasp. & panormit. lib. 3. cap. 17. Vor solche Art Menschen hat ein Politicus sich zu bewahren, dann bey diesen erfahret man öfters wahr zu seyn, was die Spanier sagen: Muchos besan manos, que querrian cortadas; daß ist: viele küssen die Hände, welche sie lieber abgehauen sehen. Die Politic lehret uns, daß, wann wir bey der Welt in Liebe, Gunst und Autorität stehen, wir aber unsere Gemüther nicht entdecken wollen (§. 10.), vielmehr aber ist uns vonnöthen, daß wir die Gemüther anderer kennen und ihre Neigungen wissen (§. 1. 3.). Uebrigens mit anderen lebe also, daß die gröste Freundlichkeit, Leutseligkeit und Menschen=Liebe in deinem Gesicht mit Worten und Gebärden erscheine. Man soll sich allen freywillig und hurtig zu Dienst anerbieten und behülflich zu seyn scheinen. Alles dieses aber mit Maaß, indem man auch öfters daher in Verachtung gerathen kan, insonderheit, wann man nach Diensterbietung sein Versprechen nicht halten kan. Derhalben muß man in Diensterbietung und im Versprechen nicht allzeit zu behend seyn, und im Gegentheil zu Zeiten seine gutwillige Neigungen einhalten, nachdem es die Zeit, der Ort, die Person, die Noth oder die Gelegenheit erfordert (§. 1.). Der König Antigonus ist im Scherz Dosen (von dem griechischen Wort δώσω oder δόσον) gleichsam dabo genennt worden, weil er öfters viel versprochen, aber wenig gehalten. Plutarch. in aemil. tom. 1. pag. 258. Kayser Pertinax wurde daher Chrestologus; das ist: mildreich in Worten, genennt. Capitolin. in vit. ejus cap. 13. Kurz, ein jeder soll hinten, was er redet, schreibt und zusagt. Ja, man soll auch den Feinden das Versprechen halten; wie dieses zu allen Zeiten die wahren vornehmsten Staatsgelehrten und Rechtsgelehrten ermahnet haben. B 3 Kluge und nützliche Staatskunst, 14 haben. Und haben wir aus den alten Zeiten Beyspiele an Regulo Attilio, Francisco primo König in Frankreich und unzählig andern. Treu und Glauben ist der Grundstein aller Tugenden, und die es nicht halten, vieles Unglück sich zu ziehen. Einem ehrlichen Mann gereichet es zur Schande, wann er nicht hält, was er zugesagt; wie der erfahrne Staatist SABBA also spricht: E vituperio & mancamento ad un' huomo d'honore, mancare della sua fede. Ricordi di Sabba cap. 57. Ja kein Ding ist, welches die Gemüther des gemeinen Wesen mehr an sich ziehet und verbindet, einem Staatsmann treu und glauben zuzustellen, (und Liebe, Respect, Gehorsam und Preisung gegen ihn zu zeigen) als wann das gemeine Volk siehet, daß er in seinem Versprechen immerdar beständig ist und sein Wort unverbrüchlich haltet. §. 15. Nachdem du also in schönen Manieren und politischer Lebensart gesittet; so muß du bedenken, was für einen Stand du antretten sollest und wo; nemlich an welchem Ort, in deinem Vatterland oder an fremden Oertern. Dieses eben kanst du leicht aus der dir von Natur angebohrner Inclination errathen (§. 7.). Demnach wollest du an demjenigen Ort, wo du gesinnet bist zu leben, die Rathschlüsse, Thaten, Begebenheiten, Moden, Pratiquen, Handelschaften, Landsarten, Landsordnungen, Satzungen, oder Edicten, Statuten und dergleichen, (§. 1.), welche zum öffentlichen Nutzen, zur Regierung und Staatswesen gehören, observiren. Mit diesem Beding aber, daß du unterdessen deinen Nutzen, Gewinn, Wohlfahrt und Interesse nicht vernachläßigest, dann zu jetzigen Zeiten wird aller Orten der Welt zur Schäme und Unehr der Christlichen Sittenlehre dieses Thöngen ohne Ablaß gesungen: Interesse toto mundo Sine fronte colitur; Sine satis, sine fundo Interesse quaeritur. Da oder politische Maximen. 15 Da nun keine Republik und Staat jemalen gewesen, in welcher nicht vortrefliche, berühmte und grosse Staatsmänner hervorgeleuchtet, und die nicht allein von wegen ihrer Autorität und Ansehen, sondern auch von wegen ihrer Macht und Gelehrtheit berühmt gewesen. Diesen soll man in ihren Thaten, Rathschlägen und Rubriquen nachfolgen. Nicht aber soll man hierauf sehen, was vor Ehr und Lob sie allein bey dem gemeinen Wesen darvon getragen, sondern durch welche Intriquen sie ihr Vermögen gesucht; ihre erworbene Meriten oder Verdienste, ihre inventirte Pratiquen; wie sie ihre Geschäften dirigiret haben, auf daß du in allem fliehen, und abweichen kanst, wo deinem Glück und Ansehen eine Gefahr vorstehet. 16. Wann man nun einen Stand und Ort erwählet hat (§. 14.) allwo man mit einem Amt (oder Geschäft, oder Handlung, und wie es nur Namen hat) versehen worden, so muß die vornemliche Sorg hierauf verabzielen, daß man in Gunst und Estime bey dem Magnaten oder bey der Republik stehe, und bey dem Volk in Autorität, Huld, Liebe und Hochachtung und dieses durch verschiedene ansehnliche Verdienste um des gemeinen Wesetis Wohlfahrt (§. 3.). Es gilt aber hier wohl anfangen (wie ERASMUS hierzu ermahnet) wofern man nach höhern Aemtern streben will. Kurz, es heißet hier sich bey allen beliebt, geehrt und respectirt zu machen; sich in Gunst und Wohlgewogenheit bey allem zu stellen; alle Freundschaften zu unterhalten; alle Feindschaften aber höchst zu meiden, und mit allen behutsam umgehen (§. 12.) und vorsichtig handelen. Demnach man den ersten gradum honoris oder Ehrenstaffel aufgestiegen, und das Amt oder Geschäft einige Gemeinschaft mit andern erfordert, so menagire man sich also, daß andere nicht aus deinen Wörtern und Thaten klug noch witzig werden; weder soll man die Rathschlüsse, Meynungen, Gedanken und Concepten anderer widerstreben (§. 12.) weilen man daher öfters einer Stolzheit, Trotz, Hochmuth, oder Hart= Kluge und nützliche Staatskunst, 16 Hartnäckigkeit und Eigensinn kan überzeuget oder beurtheilet werden; endlich dadurch in heimlichen Haß und Verfolgung gerathen und dir endlich zustossen könte, was da jenes sagt: Tolluntur in altum, ut lapsu graviore ruant, Feriuntque summos fulmina montes. Was bedeutet dieses eben anders, wann man denen Meynungen anderer widerspricht, als daß man ihre Gedanken handgreiflich verdammet? man wird derhalben bey anderen unerträglich und unleidbar. Derhalben soll ein weiser Staatsverständiger alle Contradictionen, Eontroversen, Dispütten und dergleichen Gelegenheiten fliehen; sondern alle Concepten, Gedanken, Meynungen und Rathschlüsse loben, gut heissen und gegründet zu seyn bezeigen (§. 12.). In privaten Conversationen muß er die allzu grosse Freundlichkeit simuliren (§. 9.) sich von unnützer geheimer Freundschaft entfernen und den Bruderstittel nur pro forma gebrauchen, indem keine Weltklugheit oder Politic gegen seinem eigenen Nutzen und Ehre ist. Jedannoch ist die Freundschaft einiger zu suchen, nemlich derjenigen, welche dir durch Hülfe und Rath zu deinem abzielenden Vorhaben und Endzweck beförderlich seyn können, und welche dich in deiner Wohlfahrt oder Ungelegenheiten beschützen können, daher dieses CICERO also vermuthlich hat wollen bedeuten: sine amicorum benevolentia, neque in adversa, neque in secunda fortuna quisquam vivere potest. Marcel. cicer. famil. lib. 4. Du sollst aber auch zu sehen ob sie potentes in ære oder auf andere Arten vermögend seynd, damit ihre Freundschaft dich nicht intereßiret. Diese Lehr wird auch durch den Ausspruch des wohl beredten CICERONIS unterstützet: qui ipse sibi sapiens prodesse nequit, ne quidquam sapit. Tul. Cicer. Ep. lib. 7. In der That, die ganze Welt siehet hierauf und bey ihr gilt, was sonsten die Italiäner sagen: Buon e l'amico, é buon il parente, Ma trista la casa, dove non si trouva niente. §. 17. HORATIUS com. Is. 2. ode 10. oder politische Maximen. 17 §. 17. So bald man aber von einem Monarchen, Fürsten oder von einer Republic zu einer höhern Dignität erhoben ist; je grösser ist alsdann die Autorität und jemehr Gunst muß er alsdann acquiriren, aber auch je mehrere Sorgen werden erfordert, damit man die Gunst und Autorität des Magnaten und die Liebe des Volks bewahre (§. 16.). Es ist aber beschwerlich, da die Autorität, Gunst, Huld und Liebe sehr veränderlich und unbeständig seynd, wann sie nicht durch Reichthumen und Macht unterstützet seynd; dieweilen bey jetziger seltsamen Welt die Armut und das Unglück eine Verachtung zu seyn scheinen. Sehen wir nicht täglich bey der pöbelhaften Welt die Warheit dieses: Dum dives loquitur, verbum Salamonis habetur, Dum pauper loquitur, tunc Barbarus esse videtur. Ja, man kan sich nicht genug über die pöbelhafte Welt verwundern, daß, wann schon einer von der vornehmsten Familie herstammete, auch der Gelehrteste in vielen Wissenschaften, Künsten und Sprachen, darzu from, tugendsam und mäßig lebte, in allen Weltsachen erfahren und alle erwünschliche Qualitäten besitzen thäte, wäre er aber bey allen seinen Geschicklichkeiten und Charactern nicht reich noch vermögend, so würde er doch bey dem gemeinen Volk und Gepöbels für einen armen Tropf und Idioten angesehen seyn. Daher es höchst vonnöthen, daß ein Politicus durch Vermögen und Macht unterstützet seye (§. 15.); weilen er sonderlich die Lieb, Gunst, Ehr und Ansehen dadurch bey vielen Menschen erlangen kan. Womit folgendes gar artig überein stimmet. Nemlich, es haben die Hebräer die Reichthumen mit dem Wort HON (1777 oder חחים.) bedeutet; die Franzosen aber das Gold OR benamset, also daß, wann man diese beyde Wörter combiniret und zusammen setzet, so erfolget das lateinische Wort Honor [Ehre] hieraus, welches so viel zu sagen hat, daß wo Gold oder Reichthum vorhanden seynd, daß auch allda Ehr, Ansehen, Kluge und nützliche Staatskunst, 18 hen, Ruhm und Glorie verbreitet werde, welches dieser Vers wohl exprimirt: Divitias & opes Hon lingua ebrea vocavit, Gallica gens aurum Or indeque venit HONOR. Ja wohl recht nennet THUCYDIDES das Geld den Nervum Belli, Dan. ex lib. thucyd. Aphor. polit. milit. pag. 4. Daher rathet der berühmte Staatsmann JUSTUS Lipsius denen Monarchen, daß sie in Kriegszeiten mit Geld versehen seyn sollen, indem man ohne dasselbe nichts verrichten kan. Just. Lips. politic. ou doctrin. civil. 5. chap. 6. pag. 169. in welcher Meynung J. Lipsius wohl recht hat und ihme gewiß niemand hierüber widersprechen wird, oder seinen Ausspruch in Zweifel ziehen. Man kan billig das Geld den Nervum Rerum gerendarum, nach einem lächerlichen und lustigen Einfall, oder die Spannader des Regiments, benamsen, dann nach Lehr der Arzeneygelehrten und zwar zufolg denen Anatomisten könte sich kein Mensch bewegen, wann er keine Nerven hätte. Gleichergestalt, [erlaube man mir ein Gleichniß aus Spaß zu machen] das Geld sezt alle Geschäften in Bewegung. Ja alle Welt bewegt sich durch dessen Kraft und Würkung; alle entfernte Nationen handeln mit einander eben um dessen Gewinn. Mancher unverdrossener Kaufmann reiset über Land und See, scheuet keine Gefahr noch Ungewitter und sparet keine Mühe, eben um das Geld. Allen ist um das Geld zu thun; der Rechtsgelehrte pflegt es mit seinem Stylo zu verfolgen, der Arzeneyverständige mit seinem Recipe, der Kriegsmann rennt mit seinem Gewehr darauf los, der Bettler hüpfet ihme auf seinem Krücken nach und der Bauer suchet es mit der Schauffel aus der Erden heraus zu klauben: alle stellen dem Geld nach auf allerley Arten und Listen, bis sie es zu ihrem Gefangenen gemacht, und eingekerkert haben. Ist nicht dieser Eigennutz eine geheime und höchst zu bewundernde (lächerliche) Kraft? solte man nicht dieselbe billig unter die Qualitates occultas Scholasticorum oder verborgene Eigenschaften der Schulweisen zählen. Die Naturkündiger seynd so lange Zeit her beschäf oder politische Maximen. beschäftiget gewesen (*) die Ursach der anziehenden Kraft des Magnatens zu erforschen. Aber welcher Politicus, will sagen, welcher Physicus wird die Ursach der anziehenden Kraft des Gelds erkünden? da dieses alle Gemüther zu sich ziehet und so zu sagen seine Würkung auf einem uncörperlichen und immaterialischen Wesen, nemlich auf die Seele, verrichtet. Wann einer auf diese Gedanken gerathen würde, daß das proprium interesse und das daher erspriessende Bonum utile eine der vornehmsten Ursachen dieser Würkung seye, so solte er wohl Beyfall finden; allein ich gestehe, daß dis mehr ein lächerlicher und lustiger Einfall ist. Aber die Herrn Alchymisten (welche Tag und Nacht mit ihrem großen Werk beschäftiget seynd, dabey Haab und Gut verkochen, verschmelzen und verdistiliren) wissen nicht, daß das Geld selbsten bey jetziger Zeit der wahre Lapis Philosophorum oder Stein der Weisen, welchen sie so lang mit unaufhörlicher Begierde und Ungedult suchen, ist. Diese guten Adepti wissen eben auch nicht, daß das Geld selbsten der rechte präparirte universal Elixir (den Numa Pompilius schon vorlängst erfunden) seye, vermittels welchem man alle Weltkrankheiten und Gebrechen curiren kan. Ja die universal Tinctur, vermög der man die Transmutation (non metallorum) zuwege bringen kan, und das Schwarze bey der Welt weiß tingiren kan. Wären die Herrn Laboranten oder Alchymisten klüger, und thäten sich in politische Laboratoria einlassen, um den Lapidem politicum auszuarbeiten, so würden sie nicht so viel Geld durch ihre pratendirte Sophiam adeptam verlaboriren, sondern doch zum wenigsten dasjenige behalten, welches sie haben. Endlich, so seye ein Politicus kein Leibeigener noch Sclave seines Gelds (insonders gegen die Armen) und folge man hierinnen nicht denen Kargen und Geitzhälsen, die unter dem Joch des Gelds leben. Es hat aber das Geld oder die Reichthumen nichts böses noch sträfliches an sich, sondern diejenigen, welche es entweder mißbrauchen, verschwenden, übel anlegen oder sich darauf verlieben und vernarren, da sie nemlich bestänC 2 dig [*) Wovon in meinen physicalischen Schriften wird zu lesen seyn. 20 Kluge und nützliche Staatskunst, dig mit einem unersättlichen Geldhunger, verruchten Geitze und Begierde des Guts gequälet seynd. Daher hier wohl bey den Geitzhalsen, was von andern losen Menschen (*) in der Heil. Schrift gemeldet wird, eintrift. Der Reichthum ist also nicht zu verwerfen, von denen, die mit der Welt umzugehen und darin zu leben verbunden seynd. Aber man muß das Herz nicht daran hängen [wie ermahnet worden), weder darauf bauen. Man muß eben auch nicht selbes mit Lügen, Betrug, Rauben, Schinden, Unterdrückung anderer acquiriren, oder mit unehrlichen Stücken betrüglichen Intriquen, sträflichen Listen, und gewissenlosen Pratiquen das Geld und Gut an sich bringen, daß ist: weder sein eigenes Gewissen beschweren noch die Liebe des Nächsten in acquisition desselben beschädigen. 18. Da wir nun gesagt haben, daß man alles simuliren müsse (§. 8. 9.); so ist hierin jenem Politico zu folgen, welcher höchst auf seinem Interesse beflissen ware, er also dasjenige, welches er nicht verlangte, begehrte; und was er mit innerlichen Verlangen begehrte, darüber schiene zornig zu seyn. Ja, diß ist ein wahrer Kunstgriff und das rechte Geheimniß, die Sachen zu erhalten, welche man verlangt, wann man dieselbe verachtet und vergringert. Niemalen aber soll man nach etwas mit grosser Begierde streben, was da nach Thorheit, Eitelkeit, blosen Vorwitz und blinder Liebe schmecket, sondern begehre etwas, so dir nützlich, und deinem Nächsten ersprießlich seyn kan. Es bestehet aber hierin eine grosse Klugheit und Kunstgriffe, daß man sich vor allen günstig, hold und wohlgewogen zeige; daß man seine Freunde und sonderlich seine Feinde und Verfolger mit allen [*) Nemlich was von denen von Laban und Michos geschrieben stehet (Osee 8.), daß sie sich Abgötter aus ihrem Gold und Silber verfertiget, und daß sie dannoch untergehen werden. Und heißet solches (S. Paul. Ephes. 6.) Joch und Sclaverey der Abgötter. oder politische Maximen. 21 allen höflichen Reden und lieblichen Geberden begegne; ja, ihnen allezeit und aller Orten ein freundschaftliches Gesicht zeige (§. 9.), besonders aber wann sie dir schaden können. Hieraus erfolget dir ein dreyfacher Vortheil: Erstlich, daß deine Femde ihre zu dir gestellte böse Neigungen, Haß, Groll und Rachgierigkeit in Vergeß stellen. Zweytens, daß sie denen Streitstiftern und Angebern keinen Glauben zustellen. Endlich, daß man dich vor einem recht christlichen Menschen ansehen wird, der seine Feinde lieben und verzeihen könne. Also durch diesen dreyfachen Namen wirst du von allem Argwohn und Mißtrauen befreyet, und haben andere weit grösseres Vertrauen auf dich. §. 19. Eben sogleich man zu einem neuen Officio, Bedienung, oder Geschäft ernennet worden, so eilfertig muß man seyn alle zu grüssen, nemlich bey allen Personen (die bey dem Magnaten, oder bey der Republic und Magistrat in Condition stehen) schuldigen Dank abzustatten, dann solches erfordert der Wohlstand, die Ehrbarkeit, die Erkäntniß, Dankbarkeit und politische Subalternation. Ja, so viel als nothwendig solst du einen jeden, (nach Standsgebühr und Autorität, sonderlich aber diejenigen, welche zu deiner Promotion behülflich gewesen, und die dich bey dem Volk recommandiren können) erkennen; allen deinen Dienst und Hülfe anerbieten (§. 14.). Ein gleiches mit deinen Freunden als auch Feinden, welchen du deine Dienste mit aller Höflichkeit und Wohlgewogenheit anerbieten sollest (§. 14. 18.). Du kanst allen, auch denen du nicht verbunden bist, Hülf und Dienst leisten, wofern es deinem Interesse und Vermögen nicht allzuviel nachtheilig ist, oder deinem Ansehen und Ruhm hernach in etwa vielleicht schädlich seyn kan, (Es mußte dann seyn, daß die Liebe des Nächsten, oder die christliche Sittenlehre, oder die gemeine Pflichten menschlicher Gemeinschaft andern zu helfen, das Gegentheil in besondern Vorfällen erforderen thäten, und alsdann dieſe C 3 22 Kluge und nützliche Staatskunst, diese Grundregel nicht zu beobachten ist); worzu dienet und hier gelten kan, was CASSIODORUS meldet: Primus prosperitatis gradus est, suis non esse damnosum. Cassiod. lib. 5. variar. Epist. 10. Wir haben hier allemal nicht zu viel gesagt, wann man bedenkt, wie fast alle Menschen (schier ohne Unterschied und wenige ausgenommen) intereßirt oder mit dem Eigennutz behaftet seynd. Und dieweil das Geld aller Orten der Welt der nervus rerum gerendarum ist, indem man ohne selbiges wenig oder gar nichts in der Welt schaffet, und denjenigen schier aus der Welt vertreiben will, welcher kein Geld besitzet oder sonsten vermögend ist (§. 17.); so begehet man also keine Eitelkeit noch Thorheit dasselbe nicht gänzlich zu verachten, und dessen [wie dieses zu allen Zeiten die christliche Sittenlehre gebilliget] zu seiner Erhaltung und Nothdurft durch ehrliche Mittel, durch gebührliche Wege und durch erlaubte Pratiquen zu gewinnen. Nicht aber um einen Ueberfluß desselben zu sammlen; und daher soll man mäßig darnach trachten, als nur allein ein Mittel zu seinem Nothwendigkeiten oder Bedürfnissen und zu einem Werkzeug der Freygebigkeit gegen den Armen und Nothdürftigen (*). O! was ein schönes Werk, eine herrliche That und allerhöchst preißwürdige Tugend ist die Barmherzigkeit gegen den Armen! Eine solche unschätzbare Tugend, die bey GOtt und der Welt zur Zeit wird belohnet werden (§. 17.). Man brauche also sein Vermögen und Kunst nicht allein, daß man ihme selbsten helffe, sondern auch, nach Gelegenheit, des gemeinen bestens Wohlfahrt, nemlich zur Hülfe der betrangten Armen, damit befördere. Und auf diese Art, und zu solchem Endzweck wird man sich nicht gegen GOtt, noch gegen seinen Nächsten, noch gegen seinem eigenen Gewissen versündigen, wann man seine privat Interesse sucht, wohl verstanden, (wie schon §pho 17. und in diesem Absatze ernstlich ermahnet worden) daß man sich für unchristlichen Quomodo potueris, ita esto misericors, si multum tibi fuerit, abundanter tribue. Tob. cap. 4. peccata tua Elemosinis redime. Daniel. cap. 4. oder politische Maximen. chen Wucher, boshaften Intriquen, unehrlichen Maximen und unerlaubten Kunstgriffen hüte; dann dadurch sammlet man ungerechtes Gut, welches dasjenige mit verzehret, so man gerechter Weiß und durch gebührliche Wege gewonnen hat, und zu geschehen pflegt, wie im gemeinen bekanten Spruch gesagt wird: Daß was übel erworben, auch gleichfalls mehrentheils hernach übel verschwendet werde. In der That annoch unzählige Exempel unserer Zeit bezeugen die Wahrheit dieses: daß nemlich, das durch Unrecht und böse Listen erworbene Gut der Wuchern, Geitzhälsen, Betrüger, Unterdrucker der Armen, und anderer gottlosen Menschen selten bis auf den dritten Erben gekommen, sondern immer gleich ein liederlicher Gesell oder allerhand Unglücke, Schicksalen, Verfolgungen, Krankheiten und Tod gefolget, welche alles auf einmal verzehret. §. 20. Da, nebst denen Künsten und Wissenschaften, die Handlungen oder Kaufmannschaften zum Wachsthum und Flor eines Reichs oder Republic durchaus erfordert werden; da ferner, wie die tägliche Erfahrung lehret, unzählige Familien durch die Kaufmannschaft zu groser Wohlfahrt und Vermögen gestiegen; so kan man eine Handlung erwählen, wann man zu keinem andern Stand besonders geneigt ist. Bevorab aber soll man seine Inclination befragen (§. 7. 15.) ehe man sich dazu resolvirt; ob man zu dieser oder jener Handlung mehr Lust und Inclination habe; ob man ferner auch genug Geschicklichkeit, Verstand und Kräften habe diese oder jene Kaufmannschaft zu lernen, zu profitiren und hernach zu führen besitze. Dann gleichwie alle Stände der Welt ihre gewisse Beschwernissen haben, also haben auch alle Commercien ihre besondere Difficultäten, und eine Handlung ist viel beschwerlicher und gefährlicher zu treiben als die andere. Es ist auch ohne mein Erinnern bekant, daß die Arithmetic oder Rechenkunst überhaupt zu allen Kaufmannschaften und zu allen Handlungen des gemeinen Lebens vonnöthen und unentberlich ist. Insonderheit aber ist die ALGEBRA Kluge und nützliche Staatskunst, 24 GEBRA (*) zu allen Commercien zu wissen höchst nothwendig, dienlich und von erheblichen Nutzen, wie dieses der Hr. CRÜMMEL in einigen Bogen (**) gründlich, und mit Geschicklichkeit bewiesen. Hat man nun aber einen Mitgesell oder Freund in einer Compagnie, Handelschaft oder anderen Geschäft, und daß dieser ohne allem Verhoffen deine Natur und Neigungen kenne; so verändere ganz anders deine Inclinationen und Affecten, und sehe zu, mit wem du dich in Societät oder Handelschaft einlassest, sehe zu, sage ich mit Fleiß, mit wem du einen festen Band der Freundschaft machest; daß derselbe nicht deine besondere Heimlichkeiten, Pratiquen, Interessen oder Vortheile erkündigen kan (§. 16.) und observire alles heimlich, was da zugehet, damit keine Untreu noch Betrug unterlaufet. Dabey, wofern man ohngefehr mit jemand in besonderer Freundschaft gerathet; so vertraue man demselben auch nicht seine Spesen, Correspondenzen, oder Briefwechseln, noch andere Geheimnissen; dieweilen hier wohl gelten kan, was sonsten Scipio getadelt: Ita amare oportere, ut aliquando esset osurus. Man soll also lieben, daß man auch im Fall der Noth hassen könne, und abermahl: man soll also hassen, daß man zur Zeit wieder lieben könne (* J. Also kan man sich kühnlich an niemand gänzlich verbinden, dann weder die Verwandtschaft, weder Freundschaft, weder Allianz, Confoederation, noch die allerfesteste Verbindung zwingen uns hierzu; dieweil es viel bedenklicher und wichtiger ist sich und seinem eigenen [*) Durch die Algebra verstehet man eine Wissenschaft, in welcher man sich gewisser Buchstaben und Zeichen, um andere Quantitäten und unbekante Wahrheiten zu entdecken, bedienet. [**] Tit. Nutzen der Algebra in allen Wissenschaften, besonders in der Handlung, &c. Aachen, 1756. * [Δεῖ φιλεῖν ὥσπεξ μισέοντα Μισεῖν δὲ ὥπερ hoc est; φιλέοντα. Sic amare oportet, tanquam sis osurus, Sic odisse, tanquam sis amaturus, oder politische Maximen. 25 nen Willen abzusagen. Ja die allergröste Verknüpfung hat eine Ausnahme und ohne die Gesätze der allertreuesten Freundschaft zu übertretten. Ein Freund (den man auch treu und aufrichtig nennen kan) hat doch allezit etwas geheimes und wichtiges, daß er dem einen wohl entdecken will, welches er im Gegentheil gegen einen, seiner andern Freunden, verborgen haltet; und worin auch niemand zu verdenken ist. §. 21. Es ist schon gemeldet worden, daß die Gunst, Ansehen oder Autorität eines Staatsmanns unbeständig seye ohne Macht (§. 17.) und Vermögen. Welches daher leicht zu muthmassen, indem, wann er eines andern Hülffe vonnöthen hat, er also öfters seine Ehr und Reputation prostituren muß. Eben darum folget hieraus, daß er wolle bedacht seyn in nothwendigen Vermögen zu stehen (§. 19.), und wann ihme Gaben oder Geschenke offerirt werden, so soll er wissen dieselbe zu Zeiten zu acceptiren und auch zu Zeiten zu refusiren, dann allemal und von jedem Gaben annehmen, ist öffentlich intereßirt gehandelt, sich zum Sclaven anderer gemacht und sich verbunden, einzugehen was andere wollen, es seye oft recht oder unrecht, oder was ihme selbsten schaden kan. Man soll ferner keine Geschenke acceptiren von denjenigen, welche dieselbe zu ihren Lebensmitteln und Erhaltung höchst vonnöthen haben, weder auch von denen, welche Geschenke brauchen als Schmiralien um einen ungerechten Handel zu promot viren oder eine böse Sach zu erhalten; oder um eine billige und gerechte Sach zu unterdrücken. Vielweniger von Armen und Bedrangten soll er etwas abnehmen; weilen solches nicht allein gegen seiner Autorität seyn kan, sondern auch gegen der Ehrbarkeit und Respect. Endlich so brauch man nicht zu scheuen Gaben anzunehmen, von denen, die dir verbunden seynd oder deiner höchst vonnöthen haben. Weil nun heutiges Tags schier aller Orten die Geldsucht, der Eigennutz oder das Privatinteresse die Herzer der Menschen so sehr eingenommen und regieret, also daß fast nichts ohne Schenk- und Geldgunst zu erhalten noch Kluge und nützliche Staatskunst, 26 noch zu effectuiren ist; so ist einem Politico auch wohl zu Zeiten rathsam anderen Geschenke zu geben und sich derselben (nachdem es die Gelegenheit der Zeit, der Person oder die Wichtigkeit der Sachen erfordert) zu gebrauchen, wann er etwas billiges oder gerechtes zu promoviren, zu sollicitiren oder auszuwürken suchet. Dann Geld und Geschenke seynd die kräftigsten Mittel die Herzer der Menschen, ja ihrem Willen und Vernunft nach allem Winken zu wenden und zu drehen. Hiedurch gewinnet man die meiste Gunst, Liebe und Freundschaft. O! wie manchmal wird nicht einer durch die Geldgunst, zu einem hohen Amt, Ehr und Würde bey der Welt erhoben; da er doch darzu manchmal, weder durch sein Herkommen, weder durch seine Gelehrtheit, noch sittlichen frommen Lebenswandel fähig noch qualificirt ist. Allein es komt darauf an, daß sie diese böse Weltmode wohl nachgefolget haben: Qui non habet in cerebro, supplet in Marsuppio, redimit in aere, quod non habet in ore. Ja die Schenk= und Geldgunst überwindet alles, dann wer nur wohl schmieren kan, der bekomt und erhält meistentheils, was er begehrt, wünschet und verlangt. Mit einem Wort, das Geld streitet und überwindet alle Welt, und sogar die Teufel selbsten, dann was man will effectuirt haben, da muß der Geldteufel das beste dabey thun, und soll wohl ein Beutel Ducaten (oder Louis d'or) jetziger Zeit mehr Kraft und Gewalt in etlichen Welthändeln besitzen, als tausend Teufeln zusammen geschmolzen und in einander gegossen. Demnach sorge ein Weltkluger, daß er begehre, was er wohl verdienet; auch eben gleich darüber recompensirt werde und nicht auf langem Versprechen warte; dann die Franzosen sagen: j'amie mieux un tiens, que deux tu Pauras. Es kommet entweder in Vergeß, oder wann man hernach andere um seine Belohnung anmahnet, so thun sie manchmal, als wann sie dieselbe gratis oder umsonst abstatten. §. 22. Also auf eine gute Oeconomie und Wirthschaft soll man bedacht seyn an dem Ort, wo man sich aufhaltet. Du solst zu sehen, welche 27 oder politische Maximen. che allda die besten Pratiquen seynd deine nothwendige Erhaltung und gebührendes Interesse zu suchen, dann verschiedene Oerter haben verschiedene Naturen, Avantagen oder Vortheile, folglich auch eine andere Art und Gelegenheit seine Nährung und standsmäßige Nothwendigkeiten zu acquiriren. Aus allem muß du die beste Weise und leichteste Wege aussuchen (wann es deiner Autorität, deinem Respect, der Ehrbarkeit, dem Wohlstande, oder der christlichen Tugendlehre nicht gerade zuwider ist): Frustra enim sapit, qui sibi non sapit; & proximus quisque sibi est. Erfahrest du ja nicht täglich, daß ein jeder auf seinem eigenen Privatnutzen siehet? ja wann es auf das mein und dein ankomt, so hat alle brüderliche Lieb und Treu ein Ende, wie man alle Tage bey jetzigem Weltlauf genugsame tadelhafte Exempeln hat. Es seye aber hiervorderst unser Leser erinnert und vermahnet, daß wir allhier in §pho 17. 19. 21. und allen andern eine sittliche und gebürliche Acquisition des Interesse verstehen. Man soll sich nicht mit unersättlichen Geldhunger quälen (§. 17.). Man soll nicht mit Unterdrückung und Beschwerung der Armen; mit unehrlichen Stücken, mit unerlaubten gewissenlosen Intriquen und mit allzusehr intereßirten Maximen sein Vermogen sammlen (§. 19.). Ich weiß darum nicht, warum einige Sittenlehrer die Reichthumen aus einem recht moralischen Eyffer verwerfen, da dieselbe doch ein Geschoͤpf GOttes seynd, wie alle andere naturliche Ding in der Welt. (Das lächerlichste ist allein hier zu merken, das alle reich und wohlhabend seyn wollen, keiner aber arm, noch so gar den Namen nicht haben will, und solchen vor eine Schande hält, ich weiß darum nicht ob ich oben (§. 17.) die Ursach dieses getroffen. Nur allein, man soll sein Herz noch Gemüth durchaus nicht daran hängen (§. cit.) noch sich darauf verlassen, sonsten geräth man in dem grosten Joch einer sclavischen Einfalt, und alle Freyheit ist alsdann hin. Ich will dahero allzeit der Meynung des vortreflichen Kirchenlehrers Ambrosii Beyfall geben, daß das Geld und Gut nichts ungebürliches noch scheldwürdiges an sich haben (§. 17); sondern die Schuld bey dem, der solches nicht recht weiß zu gebrauchen (§. cit.); dann gleichwie ReichD 2 28 Kluge und nützliche Staatskunst, Reichthum öfters einem Gottlosen in allerhand Irrthum, Wirrung, Laster, Excessen und Ausgelassenheit verwickeln und in seinem Lebenswandel jemehr zur Untugend ziehen. Also seynd sie einem frommen und sittlichen Menschen eine reiche Beyhülf und Trieb zur Tugend und Gelegenheit viele gute Werk damit zu verrichten (§. 19.). Ich sage darum mit Fleiß, daß nichts tadelhafitger, nichts sträflicher, und nichts schamhaftiger ist bey den sittlichen Gemüthern, als das unersättliche Proprium Interesse (*) oder Eigennutz, ja eine große Schwachheit und Eitelkeit, was ist verächtlicher und schimpflicher bey der ehrbaren Welt, als ein beständig intereßirter Mensch, als ein Geitzhals, als ein Geldhans, als ein Geldbegieriger Wucherer, und als dergleichen Geldsüchtige Menschen. Aber es ist ein grosser Unterscheid zwischen einem Intereßirten, und einem der sein Interesse in der Welt sucht, wo es ihm zukomt, von rechtswegen, wo es sich gebühret und wann es zuläßig ist nacher aller Sittenlehr und christlichen Gesätzen. In Summa, ein sittlcher, generoser und großmuthiger Staatsmann wird allezeit wissen, wann, wie, wo und womit er sein Interesse, Gewinn, Nutzen und Vortheil suche (§. 1. 19.) damit er nicht gegen seinem Ansehen, Ehr, Ruhm, Respect, als auch gegen der Ehrbarkeit und Wohlstand (vorderst gegen seinem eigenen Gewissen) begehre, verrichte noch vornehme (**). So gar ein Politicus [*) Der unersättliche Geldhunger und Begierde nach grossen Reichthumen ist ein grosses Laster in sensu morali. Daher solches auch in einer moralischen Schrift als ein allgemeines Laster der Welt wird bestraffet werden. Es hat aber das Wort Interesse vielerley Signification, oder Ausdruck, und daher solches in allerhand Verstand genommen wird. Bey den Rechtsgelehrten wird es anders gebraucht, als bey den Staatsverständigen und so weiter in vielerley Welthändelen. Wo nun hier ermahnet wird, daß ein Politicus sein Interesse suchen solle, so geschiehet solches aus den angeführten Ursachen, nicht aber dadurch eine sträfliche Geldbegierd, eine eitele Gewinnsucht und tadelhaften Eigennutz in einem sittlichen Gemüth zu erwecken; davon beken oder politische Maximen. 25 Politicus solle alle Intereßirte und Geldsüchtige meiden; alle Geitzhälse und Wucherer soll er wie die Pest fliehen, dann ihre Freundschaft ist allzeit schädlich und gefährlich. Man soll sich nicht mit Leuten von solchen Stoff in eine Handlung noch Geschäfte einlassen, dann man stehet in Gesahr durch eine oder andere Manier von ihnen vervortheilet und hintergangen zu werden. Ein Geitzhals, Geldsüchtiger und Wucher ist leicht daraus zu erkennen, indem, was er suchet, durch seine beständige Reden, Thaten und Bemühung entdecket und also mehrentheils seine eigene Meynungen und Begierden verachtet. §. 23. Wann du an Dignitäten, Ehrenstellen, hoher Gelehrtheit oder zu grossen Vermögen gestiegen und also das Glück völlig bey dir blühet; so wird es geschehen, daß viele dir mißgünstig werden seyn und deine Wohlfahrt beneiden. Daher werden sie dich verkleinern, verachten, verleumden und dir in deinen Geschäften und Vornehmen allerhand Hindernissen suchen zu stellen. Hierüber muß man sich aber im geringsten nicht erzürnen noch betrüben, dann man zu sagen pflegt: daß allein das Elend ohne Mißgunst seye, und daher diejenigen, welche keine Mißgönner haben, recht unglückselige Leut seyn. Wovon DoMARIUS in seinem Encomio invidiae artis schreibt. Die Italiäner, wie DURUS de PASCOLO meldet, sagen: Si la invidia fosse una febre, tutto il mundo morirebbe; Wann der Neid ein Fieber wäre, so würde die ganze Welt daran absterben. Dur. de pascol. aulic. politic. reg. 81. pag. 261. alle Verachtung, Verspottung, Afterreden, Verleumdungen und Ehrabschneidungen muß du mit Großmüthigkeit übersehen und mit heroischem Gemüth simuliren (§. 6.). Daher rathet der Gelehrte Hr. FREDRO, einer der D 3 ne weit entfernet zu seyn. Ja es wäre ein grosser Fehler solche Ermahnung und Lehre der ganzen Welt vorzustellen, und mich selbsten in demjenigen Jrrthum schuldig zu geben, den ich so hoch in andern bestraffe, tadele und schände. Kluge und nützliche Staatskunst, 30 der vornehmsten Staats- und Sittenlehrer voriger Zeiten: Malè de te loquentes, vinces humanitate & affabilitate, velut nescius traductionis potius, quam te omninò avertas. Fred. monit. polit. part. 3. num. 63. und thue man wie VILLAREGIUS, welcher die Verachtung, Spötterey und Verleumdungen verlachet und zu seinen Freunden zu sagen pflegte: Istud genus daemonii non nisi contemptu expelli debet. Welches auch der trefliche Staatsmann Herr de MARSELAER wohl getroffen: da er spricht: Melius superare calumniam spernendo, quam obsistendo. Marsel. de legat. lib. 2. dissertat. 43. Folglich wann dir jemand etwas zu nahe gesagt, so muß du dich mit ihm nicht darum in Streit einlassen oder ein Injurien-Proceß anhangen, dann sonsten wirst du öfters weder Geld noch Gut genug haben, wann du jedem frechen, unverschämten und ehrlosen Spötter das Maul stopfen wilst. Doch aber wird es erfordert, daß, wann es keine geringe und keine erhebliche Sachen seynd, man seine Ehr, Reputation und guten Namen beschütze (§. 3.), und balder zu erwerben suchet (aber ohne Eitelkeit und Ehrgeitz). Da wir in dieser Welt nichts eigenes haben, als Treu, Glauben, Ruhm, und guter Nam neben einem aufrichtigen Gewissen. 24 Ein Staatsmann / welcher in einem Officio publico oder öffentlichen Amt stehet, habe allzeit getreue Ausspäher, die er zu kundschaften ausschicket, um zu erfahren, was von ihme (bey der grossen Welt und bey dem gemeinen Mann) gesprochen wird (§. 4.). Hierdurch eben wird er gewarnet, wie und auf was Manier er sich zu verhalten habe, und wie er denen Verleumdungen, Anklagen, Verfolgungen und Nachstellungen seiner Aber nicht allemal soll man denen AnkläFeinden vorkommen kan. geren Ohrenbläseren und Ausspäheren sogleich Glauben zustellen; auf demjenigen was sie da erzehlen, dann sie wohl ihrem eigenen Herren belügen und untreu seynd, wie dieses FRID. FARIUS versichert, wann oder politische Maximen. wann er spricht: Nec ad hunc usque diem delatorem fidelem fuisse, compertum est. Fur. de consil. & consiliar. cap. 2. Dann zuweilen geschicht es, daß sie aus Paßion, Martialität oder Animosität gegen anderen allerhand Falschheiten und Lügen zu Ohren bringen und dich also betrügen; auch oftermalen vieles erdichten von anderen, sich einbildend dir einen Wohlgefallen damit zu thun. Insonderheit, wann sie voraus wissen, daß du auf jemand erzürnet bist, davon sie dir etwas rapportiren sollen. Dahero seynd die falschen Ankläger und Zuschürer hierüber zu straffen, wie dieses SUETONIUS ernstlich ermahnet: Delatores, qui non castigat, irritat. Suet. in domit. cap. 10. Folglich soll man allzeit solche Leut wohl kennen lernen (§. 1.). Man kan sie also öfters auf ihre Unwahrheiten fangen, wann man ihnen sagt: ob sie dieses oder jenes, was sie gesprochen auch in Wahrheit probiren und beweisen können. Demnach aber muß ein Staatist mit denen Ausspehern (welche er um seine Feinde und Verfolger zu erkünden bestellet) keine öffentliche Gemeinschaft pflehen, und bey der Welt wolle er sie nicht kennen; damit niemand argwohnet woher und von wem er alles erfahre, was von ihme bey dem Publicum geredt wird, oder was sich anders wichtiges und intereßirtes zuträgt. Man wird erfahren, daß dieser Staatsstreich von einem grossen Dienst und Vortheil seyn wird. Kurz, §. 25. Wann ein Weltkluger zu grossem Ansehen und Vermögen gelanget, die Mißgunst anderer erfahret (§. 23.) und etwa den Zorn einiger spühret, er aber bey dem meisten Theil im Eredit, in Gunst, Hochschätzung und Ansehen ist; so muß er weiters suchen die Freundschaft, Liebe und Wohlgewogenheit bey andern einzupflanzen (§. 16.), damit seine Feinde nicht die Oberhand nehmen. Also wofern er bey einem Potentaten, Magnaten oder bey einer Republic in Autorität stehet, so seye er beflissen die Clemenz, Huld und Inclination mit besten Worten, mit ansehnlichen Thaten zu unterstützen und sich Trutz aller Kluge und nützliche Staatskunst, 32 aller seiner Feinden durch recommandabele Actionen zu manuteniren. Ja er suche allzeit mit klugen Pratiquen, Staatslisten und Kunstgriffen denen Verfolgungen und Anklagungen vorzukommen. Deswegen richte ein Politicus seine Sitten, Manieren und Neigungen also ein, daß sie mit den Inclinationen, Sitten und Gewohnheiten des Magnaten oder der Republic übereinstimmen und immer in einer beständigen Harmonie seynd (§. 12.). Damit er ihnen und dem gemeinen Wesen in allem gefalle und angenehm seye (§. 9.). Hieher gehöret die Rubrique des vortreflichen Staatsmann und Geschichtschreibers CORNELII TACITI (der sich unter allen Staatsverständigen viel um die Staatswissenschaft verdient gemacht) da er sagt: Ut omnia laudare mos sit. Tacit. in Annal. Also schicke man sich nach allen ihren Reden, Gebärden, Verrichtungen (§. 12.) und Willen. 26. Hiernächst ist einem Politico unumgänglich vonnöthen sein Geld wohl anzulegen; dieweil hierin schier grössere Kunst bestehet, dasselbe wohl zu appliciren, als zu acquiriren. Durch gute Wirthschaft und ordentliche Haußhaltung, nach Aussag des gemeinen Sprichworts, werden die Küsten erfullet und die Kammern voll. Eben darum, damit man sich in Zeit der Noth gegen seine Verfolger, Widersacher und Feinden, (wie dieses durch alle Rechten und Gesätzen erlaubet ist) verthädigen und bewahren könne. Will ein Politicus sein Geld ausleihen; so beobachte er folgende Artickelen: Erstens: daß er es in Sicherheit lehne (nemlich daß er denjenigen recht wohl kenne, dem er es vorstrecket) oder mit einer guten Versicherung (nemlich daß, wann man sich desselben mißtrauet, ein Brieflein oder schriftliche Obligation oder besser ein Unterpfand begehre). Zweytens: mit Interesse und Profit, wann man nemlich solchen Leuten Geld lehnet, denen man keine Obligation weiß, oder von denen man nach gethanen Gefallen Undankbarkeit zu haben argwohnet, und oder politische Maximen. 33 und die unterdessen einen doppelten Vortheil daraus manchmal machen. Drittens: bald wiederfordern. Dann je länger man eine Sach anstehen läßt, je beschwerlicher wird man sie öfters wieder bekommen können. Hierzu muß er nicht die Ermahnung und Rathschluß des EULENAS vergessen; da er also spricht: Ne mutuum des homini potentiori te, quod si dederis, ita esto quasi perdideris. Eulen. cap. 8. vers. 15. Oefters wann man anderen Geld lehnet und zu lang stehen lasset ohne Obligation oder ohne Caution oder ohne andere Versicherung, so stehet man in Gefahr, wann man mit untreuen betrüglichen und Gewissenlosen Leuten zu schaffen hat, daß sie es in einem freywilligen Vergeß bringen, und die Sach bis auf eine Præscription verlängeren; bis zu des Creditoren oder Debitoren Todsfall (oder bis durch Zufälle allerhand Veränderungen kommen) aufschieben, und auf ewige Jahren, also daß es zulezt heißet: alles seye salvâ conscientiâ verjähret oder allerhand andere speciose Prätexten, wird man vor die Bezahlung vorbringen (*). Ueberdem, so ist es eine nicht rathsame Sach einem Freund Geld zu leihen; dann wer einem Freund Geld lehnet, der macht ihm meistentheils einem Feind, wann er es wieder fordert. Dabey öfters geschicht, was der alte Sittenlehrer SENECA erinnert: Amico mutuam roganti me pecuniam, si dedero, & amicum & pecuniam perdo. Senec. in proverb. Also wann jemand ferner von dir Geld (wodurch er einen doppelten Gewinn und Nutzen zu machen sucht) ohne Interesse oder Mitgeniessung gelehnet zu haben begehret, so fingire ein Geschäft, ein Accident oder eine gewisse Noth, welche dir urplötzlich zugestossen seye, worzu es dir unentbehrlich seye. Endlich, wann man einen guten Freund hat, [*) Ich bedarf hier nicht dieses mit vielen Rubriquen und Exempeln bekräftigen, da die täglichen Begebenheiten und dergleichen stündliche Geschichten gnugsame Proben an die Hand geben. Da der Weltbetrug so groß ist, daß was man vor eine Stund in höchster Treu geleihet, schon in selber geleugnet wird, daß was man versprochen und zugesagt, gleich gebrochen wird. Wem soll man also mehr glauben und trauen? Kluge und nützliche Staatskunst, 34 hat, so solle man ihme kein Geld ablehnen, es seye dann, daß man ihn wohl kenne (§. 20.) sonsten ist alle Freundschaft auf einmal hin. Indessen ist es ein christlicher Rath und preiswürdige Tugend, daß man seinem höchst bedrangten Nächsten behülflich seyn soll (§. 19. 22.) und ihme etwa in einer grossen Noth gerne Geld leihe. Es ist aber rathsam, daß man solches an diejenigen bezeige, welche man dankbar und erkenntlich zu seyn erfahret hat oder muthmasset. §. 27. Die Meynungen und Rathschlägen anderer können wir zwar anhören, aber denselben nicht gleich glauben zu stellen oder folgen, sondern denselben scharf nachsinnen und den Grund erforschen; wie dieses SENECA auch befiele: Sapientis est examinare consilia & citò facili credulitate ad falsa prolabi. Senec. in Ep. Mancher will öfters guten Rath mittheilen da er denselben wohl vonnöthen hat, oder nicht im Stand ist anderen gut und recht zu rathen, da er nicht alle Umstände fassen kan. Wiederum viele wollen dir einen heilsamen Rathschlag geben, da sie doch oft ein gewisses Interesse, eine gewisse Absicht und Listen darhinten verdeckt liegen haben. Folgendermassen rathet dir mancher zu deinem grösten Schaden, unter dem bethörenden und scheinbaren Vorwand, daß er es am getreuesten und aufrichtigsten mit dir meynet. Daher EULES mit Grund warnet: A consiliario tibi ipse cave, & prius nosce, quae sit ipsius necessitas, ne fortè detrudat aliam in te. Diß ist derhalben eine vornehme Staatsmaxime und allgemeiner Grundsatz: daß man überhaupt keinem glauben soll. Dann es heißet: wer leicht glaubet, der seye leicht betrogen. Gleichwie man nun nicht leicht glauben soll, also soll man auch nicht leicht lieben noch hassen. Ich sage mit Fleiß, daß man nicht leicht lieben solle, dann die leicht und ohne wahren Grund gefaßte Liebe, Kenn= und Freundschaft ist unbeständig und ziehet oft vielerley böse Folgen nach sich; als Betrug, Falschheit, Verachtung, Schimpf, Haß und mehreres. Was oder politische Maximen. 35 Was ist eben lächerlicher, thörigter und einfältiger, als sich gleich in etwas veraffen, verlieben und vernarren, ohne wohl voraus bedacht zu haben, was und wen man liebe; ob solcher geschwind gemachter Freund die Aufmerksamkeit und Beständigkeit verdienet. Hiernächst so soll man nicht sogleich und geschwinde die Conversation, Compagnie oder Freundschaft unterbrechen. Viele aber findet man von solcher Eigenschaft und Zuneigung, daß sie in einem Augenblick die größten und offenherzigsten Freundschaften mit anderen contractiren, gleich aber wieder brechen und wodurch man ihre albere Offenherzigkeit, Schwachheit und Unbeständigkeit entdecket. Solche albere Art Menschen verursachen ihnen selbsten Unruhe und Unzufriedenheit, andern aber Eckel, Abscheu und Feindschaft. Viele seynd so empfindlich und zärtlich, daß sie bey dem geringsten Fehltritt die Freundschaft brechen. Darum diejenige, welche solche delicate Personen conversiren sollen, müssen so behutsam leben um mit dergleichen einbilderischen Narren und Phantasten richtig umgehen zu können, Man darf sich nicht bewegen vor ihnen, ohne in Gefahr zu seyn, daß die geringste Bewegung sie beunruhige; im Reden muß man die größte Behutsamkeit brauchen, damit man nicht anstosse, kurz man muß bey ihme den höchsten Punct in der Complimentirschul bestiegen haben. Seynd aber nicht solche Menschen rechte Sclaven ihres eigenen Willens und Anbeter ihres närrischen point d'honneur? für welchem sie wohl die ganze Welt umwerfen thäten. O! was Thorheit! Es ist rathsam sich von jedem respectiren und estimiren zu lassen; aber es ist lächerlich sich vor einem grossen Complimentirmeister und affectirten Menschenpaßiren zu thun. §. 28. Ein Politicus soll sich hüten vor die Conversation aller Heuchler, Hypocriten oder Scheinheiligen (§. 14.), dann diese Leut können sich in allen betrügerischen Welttücken schicken und dienen vor Pfeffer und Salz zu aller Fuchsschwänzerischen Brühe (§. 11.), man kennet sie oftermalen leicht daher, wann alle ihre Reden ad pias E 2 causas Kluge und nützliche Staatskunst, 36 causas abzielen, aber doch unter einem intereßirten Prätext. Ja für diese warnet uns so gar die H. Schrift: Omnis hypocrita est & nequam. Isai. 9. 17. Endlich soll man sich entfernen von der Gemeinschaft aller Grossprecher, Windmacher, Luftschreyer oder vermeinten Gelehrten; bey denen alle ihre Woͤrter Oracula seynd und alle ihre Thaten megralia, aber in der Thatlauter Rodemontaden. Man lernet diese geschworne Schulfuchsen leicht daher kennen, da sie pflegen pravata zu machen mit ihren caracterisirten Titteln; pralen mehrentheils mit unnützen Dispütten, mehrentheils de lanâ caprinâ; suchen sich groß zu machen durch Allegationes verschiedener Texten, Citiren, Leges und Autores, von denen sie niemalen den Staub abgethan, will geschweigen, daß sie dieselbe jemalen gelesen haben. Oder gar lernen sie die Tittul der Bücher auswendig, damit sie scheinen die Autoren selbst gelesen zu haben. Und bey denen es, mit einem Wort, heisset: multum oris, porum lanae. Endlich so soll man sich wohl in acht für jene falsche Freund und verrätherische Menschen vorsehen, die dir ins Gesicht liebkosen und die allerfreundlichsten Mienen machen, dir aber auf dem Rücken die Zunge ausstrecken und die schimpflichsten Gebärden rückwärts machen (§. 14.). Man lernt solche Judasbrüder leicht kennen, dann wie sie andern thun, so argwohne auch, daß sie dich (obschon du muthmassest ihr bester Freund zu seyn) rückwärts begrillen, benarren und beschimpfen werden; derhalben ist sich vor die Gesellschaft solcher falschen Grillenmacher zu bewahren, es seye dann, daß deine Geschäften oder eine Noth dich darzu zwinge, sie zu frequentiren, um mit ihnen etwas zu schaffen. 29. Vor der Trunkenheit und überfüllten prasserischen Leben soll ein Staatsmann sich absonderlich bewahren. Dann durch diese böse Sucht verlieret man seinen Ruhm, Ehr, Respect und Reputation bey der Welt und wird man zum Schand und Spott derselben. Das Geld und Gut verschwendet sich hierdurch, alle Kunst, Weiß oder politische Maximen. 37 Weißheit und wahre Vernunft gehet hin; daher SENECA spricht: Ebrietas unius horae longi temporis taedio insaniam pensat. Sen. Epist. 60. Durch die Trunkenheit und unmäßigem Leben wird die Gesundheit gänzlich verdorben, derhalben die Niederländer und Holländer zu sagen gewohnt seynd: Daer verdrinckender meer int Wynglas, dan in de Zee (*). Die Menschen werden dadurch brutal, melancholisch oder tollmüthig, kurz, ihre Gemüther ändern sich gänzlich, in der Trunkenheit ist man dem Streit, Unruhe, Fluchen, Schwören, allerhand Gefahren und Excesse unterworfen. Ueberdem wo Bachus regieret, da ist Venus nicht weit davon, nemlich allerhand Laster. Ja durch die Trunkenheit entdecket man meistentheils die verborgensten Geheimnissen; man offenbaret die geheimeste Rathschlüsse und innerste Gedanken; also auch der weise SALOMON erinnert: Nullum secretum est, ubi regnat ebrietas. Proverb. 31. Derhalben wann man eines Menschen sein Gemüth, Neigungen, Gedanken, Begierden und andere Eigenschaften erkünden will und solches auf andere Manieren nicht gelingen kan, so ist keine bessere Intrique zu gebrauchen, als zu gewarten, bis derselbe mit Trunk übernommen, alsdann wird er schon seine eigene Affecten, Paßionen auch seine und andere Geheimnissen selbsten verrathen und an Tag bringen (§. 1.), dann der Trunk ist jedes Menschens Feind und Verräther. Also aus obangerührten erheblichen Ursachen, und andere Uebel die der Trunk nach sich ziehet, soll man all unmäßiges Trinken durchaus meiden. Kurz zu sagen, so haben wir täglich gnugsame Beyspiele an vielem von allem diesem und folglich ohne dem eine allzu klare Sach nicht vonnöthen ist mit Exempeln zu bekräftigen; und von welcher bösen Sucht und Laster der Trunkenheit ein mehreres in meiner Moral oder Sittenlehre abhandelen werde. Wofern man aber irgendswo in einer Compagnie eine Debauche zu machen genöthiget wird; so [*) Oder wie die Lateiner sagen: Plures pereunt gulâ, quam gladio. Daß wohl zu Zeiten mehrere durch Prassen, Fressen und Sauffen untergeben, als durchs Schwerd. Kluge und nützliche Staatskunst, 38 ist es am sichersten, daß man sich auf alle Wege entschuldiget und seine schwache Leibsconstitution oder andere glaubhafte Ursachen vorwendet; und mit Bachanten, Verschwendern, Prasseren, versoffenen und liederlichen Menschen hege man durchaus keine Gemeinschaft. 30. Gleichermassen soll ein Weltkluger sich von dem Spiel abhalten (§. 29.), dann diese böse Lust und Gewohnheit ist ein unwahrnemlicher Beutelschneider und ein Dieb der unschätzbaren Zeit. Was entstehet durch das Spiel und ungebührliche Spielsucht? nichts anders, als vielerley Leichtfertigkeiten, Fluchen, Schwören, Hader, Zank, sogar öfters der Todschlag, und anderes Unheil, wie gnugsam Herr M. PICCARTUS in observation. historico-politicis, decat. 6. cap. 4. und W. HAGECIUS in der Böhmischen Chronic part. 2. bezeugen. Deswegen ermahnet A. GUEVARA alle Lehrer, daß sie ihre Schüler vom Spielen abhalten sollen; weilen neben anderer Gefahr das Stehlen und Lügen daraus entstehen kan. Guev. in horol. princip. lib. 2. cap. 45. pag. 435. & seq. und er ferner part. 1. Epistol. 188. gar weitläuftig von dem Laster des Spielens handelt. Mancher solle reiflich bedenken, die schöne und kostbare Zeit, die er im Spielen zubringt. Denen Faulenzern aber und Müßiggängern fällt die Zeit zu lang (*), darum wollen sie die Zeit mit Spielen vertreiben; da doch die Zeit in der That die Kartenspieler und alle andere Spielsüchtige vertreibet, dann es ist wahr: Tempora labuntur, tacitisque senescimus Annis, Et fugiunt fraeno non remorante dies. Und sie wohl einmal (obschon öfters zu spät) die werte Zeit so liederlicher und unnützer Weiß verloren zu haben bereuen werden und alsdann ſagen koͤnnen: Damna [*) Wie man täglich von einigen vermessener Weiß in diesen gewöhnlichen Reden sagen höret: O! wie fallt mir die Zeit so lang! ach! wäre dieser Tag nur um! und so weiter. oder politische Maximen. Damna fleo rerum, sed plus fleo damna dierum: Rex poterit rebus succurere, nemo diebus. Andere im Gegentheil beklagen sich, daß ihnen die Zeit zu kurz fallet; und recht zu sagen, so seynd sie Verschwender derselben, nemlich dieses Guts, welches uns von GOtt unter andern Gnaden verliehen ist. Und diejenigen, welche sich närrischer Weiß beklagen, daß ihnen die Zeit zu lang fällt, reden eben so unvernünftig, als die ersteren, dann wann wir dieselbe wohl anlegen, so ist sie noch zu kurz. Hier dienet wohl, was FREDRO sagt: Solus scit agere, qui tempore non nescit uti. Fred. part. 4. num. 54. Demnach ist das Spiel eine gefährliche Sach, vornemlich wann man mit geitzigen und gewinnsüchtigen Spieleren impliciret ist, die etwa deinen Gewinn beneiden, oder widrigenfalls ihren Verlust mit verbotenen Streichen verbesseren wollen. Diejenigen, so Kartenspieler (oder andere Spielnarren) von Profeßion seynd, pflegen allerhand anlockende Intriquen zu gebrauchen, um andere zu bethoͤren und in schwerem Spiel einzuwickeln, da sie andere Anfangs mit Fleiß und verabredeter Art gewinnen lassen. Hernach aber, wann sie spüren, daß man hitzig im Spielen wird, so werden sie auf einmal alles doppel und doppel wieder gewinnen, und ihr erster Verlust nur also eine Verführung und Absicht zu einem zwey= und dreyfachen Gewinn gewesen. Darum ist hiebey große Behutsamkeit zu gebrauchen, und sich zuvorderst in einer unbekanten Gesellschaft und fremden Ort davon abzuhalten; oder vorzuwenden, daß man kein Liebhaber des Spiels seye; oder gar abgehen und seine Reverenz bey Zeit machen. Diß ist der beste Rath, und das sicherste Mittel, insonderheit, wo man beförchtet davon intereßirt zu werden, oder in andere critische Circumstanzen zugerathen. 31. Geschicht es, daß ein Staatsmann aus plaisir oder zufälliger Weiß wegen Geschäften, oder wegen einer Handlung oder aus anderen Ursachen in fremde Länder verreisen muß und sich in einem oder anderen Kluge und nützliche Staatskunst, 40 anderen Ort einige Zeitlang sejournieren oder aufhalten muß; so soll er nicht vergessen sich in den vornehmsten Sachen zu informiren; als nemlich: das Clima eines Orts, die geistliche und weltliche Obrigkeit, die Regierung, Staats= und Kriegsmachten, Schlösser, Lusthäuser, Granzen, Hochheit der Städten, Sprachen, Religion, Moden (§. 1.), Sitten, Kleidertracht, Münze, vornehmer Adel, vortrefliche Gelehrte, berühmte Männer, geschickte Künstler, Handlungen, Reichthumen, Einkünften, Bischofthümer, Herzogthümer, Kirchen, Palläste, alte und neue Gebäude, Natur und Kunstkammern, Flecken, Dörfer, Gewohnheiten und Landsbräuche (§. 15.), Geschichten, Gegenden, Passagen, Häfen, Brücken, Flüsse, Wälder, Berge, Erdreich, Pflanzen, Fruchten, Obstwerk, Thieren, natürliche und künstliche Raritäten. Ueberdem soll man sich noch ferner informiren und über folgende Sachen instruiren lassen. Als nemlich: Universitäten, Academien, Societäten, Collegia, Gymnasia, Bibliothequen, Manufacturen, Fabriquen, Arsenalen, Börsen, Fortificationen, Garnisonen, Magazinen, Antiquitäten, Privilegien, Prärogativen, Monumenten. Ja alle Curiositäten und Seltsamkeiten der Oerter und Länder betrachten. Von allen diesen muß man eine gute, richtige Nachricht einziehen, man soll eine Schreibtafel oder ein Memorial an der Hand haben, um alles ad notam zu führen und von allen diesen Dingen ein genauer Aufmerker zu seyn; hernach alles in einer schönen Ordnung in einem besonderen Buch oder Reißbeschreibung (Hodoeporico) zusammen schreiben. Der Vortheil, so einem Politico von diesem Fleiß herspriessen kan, wird ihme nachgehends zukommen, zumalen er durch selbe löbliche Bemühung seinem Vatterland, einem Magnaten, oder Republic, wie auch ihme selbsten nützlich seyn kan. Zu dem, die Kennschaft anderer Länder und Sitten fremder Völkern ist (wie schon oben von der Cosmographie im Vorbericht im 11. Art. gemeldet) bey jetziger polirten und aufgeklärten Welt zur täglichen Gemeinschaft und stundlichen Ansprach mit den Leuten sehr dienlich und fast unentberlich, dann derjenige wenig geachtet ist, der wenig in andere Länder gereiset, wenig gesehen oder oder politische Maximen. oder von andern Nationen weiß zu discuriren. Weiters man lernet anderer Menschen ihre Intriquen und Maximen, ihre gute Manieren, artige Sitten und schöne Lebensart, wodurch er abermal in allerhand profitiren kan, um zu erfahren, was zu meiden oder zu folgen seye. Schließlich muß ein Reisender vorsichtig seyn in allem, und wo man irgendswo durch einen Postwagen, oder zu Schiff angelanget; so vertraue er keinem Packträger seine Sachen oder Bagage, sollte er auch ein silbernes Schild zum Zeichen seiner Treue auf die Kleidung geheftet haben. Man bleibe bey dem Träger und zwar also, daß er vorgehe, auf daß er nicht aus dem Gesicht entwischen kan und mit Sack und Pack davon gehe; wie öfters geschehen ist. Es ist annoch gut hier anzumerken, daß wann nemlich ein Reisender an einer Vestung oder Stadt seinen Namen sagen soll; so wolle er sich nicht gelüsten lassen selbigen aus Spas zu ändern (wie dann auch dieses öfters von Unbesonnenen zu geschehen slegt, meynend eine sonderliche Kurzweile damit zu treiben); dieweilen solches mehrmalen viele Gefahr und Weitläuftigkeiten nach sich ziehen kan; da man, sonderlich in Kriegszeiten, dadurch vor einen Spion, vor einen Feindseligen oder vor sonst eine verdächtige Person kan angesehen und angehalten werden. Demnach ist es eine allgemeine Regel für die Reisende, daß sie niemalen in denen Wirthshäusern sich sollen merken lassen, daß sie Geld mit sich führen, sintemalen dergleichen Pralereyen schier allzeit zu Diebstählen und Todtschlägen Ursach gegeben. Hievon hat man gnugsame betrübte Exempeln, welche anderen als Warnungsmitteln dienen sollen. Ueberdem, wann man irgendswo in einer fremden unbekanten Herberg ist, und einer dich fraget: wohin du gesinnet bist zu reisen und wannehr; so entdecke ihme solches nicht, nemlich weder der Ort, noch die bestimmte Zeit deiner Abreiß. Fragt dich also einer (auf welchem du etwas übels argwohnest, und er dich als Reißgesell vergesellschaften will) ob du, zum Exempel, nacher Paris oder Wien reisest? so gebe ihm zur Antwort: Nein; und sage, du marschirest gerad auf Paris, obschon du etwa nach Rom oder nach einem andern Ort dich zu begeben gesinnet bist. §. 32. Kluge und nützliche Staatskunst, 32. §. Bey Gelehrten soll zu Zeiten ein Staat ist sich ungelehrt anstellen. Damit man erfahre, worinn ihre Kunst und Wissenschaft bestehe, und damit er weiters von ihnen erfahren kan, was ihme in einer Sach vortheilhaft, oder in einer anderen nachtheilig und schädlich seyn kan (§. 1. seq.) zumahlen bey gelehrten Leuten, die in einer Kunst, Wissenschaft oder Welthandlung gründlich erfahren seynd, und darin excelliren, profitiret man in allerhand Manier Hier findet eben der sinnreiche Ausspruch des weisen SALOMON Platz: Audiens sapiens, sapientior erit. Proverb. cap. 1. vers. 5. Demnach soll man allzeit vor wahre Gelehrte allen Respect und Hochachtung zeigen, dann wohl wahr ist, was ein scharfsinniger Kopf, in Verwunderung stehend, gesagt: Siquid in humanis est admirabile; siquid memorabile in rebus, siquid mortalium negotio utile: doctis verò debetur gloria. Alles was in der Welt wundersam, was kunstreich, was merkwürdig und was zu den menschlichen Geschäften nutzlich und dienlich, kommet von den Gelehrten und Artisten her, denen auch allein die Ehre gebühret. Darum auch der Weise abermal hier ermahnet: Doctrinam magis, quam aurum elige. Proverb. 8. 10. melior est enim Sapientia cunctis opibus pretiosissimis, & omne desiderabile non potest ei comporari. &c. Man soll die Gelehrtheit vor dem Gold erwählen: viel besser seye die Weisheit als alle kostbareste Reichthumen und alles Erwunschliches seye nicht mit derselben zu vergleichen (§. 7.). Schließlich soll ein Weltkluger sich in allen Schicksalen, Widerwärtigkeiten und Betrübnissen lustig und Freudensvoll bey der Welt zeigen, und denken was die Spanier sagen: Si fortuna te es adversa, No te aflixas, que muy presto Suele mostrar otro gesto. Da im Gegentheil, wann man einigen Verdruß, Unruhe, Noth oder andere Bekümmerniß zeiget, so werden sich andere, besonders deine oder politische Maximen. deine Feinde und Mißgönner erfreuen, so gar deine Verfolger werden dadurch allerhand avantageuse Occasionen absehen, um dir jemehr etwa den Muth fallen zu thun, dich zu unterdrucken, und ihre gänzliche Rach an dir zu nehmen. Darum: In malis mœstitiam, in bonis dissimula effusam laetitiam. Fred. part. 2. num. 29. Eben durch solche Simulirung betrügt man seine Feinde und Verfolger (§. 9.). Kurz, man soll sich in allem schicken; dann meines Erachtens, scheinet mir derjenige einer der glücklichsten dieses zeitlichen Lebens zu seyn, welcher in allem und mit allen zufrieden ist; der sich in allem Bösen und Guten ergeben und jedes annehmen kan; der im Glück und Wohlergehn demuthig und mäßig; im Unglück aber und Trübsalen gedultig und starkmüthig ist (*); und der beständig und unverdrossen, wann schon die ganze Welt umgeworfen würde. Diesen kan man mit Recht einen wahren Weltklugen und vollkommenen Staatsmann heiſſen. §. 33. In Gesellschaften und Zusammenkünften sollen wir niemand widersprechen (§. 12.) obschon jemand aus Unverstand oder Dummigkeit und Einfalt oder gar aus Vorsatz und Hartnäckigkeit redet, sondern man lobe ihre Gedanken als vernünftig und gegründet (§. cit.). Wann auch schon einer falsch unwahr und einfältig uber eine Kunst, Wissenschaft, über eine Geschichte, über eine Handlung oder sonst über andere Weltsachen raisoniret oder judiciret; so unterstehe dich nicht denselben darüber zu corrigiren, wann du sehest, daß er in seiner Opinion eigensinnig, halsstärrig und einbildisch ist (§. 9. 32.). Solchen F 2 Wann es dir in diesem zeitlichen zergänglichen Leben nicht nach deinem Wunsch und Willen ergehet, so ist derjenige, der GOtt kennet und auf ihn trauet, freudig, getrost und gedultig, weil er gewiß weiß, daß alles nach dem weisen Rath, Willen, und vorsichtigen Schluß GOttes geschehe, welcher alles, was dir auch böse, schwer und widerwärtig zu seyn scheinet, zum Besten wendet. Darum sollst du nimmer den Muth verlieren, sondern in allem eine unüberwindliche Entschlossenheit und Ergebenheit fassen. Kluge und nützliche Staatskunst, 44 chen imaginarischen Phantasten muß man alles zugeben; dann es gibt Leute, die über allerhand Sachen nur bloß aus Phantasey und eigensinnlichem Vorurtheil oder Parteylichkeit discurriren, daß wann sie schon mit den besten Gründen überwiesen seynd, dannoch ihre Irthümer und Meynung sustiniren, weilen sie eines Theils auch keine bessere Begriffe davon haben, und also meynen, daß solches so und nicht anders seyn könne; wie sie es fassen und begreifen. Darum was hilft es die gewissesten Zeugnissen und Beweisthümer zu allegiren, wann das Gehirn mit Eigensinn und Irrthum überfüllet ist? sonderlich aber soll man nicht streitten noch contradiciren uber Sachen, die man nicht vor gewiß und sicher weiß. Will man sich um einen Freund bewerben, so sehe man zu, ob er gelehrt, vornehm, gütig, from, sittlich, mäßig, beständig, getreu, (§. 20.) aufrichtig, vernünftig, mächtig, vermögend (§. 16.), angesehen, dienstwillig, behülflich, redlich, wohl geartet und mit anderen löblichen Qualitäten begabet. Doch wolle man darum die Armuth und Einfalt durchaus nicht verachten. Hat man einen Handel, ein Geschäft oder sonsten eine Verrichtung, so nehme man niemalen einen Mitgesell, der in selber Handlung, oder Affairen mehr erfahren ist, als du selbsten. Von unnützlichen geringen Commißionen und schadschaft=verächtlichen auch etwa bösen Geschäften (welche dir von anderen zu verrichten begehret seynd und denen du im geringsten nicht verbunden bist) kanst du dich kühnlich abhalten und excusiren, nicht leichtlich soll man etwas, (sonderlich daß da wichtig, bedenklich und beträchtlich ist), versprechen (§. 14.) noch etwas zu lassen, weder geschwind etwas beschliessen (§. 1. 13.), da die geschwind gefaßte Rathschlüsse und Unternehmungen gemeiniglich übel ausschlagen; wie JUSTUS LIPSIUS, einer der grösten Staatsmänner verflossener Jahrhundert in seinen Staatsschriften mit Grund versichert: Politique, ou scienc. civil. liv. 3. chap. 7. pag. 59. Vielweniger soll man die einmal genommene Resolution oder Endschluß veränderen, wie abermal Lipsius meldet: Livre de la constance. §. 34 oder politische Maximen. 45 34 Ein Weltkluger soll nimmer zu erkennen geben, daß er etwas liebet, hasset, förchtet, argwohnet (§. 9.), weder einige von seinen Affecten und Paßionen bey jemand merken lassen (§. 20.). Gleichwie von dem Tyberio Rodo gelesen wird, daß er deswegen ins Elend gegangen, um denen Begierden und Neigungen nachzusinnen; nemlich wie dieselbe zu verbergen seyen. Aus dieser Absicht lehrt ein gelehrter Staatsverständiger: Affectus in omnibus cohibere, ibidinemque occultare discas. Comp. polit. mor. art. 5. Wenige Freunde soll ein Politicus haben, und mit ihnen wenig umgehen, damit er nicht etwa in Verachtung gerathe, und wofern er mit ihnen die Freundschaft lange Zeit unverbrüchlich unterhalten will. Also nach Lehr des berühmten Cardinals und treflichen Staatsmann MAZARINI: Paucis esto amicus, rarò age cum ipsis, ne contemnaris. Mazar. Rub. polit. Wann man jemand lobet oder entweder bestrafet; so muß man hierauf sehen, daß man in Lobsprechung oder Bestrafung nicht extravagire, noch über die Maaß schreite (§. 9. 13.). Ueber nichts soll man grose Verwunderung zeigen, dann sonsten heißet es: Admiratio ignorantiae mater. Daß man nemlich wenige seltsame und rare Sachen gesehen, gehört oder gelesen; und daß man sehr unwissend seye in vielerley Denkwürdigkeiten und geheimen Welthändelen. Niemalen wolle man einen öffentlich über einen Fehler corrigen, weder etwas vorschreiben, es seye dann, daß man hierzu Autorität habe; da in Mangel dessen heimlicher auch wohl öffentlicher Haß und Trutz folget. 35 Niemalen sollst du jemand in einem Geschäft, Handel oder Kunst also unterrichten, daß er kluger und witziger darin werde als du selbsten (§. 20. §. 33.). Dann es ist zu besorgen, daß er dir hernach undankbar seyn wird, dir dadurch schadet, und allen Trutz F 3 Kluge und nützliche Staatskunst, 46 Trutz zeiget, daß er mehr weiß als du, und deiner nicht mehr vonnöthen hat. Also sollst du auch mit denjenigen handelen, welche eine Gunst, Dienst, Hülfe, Schutz oder sonsten etwas von dir begehren, nemlich ihnen nicht auf einmal all ihr Begehren concediren, sondern allgemach (wann du argwohnest, daß sie undankbar seyn werden) damit sie deiner beständig vonnöthen haben, und dir verbunden, sonsten möchten sie deiner nach gutthätiger Hülfleistung gleich wieder vergessen, und nichts mehr nach dir fragen. Wann du etwas von jemand begehrest, und es dir abgeschlagen wird; so bitte einen anderen Freund, daß er dasselbige unter gewissen Vorwand vor sich selbsten begehre, so wirst du es alsdann balder erhalten (§. 18.). Ferner soll man auch keine grosse Begierlichkeit zeigen (§. 22.), da man stets, was andere schönes, kostliches und kunstreiches haben und ihnen lieb ist, geschenkt begehret, sondern man begehre solches mit Vergeltung oder Bezahlung (nach dessen schätzbaren Preiß). Ist aber alsdann einer so freygebig, der es dir umsonst schenket; so kanst du es mit einer äusserlichen und manierlichen Weigerung annehmen (§. 21.). Nicht aber soll man sich prostituiren oder vorstellen wie viele, die beständig von anderen (auch wohl ohne Verdienste) Gaben oder Geschenke begehren; und die man mit Recht unersättliche Gabenfresser heißen kan, da sie, so bald sie nur etwas sehen, auch Lust darzu haben, solches, so zu sagen; abbetteln und wollen geschenket haben. Diß ist aber eine verächtliche Gewohnheit, und schimpfliche Begierde, wodurch man sich allzeit bey andern unbeliebt machet (*). Und man denjenigen, der immer bettelt, fordert, begierlich und intereßirt scheinet, überall hasset, auch dessen Gewinn- und Freundschaft fliehet. Es ist besser, daß andere dir verbunden seynd, als daß du anderen einige Obligation schuldig bist; so ist es ein verständiger Rathschluß, daß, so bald jemand dir eine Gunst, Dienst, Hülfe, Wohlthat, Gefallen oder ein Plaisir erwiesen hat, du denselben gleich darüber möglicher und Laut des Spruchs: Illum nullus amat, qui semper, da mihi, clamat. oder politische Maximen. 47 und erkenntlicher Weiß belohnest. Dann wirst du ihn darüber nicht gleich recompensiren oder vergelten, so wirst du allerhand verächtliche Verweißworte und Schimpfreden von ihm zugewarten haben, oder vernehmen (wie gemeiniglich von unverständigen afterredischen Leuten geschiehet), daß er dir ruckwärts vielerley Schmähung und Spottung nachgeredet hat. Und weil sogar dergleichen grobe ungeschickte Leute nicht allein ruckwärts, sondern auch vorwärts nur allerhand vorwerfen, wann sie nicht gleich und wohl belohnet werden, so ist es rathsamer nicht lang (wann es in der Möglichkeit ist) mit der Recompenz und Dankbarkeit zu warten. Dann wann man solche lang aufschiebet, so weiß man demselben wenigen oder gar keinen Dank, und scheinet man halb darzu gezwungen zu seyn, hingegen wer gleich belohnet, gibt doppel, (*) man hat nemlich mehr Dank darab, und man verhütet viel Geschwätz, Verweiß und Gespött dadurch, besonders, wann man mit begierigen ungedultigen und unverschämten Leuten zu schaffen hat. Ist man in einer Gesellschaft, allwo man einen oder anderen falsch zu seyn muthmasset, und nicht mit Ehr davon kommen kan, man dabey eine Nachstellung argwohnet; so suche man also die Gelegenheit, daß man in dem seyenden Zimmer oder Saal gerad über einen Spiegel zu sitzen kommet; dieweilen man daher alles sehen kan, was gegen dir auf dem Rücken conspirirt wird, sonderlich wann man sich zu schwach findet. Darum hier wohl kan applicirt werden, was das französische Verset rathet: Ou n'est forçe ni hardiesse; Il convient user de finesse. Wann man in Gesellschaften und Assembleen ist; so zeige man keinem eine besondere Gunst, Affection und Ehre (es seye dann, daß eine Person in der Gesellschaft wäre, welche wegen ihrem hohern Character und Qualitat von der ganzen Compagnie selbsten mehr respectiret würde, dann diejenigen, welche von höherem Stand, Würde und Condition seynd als andere, soll man auch nach Maaß je mehr als [*] SENECA: Bis dat, qui citò dat; nihil dat, qui munera tardat. Kluge und nützliche Staatskunst, 48 als andere beehren und veneriren). Weilen andere Anwesende sich einbilden werden, als wären sie verachtet, solches vor eine Confusion und Affront aufnehmen werden, und daher ein grosser Haß, wo nicht öffentlicher doch heimlicher tückischer Zorn entstehet. Tägliche traurige Beyspiele bezeugen, wie es einigen ergangen, die in grosen Gesellschaften die besondere Wohlgewogenheit nicht zu simuliren gewust, die einen mehr Lieb und Hochachtung gezeigt als den andern und dem einen zugelassen, was sie dem andern zum Trutz refusirt, woher sogar Rachgierigkeit, heimliche Verschwörung und Meuchelmörderey entstanden. Es ist eine Generalregel: daß, wer in öffentlichen Gesellschaften sich befindet, der solle sich mit allen schicken (§. 22.), nemlich mit allen und alles (was nicht gegen der Ehrbarkeit, Wohlstand, Ehrfurcht und guten Sitten streittet), mitmachen und man in gemeiner Redart zu sagen gewohnt ist, daß wer bey den Wölffen seye, der müsse damit heulen (*). Daher auch alle Gesellschaften und Versammlungen die lieblichsten und angenehmsten seynd, wo keine Eitelkeit regieret, wo alles frölich mit einer gewissen Indifferenz und Discretion hergehet, und wo man alle Präsumtion, Imagination, Ehrsucht, Grobheit, Aergerniß, Despect, Gottesvergessenheit, Streit, Tadelung und Stichelwörter meidet. In Summa, ein Weltkluger zeige allen eine gleiche Höflichkeit, Wohlgewogenheit, Holdseligkeit (**), oder Freundlichkeit, Gunst und Hochachtung (§. 14.). Die Freund= und Höflichkeit kostet uns ja nichts und ist eine geringe Mühe, wie selbes auch schon EURIPIDES zu seiner Zeit wohl erkennet hat: Affabilitatem lucrum minimo impendio quaesitum nuncupavit. Scipio amiratus. dissert. polit. in tacit. [*] Ulula cum lupis, cum quibus esse cupis. [**] Wer diese herrliche Tugenden und schöne Sitten besitzet, verdienet billig von allen gelobt, gepriesen, geehrt, und hochgeachtet zu werden. Und in der That ein jeder hasset auch die unhöflichen, stolze, trotzige, grobe und brutale Leut und man hat weniges Einsehen und Respect vor olche wahnwitzige Menſchen. oder politische Maximen. 49 tacit lib. 1. disc. 1. pag. 11. Warum sollte man dann die Höflichkeit, Menschenliebe, günstiges Bezeugen und alles freundschaftliches Wesen verhehlen? In geringsten nicht, da insonders dieselben die vornehmsten und nothwendigsten Maximen der Politic seynd, und allen denen, die eine Beständigkeit und Harmonie ihrer Geschäften in dem gemeinschaftlichen Leben der Menschen geniessen wollen, unumgänglich vonnöthen, ja durchaus unentbehrlich (§. 14. 18.). Doch soll man sich derselben nach Erforderung der Zeit, der Oerter, der Personen und Gelegenheiten (§. 1. seq.) mit genauer Bedachtsamkeit und Proportion bedienen, dann in allen Dingen soll eine gewisse Maaßregel hervorleuchten (*); nemlich eine verständige Ordnung in allen Reden und Werken, sogar in den Gedanken. Alle diejenigen, welche vielerley Gesellschaften frequentiren oder beständigen Zusammenkünften beywohnen mussen; seynd allerhand Gefahren (auch wohl einem Fehltritt bey der größten Achtsam- und Geschicklichkeit) unterworfen. Viele begehen oftmalen große Grobheiten, Fehler, Ungeschicklichkeiten oder Plumpheiten (nach gemeiner Redart) gegen alle Ehrbarkeit und höfliche Manieren; nicht aber aus einer blosen Unwissenheit, sondern gar wohl in Mangel der Bedachtsamkeit. Andere hinwiederum begehen auch Fehler aus einer allzugroßen Civilität oder Höflichkeit; andere aus Verstöhrung und Schamhaftigkeit in Mangel gebührender Kühnheit; andere aus angebohrner Dummigkeit in Ermangelung einer standsmäßigen Anweisung und sittsam- manierlichen Auferziehung; andere aus groben Gewohnheiten und so weiter. Viele im Gegentheil, was sie nur verrichten, gehet ihnen wohl ab; was sie nur angreifen, da seynd sie beglucket; wo sie nur hinkommen, da seynd sie willkom; und was sie nur thun, stehet ihnen wohl an, ohne einen erheblichen Fehler zu begehen (Unde gaudent bené nati]. Eine besondere Freygebigkeit und Gabe der Natur, die sie einem verliehen, dem andern aber entzogen, oder geweigert. §. 36. [*) Die Wahrheit dieses hat schon der Weltweise Poet erkennet: Est modus in rebus, sunt certi denique fines: Quos ultra citraque nequit consistere rectum. Kluge und nützliche Staatskunst, 50 36. Alles Uebel, weder Fehler, noch verbrechen, wann es dir nicht angehet, muß du nicht angeben, weder verklagen (§. 24. §. 34.) wann es das Publicum anbetrift. Sintemalen die Ankläger und Verräther (wie Hr. SAMUEL MEIGERIUS mit Recht meldet: Nucl. hist. lib. 5. cap. 43.) allzeit einen unglücklichen Ausgang gehabt. Was ist auch ärgerlicher, als ein Anbringer? boshafter als ein Verräther? verächtlicher als ein Rapportenträger oder Zuschürer und Ohrenbläser. (§. citat.). Ja, die Sonne bescheinet nichts schändlichers, als einen solchen falschen Judasbruder. Darum sich der gelehrte FRANCISC. PETRARCHA billig darüber erzörnet; sprechend mit einem recht satyrisch=moralischen Eiffer: Cujus obscoenitas tanta est, ut qui artificio ejus egent, execrentur artificem, ut qui caeterorum scelerum famam quaerunt hujus infamiam reformident. Petrarch. de remed. utriusque fortun. lib. 2. dial. 80. Dahero der gelehrte und um die Politic wohlverdienter Staatsmann J. LIPSIUS zu straffen ermahnet (*). Wohl verstanden, nach der Zeit, Gelegenheiten, Oerter, besonderen Umständen und juxta exigentiam casûs, besonders in Kriegs= und anderen critischen Zeiten. Folglich soll ein Weltkluger sich von allem Angeben, Anklagen oder Verrätherey durchaus hüten; sowohl in privatis als in publicis. Auch niemalen wolle er (wann er sich möglicher Weiß, und mit Gewissen entschuldigen kan) sowohl in öffentlichen als besonderen Händelen einen Zeugen abgeben: dieweilen er leicht bey einer oder bey der anderen Parthey anstossen und dadurch ihme Feindschaft nachziehen kan. Also auch ferner soll er sich in fremden Strittigkeiten und ihme in nichts intereßirenden Dispütten nicht einmischen (§. 16.); folglich wann zwey Freunde oder Verwandten einige Discussion oder Streit untereinander haben; so bekümmere man sich desselben [*] Une mechante trahison doit être promptément & sur le champ punie. &c. Just. Lips. politique liv. 5. chap. 10. oder politische Maximen. 51 selben gänzlich nicht, um den Frieden und Accord zwischen beyden zu machen, dann zulezt werden sie dir öfters beyde zu Feind werden (*). Doch wohl zu Zeiten die Einigkeit zwischen Strittigen legen (nachdem man sie kennet und ausser Gefahr ist) ist nach aller christlichen Sittenlehre, Gebotten der Natur und aus Liebe des Nächsten sehr rathsam, lob= und preiswürdig. Endlich so soll man niemand loben, wann dessen Feinde anwesend seynd, und auch verachte niemand, wann dessen Freunde es hören. Dann in Ermangelung dieser Puncten, kan man sich etlichmalen grosse Feindseligkeiten über den Hals ziehen. Schweigen und simuliren ist hierin das beste, und das Mittel zu halten, nemlich neutral und unpartheyisch. Also auch zufolg den vernünftigen Lebensregelen und Rubriquen des Weltklugen Staatisten MAZARINI: Melius medium, quam praecipitia. Mazar. Rubr. polit. axiom. 8. §. 37 Vor allzugrosser Freygebigkeit ist sich zu hüten; weilen daher öfters mehr Spott, als Dank entstehet. Ja unnöthige Liberalität (nemlich zu Zeiten da es nicht verdienet geworden, oder an Personen die es nicht meritirt haben) kan man mit Grund eine tadelhafte Verschwendung oder überflüßige Verzehrung heissen. Darum schreibt uns der vernünftige Sittenlehrer, Doct. A. WALAEUS folgende Moral=politische Regelen vor: 1mo Ut non detur nisi personis honestis, & honestatis causa. 2dò Ut detur, quantùm oportet, & ubi oportet. 3tiò Ut detur quibus & quando oportet. 4tò Ut detur η Δέως καὶ ἀλύπως, cum hilaritate & sine dolore. 5tò Ut detur pro facultatibus, id est, ne fons ipse, unde datur, exarescat. Wal. comp. Eth. deliberalitat. pag. 160. 161. Mit denjeG 2 nigen, [*] Honor est homini, qui separat se à contentionibus. Omnes enim stulti miscent se [rixis] contumeliis. Proverb. 20. Kluge und nützliche Staatskunst, 52 nigen, welche bey dem Publico in Haß und Ungunst stehen, muß man nicht öffentlich umgehen, wofern man mit ihnen zufälliger Weiß etwas zu schaffen hat; damit man sich auch nicht bey dem Publico verhaßt mache. Wann jemand dir etwas zugesagt oder versprochen und hernach sein Wort nicht haltet, so werfe du ihme es nicht vor, dann es wird dir selten etwas nutzen, vielmehr Haß nachziehen (§. 5. §. 21.). Solte es aber seyn, daß derjenige, welcher dir etwas versprochen, es vergessen seyn, so rede von derselben Sach bey ihme ganz von weitem her, damit dieselbe verblümter Weiß wieder auf die Bahn komme, und er sich also der versprochenen Sach wieder erinnern kan, ignoriret er aber dieses (daß du spürest) mit Fleiß, so schweige nur still. Anderen Rath geben, ist sich zu bewahren, solte es aber geschehen, daß man sich hierzu verbunden oder gezwungen siehet; so richte also deine Rathschlüsse, daß sie dir nicht schaden noch zur Zeit präjudicirlich seyn können, und damit nicht dadurch bey anderen in Haß gerathen kanst. Oder gewisser ist es eine Abwesenheit von etlichen Tägen zu fingiren, oder sich gar zu absentiren, damit man ausser aller Gefahr und excusirt ist. Nichts soll man mündlich zusagen und versprechen oder schriftlich von sich geben, wofern man solches in der That nicht halten kan. Hievon ist bereits oben (§. 14.) weitläuftiger Meldung geschehen, nemlich, wie man sich im Versprechen zu verhalten habe. Und ich glaube nicht, daß einige Gesätze, noch geistliche und weltliche Rechten, weder Moral und Theologie jemand darzu verbinden und anhalten, dasjenige zu halten, was er unmöglicher Weiß und durchaus nicht vollbringen kan, obschon er solches mundlich oder schriftlich zugesagt. Die Noth hat keine Gesätze; mancher verspricht in einer Zeit etwas, daß er zwar hernach auch mit gutem Willen Parole halten wolle, allein er mag durch Unmöglichkeit nachgehends davon abgehalten werden. Hierin muß man dann also behutsam und vorsichtig seyn, daß man nemlich nichts schreibe noch unterschreibe, welches dir hernach gereuen könte und dir sehr nachtheilig und schadhaft seyn mögte, dann was einmal geschrieben, bleibt immer oder politische Maximen. 53 immer geschrieben, doch einem jeden redlichen, aufrichtigen, und ehrlichen Mann ist es erlaubt (nach allem Gewissen) dasjenige für sich selbsten zu widerruffen, was ihm unmöglich ist, und durchaus nicht halten kan. Zufolg dem bekanten Axioma Juris naturalis oder Schlußsatz der naturlichen Rechten: Ad impossibile nemo obligatur sive tenetur: daß was unmöglich zu halten seye, niemand auch darzu angehalten und gebunden seye; oder Unmöglichkeit verbindet keinen nicht. Indessen was man versprochen hat, soll man halten, wann man demselben nachkommen und vollbringen (§. 14.) ohne einige Chicanen noch Umwegen und Entschuldigung einzuwenden, wie wir dieses oben (§. citat., vom Versprechen und Worthaltung ernstlich und ausdrücklich ermahnet haben; obgleich das Zusagen oder Versprechung nicht schriftlich, sondern mündlich und ohne Zeugnisse gegeben worden (*). Begehret aber von dir ein Unbekanter (dem du nicht trauest) deinen Namen und Zunamen geschrieben zu haben, unter was vor Prätext es auch seye, so thue solches nicht, oder wann es sich nicht gebühret dieses zu refusiren, so schreibe deinen Namen oben am Rande des Papiers, also daß ober demselben keine Linie oder Zeile kan geschrieben werden. Dann man hat öfters dergleichen Spitzbubenstuck und betrügerischen Pratiquen erfahren, daß man ober dem geschriebenen Namen eine Obligation (Schuldbekäntniß oder Verbündniß geschrieben, vermittels welcher man sich verbinde oder bekenne so und so viel Geld schuldig zu seyn, da doch Ist jemand dir etwas schuldig, so solst du es solches falsch gewesen. nicht kundbar machen, noch dich dessen rühmen, dann du weiß nicht, wie dir zur Zeit geschehen kan; zu dem die Ausbreitung der Creditirungen ist eine einfältige Pralerey, ja eine verfluchte Hoffart, wann man sich rühmet viele Schuldner zu haben, dann schuldig seyn, ist im [*) Dieser allgemeiner Lehrsatz und Grundregel: daß man seine Parolle, Wort, Versprechen, und Bündniß allen halten soll, rc. wird nachgehends in einem Paragrapho mit einer weiteren Anmerkung erklärt und ausgeführet werden. Kluge und nützliche Staatskunst, 54 im geringsten keine Unehr, aber nicht bezahlen ist eine Schande. Hernächst so ladet man sich grossen Haß und heimliche Rachgier von seinen Debitoren auf dem Halß, weil man sie dadurch zu decreditiren und zu verkleinern suchet. Allzeit soll man sich hüten fremde Briefe aufzubrechen noch zu lesen. Das Brief aufbrechen ist höchstens strafbar und zu allen Zeiten verbotten worden. Es ist gewiß, daß ein jeder nicht gern hat, daß andere wissen sollen, was er schreibt; und daher auch Kayser Fridericus der Vierte seines Canzlers Briefe nicht hat wollen eröfnen, noch lesen, obschon ihm dieses zu thun gerathen ware, wie AENEAS SYLVIUS in paral. alphons. Lib. 4. cab. 13. und LAUTERBECK im Regentenbuch lib. 3. pag. 91. melden. Seine eigene Briefe, Schriften und Correspondenzen soll man vor alle verbergen (§. 10. 20.). Und nicht allein seine eigene Briefe und Schriften soll man vor andern heimlich halten, sondern auch die Correspondenzbriefe fremder Personen, Freunden, Bekanten, Anverwandten, und aller, mit welchen man Briefe wechselt. Es ist darum auch insonderheit eine gefährliche Sache einem Freund seine Heimlichkeiten zu entdecken (§. 16. 20.): weilen man nicht weiß, ob derselbe dir allzeit wird getreu verbleiben, und dir mit der Zeit zum Feind werden kan. Daher man allzeit wohl an jenem Staatsprincipio oder politischen Axioma denken ran: Cum quocunque amico ita agas, ac si futurus esset inimicus (§. 20.). Ueberdem gibt es Freunde, wie ERASMUS bezeuget: Quibus non adest perfidia, aut animi constantia & superat animi propositum, naturae vitium &c. Eben darum: weilen dergleichen die ihnen anvertraute Geheimnissen nicht können verschweigen aus einer ihnen angebornen Unwissenheit oder angenaturten Unverstand, ist gewisser jenem grossen und unvergleichlichen Staatsmann hierin zu folgen: Secretum tamdiu permanet per unum, qui primus & solus novit; revera secretum est. Politic. art. 19. Indessen soll man allzeit und überall die ihm anvertrauete Geheimnissen und Wichtigkeiten von seinen Freunden (so gar Feinden) verschweigen, welches aber, leyder! wenig geschiehet. 38 oder politische Maximen. 55 §. 38. Geschiehet es, daß man von jemand auf der Strassen, oder anderswo an einem öffentlichen Ort, spricht; so verschweige man dessen Namen, ja sogar das Ort, die Zeit und alle Circumstanzen (§. 1.2.). Damit wann jemand vorbey gehet, nicht hören kan, von wem geredet wird. Mit allen gehe ehrerbietig, und höflich um (§. 14. §. 35.). Insonderheit gegen Alten, zeige man allen Respect und Hochachtung; wie hierzu schon vorlängst XENOPHON uns ermahnet hat: Senectus ab omnibus publicè veneranda. Xenoph. lib. de republ. lacædem. Alle Hoffärtige, Ehrgeitzige und Ruhmreder soll man allzeit loben (§. 12.). Siehet man daß einer eine Sach hasset und verabscheuet, so muß man dieselbe verachten; bemerket man aber, daß er etwas liebet, so lobe man dieses und spreche man oft davon in dessen Gegenwart. Auf gute Rathschlüsse und vorsichtige Urtheile seye man beflissen (§. 13.). Vornemlich aber auf diejenigen Rathschlüsse (wann man in Officio publico stehet) welche dem gemeinen Weisen angenehm und dir nützlich seynd (§. 37.). Aber sehe zu, daß man sich nicht in privatis, sonderlich aber bey dem Publico, gar zu intereßiret und eigennützig zeige (§. 17. §. 19.). Dann man findet einige personae publicae in officio publico, welche vor das Publicum stehen, machen zum wenigsten ein groß Geschrey in alle Welt, da sie doch Publicisten dem Namen nach seynd, in der That aber intereßirte Privatisten. Derhalben soll man in allem seine Neigungen zu verdecken (§. 9. seq.) und seine böse Inclinationen zu dämpfen suchen. Ja man meide allen unersättlichen Geldhunger, Privatinteresse (wie jetzo schon ermahnet worden, und weitläuftig in vorigen Absätzen) ungebührlichen Eigennutz, sträfliche Wucherey, Schinderey, und Unterdrückung, gleich den größten Lastern. Dann wer solche Fehler verübet, ist in Gefahr sich in Gottes Zorn und gar in die Hölle zu stürzen; sich in Ungnade des Landesfürsten (oder der Republic) und den Haß des Volks und Gepöbels über dem Hals zu ziehen; Kluge und nützliche Staatskunft, 56 ziehen; ja hernach allerhand böse Folgerungen, als Verfolgung, Widerwärtigkeiten, Verspottung, Despect und dergleichen Schickſalen. 39. Wofern man einen Contract, Vertrag oder Handel mit jemand zu schliessen hat, darzu man mit Gewalt, durch Noth, und mit Unrecht gezwungen ist, und an welchem (Accord oder Verbündniß) man förchtet Schaden zu leiden oder sich in einer großen Gefahr dadurch zu setzen und davon belästiget zu werden; so inserire man darin dergleichen zweydeutige Conditionen oder unbestimmte Clausulen, die in einem weitläuftigen Verstand können genommen werden und auf verschiedene Wege können explicirt werden. Mit diesem Beding aber, daß man sein Gewissen damit nicht beschwere und andern keinen Nachtheil zufüge; also nur: Ne tangatur meum & tuum (§. 13.). Von allem Zorn müssen wir uns abhalten, und wofern wir etwa beleidiget worden; so simulire man dieses (§. 9.) als wann es uns nicht anbetroffen, wie der gelehrte FREDRUS ermahnet: Vide, non videndo omnia. Monit polit. num. 17. (*), derowegen muß man kein Zeichen noch Merkmale von sich geben, daß man erzörnet ist, sondern man erwarte bis bessere Gelegenheit gibt, dem Beleydenden solchen darzuthun, und folge man hierin den Spruch des weisen SALoMON: Fatuus statim indicat iram suam; qui autem dissimulat injuriam, collidus est. Proverb. 12. vers. 16. p. 40. Von allen Factionen, Rebellionen, Complotten, oder schädlichen Rottirungen und Zusammenschwörungen seye man weit Potius non videre te injuriam simula, quam dum vides, vindicare illam opus habeas; ne si agnitam molliter dissimulaveris, pejus contre te in posterum peccet. Fred. ibid. part. 2. num. 84 57 oder politische Maximen. weit entfernet; wie auch hüte man sich mit Zerstörer der gemeinen Ruhe umzugehen. Dann ihre Conversation ist verdächtig und alle Aufrührer oder Rebeller seynd zu straffen, ja alle Gesätze und Rechten befehlen dieses ausdrücklich. Und zu allen Zeiten haben die Gelehrten dieses Uebel und Unheil zu straffen ermahnet (*). Von grossen und schweren Processen soll ein Weltkluger sich bewahren, wann es einen zweifelhaftigen Casum betrift, oder andere critische Umstände vorhanden seynd, also daß man einen unglücklichen Ausgang oder andere böse Folgen besorget. Viel lieber eine etwa geringe Sach verlieren, als eine gar grössere, und obschon man auch Recht und Grund hat. Und wann es muß durchaus procedirt seyn, so folge man den Rathschluß des gelehrten Staatsmann und Sittenlehrer FREDRI: Neque cum iis contende, aut litem move, quibus impor es potentia. Monit. polit. moral. part. 4. num. 23. . §. 41. Man sehe zu mit wem man umgehet (§. 1.). Ob derselbe, welchen man conversiret, gelehrt, from, mäßig, friedsam, oder entweder andere löbliche Tugenden besitzen (§. cit.). Demnach soll man auf die Oerter und Gelegenheiten Acht geben, die man frequentiret: ob dieselbe veracht, gering, nachtheilig, verdächtig oder in Argwohn seynd. Eben von dergleichen muß man sich ohnfehlbar abhalten (**). Es heisset im gemeinen Sprichwort: sag nur, mit wem du umgehest; so weiß ich, wer du bist. §. 42. Da wir gesagt haben, daß ein Politicus zusehen solle, was vor Natur, Eigenschaften und Neigungen diejenige besitzen, mit welchen Ad tollendam seditionem sunt illus autores, utrinque licet pauci, puniendi, caeteri paulatim ejiciendi. Consil. Nicost. athen. ad corcyr. ex lib. 3. thucyd. Tales habeto socios, quorum contubernio non infameris. S. HyrenEpist. ad Nepotian. Kluge und nützliche Staatskunst, 58 chen er umgehet (§. 1. 3. 11.); so kan er dieses meistentheils erfahren wann dieselbe lustig, betrübt zornig, rc. seynd, insonderheit aber wann sie trunken seynd (§. 29.). Eben durch diesen Weg kan man ihre Gemüther erkünden, ja öfters ihre verborgenste Gedanken errathen. Wilst du die Gedanken derselben wissen; so sage ihnen das Gegentheil desjenigen, welches du ungefehr muthmassest, daß sie im Sinn führen. 4 Will man versuchen, mit was vor Gebrechen, Begierden und Fehler einer behaftet ist, so kan man dieses durch folgende List erfahren: man spreche mit demjenigen von allen denen Fehlern, welche du ungefehr urtheilest, daß er damit behaftet seye, so wird er gleich dieselbe scharff bestraffen. Diß erfahren wir täglich an denjenigen, welche einen Fehler an sich haben, daß sie am meisten darüber tadeln werden. Eben auch, wann man Rath von einem begehret, und man probiren will: ob derselbe dir wohl oder übel gerathen oder dich über eine Sach belogen; so befrage man ihn wiederum über selbe Sach nach etlichen Tagen, wird er nun die eigeneste Antwort geben, so ist die Sach in Wahrheit gegründet, führet er aber andere Umständ an, so ist gewiß, daß er dich belogen, dann Lügen vergessen sich bald. Ueberdem wann man gern die Gedanken, Meynungen, Concepten, Geheimnisse oder etwas anders von jemand wissen wolte, welcher Wissenschaft davon hat; so rede man davon (in Gegenwart desselben) halb unwissend, so wird derjenige dich corrigiren wollen, ja öfters streiten (wann man ihme in etwa mit Glimpf und Geschicklichkeit widerspricht) und durchaus behaupten: so und so seye die Sach beschaffen. Eben durch diese Maximen erfahret man den Grund der Sachen und man wird darüber oftermalen umständlich informiret. + Wann man gern die Kunst, Wissenschaft und Gelehrtheit eines Menschen zu ersahren verlangt; so proponire man demselben einen Casum. oder politische Maximen. Casum oder Problema, welches man voraus wohl verstehet, und weiß, daß es nicht anders kan ausgelegt werden. Wird er nun die Aufgabe oder Frage nach ihrem behörigen Verstand auflösen, so ist er gelehrt, wann aber nicht, so ist an seiner Capacität sehr zu zweiffelen. Eben so erfahret man die Geschicklichkeit und Kunstgriffe eines Artisten. Wann man ihn befraget: wie diese oder jene Sach zu machen, zu unternehmen oder practisiret werde, dann aus seiner Antwort wird mehrentheils seine Klugheit und Subtilität an Tag kommen, sonderlich wann er ein pralerischer Künstler ist (§. 7.). Ist aber einer, welcher dir ein Problema aufzulösen giebt, oder dir einen Casum und Quaestion vorstellet, um zu versuchen: ob du in einer Kunst und Wissenschaft erfahren bist, so ist rathsamer alles zu ignoriren, obgleich du die Sach wohl und gründlich verstehest. In Summa, bey solchen Vorfällen soll man öfters seine Kunst, Wissenschaft und Erfahrung ditzimuliren; man soll sich unwissend vorgeben, man stelle sich an, als verlangte man selbsten den Grund der vorgestellten Aufgabe (oder die Frage) mit Ungedult zu wissen. Ja, man wird also erfahren, daß, wer seine Gelehrtheit simuliret, wird öfters mehr Ehr und Lob davon tragen, als wann er dieselbe in alle Welt verbreitet. Indessen kan man sich wohl zu Zeiten mit wahrem und gründlicherfahrnen Gelehrten über gelehrte Sachen im Gespräch einlassen. Etlichmalen aber, nichts zu wissen, ist die größte Wissenschaft, nemlich also zu scheinen. Die gelehrtesten Politici lehren diese Maxime: daß es besser seye mit allem närrisch zu seyn (§. 32.), als allein weis und verständig zu scheinen, dann wann alle närrisch seynd, so ist nichts zu verspielen. Da im Gegentheil, wo die Weißheit allein ist, wird sie oftermalen vor eine Thorheit paßiren. Diß ist hier zu verstehen, [wie auch hernach ferner folgen soll]: daß man sich in die Zeit und Leute schicken soll (§. cit.). Endlich einen frommen, sittsamen und Gottesfürchtigen Menschen lernet man leicht erkennen und von andern unterscheiden, wann nemlich derselbe den Frieden liebet; keine verstelte Demuth zeiget; keinen Hochmuth noch Hoffart blicken lasset; im Essen und Trinken mäßig; das Schimpfen und Ehrabschneiden H 2 Kluge und nützliche Staatskunst, 60 schneiden hasset; die Wahrheit sagt; heimlich den Armen Almosen gibt und dergleichen mehr lobwürdige Tugenden, (die er vor der Welt verborgen zu halten sucht) übet. Und wann bey ihme, mit einem Wort, alle Scheinheiligkeit, oder verstelte Andacht und affectirte Sanftmuth nicht gemerket wird. 15. Man verlasse sich niemalen auf diejenige, welche leichtlich und viel versprechen (§. 21.). Dann mehrentheils halten sie ihr Wort nicht (*). Alle diejenigen, welche dir Geheimnissen entdecken, diesen must du nichts offenbaren (§. 10. 20. 37.). Einen Schmeichler, Schmarutzer oder Fuchsschwänzer kan man leicht hieraus erkennen, wann nemlich derselbe Sachen lobet, die in sich böse seynd. Also erzehle etwas sträfliches und tadelhaftes (welches du sollest begangen haben, obschon es nicht wahr ist); wird er nun deine gedichtete böse That preisen und rühmen, so ist er ein Heuchler und Gleißner, schweiget er aber dabey still oder daß er dich darüber eiffrigst bestrafet, so ist es ein Merkmal, daß er es wohl mit dir meynet. Darum, wann dich jemand auf diese gesagte Art lobet, so bilde dir ein, daß er deiner spotte, dann auch, ohne dem, komt es öfters nicht aus einem wohlmeynenden Gemüth oder getreuen Herzen; sondern aus einem heuchlerischen und schmeichlerischen Mund und dadurch einen Privatnutzen und Vortheil sucht. Mit Plauderer, und geschwätzigen Leuten soll man sich nicht lang aufhalten (§. 2.). Da diesen wenig zu glauben ist, und wann sie auch den Himmel zum Zeugen beruffen; welches derhalben PLUTARCHUS gar schön bezeuget: in hoc sunt infelices (garruli), quod neque audiunt, neque audiuntur; nemoque fidem habeat loquaribus, etiamsi vera loquantur. Plutarch. lib. advers. garrul. Demnach bleibt es beständig wahr, daß die geschwätzige Leute (und die immer den Mund zum * Multa fidem promissa levant. horat. 61 oder politische Maximen. zum Plauderen offen haben,) die größten Verächter, Ehrabschneider, Verlaumder, Verräther, Schimpfer und Tadeler seynd. Die geschwätzigen Leute pflegen andere zu verachten, damit sie sich groß machen; sie scheuen nicht gegen die Ehr und Ruhm ihres Nebenmenschen zu sprechen, da sie öfters die tadelhafteste, ja abscheulichste Fehler begangen; sie vergeringeren öfters andere, da sie mehrentheils von allen gar gering geschätzet werden; sie bringen öfters Sachen von anderen an Tag, die in lauter Lügen und Falschheiten gegründet seyn; sie schimpfen auf andere, da ein jeder, so zu sagen, mit Fingeren auf ihnen weiset; kurz, sie tadelen, und critisiren über alle, da sie die meisten Gebrechen und Fehler besitzen. Endlich aber, sie seynd [wie sie gewoͤhnlicher massen selbsten pflegen vorzugeben und von sich zu reden) selbsten from, tugendsam, edel, gelehrt, reich, verständig, klug, getreu, gütig und barmherzig, ja sie sollen, laut ihrer eigenen Aussag, alle auserlesenste Prædicata und Vollkommenheiten besitzen. Vor alle dergleichen ausgelassene Menschen soll ein Politicus fliehen, und ihre gefährliche Gemeinschaft meiden, obschon es auch seine Freunde seynd. Dann alle diejenige, welche viel auf andere tadelen und critisiren, sollen dir zugleich zur Warnung dienen, daß (wann sie dir einmal feind und untreu werden) dir alsdann ein gleiches von ihnen wiederfahren wird, oder wo nicht gar ärger, als andere dich beschimpfen, verlachen und verspotten werden (§. 28.). 46. Komt einer etwa zu uns um jemand zu verklagen, so soll man sagen: daß uns die Sach schon wohl bekant seye, alsdann wird er vermuthlich noch mehr entdecken, als er sonsten gethan hätte; insonders wann er ein Zuschürer und Rückangeber ist. Demnach hat man sich auch vorzusehen für dergleichen, dann es ist eine ausgemachte Sach, daß alle diejenigen, welche leichtlich anklagen, gemeiniglich sehr falsche und untreue Leut pflegen zu seyn (§. 36.). Kayser Carolus der Vierte bezahlte einmal gar schön die Falschheit der Ankläger, da er ihnen eine besonH 3 62 Kluge und nützliche Staatskunst, besondere Münz geben lassen, welche ungangbar ware, und als sie sich hierüber beschwerten, er gesagt habe: falsche Treu verdienet falsches Geld. Gebhard, part. 2. cap. 30. Ist etwa jemand über dich (dessen du vonnöthen hast oder davon du dependirest) erzörnet; so folge den Rathschluß des gelehrten Königlich-Spanischen vorhin gewesenen Lehrers zu Löven und vortreflichen Staatsgelehrten J. Lipsii, welcher rathet, daß man sich der allgemähligen Harmonie oder Uebereinstimmung bemühen solle. Lips. polit. lib. 4. cap. 4. Es ist nützlicher und löblicher in solchen Fällen eine simulirte Subalternation, eine politische Submission oder Unterthänigkeit zu zeigen als einen trotzigen Hochmuth. Dann in allem Gehorsam und Unterthänigkeit ist darum kein Joch noch Sclaverey, sondern man geniesset manchmal mehr Freyheit als derjenige, der keinem unterworfen ist. Demnach, so ist eine demüthige Subalteration und moralische Obedienz eine große Tugend, die an jedem zu loben ist; die einem jeden Ehr und Liebe zubringt; und die an den meisten Oertern der Welt einen beständigen Frieden, Ruhe und Einigkeit erhaltet. 47 Einen weisen, verständigen und tugendsamen Menschen erkennet man hieraus, wann dieser keine Boßheit, Betrug und Mißgunst zeiget; das Fluchen und Schwören hasset; die Lügen meidet; wann er wenig und grundlich von allen Sachen redet; vernünftig und mit Maaß einem jeden zu unterscheiden und damit umzugehen weiß; behutsam in seinen Werken und Vornehmen, fleißig und beständig in seinen Geschäften und mit anderen guten Sitten begabet ist (§. 44.). Hiemit stimmet überein der Römische Redner und Weltweise CICERO; da er meldet: Vir temperatus, sine aegritudine, sine alacritate ulla, sine libidine, is est Sapiens. 1. tuscul. qui omnibus virtutibus instructi & ornati, tum sapientes, tum viri boni disuntur. Cicer. 5. tuscul. 48. 63 oder politische Maximen. §. 48. Wofern wir einen Freund haben dem wir nicht trauen und uns einbilden, daß er ungetreu seye, so kan man dieses durch folgenden Kunstgrif erfahren. Man schicke zu ihm jemand, welcher ihme uns unbekant zu seyn scheinet; diesem befiehlt man, daß er dich bey demselben Freund verachte, und dieses ganz paßionirt. Wird nun der gedachte Freund mit dem Ausspeher einstimmen und deine Parthey nicht defentiren; so ist es ein merkliches Zeichen, daß er ein falscher Freund seye. Es ist einem Staatisten hinlänglich und vonnöthen dergleichen Versuche mit seinen Freunden (darauf er mit einigem Grund arg denket) anzustellen, indem die Falschheit oder Untreue der vermeinten Freunden unbeschränket ist; und man bey jetziger Welt erst recht dieses wahr zu seyn erfahret: Mel in ore, verba lactis: Fel in corde, fraus in factis. Uebrigens, wann du einen Freund hast, an welchem du zweiffelest, daß er keine Geheimnissen verschweigen kan; so kanst du dich ausser allem Mißtrauen und Zweifel ziehen durch dieses Stratagema und Staatsstreiche. Dem zu versuchenden Freund erzehlet man insgeheim eine wichtige Sach (die man fingiret) mit dem ausdrücklichen Befehl, daß er keinem bey Lebensstraff etwas davon offenbaren wolle. Bey diesem dann schicket man einen, welcher also unterrichtet, daß er dem Freund dieselbe fingirte wichtige Sach umständlich insgeheim erzehle und ihn befrage: ob er diese Sach auch wohl wüßte. Wird nun der gedachte Freund alles mit Fleiß ignoriren, so ist es ein klares Zeichen, daß er discret und verschwiegen ist. Und bey dieser Gelegenheit ermahne ich abermal, daß man nicht thuen solle, wie die unverschämten verächtlichen und pöbelhaften Leute, die, welche, sobald sie dir feind geworden, alle deine geheime Sachen (so du ihnen vorhin während der Freundschaft offenbaret hast) aus Rach und Bosheit entdecken und in alle Welt ohne einige Discretion und Einsehen ausschreyen; meynend sich damit gegen dir zu rächnen. Also wiederhole Kluge und nützliche Staatskunst, 64 derhole ich abermal, daß es die größte Thorheit seye, einem Freund die wichtigsten Geheimnissen zu erklären: weil du gewiß nicht versichert bist; ob er dir treu wird bleiben, oder ob er alles wird verschweigen, wann er dir auch schon die Freundschaft auf und dir zum Feind geworden (§. 37.). Kurz, die meisten Geheimnissen kommen an Tag entweder durch Offenherzigkeit und Verrätherey der Freunden, oder durch Ausplauderung und Feindschaft gewesener Freunden (§. 10. 20. 37.) 49. Wofern man mit unredlichen tückischen und betrüglichen Leuten einen Contract zu machen, oder einen Accord zu schliessen; so soll man alle Circumstanzien und Dependenzen wohl einsehen, und der Folge der Sachen richtigst nachsinnen. Nach diesem denselben mit gewissen Acten, Verschreibungen und tüchtigen Verpflichtungen wohl versicheren (§. 39.). Damit hernach keine Zweytrachten, Mißhelligkeiten, Aufruhren und Chikanen uber die Verbündnissen [und was es sonsten wichtiges seyn kan) entstehen können; dann es giebt zu diesen letzteren Weltzeiten solche Eid= und Bundbrüchige Menschen, die sich kein Gewissen machen, wann sie gleich daß, was sie einmal treu und vest versprochen, wiederum brechen. Darum man sich wohl vorzusehen hat, daß der Bund, Accord oder Vertrag wohl eingerichtet werden. Indessen soll man anderen, die einmal verheißene und geschworne Treu und Bündniß halten (§. 14. 37.), wann es auch schon unsere Feinde wären (*), wie dieses der Staatserfahrne Professor VERNULAEUS in seinen Institutionibus politicae seu Elementis civilis [*) Seinen Feinden ist man sogar schuldig Wort und das Versprechen oder Bündnuß zu halten (§. 14.), nach Lehr aller wahren Moralisten, Staatisten und Juristen. Wer uns aber bundbrüchig geworden; dem seynd wir nicht mehr verbunden nach dem Axioma: Fidem frangenti, fides frangatur eidem. Und daher ein anderes die sich wohl ausdrückt: Frustra sibi fidem quis postulat ab eo servari, cui fidem à se praestitum servari recusat. oder politische Marimen. vilis scientiae gruͤndlich ermahnet: Fides certissimum humanae salutis est pignus & imperiorum omnium fundamentum. Stabilit ipsa communem vitae societatem, commerciorum inter homines introducit, foederibus populos inter se jungit. Tolle fidem, naturae legem tolles, nulla erit Religio, nulla gentium jura, nulla commercia, nullae cum hostibus conventionem. Actum erit de pactis, promissionibus, foederibus. Nunquam igitur violanda fides. Et quanquam ea toto orbe exularet, regibus [atque principibus) tamen semper est retinenda, quorum verbis haberi major fides, quam aliorum juramentis debet. Vernul. instit. polit. seu Element. civil. scient. tit. X. de foed. pag. 399. 50. §. Wir haben gemeldet, daß man auf die Person zu sehen hat, mit welcher man umgehet (§. 1.); so ist dadurch überhaupt zu observiren das verschiedene Alter und der verschiedene Stand, Qualität und Caracter. Ueberdem so bleibet noch hier anzumerken, daß man zusehen soll, ob derjenige (mit welchem man zu schaffen hat) ein Fremdling oder ein Einwohner seye; ob er dir gleich an Condition und Alter, oder nicht; ob er von guter oder böser Natur und Gemüth seye (§. 14.), und was vor Eigenschaften und Inclinationen er besitze (§. 1. 14.); ob er die Wahrheit liebet, oder ein Lügenhändler ist (§. 43.); ob er von einem lustigen angenehmen Gemüth und jorialischer Humeur; oder streng, grob, trotzig, kaltsinnig, oder von melancholischer Eigenschaft; ob er Ehrsüchtig, hochmüthig, und ruhmredig ist (§. 12. 14.) oder die Demuth und Submißion liebet; ob er dein Unterthan und dir untergeben ist, oder höher als du; ob er ferner ein Mensch ist, der intereßirt und dem Eigennutz ergeben ist; ob er zornig, neidig, rachgierig, närrisch, unmäßig, nachläßig, unbeständig, untreu (§. 48.) und andere böse Neigungen besitzet oder nicht. Und so fortan wird nach jeder Beschaffenheit und Qualität der Person eine besondere Manier damit umzugehen erfordert. §. 51. Kluge und nützliche Staatskunst, 66 51. Was deine Knechte, Dienstboten, als auch andere Getreue angehet, kanst du mit großerer Freyheit begegnen, doch damit sie dich nicht despectiren oder deine Autorität nicht mißbrauchen (§. 4.). Mit Fremden und Unbekanten seye eingezogen und habe allezeit Mißtrauen (§. 11.), doch mit Vernunft: Sapienti diffidentia non alia res utilior est mortalibus. Euripides. Ehre allzeit dein Obrigkeit, sowol geistliche als weltliche (§. 1.); hab Einsehen und Respect vor deines gleichen, und gegen deine Untergebene und von geringer Condition zeige alle Belebsamkeit, Leutseligkeit und Mildigkeit (§. 14. 34.), nach Rath und Ermahnung des SENECAE: Esto sermone affabilis, accessuque facilis, aequis desideriis propensus, nec iniquis acerbus. Sen. in Neron. lib. de Clement. Mit aller Gewißheit und Vertrauen kan man umgehen mit denen wahren frommen und gottesfürchtigen Menschen (§. 41.). Aber sehe wohl zu (§. 44.), damit du nicht betrogen wirst, dann die Welt ist voller Scheinheiligkeit, Gleißnerey und Heucheley. Es wird dir in vielen Vorfällen dieser unwiedersprechlicher Spruch vorkommen: Daß die Leute wahrhaftig nicht also beschaffen seynd, wie sie sich vor der Welt stellen. Es ist manchmal nur alles quasi vero und lauter Scheinheiligkeit. Ja darhinten ist oft nur lauter falsches Liebkosen, heimliche Boßheit, heimlicher Geitz, heimliche Arglist, heimlicher Hoffart, und heimlicher Neid; in Summa, diß wird man fast in allen Ständen und Orten der Welt wahrnehmen. 52. Man soll keinem Lügner, Betrüger noch geschwätzigem Menschen Glauben zustellen, wann er auch schon zur Bekräftigung Creutz und Kraft schwöret (§. 27.45.). Und seye man nicht von solcher alberer Leichtglaubigkeit, sondern man erinnere sich allzeit, was AMMIANUS spricht: Immatura credulitas mater erroris, noverca con 67 oder politische Maximen. consilii. (§. 27.). Gegen denen so lustig und angenehm in Gesellschaften seynd, muß man sich in mäßiger Gemeinschaft halten. Die aber streng, trotzig, hochtrabend und grob seynd, soll man mit wenigen Worten begegnen. Denen Hoffärtigen, als Rhumreder, Pralhansen, Aufschneider und dergleichen ehrsüchtigen Menschen kan man alle Ehr und Respect erzeigen (§. 12. 38.), so viel sie von dir erforderen. Ja zeige, als hättest du große Hochachtung vor sie und lobe ihre ruhmredige Thaten, dann hiedurch werden dich solche Ehrgeitzige lieben. Seynd aber ihre ruhmsüchtige Reden und Thaten gegen alle Billig= und Gerechtigkeit; so schweige dabey und laß es paßiren (§. 9.). §. 53. Mit Demüthigen aber handele man ohne einige Affectation und Verstellung, wohl verstanden, wann es keine Hypocriten seynd. Den Boßhaften und Arglistigen gebe kein Gehör, fals du ihnen zu erkennen gegeben hast, daß du sie von dergleichen Art zu seyn, haltest: Malos necesse est, aut imiteris, aut oderis. Seneca Epist. 7. Den Bereitwilligen und welche von gutem Willen seynd, geben Zeugniß guter Freundschaft (§. 14.). Suche allzeit die Diensthaften, und welche geneiget seynd dir einen Gefallen zu beweisen; die Undiensthafte aber fliehe. Mit Geitzhälsen, Eigennützigen und dergleichen Intereßirten gehe behutsam um, sonderlich was ihr Interesse anbetrift und glaube nicht leichtlich, was von allen Intereßirten herkommet (§. 27.). Im Gegentheil denjenigen, welche nicht mit dem Eigennutz behaftet seynd, kan man mehr Glauben zustellen (*). Also kan man nach verschiedener Art der Menschen auf verschiedene Manieren conversiren, nachdem wir ihre Eigenschaften, Neigungen, Begierden und Sinnlichkeiten (§. 12. 42. & seqq.) erforschet und sich nützlicher J 2 [*) Mit einem Wort, alles kan man kühnlich glauben, aber mit diesem Beding, daß das eine wahr seye, und das andere unwahr, und so begehet man keinen Fehltritt. 68 Kluge und nützliche Staatskunst, licher Weiß dieses weisen und heylsamen politischen oder StaatsRathschluß bedienet: Lerne die Welt (und alle Würkungen derselben) nach ihrem inneren Grund, Wesen und wahrer Beschaffenheit kennen. §. 54 Ist einer etwa Vorsteher des gemeinen Wesen, Richter, Obrigkeit, Regent, und Verwalter eines Civil=Regiments (sowohl in Justitz=als Policey=Sachen); so soll er die Gerechtigkeit lieben, jedem Recht thun und in allem billig seyn (*). Er soll die Frommen handhaben, die Guten belohnen, die Bosen und Gottlosen bestraffen keinem Gewalt thun; die betrübten von der Frevelers Hand erretten: die Fremdlinge beschirmen, die Wittwen beschützen, die Waysen verthädigen (**), den Armen und Nothdürftigen helfen (§. 17.), und ihnen allen holdselig, und wohlgewogen seyn (§. 14. 35.); und so wird man je mehr bey dem gemeinen Wesen beliebet werden, in Ansehen kommen und von dem Volk hochgepriesen werden. 55. Vorderist aber, wann ein Politicus bey einer Republic das Regiment führet; so solle er zum gemeinen Bestens Wohlfahrt ein Beschützer der guten Künsten und Wissenschaften seyn (wie auch der nutzlichsten Handlungen und Kaufmannschaften) ja auch ein vollkommener Kenner derselben seyn (§. 1. 7.); dann wie unentbehrlich die schönen Wissenschaften zum Flor einer wohl eingerichteten Republic erfordert, habe ich nicht vonnöthen zu erweisen. Ein jeder verständiger Staatist wird in die ganze Sach eine so gegründete Einsicht besitzen, daß ich aus der Historie keinen weitläuftigen Beweißthum davon zuführen bedarf. Daß aber die Wissenschaften durchaus zum Aufnahm und Wachs[*] Diligite justitiam, qui judicatis terram. Sapien. cap. 1. **] Viduae & pupillo non nocebitis. &c. Exod. 22. 22. 1 „ 69 oder politische Maximen. Wachsthum einer Republic höchst nöthig, hat wohl der vortrefliche Kayser Rudolphus der Zweyte verstanden, da er dem gelehrten und unvergleichlichen Staatsmann JUSTO LiPSIO in einem Privilegio also bezeuget: - - - - Postquam inter alia, quae DEUS immortalis hominibus liberali manu dedit dona, illustria inprimis illa & quasi divina sunt, quae in litteris (sive scientiis) liberalibusque disciplinis consistunt, quibus scilicet homines non tantum ab animalibus caeteris rationis expertibus, sed à rudi etiam & imperito hominum vulgo ita distinguuntur ut tanquam Dii quidam splendescere in terris videantur. Rem sane praeclaram, seque dignam illi praestant, qui diligentem iis ipsis in litteris ac disciplinis operam ponunt praeclarissimam vero & Reipublicae utilissimam, qui eas ita excolunt, ut aliorum menti docendo, scribendo lumina praeferant, eosque ex ignorantiae tenebris, quasi manu educant, quos excitare, atque animare ad dignitatis nostrae munus, ad quod divino vocati beneficio, concessuque sumus, imprimis pertinere existimamus. &c. Just. Lips. Lib. de Cruc. ad fin. §. 56. Zu allen Zeiten haben die weisesten Monarchen und Staatsverständige Fürsten durch ihre grosse Vorsicht dahin gestrebet die vornehmsten Geister und besten Meister aller Künsten (zum Flor ihres Reichs) in ihren Ländern zu bringen; dann was machte erst Egypten, darnach Griechenland und Italien so reich, beruffen und blühend, als die Besitzung der Wissenschaften und Künsten, die ihnen uberflüßige Reichthumen von allen Enden der Welt zu brachten. Ja, nichts ist, wodurch einem Land, einer Republic, einem Staat und Reich höheres Ansehen, Ruhm, Glorie, Vortheil und Aufnahm zu wachset, als wo (nebst Beförderung göttlicher Ehre und der wahren christlichen Kirchen Wachsthum) die guten Künsten und Wissenschaften blühen (§. 54.). Darum auch dieses ein italiänischer Staatslehrer gründlich anmerket: Essere poco amico delle sue glorie quel prinJ 3 Kluge und nützliche Staatskunst, 70 principe, que ne suoi stati le lettere non sà fiorire. La Scuola della verita aperta à principi. verit. 19. pag. 495. Daß einem Fürst wenig um seinen Ruhm und Glorie gelegen seye, welcher nicht die Wissenschaften in seinem Land und Staat floriren thue. Man siehet daher, wo in einem Land rechte Gelehrte angetroffen werden, daß auch allda die Beschützung der wahren Lehre und Religion, gute Policey, gute Justitz, und blühende Handlungen oder KaufmannschafJa, in allem eine schöne Ordnung, Fried ten (*) gefunden werden. und Harmonie bey dem gemeinen Wesen. Und alles, durch einen regulirten und gesätzmäßigen Zusammenhang, zur höchsten VollkomAllein ich gestehe, daß diese Anmerkung menheit des Staats steiget. hier zu dieser Materie nicht gerade gehöre; zu allem Glück aber ist An einem andern Ort, wo es das Inauch nichts dabey verlohren. stitut erforderen wird (vermuthlich in unserer Universal=Politic), soll dieses mit mehreren Grund-Wahrheiten und Zeugnissen dargethan und ausgeführt werden. §. 57. Da die Wahrheit ein herliches Ding ist; so muß dannoch ein Politicus wohl zusehen, und behutsam seyn dieselbe zu sagen (§. 9. 12.), vornemlich in der Welt und Weltsachen, wann, wie, wo und bey wem er dieselbe reden soll (§. 1.); zumahlen es hier durchaus heisset: schick dich in die Zeit; schickt euch in die Leut rc. Das Mittel zu treffen ist die höchste Kunst welche darin bestehet, daß man nicht [*) Daher auch die vielen berühmten Academien und hochlöblichen Societäten der Gelehrten, zum gemeinen Nutzen die Künsten wie Paris, Wien, Rom, London, Berlin, Florentz ꝛc. und ſo gar die Kaufmannschaften, Manufacturen, Profeßionen und die Agriculturam vollkommener zu machen gestiftet worden; gleichwie zu Amiens, Augspurg, Erfurt, Göttingen, Edimburg, Dublin und in anderen Orten. Welche letztere hochlöbliche Societäten jährlichst viele nützliche Aufgaben vorstellen, um die der menschlichen Gesellschaft dienliche Künsten zu erweiteren. 71 oder politische Maximen. nicht allzeit die Wahrheit verschweige und simulire, auch nicht also plump und grob mit derselben ausfahre und ohne Unterscheid dieselbige den Leuten vorbringe; dann dasselbige behält bey heutigen critischen Zeiten am besten den Stich. Vornemlich aber, wann man eben nicht darzu bestellt ist diesen oder jenen auszumusteren (§. 34.), und ihme seine Fehler unter die Augen zu stellen. Darum seye ein Staatist mit jedem freundlich, hold= und leutselig (§. 14. 35. 54.), man gebe jedem gute liebkosende Wort und enthalte sich alles Tadels und Critisirens, und wann schon die Anschläge, Händel, Werken und Concepten anderer noch so toll und thoͤricht seynd; so simulire dieselbe (§. 9.), und lobe solche, als edel, gelehrt, verständig, großmüthig, und wohl bedacht (§. 12. 16.), und obgleich es dir zuweilen im Herzen verdriest, daß einige mit so närrischen Possen und thörigen Grillen aufgezogen kommen oder sich gerühmen von großen Sachen (wann es schon grob gelogen ist); so verbeisse es, und laß es paßiren, dann wirst du ihnen ihre Ungeschicklichkeit anzeigen und ihnen die Wahrheit sagen, so wirst du bey ihnen unbeliebt, ja verhaßt und öfters tückischer Weiß verfolgt werden (*). Aber zu rechter Zeit die Wahrheit frey aussagen, kan nicht schaden. Insonderheit, wann man voraus die damit verknnpfte Umstände und Folgerungen reiflich betrachtet hat. Die Wahrheit aber zuweilen simuliren und verschweigen, ist sehr dienlich (§. 9. 13.) und rathsam. Ja es wird so große Geschicklichkeit erfordert um die Wahrheit zu sagen, als Behutsamkeit dieselbe zu verschweigen. Und obschon nun ein Politicus nicht allzeit die Wahrheit sagen soll; so soll er sich doch hüten vor alle Lügen, dann öfters durch eine einzige Lügen verlieret man seinen guten Namen und Credit; und den man einmal auf Lügen ertappet, dem mißtrauet man allzeit hernacher, und zweiffelet man an allem dem, obgleich er auch die gründliche Wahrheit wohl saget. (§. 45.). §. 58. [...] Wie dieses die Lateiner zu sagen gewohnt seynd: Veritas parit odium; und die Spanier ein gleiches sagen: La Veridad es Verde; daß ist: die Wahrheit seye sauer und bitter, um zu verstehen zu geben, daß man dieselbe höchst mögligst solle versüssen, ansonsten sie Haß gebähre. Kluge und nützliche Staatskunst, 72 58 Ein Weltkluger soll in allen seinen Werken beständig und in allem Wesen standhaftig seyn. Ja ein weiser und kluger Mann seye unerschrocken, und soll sich durch keine Furcht noch Schröcken von seinen löblich-nützlichen Werken abhinderen lassen und nicht um trübe Unglücksfälle gleich wankelmüthig werden, noch seinen Feinden es merken lassen, damit sie sich darüber nicht kützelen und in die Faust lachen (§. 32.). Insonderheit soll man sich solcher Standhaftigkeit anmassen, die da unbeweglich und unumstößlich ist (§. cit.); nemlich in allen bösen und guten Zufällen, oder Accidenten ein beständiges Wesen und unverändertes Gesicht haben, welches die Anzeige eines recht standhaftigen Gemüths und verständig=ernstlichen Natur ist. Nicht aber wie einige, wann ihnen was Trauriges und Böses zugestossen, pflegen ganz verwirret und verstöhrt zu seyn. Wann sie aber eine Freude oder sonst etwas Gutes erschnauffen, alsdann nur hüpfen, tanzen, und springen, wie rechte Narren. Hernach gedenke: Adversis non succumbere, Caetis non credere. Seneca Epist. 76. Endlich aus allen Schicksalen, Unglücken, Widerwärtigkeiten, und unverhoften bösen Zufällen soll ein kluger Weltmann sich eine Raison machen und alles mit standhaftiger Heldenmüthiger Gedult ertragen (§. 32.); dann die Gedult und Ertragung des Leids ist eine höchst löbliche Tugend (*), und nützliche Maxime. Die Ungedult und der Unwillen in bösen Zufällen ist aber ein grober Fehler [*) Der alte Sittenlehrer Epictetus hat die Summam philosophiae moralis oder den ganzen Inhalt der Sittenlehre in zwenen Woͤrtern begriffen: ἀνέχου καὶ ἀπεχου: sustine & abstine; daß ist leid und meid. Das erstere ermahnet, daß wir alle Uebelen, welche vorfallen, mit gedultigem Gemüth übertragen sollen. Daß letztere aber, daß man sich bewahre und mäßige in allen Sinnlichkeiten, Begierden und bösen Lüsten. Daher es geschehe, daß man weder in Trübsalen und Widerwärtigkeiten überwältiget werde, weder auch durch Glück und Wohlfahrt verdorben werde. oder politische Maximen. 73 an einem verständigen, ernsthaften und resoluten Politico. Mit einem Wort, man muß sich in allem ergeben; das Böse zum Guten kehren; und den Entschluß fassen, weder vom Bösen als vom Guten bemächtiget zu werden. 59 Indem wir allein nur obenhin von der Simulation und Dissimulation gesprochen (§. 9.), so solle in diesem Absatz etwas weitläuftiger davon pertractirt werden, angesehen selbe eine der vornehmsten Puncten der Politic oder Weltklugheit (§. cit.) ist, und allzeit in dem Politicismo als ein allgemeiner Grundsatz und Lehrspruch angenommen worden und zwarn unter diesen gewöhnlichen Woͤrtern: Simu. la, Dissimula (stelle dich, verstelle dich). Die Simulation und Dissimulation (Stellung und Verhelung oder Verstellung) seynd auch in der That in den mehresten Gelegenheiten der Welthandlungen nothwendig, und wo dieselbe ermangelet, da ist auch die Conversation vieler Verdrießlichkeit, Ungemach und Gefahr unterworfen, also daß man ohne dieselbe nicht recht sicher in dem gemeinschaftlichen Leben der Menschen fortkommen kan, wie solches ein vornehmer französischer Minister und erfahrner Staatsmann angemerket, da er von der Dissimulation schreibet: Sans laquelle il est du tout impossible de se pouvoir seûrement conduire permi les actions & malices des hommes. Traité de la Cour, ou instruct. des courtis. chap. 3. delae dissimul. pag. 159. Demnach so bringt die Dissimulation vielerley, unbeschreibliche Vortheile, und bedienet man sich derselben auf vielerley Art, vornemlich gegen diejenigen, welche [um einige Geheimnissen und wichtige Sachen zu wissen) die Gelegenheit suchen auf allerhand arglistige Manieren und Intriquen aus uns zu erkünden. Diese seynd eben diejenigen Ueberträger von geheimen Sachen, Händelschlichter, Schmarutzer und Zuschürer, welche alle Werken und Geschäften anderer durchschnauffen und durchschnarchen, und die, um zu ihren Entzweck zu gereichen, sich am gewöhnlichsten Kluge und nützliche Staatskunst, 74 lichsten solcher Maximen gebrauchen; dichtend, daß sie den einen lieben und den anderen hassen, obgleich ihre Gedanken ganz anders in sich beschaffen seynd. 60. Die Dissimulation wird auf dreyerley Weise practisiret, vornemlich durch das Stillschweigen, durch die Reden, und durch die Werken, oder äusserlichen Wesen und Gebärden. Erstens mit Verschweigung desjenigen, welches uns öfters an unserem Vorhaben, Gedanken, Geheimnissen und Geschäften durch eine unbesonnene Entdeckung schaden kan; oder entweder, wann man beleidiget, erzürnet und verletzet worden. Also der scharfsinnige ERASMUS RoTERODAMUS anmerket: Qui prudentes culpam, quam intelligunt, indulgentiâ tamen ac studio dissimulant. Eras. Roterd. Epit. adag. pag. 260. Diese Dissimulation, welche durch das Schweigen geschiehet, ist in unzählich anderen Gelegenheiten unentbehrlich, allein, ein kluger Politicus, wird allzeit schliessen können, wann, wie und wo er sich derselben bedienen soll (§. 1.59.); nemlich zu welchen Zeiten, auf welche Manieren, oder Arten, an welchen Orten, und bey welchen man simuliren und dißimuliren solle. Da aber zuweilen im Gespräch zu dißimuliren erfordert wird; so ist hier zu eine viel grössere Geschicklichkeit und Kunstgrif vonnöthen, als im Schweigen. In diesem Fall kan man wohl das Gespräch veränderen (wann vermuthlich von der Sache, die man simuliren soll, gesprochen wird), und kan man andere Ding auf dem Tapet und in die Rede bringen. Allein es glückt nicht allemal, darum müssen die Reden und Antworten ohne Widerspruch seyn, folglich die Wahrheit nicht gänzlich zu denegiren ist, dabey auch nicht zu sagen ist, was schaden kan. Also damit man ausser aller Gefahr und Verantwortung seye (nachdem es die Zeit und Gelegenheit vorbringt); so ist es treflich æquivocationes und amphilologias zu gebrauchen; daß ist: daß die Antwort und Rede aus zweifelhaftigen Terminis und zweydeutigen Wörtern bestehen soll, damit derselbe also jemehr im Zweifel und Ungewißheit bleibe. In einem 75 oder politische Maximen. einem Worte, jemehr die Reden in gewissen verdächtigen Vorfällen verwirret, verhehlet, zweifelhaftig und dißimulirt seynd, je mehr löblich, dienlich und nutzlich wird es seyn. Dieß ist allemal zu verstehen, wann es die Noth erfordert zu simuliren. Endlich so kan man in den Werken und dem äusserlichen Wesen und Ansehen nach, dißimuliren, wann man seine Freude, Betrübniß, Hofnung, Begierde, Furcht, Zorn, Liebe, Freundschaft, Zuneigung und andern Affecten und Paßionen verhehlet (§. 58.). Kurzum, thue also, als hörest und sehest du nichts (§. 9. 59.), von dem was da geschicht und gesagt wird, wann dasselbe nicht ohne Vortheil oder aus anderen erheblichen Ursachen kan erhoben werden. Und alle diese hier gegebene Maximen (§. citat.) seynd die hauptsächlichsten Grundregelen der Verstellungskunst, also daß es fast unnöthig ist, mehrere anzuführen. §. 61. Dieweil die Ruhmredigkeit eine der größten Eitelkeiten eines Menschen ist, wann man entweder beständig auf seine Gelehrtheit, Wissenschaft, Adel, Reichthum, Ansehen und Vermögen oder auf andere Qualitäten prahlet. Insonderheit aber ist es eine merkliche Blindheit, wann man sich grosser Thaten und Werken gerühmet; ja eine noch vielmehr lächerliche Thorheit, wann man dieselbe niemalen verrichtet. Darum soll man allen eigenen Lob, Ruhmsucht oder Ruhmredigkeit meiden; weilen man bey anderen mit allerhand Prahlereyen, pochen und stolziren nicht wird angenehm seyn (*), sonderen vielmehr dadurch heimliche Mißgunst und Verspottung erwecken. Zu dem, ist es eben ein so grosser erheblicher Fehler sich selbsten zu loben, als sich selbsten zu verachten. Daher soll sich niemand selber loben, K 2 [*) Si alienae quoque laudes parùm aequis auribus accipi solent, quam difficile est obtinere, ne molesta videatur oratio de se, aut de suis disserentis? quod magnificum referente alio fuisset, ipso, qui gesserat recensente vanescit. Plinius jun. Ep. 8. lib. 1. Kluge und nützliche Staatskunst, 76 ben, sondern dieses durch andere geschehen lassen: Nec te laudaris, nec te culpaveris ipse rathet der weise CATO. In Summa, besser und vortheilhafter ist es, alle loben, und alles preisen, als sich selbsten und das Seinige stets zu rühmen (§. 12.). §. 62. Vornemlich aber ist die eigene Præsumption, Einbildung oder Gutdünken von sich selbsten ein erheblicher Fehler im Reden und Gespräch mit anderen (§. 61.). Wie solches geschiehet, wann man den Rath oder die Meynung eines andern widerspricht, oder wann man andere mit Gewalt überreden und zwingen will, daß sie den unsrigen Beyfall geben sollen (§. 12.). Und aus solchem Erzwang folgen bisweilen grosser Haß, Neid, und Widerspruch, weilen man dadurch mehr zu wissen und zu verstehen scheinen will, als andere, und als wann man in allem die Oberhand prätendirte. Folgends soll man solche eitele Einbildung im Gespräch, sonderlich bey hoheren oder unbekanten Personen nicht zeigen, und also keinem widersprechen (§. cit.); weder in Kühnheit, noch Halsstarrigkeit, sondern jeden mit höflichgütigen Worten, und unterthänigen Terminis bescheiden, und der Aussage des Eubani nachtrachten (*): daß man balder zum blossen Schein thue, als wolte man von anderen unterwiesen seyn (als daß man andere zu lehren begehre); etwas vorbringend in Gestalt eines Zweifels, und Schwürigkeit (§. 44.), und eine läugbare oder gestehende Auflösung davon zu begehren. Hernach so ist es ein einfältiges Unternehmen und thörige Verwegenheit über Sachen zu disputiren, die man nicht weiß, nicht gesehen oder nicht verstehet. Derhalben soll man alle Behutsamkeit gebrauchen über unbekante und unbewußte Dinge zu reden (§. 13.), und zwarn indifferenter davon sprechen, ja am fuglichsten heißet es alsdann nach dem Vers: Stultitiam simulare loco non ultima laus est. Damit [*] Πολλοῖς ἀνπλέγειν. &c. Euban. in stobaeum. sermon. 80. oder politische Maximen. 77 Damit man aber in solchen Gelegenheiten keinen Fehltritt begehe; so sehe man zu, daß man allein von der Sachen rede, die abgehandelt wird, und nicht die Person, mit welcher gesprochen wird, gerühret werde. Daher muß man denjenigen, dem man widerspricht, loben (§. 14. 16.), doch mit Maaß, ansonsten giebt man bisweilen seinen Zweifel, Fehler, Unwissenheit und dergleichen zu erkennen; folgends muß man concediren oder negiren nach Proportion es erfordert wird. Aber man soll allzeit observiren, ob derselbe von höherem Stande seye, damit negando der Respect, dem man ihme zu tragen verbunden ist, nicht gekränket werde. Oder wann derselbe von geringerer Condition, damit man nicht concedendo erniedriget und verunehret werde. In Summa, ein kluger Staatist, soll sich nicht verwundern über die Reden, Meynungen und Gedanken anderer, obgleich sie ihme thöricht, einfältig, ungegründet, indiscret und extravagant vorkommen (§. 57.); sonderen er bedenke allein, worin sie ihme vortheilhaft oder nachtheilig seyn könne. Es seye, um mit solcher Art Menschen umzugehen (§. 1. & sec. i.) oder um sich für ihnen in Obacht zu nehmen, oder um seine Intention zu vollbringen, welche er vielleicht dabey haben kan. §. 63. Jn derjenigen Handlung, Kunst, Wissenschaft und was dergleichen, worauf man sich begeben, suche grundlich erfahren zu seyn, damit du nicht öfters vor einen Stumpeler, Pfuscher oder gar vor einen Idiot paßirest (§. 7.). Erwähle hierzu Lehrer und Meister, die darin beruhmt seynd (*). Gehe mit denjenigen um, von denen du alsdann etwas nützliches erlernen kanst; hierzu eben erspahre keine Mühe, dann man Gelehrte gefunden, die da weit gereiset, um mit anderen gelehrten und vortrefuchen Männern Kennschaft zu machen, K 3 damit [*) Vitae integritas, docendi peritia, dicendi facundia, facilitas interpretandi, copia disserendi, bona fama, docendi sedulitas. Scuola della verità. §. 18. pag. 525. Ex lib. unic. tit. 15. de professoribus. Kluge und nützliche Staatskunst, 73 damit sie etwas von selben lernen oder erfahren könten, was ihnen annoch unbewust gewesen; es seye eine gute Lehr gewesen, oder ein Kunstgrif, Geheimniß, Maxime, oder sonst eine nützliche Sache aus der Litteratur oder Gelehrsamkeit. Dahero ist die Correspondenz mit entfernten Gelehrten sehr rathsam, nicht allein wegen ihren guten Rathschlüssen, sondern weilen der eine immer etwas neues und nützliches in einer Wissenschaft entdecket und erfindet, daß dem anderen bis dato noch unbewust. Endlich so soll man allzeit seinem Lehrer und Unterweiser (in einer Wissenschaft) alle Ehr, Respect, Hochachtung und schuldigen Dank (§. 32.) beweisen. Weiters studiere nicht auf unnutze Fragen, auf depantische Grillen, auf leere Dispütten, auf schulfuchssischen Subtilitäten; sondern lerne eine Kunst, Wissenschaft oder Handlung, womit GOtt und der Welt gedienet ist: Operosi nihil agunt, qui litterarum inutilium studiis detinentur. Seneca lib. de brevitate vitae. 64. Spötter, Uebelnachreder, Vorderist meide alle Schimpfer, Afterreder, Ehrabschneider, Verächter, Verläumder, Schmachreder, und dergleichen gottlosen Menschen (§. 45.). Dann wie behutsam du auch mit ihnen umgehen wirst, so wirst du doch zuletzt von ihren falschen und bösen Zungen hergenommen werden. Ein vernünftiger Politicus solle (wie von der Mißgunst §. 23. ermahnet worden) die Schimpf- und Spottreden mit Heldenmüthiger Gedult ertragen. Er solle aber sich selbsten von allem Schimpfen, Spotten und Verachtung abhalten (§. 39.), dann wer anderer spottet (pflegte ein König in Macedonien zu sagen) der kan sich getrösten, daß er wieder verspott und verlacht wird. Wer das Gespött, Hohn= und Schmachreden zu simuliren weiß, der zeiget ein Mann von großer Vernunft zu seyn. Da im Gegentheil, derjenige, welcher sich daran stöhret, sich in Gefahr stellt noch jemehr beschimpfet zu werden. Es ist dahero tugend- und sittsamer solches zu verbeissen. Mit einem Wort, alle Schimpfung, Verachtung und Spottung hat allzeit böse Folge. oder politische Maximen. 79 Folgerungen nach sich gezogen, als unversöhnlichen Zorn, Grollen, Rachgier, Verfolgung, heimliche Nachstellung und sogar Meuchelmörderey. Hernächst so fliehe auch alle große Schwätzer, Plauderer, Aufschneider, Mährenträger, Zottenreisser und dergleichen unbesonnen Zahnschreyern (§. 45.); also EPICTETUS spricht: Qui cum improbis semper versatur, eum vel pati, vel discere malum necesse est. Epictetus in libello paren. §. 65. Hüte dich ferner vor alle Fuchsschwänzer, Hypocriten, Schmeichler, Heuchler, Gleißner, und für dergleichen mehrere Machiavellisten und pseudo-politicis (§. 14. 28.). Nehme dich auch wohl in Acht vor alle Schmarutzer, Ohrenbläser, Augendiener, Zuschürer, Rapportenträger, Streitstifteren und dergleichen Judas=Bruderen (§. 24. 64.). Und die Wahrheit zu sagen, so ist es eine gefährliche Sach, mit solcher Art Menschen umzugehen, wann sie schon die getreuesten Freunde zu seyn scheinen. Freylich wohl haben wir mit Grund gesagt, daß man alle und alles loben (*) solle (§. 12. 57.). Zumahlen derjenige gewiß wenig geliebet wird, welcher alles tadelt und verachtet, ja man ist in Gefahr allzeit in Haß und heimlich=tuckischer Verfolgung zu leben; wann man in allem widerspricht, eine Sach vergeringert und eritisiret. Daher ist es eine sittliche Staatsmaxime und löbliche Lebensart, wenn man alles lobet, was einem nicht zustehet oder gebühret zu corrigiren und zu verachten; oder eine Sach zu Alle und alles loben; nemlich was an den Reden und Werken der Menschen ohne Schmeichlung lob= und preißwürdig ist: als herrliche Thaten, grosse Meriten, vornehmen Qualitäten, edele Tugenden, gute Sitten, höfliche Manieren, Gottersurcht, Ehrbarkeit, Geschicklichkeit, Gelehrtheit, Auferbauichkeit, Billigkeit, Heldenmuth, Mäßigkeit, Dienstleistung, Dankbarkeit, Leuthseligkeit, Beständigkeit, Verschwiegenheit, Friedliebe, Sauftmuth, unsträflicher Wandel, aufrichtige Freundschaft, rechte Treu, wahre Liebe, Frömmigkeit, Barmherzigkeit gegen den Armen, und so weiter. Kluge und nützliche Staatskunst, 80 Sonderlich da zu bestraffen, wann man nicht darzu verbunden ist. Indessen seynd es nichts Böses, ungebührliches und sträfliches ist. damit man nicht doch im Loben und Preisung gewisse Maaßregelen, zuweilen vor einen Heuchler und Fuchsschwanzer (von welcher verächtlichen Gemüthsart ein Politicus weit solle entfernet seyn] paßire, und reputirt werde; darum soll ein vernünftiger Weltkluger von diesem nach Gelegenheit der Zeit und des Orts zu urtheilen, zu schliessen, und sich zu richten wissen (§. 1. & seqq.). Weiters soll man die Hoffärtigen Ruhmreder, Großsprecher, Aufschneider, Windmacher und dergleichen Pralhansen fliehen (§. 38.), dann ihre Conversation ist zuweilen sehr schädlich, ihre Freundschaft aber sehr beschwerlich zu unterhalten: indem sie so im Hochmuth, Stolz und Ehrgeitz versoffen und verblendet, so kan es ja nicht fehlen, daß sie Mißgönner und Feinde des Ansehen, des Credits, des Respects und Ruhms ihrer Freunden seyn werden: nemlich daß sie innerlich hassen werden, daß ihre Freunde angesehen, geliebet, respectiret und gelobet werden, indem sie sich eiteler Weise einbilden, daß ihnen allein alle Authorität, Hochachtung, Respect und Lob zukommen müsse. §. 66. Hasse allen grossen Stolz, Hochmuth, Trotz, Aufgeblasenheit und Hoffart (*), dann hiedurch wirst du dich bey der Welt verhaßt machen (§. 61. 62.); sondern zeige einem jeden alle Leutseligkeit, Freundlich= und Ehrbarkeit (§. 14. 35.) und trachte nach solchen Tugenden und guten Sitten, womit GOtt, dem Nächsten und dir selbsten, (zu deiner Auferbaulichkeit) gedienet seye (§. 63.). Kurz, ein Politicus lebe friedsam, from, tugendsam und sittlich; er lebe also in allem, damit der christlichen Liebe des Nächsten keinen Abbruch geschehe. Fliehe auch alle Gauckelspieler oder Taschenspieler, Müßiggänger, Kartenspieler, Saufbrüder, [*] Omnis ambitio præceps. Seneca. 81 oder politische Maximen. der (§. 29. 30.), und dergleichen liederlichen Gesellen von einerley Stoffe. 67. Diß ist eine vornehme politische Maxime: daß man nemlich auch seinen Feinden nicht glauben soll (§. 27.). Auch soll man sich nicht gleich erzörnen, wann man etwas widriges höret, bis man den Grund davon erfahret (§. 24. 39.), dann durch den Zorn und Eiffermuth siehet man zuweilen die Wahrheit nicht, wie solches SaLUSTIUS beweiset: Haud facile animus verum providet, ubi affectus afficiunt. Salust. in conjurat. catilin. Und daher auch öfters geschiehet, wie des alten Sittenlehrer SENECAE Ausspruch lautet: Quae invidi audimus, libenter credimus, & antequam judicemus, irascimur. Sen. lib. 2. de ira. cap. 22. §. 68. Hüte dich vor allzu grosser Gemeinschaft mit deinen Freunden und Bekanten (§. 11. 16.), dann hieraus folget manchmal große Feindschaft (*), und Verdruß. Ich sage also mit Fleiß, daß man sich von allzugroßer Gemeinschaft, Freundschaft oder Familiarität in der Conversation mit jedem abhalten solle (§. 16.); man verlieret entweder seinen Respect, Ehr und Ansehen, oder gar alle Liebe und Zuneigung. Wer eine gewisse indifferente Familiarität (gleichgültige Gemeinschaft) und Conversation brauchet, der gewinnet Respect; wer sich aber allzu gemein macht, der komt in Verachtung. Anderseits, durch die große Gemeinschaft entdecken andere ja balder unsere Unvollkommenheiten und Fehler, welche ansonsten durch eine gewisse Einhaltung und simulirte Eingezogenheit verdeckt bleiben. In Summa, man soll sich mit niemanden popularisiren oder zu gemein machen; [*] Si vitare velis acerba quaedam, & tristes animi cavere morsus. Nullis te facias nimis sodalem, gaudebis minus & minus dolebis. Martialis. 82 Kluge und nützliche Staatskunst, chen; weder mit seinem Oberherrn wegen der Gefahr in Ungnade zu kommen; weder mit seinem Unterthanen, wegen der Ungebuhr und Gefahr sein Ansehen zu verlieren. Vielmehr aber soll man alle große Gemeinschaft mit Geringen und Gepöbels vermeiden, dann ihre Unwissenheit macht sie unehrbar, unhöflich, grob, frech und vermessen, daher begreifen sie nicht die Ehr, so ihnen wiederfahret, sich einbildend, daß man ihnen dieselbe zu erzeigen schuldig seye. Es ist gewiß, daß es leicht ist, sich bey geringen zu erniedrigen, aber es wird hernacher sehr schwer fallen sich wieder bey ihnen zu erhöhen und den vorigen Respect zu erhalten. Inzwischen soll man sich gegen seine Freunde günstig, wohlgewogen und treu zeigen (*); ferner ihnen diensthaft seyn, und behend andern Gefallen zu erweisen (§. 14.), wann etwas vorkomt, dadurch man nicht allzusehr intereßirt wird; oder großen Schaden leiden muß. Ferner seye nicht allzubehend im Versprechen (§. 14. seq.), dann nichts ist wohlfeiler als Diensterbietung, aber manchmal nichts theurer als die Leistung. Wann man aber jemand einen Wohlgefallen, Gunst, Gnade, oder sonst eine Wohlthat erzeiget hat; so soll man alle Welt damit nicht vollschreyen, sondern solches solst du bey dix verborgen und verschwiegen halten (§. 10.), wann er dir dafür soll verbunden seyn, ansonsten wirst du wenig Lob und Dank davon tragen. Hingegen, so soll man auch allzeit seine Gutthäter erkennen und ihre Wohlthaten nicht gleich vergessen, sie loben, und preisen, und allen schuldigen Dank erzeigen. Sehr närrisch ist es aber, wann man sich gerühmet, andern einen Gefallen oder Gutthaten erwiesen zu haben, auch nichts schändlicher, als undankbar Wann du durch gnugsame Proben, Beweißthümer und aus langer Erfahrung treue aufrichtige Freunde hast; so bist du auch durch christliche Gebote, durch alle Rechten und natürliche Gesätze der wahren Freundschaft dahin verbunden, ihnen hinwiederum alle aufrichtige Treu, Lieb, Dienst, Hulf und Hochachtung zu beweisen, nemlich sie allezeit und aller Orten zu verthädigen, zu dienen, beyzustehen, zu loben, und alles, was zufolg den Gesätzen der Freundschaft und Billigkeit erforfordert wird. 83 oder politische Maximen. dankbar zu seyn. Ja, nichts unverschämter ist auf Erden, als ein undankbarer Mensch. Also geziemet es sich, daß man zu gebührender Zeit alle Erkenntlichkeit und erforderende Belohnung vor erzeigte Wohlthaten, Gefallen und Gunsten abstattet (§. 35.). §. 69. In allen unserm Werken und Verrichtungen folge man den weisen Rath eines klugen hebräischen Sittenlehrers: שחח בגח בגגם הגם הפפם : rede wenig und thue viel (§. 2.). Welcher Denk= und Ausspruch ist zwarn kurz, begreifet aber vieles und lehrreiches in sich, und der sich in vielen Gelegenheiten mit Vortheil anbringen läßt. Zum Erempel: Es ist eine Thorheit, wann man sein Vorhaben, Geschäften und Absichten allen voraus kundt machet. Dann wann man eine wichtige und intereßirende Sache willens zu verrichten, überall vorab verbreitet; so warnet man ja dadurch diejenigen, welche auch ihren Vortheil in der vorzunehmenden Sachen suchen wollen, und also daß man durch solche Unverschwiegenheit meistentheils vorgekommen wird. Demnach seye man in allen seinen Vorhaben, Unternehmen und Entschluß vorsichtig (§. 12. 13.), und behutsam, dann Behutsamkeit ist die Grundsäule aller Weißheit. Betrachte die Umstände reiflich; die mit deinem Vorhaben verknupfet seynd (§. cit.); speculire also auf die Folgung und Ausgang der Sachen, worzu dienet, was ISOCRATES meldet: Quomodo fieri potest, ut illi vel de praeteritis recte indicent, vel judicent; vel de futuris prudenter deliberent, nisi contrarias inter se rationes conferant. Isocrates or. de pac. &c. Seye nicht nachläßig und faul in deinen Geschäften und Händeln, auch nicht allzu eilfertig (§. 13.33.), und unbedachtsam: Omnia subita probantur incauta. Tacit. lib. 4. annal. Da her ist in allem ein wohl voraus bedachter Rathschluß vonnöthen, der nicht allein durch richtige Vernunftschlüsse, sondern durch die Erfahrung gegründet ist; dieweilen man bey jetziger klugen politischen Welt gar leicht einen Fehltritt begehen kan, ja auch bey der grösten Achtsamkeit L 2 Kluge und nützliche Staatskunst, 84 samkeit und Geschicklichkeit. Da man gegenwärtiger Zeit die Tritt und Schritt zehlet, man geht und spricht nach der Tabulatur, man schalt auf alles, was nur ein wenig überzwerch gehet, man rümpset die Stirn, man ziehet den Mund, man schuttelt den Kopf, man macht verstelte Gebärden, affectirte Minen, und so weiter. Warum aber all dieses? weil es so die Weltmode ist. Es scheinet zu diesen letzteren Weltzeiten, daß derjenige ein rechter Weltmann ist, der den Mantel auf beyden Achselen trägt, besser zu sagen: ein rechter Windauffänger, der sich in alle Sättel gerecht schickt, ein wahrer Händelschlichter. Ja, der weder warm noch kalt ist, der seye ein wahrer Weltkluger und Politicus. Aber weit gefehlet, indem es gemeinlich solche gewissenlose Machiavellisten und arglistige Schmeichler seynd, die man mit Recht Ja-Brüder heißen kan. Dieweilen sie das Ewige Ja-Wort seynd, und alles mit Amen beschliessen; es seye wahr oder falsch, böß oder Gut, recht oder Unrecht, und obgleich ihnen zuweilen wohl bekant ist, daß man rede oder handele gegen allem Gewissen, Wahrheit, Billig= und Gerechtigkeit (*). Sie seynd vielmehr falsche Weltleute, als recht christliche Staatisten. §. 70. Ich trage kein Bedenken, daß man die angeführten Maximen und Rubriquen nicht in einem arglistigen Verstand auflösen wird, oder zu einem bösen Gebrauch anwenden. Diß stritte grad gegen unserem Vorhaben, indem sie allein dienen sollen, (wie schon im Vorbericht Art. 2. 3. 15. ausdrücklich ermahnet worden) um sich vor den Bösen der verkehrten und hinterlistigen Welt vorzusehen, nicht aber um Böses vorzunehmen. Darum ist es geschehen, daß man nicht allein dieselbe auf der Autorität der vortreflichsten Staatisten gegründet, sondern auch auf der Autorität der Moralisten, damit man [*) Diß wäre eine schöne heilsame Sittenlehre vor viele, wann sie sich derselben mit Fleiß gebrauchen wolten. oder politische Maximen. man sich von allem falschen Vorurtheil entferne. Ist diß aber nicht eine entlehnte Farbe? Nein, ein wahrer Politicus soll allemal die christliche Sittenlehre vor Augen haben: Politicus vir bonus & sapiens & cujus proprium bonum virtus. Vernul. polit. in proem. art. 5. Nun ist es noch bey den meisten Weltweisen die alte Mode, daß man nicht allein in ethicis, sondern auch in politicis sich auf der Autorität gründet (wie dieses schon oben im Vorbericht angemerket worden], also daß mancher sich einem Staats- und Sittenlehrer zu seyn vermeinet, wann er nur einige Sentenzen aus dem Tacitound Plinio weiß, oder aus dem Aristotele, Platone, Socrate, Seneca, Epicteto und dergleichen Philosophen, die sich aus der alten gelehrten Welt herschreiben. Mit einem Wort, man will in der Politic und Moral noch keinen Lehrsatz und Lehrspruch bey einigen tiefsinnigen Speculanten gelten lassen, wann nicht alles auf der Autorität der alten Weltweisen gestutzet ist. Indessen wollen wir die Gedanken der Alten in einigen Theilen auch nicht verachten, sondern ihnen dafür verbunden seyn, und daher unsere Lehren sowohl auf die Rubriquen der Alten als der Neuen stabiliret; und gegründet. 71. Wir werden also keinen Verweiß von unseren Leser zu beförchten haben; weilen unsere Politic und angeführte Maximen sattsam mit Rubriquen, Lehrsätzen und Aussprüchen ausgestaffiret, besiegelt und bekräftiget (§. 70.); und zwarn mit vielen herrlichen Aussprüchen und Ermahnungen der alten Weltweisen, wohlwissend, daß ich hiemit den Liebhabern der Antiquitäten einen großen Gefallen gethan habe; weilen die Anbeter, Verehrer und eifrigsten Partisanen des Alterthums keine Sittenlehre, Staatskunst und andere Theile der Weltweißheit höher schätzen, als diejenige, welche tüchtig mit Sentenzen der alten Philosophen gesalzen und gewürzt seynd. Habe ich aber auch selbsten mehrere neue Maximen, nützliche Regelen und eigene LehrL 3 — Kluge und nützliche Staatskunst, 86 Lehrsätze beygebracht (*); und dieselbe mit klugen Ermahnungen und Rathschlüssen der neuesten Staatslehrern bestättiget; so wird man es mir nicht verdenken, indem die neuesten Philosophen und Politici die Staatslehre (überhaupt) mit größerer Klugheit, Fleiß und Geschicklichkeit erklärt und erwietert haben (auch wegen ihrer Vollkommenmachung der Politie weit größeren Vorzug verdienen); und so dann trift hier wohl ein der klüchtige Einfall, den Hippolitus à CAPIDE anführet, wann er de ratione status spricht: Et quemadmodum novi mathematici per tubos suos, certas in firmamento stellas, certas in sole maculas, veteribus incognitas observârunt: ita quoque politicismus novus suos habet opticos, qui scriptis suis, velut certis specularibus, has veteribus occultas prudentiae artes clariùs observandos tradiderunt. Hip. à Cap. dissertat. de ratione status. prolog. sect. 1. pag. 4. Folglich habe ich den Liebhaberen der Neuigkeiten auch genug gethan, nemlich denen der Kutzel allzeit nach etwas neues und alamodisches sticht. Und da ich also zugleich das Neue mit dem Alten zusammen geschmolzen, so habe ich bey jeden (nemlich bey den Liebhabern der Antiquitäten und HochschäIndessen tzern der Neuigkeiten) den Mittelpunct treffen können. weiß ich doch, daß einige weit aussehende und tiefsinnige Speculanten hierauf weitsichtige Vernunftschlüsse machen werden. 72. Allein solte nicht einiger Einwurf vorzubringen seyn? solte nicht einige angeführte Maximen gegen die Sittenlehre streiten, indem dieselbe unter andern sein Vortheil zu suchen lehren? Es ist wohl wahr, daß die Weltmenschen ohne dem allzusehr von dem Eigennutz, Gewinn und Geldsucht geplaget werden, wie man täglich die Erfahrung an den Geitzhälsen, Wuchern und andern eigennützigen Menschen (welche arme sinnlose Leute von ihrem unersättlichen Geldhunger immer[*) Hievon ist bereits oben in Vorbericht Art. 12, 13. gemeldet worden. oder politische Maximen. 87 merwährend gefoltert und gequälet werden) hat. Allein man verstehet allemal hier ein löbliches, ehrliches und gebührliches Proprium Interesse (§. 17. 19. 22.); nemlich, daß man in allem sein Vortheil, Gewinn und Nutzen, zu seiner Nahrung, Erhaltung und standsmäßiger Aufführung suche, mit dem ausdrucklichen Beding, daß man seinem Nächsten nicht dadurch schade, auch GOtt dadurch nicht beleidige. Einem jeden ist nach allen göttlichen und natürlichen Gesätzen, nach allen geistlich- und weltlichen Rechten seine Interesse in der Welt zu suchen erlaubet, wann man inzwischen nichts gegen GOtt, dem Nebenmenschen und seinem eigenen Gewissen vornimt (*); und allemal den geistreichen Spruch und guldenen Worte der H. Schrift vor Augen haben und beständig daran gedenken: Omnia quaecunque voltis, ut faciant vobis homines, & vos facite illis. Matth. 7. Ich werde darum keinen Scrupulant scheinen wollen, wann ich schon diese moralische Anmerkung gemacht. Ein jedes sittliches Gemüth erkennet leichtlich, was vor ein großes Laster und Fehler der Geitz, Eigennutz und Geldsucht seye; und es ist bekannt, wie wenig solche Leute in der Welt geliebet werden, und von allen gehasset, ja durch solche Laster versündiget man sich nicht allein, sondern man wird auch dadurch bey der ehrbaren und sittlichen Welt verachtet, ja zu jedermanns Abscheu, Hohn und Spott. Und welches schändliches Laster der Geitz- und Geldsucht in einer critisch-satyrisch= und moralischen Schrift unter dem Titul: Neuigkeiten und Nachrichten aus dem Reich der Todten rc. unter anderen mit den lebhaftesten Farben abschildern und bestraffen werde. Mit einem Worte, [*) Ich habe darum, doch aus freyem Willen und Wohlgefallen dieß Schrift unter die Censur und Approbation eines vortreflichen Theologanten gegeben, damit nichts gegen die guten Sitten, noch christlichen Gesätze darin enthalten sey. Die Censur ware zwar nicht durchaus erfordert, noch nothwendig, indem ich wohl voraus wußte, daß nichts dem Gewissen zuwider darin gelehrt noch angezogen ware, so habe ich dannoch eine Theologische Approbation genommen, zu meiner und meines Lesers mehreren Sicher- und Gewißheit. Kluge und nützliche Staatskunst, 88 Worte, wir wollen nicht hoffen, daß unsere Maximen einigen Widerspruch gegen die wahre Sittenlehre enthalten, was vor Lehr es nur seye in politischer Materie (*). Genug ist es, daß diese PrivatPolitic, diejenige zum klugen und nützlichen Gebrauch der Welt diene, welche darin zu handeln und zu wandelen verbunden seynd. Und daher derselbe, (welcher ein löblich=nützlicher Gebrauch daraus nehmen wird) mir um so viel mehr Dank dafür wissen. Habe ich auch gesagt, daß man alles verschweigen und simuliren solle; daß man sich vor jedem vorsehen solle; daß man keinem glauben noch trauen solle, und so weiter; so wird all dieses (wie wohl glaube) der christlichen Sittenlehre, noch der Liebe des Nächsten nicht zuwider seyn, wann man nur den falschen Wandel vieler Menschen zu diesem letzteren Weltzeiten gedenket, welche nur lauter Lügen, Betrug, Dieberey, Gespött, Afterreden, Verrätherey, Hinterlist, Vervortheilung, Falschheit und Untreue verüben. 73. Die Welt ist einer Schaubühne und Opera ähnlich, aber derjenige Weltkluger, welcher den Vorhang davon wegziehen wird, um alle Maschinen, Instrumente und Triebfedern zu entdecken (dadurch so seltsame Schauspiele, so viele Tragödien, Comödien und lächerliche Auftritt hervorgebracht werden); ja nur um die Welt in ihrem inneren Wesen kennen zu lernen: wird alsdann in Verwunderung gezogen werden, wann er nemlich erfahren wird, was heimliche Rachgier, verborgener Grollen, Mißgunst, Scheinheiligkeit, Falschheit, Treulosigkeit, Haß, Unversöhnlichkeit, Hoffart, Arglist, Eigennutz, [*) Ich hab schon im vorgehenden Abschnitt dieses Paragraphen gesagt, daß ich diese Schrift von Gottesgelehrten habe censuriren und approbiren lassen, welches zum Theil gethan um den Vorwahn und übereilen den Urtheil eines oder anderen etwa hypocritischen Scrupulanten soder vermeinten Gewissenhaften] und weit aussehenden Speculanten vorzukommen, und also keine Lehre zu tadeln Ursach hätten. oder politische Maximen. 89 nutz, Wucherey, Rauben, Unaufrichtigkeit, Verfolgung, Feindseligkeit, und tausenderley heimliche Laster getrieben werden. Da hingegen die wahre Liebe, Treu, Aufrichtigkeit, Fried, Redlichkeit, Wahrheit, Gottesfurcht, Barmherzigkeit und dergleichen Tugenden und gute Sitten sind bey einigen schier solche seltsame Ding, daß sie dieselben bald unter die Entia Rationis chymerica zählen werden. Ja wahre Treu, rechte Lieb und aufrichtige Freundschaft sind solche fremde Sachen, die man de rarissimo contingenti in der Welt antrift. Es geschicht wohl, daß man per accidens oder zufälliger Weise eine aufrichtige Freundschaft findet, wo man sie nicht gesucht hätte. Wie aber! ist dann wenige Treu noch rechte Liebe mehr in der Welt? diß ist eine Frage, welche ich mir zu beantworten nicht getraue. Ja, sage ich mit Fleiß, daß wer die Welt nach ihrer wahren innersten Beschaffenheit einsiehet, wird sehen, daß es öfters anders hergehet, als man sich eingebildet. Man wird zwarn die Leute in ihrem Wesen hören, aber zuweilen ganz anders befinden als sie reden. Man siehet die Leut an, aber die Sinne werden oft verblendet, da dieselbe oftermalen anders aussehen; und daher machen wir uns zu Zeiten eine falsche Vorstellung davon. Es fehlet viel daran, daß wir niemalen in dem rechten puncto visus oder politischen SehungsWinkel zu stehen kommen, wann wir die Welt nach ihrer eigentlichen Beschaffenheit betrachten wollen, oder es fehlet dann an guten politischen Brillen (§. 71.). O! wie behutsam muß man darum im Urtheilen seyn, und die Dinge, die man gewiß glaubet, daran kan man wohl öfters am meisten zweiffelen. Man gibt zwarn einem jeden Dinge seine Gestalt, aber es ist manchmahl nur eine blose Gestalt daß innerliche ist ganz anders und die man vor die Treuesten glaubet, sind oft die grösten Feinde; die man ansiehet vor die Weisesten, sind oft die grötzten Narren; die man vor die Tugendsamste meynet, sind oft die Unsittlichsten, die man oft vor die Fromste ansiehet, sind manchmal die größten Hypocriten; endlich die man zuweilen vor die Besten hält, sind mehrmalen die Aergsten. Doch kan man es der Welt nicht verdenken, da sie viele Dinge vor die Augen M ihrer Kluge und nützliche Staatskunst, 90 ihrer Zuschauer verbirgt, weilen die Menschen so geartet sind, daß wann sie noch so arg und böse sind, dannoch suchen ihre Thaten mit einem schönen Glantz zu bemäntelen. Ist es nun, obgleich ein bloser falscher Schein, so ist doch nicht viel dabey verspielt, wenn man sich schon dabey betrogen siehet, zu allem Glück ist es gut, daß man weiß, daß man sich betrogen habe, und wie man sich hernach in solche gemäntelte, gefärbte und verdeckte Händel schicken kan, und sich vorzusehen hat. Es ist aber hier unser Vorhaben nicht die Welt nach ihrem innersten Wesen und wahrer Beschaffenheit zu entwerffen. Es wäre auch in der That ein kühnes Unternehmen, der ich zu erst in die Welt sehe. Ja, solche Bemühung würde unsern Leseren eine vergebliche Bemuhung scheinen, und eine Sache worzu mehr Muth erfordert wird, als ich vielleicht besitze; da solche Erklärung der Welt einen alten geübten Weltmann erfordert, der viel von langer Erfahrung bey, und unter den Menschen aus ihrem Thun und Leben, Handel und Wandel abgesehen, und der tausenderley Welttück und Ränke vermerket hat. Ich hoffe aber durch gegenwärtige Ausschweiffung [und durch andere Ausflüchten, die hier und dort in diesem Werk geIch habe mir auch schehen) meine Leser nicht überdrüßig zu machen. nicht vorgeschrieben eine Regelmäßige Politic (wie schon gemeldet Darum wir auch worden) meinen Lesern in die Hand zu lieferen. in so ferne keine Ordnung bey solcher intricaten Materie gebraucht, noch uns an der jetzt gewöhnlichen, obwohl sehr löblich= und schönen Methode, oder Lehrart gebunden. Dabey annoch die alte Mode (wie im Vorbericht und §pho 70. 71. gesagt) in Abhandlung dieser Privat-Politik gefolget uns nemlich auf der Autorität grundend. Allein aus der Absicht, damit dieselbe auf eine überzeugende Art (nemlich durch Bestättigung und Anführung der Rubriquen) pertractirt würde. Auf eine überzeugende Art, habe ich gesagt, da schier ein jeder Paragraphus mit dem anderen in beständiger Verknüpfung und Zusammenhang gekommen. Nun habe ich an einem anderen Ort, nemlich in obgemeltem physicalischen Tractat oder politische Maximen. 9 etat (*) gesagt. Daß man sich in physicalischer Materie wenig mehr auf der Autorität gründe, noch einen physicalischen Lehrbegrif gelten lasse, es seye denn, daß er auf der Vernunft und Erfahrung als die festesten Grundsäulen aller menschlichen Erkäntniß gestützet seye. Könte nicht also die Staatslehre [wie die Naturlehre und andere Wissenschaften] nach einer solchen eelectischen Methode abgehandelt werden? nemlich durch richtige Vernunftschlüsse und Erfahrungen, deren letzteren uns die Historie gnug an die Hand geben wurde. Ja die tägliche Erfahrnissen waren gnugsame Beweisthümer um tüchtige Erklärungen über politische Sachen zu geben. Aber diese neue Lehrart wäre ein allzugrosser Sprung, darzu mehr Herzhaftigkeit vonnöthen, als ich bis dato besitze. §. 74 Indessen wird man auch zugleich nach unserem geringen Rath die Lehre aller machiavellischen Politicorum und falschen Weltklugen meiden. Zumahlen dergleichen falsche Staatslehrer in selber Gleichniß mit den Atheisten zu stellen sind; die in allem ihren inneren und äusserlichen Wesen zu seyn scheinen, als wann sie von GOtt nichts hielten, weder Engel, noch Teufel, noch Auferstehung der Todten glaubten. Ja rechte Sudler, welche Himmel und Erde, daß unterste und oberste ineinander mischen und mengen, um sich in die Welt und in ihrem Händelen gerecht zu schicken; finden sich doch zuletzt mit allen ihren arglistigen Intriquen, falschen Wandel, heylosen Pratiquen betrüglichen Kunstgriffen betrogen. Welche sind eben diejenige gewesen, so die Politic mehr mißbrauchet, als ein gewissenloser Machiavellus und andere falsche Politici durch ihre scheusliche Rubriquen und Veranstaltungen der wahren Staatslehre? solche gottlose pseudo Politici und verführische Freygeister, die ihre Religion simuliren, und so zu sagen verleugnen, die voller heimlicher Rachgier, heimlicher Arglist, Geitz, Betrug, Falschheit, Boßheit, und voller M 2 ver[*) Philosophisch=mathematische Schaubühne, rc. Im Vorbericht am 2. Blat, und am 18. von der Eelectischen Methode oder Lehrart. Kluge und nützliche Staatskunst, verborgenen Laster sind und doch vor wahre Politici wollen angesehen seyn: Machiavellistae hi appellantur, ut nimirum infami nomine sint famosi & ex nequitia gloriam colligant. Per quos effectum est hodie, ut exosum pené politici sit nomen, nec satis vir bonus habeatur, qui politicus. Sed Error hic vulgi est (*). Politum Equitem esse politicum volo, in quo morum elegantiae & comitas cum gravitate, & qui alloquiis officia provocet; sed simul, qui pectoris prudentiam, consilii maturitatem, sermonis facundiam, vitâ bonus, fide sincerus; semper constans, intre pidus, omnibus bené consulens, &c. Vernul. in proem. instit. polit. sive Elem. civil. doct. art. IV. Doch warum beschuldiget man uberall den Machiavellum? warum muß er allenthalben der Katzen die Schelle anhängen? warum hat er bey allen den Brey versalzen? sind dann nicht mehr Machiavellisten und falsche Staatisten gewesen als er? wer weiß, wann man die Welt, wie Jerusalem mit der Lanterne durchsuchen solte, ob man nicht dergleichen antreffen würde, bey dem Machiavellus wann er wieder auferstünde, in die Schule gehen müste. Nicolaus Machiavellus ist zwarn boßhaft und so zu sagen in vielen Stücken gottloß gewesen, wegen die vielen falschen verführischen Lehren, und gewissenlosen Rathschlägen, die er gegeben, aber doch hat er auch wohl gute Ermahnungen der Welt mitgetheilet, und die Ränke, Arglisten und Boßheiten der falsch=verstelten Werke klugsinnig entdecket und die Laster der Menschen auf eine critisch=satyrische Art bestraffet. Nur daß lächerlichste ist hiebey anzumerken, daß viele den Machiavellum unaufhörlich tadelen, und dannoch sind sie seine allereiffrigste Nachfolger, da sie ihr ganzes Leben hindurch seine böse Staatsstreiche und lose Maximen üben, und auswürcken. 75. [Note] Die Wörter Politie, Politicus, politisch oder Staatsmann = = = werden beständig usurpirt und von den Ungelehrten und Gemeinen Mann in ihren Reden confundirt und daher selten nach ihrem rechten Ausdruck und gehörigem Verstand applicirt werden; so gar viele Scribenten mißbrauchen diese Wörter zu etlichmahlen. oder politische Maximen. 9 §. 75. Ein Politicus soll alle Sparsamkeit üben (§. 26. 37.), und nicht verschwendisch noch überflüßig leben. Doch eine solche Sparsamkeit, die weit von allem Geitz, und sträflicher Begierde des Gelds entfernet ist (§. 17. 19. seqq.). Er soll ein guter Oeconomus oder Haußwirth in allem seyn, aber kein Geitzhals noch Wucherer. Er soll sich ohnfehlbar vor alle Schulden hüten (sonderlich vor große) so viel als möglich, dann wie lebt nicht derjenige, welcher anderen viel schuldig ist, in dem größten Joch einer sclavischen Einfalt; in der größten Unruhe und Verdruß, ja ohne Credit, Glauben, Ansehen noch Respect; insonderheit, wenn man sehr bedürftigen Creditoren schuldig ist. Hat man mit Bedürftigen (und die das ihrige vonnöthen haben) zu schaffen, so ist ausser allem Zweifel, daß selche nicht lang borgen, und daß man allerhand Hohn, Spott, Schmach und Unehr von ihnen zugewarten hat, welches billig einen jeden, der von gesunder Vernunft ist, Schulden zu machen, abschröcken solle, wofern es nicht die hochste Noth erfordert. Ist es nicht vil besser, ehrlicher und löblicher sparsam zu leben, als die Confusion zu haben, einem Wirth, Becker, Brauer, Metzger, Schneider, Zimmermann, Fuhrmann, Taglöhner und einer unzähligen anderer Ait Leuten von selbem Stoffe schuldig zu seyn, und welche gewohnt sind, ihren Debitoren von Morgens frühe bis in die späte Nacht das Haus zu belagern und ihnen nacheinander ins Haus zu laufen, als wein ein Sturmlauf vorhanden wäre. Ja, ist es nicht tausendmahl besser, den Nahmen eines sparsamen Haushalters zu haben, als von belürftigen und oft unverschämten Creditoren in alle Welt beschrien und decreditirt zu werden, ärger denn falsche Münz. In Summa, es ist eine unerträgliche Dienstbarkeit, sonderlich, wenn ein Schuldner mit ungedultigen, barbarischen und unbeschämten Creditoren zu schaffer hat. Hernach muß man auch gern gestehen, daß es sich zuträgt, daj die Creditoren oftermahlen selbsten nicht lang borgen können, und das Ihrige selber vonnöthen haben. O! wie rathsam ist es dahero zu M 3 Kluge und nützliche Staatskunst, 94 zur Zeit des Glücks und Wohlfahrt etwas zu erspahren, vor diejenigen böse Zeiten, die nachfolgen können, denn während dem Wohlergehen finden sich Freunde und Verwandte gnug, aber im Unglück, Noth und Widerwartigkeit seynd sie sehr rar und theuer, wie dieses der lateinische Ausspruch wohl ausdrückt; infelicium nulli sunt affines. Der arme Mann, spricht JUAN RUFO, ist allezeit in einem fremden Land. Ruf. apophtheg. 541. Darum ist es sehr vorsichtig gehandelt, in Zeit des Glücks sich zum Unglück vorzubereiten, nemlich vor zu sorgen, daß man etwas [ohne Verübung des Geizes] vor die Zeit der Noth und im Fall eines unverhofften Accident erspahrt habe, welches eine schöne Lehr vor alle unnützliche Verschwender und überflüßige Verzehrer ist. Denn kurz zu sagen, so ist es eine grosse Thorheit, öfters auf seine gute Freunde (so gar öfters auf seine Verwandten) zu bauen und sich zu verlassen, indem die meisten Freundschaften der Welt, entweder erstens falsch, untreu und unbeständig, oder zweytens intereßirt und eigennützig sind. Darum ein grosser Theil aller Freundschaften der Welt durch das Interesse und Eigennutz erhalten wird. Wie viele Freund gibt es ja nicht, mit welchen so lang die Liebe, Treu und gute Freundschaft dauret, as man sie herrlich tractiret oder köstlich und reichlich beschenket, und wenn man endlich mit spendiren, mit Tractamenter oder Geschenke zu geben aufhöret; so höret auch die Freundschaft auf, und wofen man das Unglück hat, in eine Noth zu gerathen (*); so erfähret min gleich, wie wenig sie helfen und beyspringen werden. 76. Es ist rathsam, sich für aufgeborgtem oder gelehnten Geld zu hüten; nemlich gleich einem Feind, wenn man dassebe nit Est enim amicus secundum tempus & non permanebit in Die tribuationis. Et est amicus mensae & non permanebit in die necessitais Escl. 6. Conseils de la Sagesse de Salom. art. 4. maxim. 6. 7. oder politische Maximen. 95 mit Beding, Interesse davon zu geben, gelehnet hat, weilen das Interesse Tag und Nacht auflauft, ohne daß man manchmal einigen Gewinn ehist davon gehebt. Es ist ferner rathsam, daß wenn man Geld lehnen muß, daß man solches nicht von intereßirten und gewinnsüchtigen lehne (§. 13. 53.), denn es ist gewiß, daß solches nicht ohne grossen Schaden von ihnen wird erhalten werden, und daß sie darum ofters von dir guten Gewinn verhoffen. Zweytens von hoffärtigen, ruhmredigen und Ehrgeizigen auch nicht, denn diese werden sich es öfters für eine Ehre rechnen, und solches in alle Welt verbreiten, und folglich den Credit, das Ansehen, Ruhm und Authorität daher vergeringeren. Von Bedürftigen aber Geld lehnen, ist durchaus nicht rathsam, denn man stellt sich eben in die größte Gefahr, von solchen Leuten verunehret, verachtet und verschimpfet zu werden (§. 75.) ja wenn man nicht zu behöriger Zeit ihnen solches erlegt, so ist gewiß, daß man tausend Schimpfworte, Scheltworte, und Verweisworte empfangen wird, so gar, daß man auf allen Strassen beschryen wird, sonderlich bey dem gemeinen Gepöbel, welches ohne dem gar kein Einsehen hat und keine Vernunft spühren läßt. (§. citat.) 7 Gleichwie wir ermahnet haben, daß man seine eigene Geheimrüsse solle verborgen halten (§. 10.37.); also haben wir auch gesagt, daß ein Politicus die ihme von anderen anvertrauete geheime Sachen niemand solle offenbahren (§. 37.), denn es ist eben eine so scheusliche als sträfliche Sach, und ein so verrätherisches als schädliches Ding, wenn man die ihme anvertrauete Heimlichkeiten nicht verschweiget, sondern anderen entdecket und kund thut. Aus der Historie könte man einen weitläuftigen Beweis davon führen. Was vor scharfe und strenge Gesätze haben nicht die alten Römer und Aegyptier gegen diejenigen gestellt, so die geheime Rathschläge, und andere das Regiment und Staatswesen betreffende Heimlichkeiten offenbaren würden? dieweil derselbe nicht anders, als ein Verräther des Vatterlands anzuſe⸗ Kluge undnützliche Staatskunst, 96 zusehen seye. Indessen, wie viele dergleichen verrätherische Ueberträger von geheimen Sachen findt man nicht in der Welt? Die entweder solches schädlich- und schändliches Handwerk gewissenhalber, oder aus einer albern Offenherzigkeit treiben? Nun thut es aber einer, aus was Ursach er wolle, so ist er doch allezeit vor einen boßhaftigen falschen Menschen zu achten. Gleichwie aber diese Offenbahrung und Ausplauderung ein schändliches Laster ist, also im Gegentheil ist eine der geheimen Sachen verschwiegene Bedeckung eine hohe zu lobende Tugend und merklicher Zierrath eines Menschen. Die Historie gibt uns hierin abermahl herrliche Beyspiele. Daraus bekant, mit was für unüberwindlicher Treu und Ehre der Verschwiegenheit der römische Rathsgesandter Pompejus sich gegen dem illirischen König Gentio standhaftig gezeiget, der ihn bedrohet hatte, um des römischen Raths Heimlichkeiten zu erfahren. Wie hat solches nicht anders Alexander der Grosse, dem Hephæstioni zu verstehen gegeben, da er ihm heimliche Briefe zu lesen gegeben, und seinen Siegelring vom Finger gezogen, und dem Hephæstioni auf dem Mund gehalten; hiemit andeutend: daß es solte versiegelt seyn, nemlich, daß bey ihme alles solle ersterben. Darum soll ein Politicus dahin trachten, sich solcher unschätzbaren Tugend zu befleißigen und das widrige Laster zu meiden (§. 10. 37.), ja nicht allein sein eigenes, sondern daß ihm von seinem Herren oder guten Freunden, und von andern anvertrauete Geheimnüß keinem entdecken, es seye weder durch gute Wort, Versprechen, Geschenke, oder durch Bedrohungen, Angst, Rachgier, oder durch Listigkeiten (§. 48.), oder durch Uebermaas im Trinken; wie durch solches Mittel Kayser Bonosus die Heimlichkeit von fremden Gesandten erforschet und erkündet hat. Mit einem Wort, es bringt einem Weltklugen allzeit mehr Ehr, Vortheil, Glauben, Ansehen und Recommendation, wenn er discret und verschwiegen ist, denn Offenbahrung der Heimlichkeiten (sonderlich der wichtigen) verursacht nur Haß, Mißtrauen, Feindschaft, Nachtheil, und zuweilen grosse Folgerungen und Weitläuftigkeiten. Ja, wodurch man auf einmahl alle Liebe, Treit, und Freundschaft tren⸗ oder politische Maximen. 97 trennet, und seine Freunde also muthwilliger weiß verjagt; und es ist mit dem überall aus. Sogar soll man die Geheimnüssen und Wichtigkeiten seiner Feinden verschweigen und verborgen halten (§. 37.); denn hierinn gedenke man andern zu thun, was man begehrt, daß uns von ihnen wiederfahren solle (§. 72.). 78. Weil aber fast niemand in der Welt zu trauen (§. 72.73.) noch zu glauben, so ist dieses ohnstreitig die gewisseste Maxime, alles bey sich allein verschwiegen zu halten (§. 10. 37. 77.), denn so bedarf man nicht in Furcht und Angst zu leben, daß es an Tag komme. Hernach soll man behutsam seyn, dem sexu foemineo nichts Geheimes von grosser Wichtigkeit unbedachtsamer weiß zu entdecken. Man weiß ja wohl, daß sie nur dasjenige verschweigen, was sie nicht wissen. Doch kan man es ihnen auch nicht in so weit verdenken; da die albere Offenherzigkeit und Unverschwiegenheit ihnen meistentheile eine von Natur angebohrne Eigenschaft [oder Schwachheit] ist. Und darum kan man nur sicher gedenken, wo sie etwas heimliches wissen, daß es bald auskommen werde. Dasjenige, welches man gern weltkündig und offenbar hätte, braucht man ihnen nur geheim zu halten bey Lebensstrafe anbefehlen, so wird es schon desto geschwinder auskommen. Allein, wir wollen darum die Hochachtung, die sie bey der Welt haben, nicht vergringeren. Es ist die Art einer menschlichen Schwachheit; und es ist gnug, daß man hiefür gewarnet ist. 79. Die Sparsamkeit und nützliche Anwendung der Zeit ist eine hochlöbliche und nothwendige Maxime. Daher ein jeder Weltkluger ermahnet seye, die Zeit wohl in acht zu nehmen. Was ist eben einem Politico nützlicher und nothwendiger, als dieselbe wohl anzuwenden (§. 1.)? Was ist, sage ich, schädlicher einem Menschen, als dieselbe zu verlieren (§. 30.)? was ist schändlicher, als dieselbe übel und mit unnützlichen Geschäften zuzubringen (§. cit.) da dieselbe, so einmahl verflossen, nimmermehr wieder kommen Kluge und nützliche Staatskunst, 93 men wird? Dieses bewegt mich, folgende physisch=moralische Gedanken von der kostbaren Zeit bey dieser Gelegenheit vorzustellen (*), damit man dieselbe nicht so gering schätze, und sich derselben nicht so obenhin gebrauche, obzwarn dieses einigermasen auch schon oben (§. 30.) gemeldet worden. Ja, die unaufzuhaltende Fluchtigkeit und Nichtigkeit unserer wenigen Lebenstägen sollen uns billig bewegen, zu betrachten, was doch eigentlich die Zeit seye; die stille und niemahl versiegende Quelle, aus welcher Jahre, Tage, Stunden und Minuten herfliessen. Alle Sternkündiger und Naturlehrer wissen, daß die Sonne (wie aus den Gründen der Astronomie erhellet) dreyhundert fünf und sechzigmahl auf einem und dem anderen Gesichtkreise erscheinet, sie also sich so oftmahlen um unsere Erdkugel herumgewälzet, und dadurch zugleich den grossen Kreißlauf vollendet, den ihr die weise Hand des allmächtigen Baumeisters dieser grossen ungeheuren Weltmaschine vorgezeichnet hat: so hat sich unser kuhner Verstand unterwunden, dadurch die Währung, die in sich selbst untheilbar ist, in Jahre, Monathen, Tage, Stunden, Minuten, Secunden und Tertien einzutheilen und einem Theile der undenklichen Ewigkeit, die in sich unzertrennlich fortwähret, und in welcher wir schweben, den Nahmen der Zeit beyzulehen; von welcher wir durch blinde Einbildung und blosen Schein zu sagen pflegen, daß sie vergehe, da doch nicht eigentlich sie, sondern wir vergehen (§. 30.). Es ist blos allein unser natürlicher Stolz und hochfliegender Muth, der so unvermerkt unsere Vernunftbegriffe und Einbildungskräfte lenket und verfälschet, welcher uns auch hierin auf Irrthum und Wahn verführet. Wir selbst wollen gern dauerhaft seyn, die Zeit hingegen, ja nur die Zeit soll flüchtig seyn. Eben so, wie diejenigen, die ✝ Ich werde nach Gelegenheit ein besonderes physisch=moralisches Werkel von dem unschätzbaren Wehrt und nützlichen Gebrauch der Zeit herausgegeben, und dieses vorderist zum Vortheil der Jug nd, welche die Gelegenheit hat, sich derselben wohl zu gebrauchen, und erst anfängt, dieselbe zu geniessen, obschon ein grosser Theil der Jugend die Zeit ohne Aufmerksamkeit dahin verschwinden läßt, wohl aber den Verlust derselben hernach allzuspät bereuen thut. 99 oder politische Maximen. die auf einem mit vollem Segelen schnell fortgetriebenen Schiffe sich befinden, der an sich selber fester Strand zu bewegen scheinet; Eben so falsch urtheilen wir gemeiniglich von der Zeit und unserem Leben. Wir sehen den Tag zu Ende gehen, wir hören die Uhr schlagen, wir zehlen die Stunden, und verwundern uns, wie geschwind die Stunden aufeinander folgen, und wie schnell die Zeit verschwindet, da doch in der That nicht die Zeit, die ewig=bestehende Zeit, sondern wir selbsten dahin eilen und vergehen. Ja alle Augenblicke rufen uns zum Grab und zur Verwesung! Durch das beständige Umdrehen der Sonnen entstehet Tag und Nacht, Hitze und Kälte, wie in einem physicalischen Tractat (*) weitläuftig erwehnet habe. Hiedurch wird zugleich der anmuthige Frühling, der reisende Sommer, der nährende Herbst, und der ernsthafte Winter über die Einwohner des Erdbodens geführet, und der nützliche Wechsel des Wetters gebohren. Und dieser Wechsel ist es, der uns die Augen verblendet. Wir glauben, wie Tag und Nacht sich enden, wie sich Kälte und Wärme änderen, wie Regen, Sturm, Blitze und Gewitter wechselen, und so ändern sich die Zeiten: Da doch die Ewigkeit kein Schatten und kein Licht; Kein Herbst noch Frühling theilt, kein Wetter unterbricht. Die Zeit ist das edelste Guth, daß uns, unter andern unschätzbaren Gaben, von GOtt mitgetheilet (§. 30.). Sie ist eigentlich die Folge der Dingen, die Abwechselung des Gegenwärtigen und Zukünftigen, dadurch das Vergangene bestimmet wird. Darum machen wir drey Abschnitte der Zeit. In diesen Abschnitten der Zeit lieget die Folge der Dingen. Ja, wann keine Dinge wären, so wäre auch keine Zeit, die Zeit ist die Abmessung derselben, man stellt sie sich vor als eine Linie, auf welcher die Dinge, und wir fortgehen, und die mancherley Abschnitte dieser Linie nennen wir Jahre, Monathen, Wochen, Täge, Stunden, Minuten, Secunden, Tertien u. s. w. nach N 2 [*) Philosophisch=mathematische Schaubühne rc. I. Theil, I. Artickel, §. 8. 9. 14. 100 Kluge und nützliche Staatskunst, nach Ordnung der Chronologie oder Zeitrechnung. Also soll man billig die Zeit wohl anwenden; da ferners nichts lieblicher und angenehmer ist, als die Gedächtnuß oder Erinnerung der wohlangelegten Zeit, und da hingegen der Verlust) welcher durch Nachläßigkeit oder ubeler Verschwendung derselben herkommt) der schändlichste ist, und allezeit frühe oder spat die allzuspäte Bereuung folget. Ja, wohl wahr, sagt der alte Weltweise Seneca: nemo annos, nemo tot dies optimos restituea, nemo iterum te tibi reddet. sen. de brevitate vitae. cap. 9 §. 80. Diese Rubriquen jenes klugen Weltmanns ist einem grossen Criterio unterworfen, wenn er spricht: nulli quidquam opere aut auxilio, servitioque praestet, nisi inde utilitatem percipiat, nihilque nisi spe commodi, agendum, suscipiendum est. comp. polit. mor. art. 26.40. da dieselbe zum ersten der wahren Sittenlehre widerspricht. Allein diesen Spruch soll man so strictè nicht verstehen noch appliciren, damit der Liebe des Nächsten kein Abbruch geschehe (§. 22. 72.). Es ist dieses wohl ein Satz, den alle intereßirte und Gewinnsüchtige zu folgen pflegen, und darum es bey ihnen heisset: quod melius sit accipere, quam dare. Es ist sogar bey dem gemeinen Mann oder Gepöbel, als auch unter allen Geitz- und Geldsüchtigen ein allgemeiner Spruch; da sie gewöhnlicher weis zu sagen pflegen: Wer thut etwas umsonst? Niemand thut etwas umsonst u. s. w. also daß der Gewinn und das Interesse die eigentliche Triebfeder ist, welche die ganze Welt zu ihren Geschaften in Bewegung setzt (§. 17.). Dieser Spruch aber hat allezeit nur statt bey den Ungelehrten, Geitzigen, Gewinnsüchtigen und Einfältigen, denn bey gelehrten, ehrlichen und sittlichen Menschen kan er nicht allezeit angenommen werden, denn wie öfters erfordert es die Noth, oder die Ehre, das Ansehen, oder andere erhebliche Ursachen, daß man andern etwas umsonst und ohne Belohnung zugefallen thut, es seye eine Dienstleistung, Wohlthat, und oder politische Maximen. 101 Ich will annoch geschweigen, was man wegen und was weiters ist. wegen den Gebotten der Natur, oder propter Liebe des Nächsten, communia officia societatis humanae anderen ohne Vergeltung zu thun verbunden ist. §. 81. Wir haben darum mit Fleiß gesagt, daß man wenige Freunde erwählen soll (§. 34.), und mit ihnen keine öftere Zusammenkunft noch allzugrosse Gemeinschaft pflegen. Die tägliche Erfahrung unterstützet diesen Lehrsatz und Maxime (§. 48.); denn es heisset wohl nach dem französischen Sprüchwort: Les amis du têms présent sont comme les mélons, il en faut gôuter cinquante, avant de trouver un bon; welches so viel heisset: Heutiges Tags fast alle Freund, Melone zu vergleichen seynd, Wenn sie beynah verkostet all, Kaum einer ist, so dir gefall. Die Freundschaften und Freunde sind sehr verschieden in der Welt; Einige lieben und fangen Freundschaft an aus einer natürlichen Zuneigung und Wohlgefallen; Etliche pflegen Freundschaft aus einer wahren Treu, wohlgemeinter Liebe und aufrichtiger Neigung zu contractiren, und die Art solcher Freunde ist sehr rar, ja ein seltsames Ding in der Welt. Andere aber machen Freundschaft aus einer gewissen Absicht eines Vortheils, Gewinn, und eigenem Nutzen, und die Anzahl solcher Freunde ist ungemein groß (§. 75.). In der That, je glücklicher und reicher ein Mensch ist, je mehrere Freunde werden sich finden. Es finden sich wenige Freunde, die uns unserentwegen lieben, aber allein unser Glück und Wohlstand (*): non amici perN 3 sonæ [*] Il se trouve peu d'amis de la personne; mais beaucoup de la fortune. grac. Phom. de Cour. max. 156. des amis de table, de carosse, de comedie, de collation, de rejoüissance, de promenade! bons pour un jour Kluge und nützliche Staatskunst, 102 sonæ sed fortunæ. Wenn aber dieses abnimmt und deine Wohlfahrt vorbey, so werden sich auch deine gutvermeinte Freunde verlieren, und dir so zu sagen, absterben, also, daß du in der Welt lebest, als wärest du ganz allein und von allen verlassen, und daher wohl das axioma entstanden: Et dum ferver olla, fervet amicitia. Denn wer arm ist, der hat gewiß wenige Freunde auf Erden, er ist von jedem verlassen und veracht, er wird wenig geliebet, geehret noch gelobet, weder auch um Freundschaft angesprochen. Geld und Reichthum aber ist die Triebfeder und Fundament aller festesten Freundschaften, das Band aller Lieb und Treu der heuttägigen untreuen und Irſa Menschen enschen, und die Ursach aller Herrlichkeit, Glorie, Ehr, Ruhm und Ansehen bey der eitlen Welt. Dieses, (was jetzo gesagt worden) soll wohl der Grund seyn, warum jedweder, bis auf die geringste, mit dem Ehrpunct so heftig gequälet ist. Da keiner verlangt arm zu seyn, noch den Nahmen zu haben, hingegen will ein jeder reich und vermögend seyn, und solchen Nahmen bey der Welt unaufhörlich zu gewinnen sucht; und was das lächerlichste ist, daß keiner mit einem Armen will verwandt seyn, im Gegentheil mit einem Wohllebenden sucht man bis im ersten Grad verwandt zu seyn, wenn schon die Verwandtschaft und Vetterschaft von Adam herkommt. Endlich andere treiben nur eine blose scheinheilige Freundschaft, die in lauter Heucheley, Gleisnerey und Falschheit bestehet; und in der That, es ist viel besser mit öffentlichen Feinden, als mit so falschen tückischen Freunden umzugehen, denn vor die erstere kan man sich in Obacht nehmen, für die letzteren aber siehet man sich öfters nicht vor. Man erfähret zuweilen, daß diejenige die untreueste sind, deren tägliche Klagworte sind: Ach! es ist keine wahre Treu, noch wahre Liebe mehr de nôces, ou durant la faveur & la prosperité; vous en trouverez à foison. à l'heure de manger, ce sont des servietes; â l'heure de servir, ce sont des gens, qui ont les mains gourdes. Idem Crisi 3 de criticon, parte secunda. Und wohl Ovidius die Sach in diesen Versen ausdrückt: Donec eris felix, multos numerabis amicos. Tempora, si fuerint nubila, solus eris. 103 oder politische Maximen. mehr auf Erden! ach es sind keine rechte Freunde mehr! ach die Welt ist voller Falschheit und Verrätherey; und so weiter. Mit einem Wort, in allen Freundschaften ist entweder eine gute Absicht, oder ein falscher böser Entzweck, das letztere aber ist am meisten unter den Menschen im schwange (§. 48.), daher sind böse Freunde bald zu finden, einen guten, aber kaum unter hunderten. Es ist schwer, einen aufrichtigen und wohlmeinenden Freund zu erwählen; indem wir nicht allezeit wissen können, wie sein Vorhaben, Meinung, Absicht, Unternehmen und innere Gedanken beschaffen sind. Darum soll man behutsam und vorsichtig in Erwählung der Freunde seyn (§. 27.). Indessen ist nichts gemeiners, als Freundschaft zu machen, ja nichts ist, worauf man weniger acht und Sorge trägt, als rechte Freunde zu erwählen; da doch dieses der wichtigste Punct im gemeinen Leben ist. Man soll also nicht die Freunde aus blosem Gefallen, und ungefehren Zufall, sondern nach reiferer Probe erwählen (§. 20.48.), und hier auch wohl die Ermahnung vom Isocrate zu beobachten ist (*). Wer aber seine Freunde behalten will, der wunsche ihnen keine allzugrosse Wohlfahrt, dann diß ist der erstere Weg, wodurch sich manchmahlen die größten und festesten Freundschaften brechen und untergehen. Nicht daß man aber seiner Freunde ihr Glück beneide, durchaus nicht, sondern weil es gemeiniglich um einer Freundschaft (auch somit einer Gesellschaft) und Allianz oder Bündniß geschehen, zum wenigsten, es stehet sehr gefährlich um dieselbe, wann einer allzumächtig und vermögend wird. Recht wohl heisset es: honores mutant mores, rarò in meliores. So bald nur einer in Dignitäten und Ehrenstellen erhöhet, oder mit Reichthum und Glück überhäufet wird, so pflegt auch gemeiniglich der [*] ІУОКРАТОТУ ПРОУ АНМО'NІКΟN: МΗδέηα φίλον ποιοῦ, πρίν ἄν ἐξητάτος, πῖος κεχρήται τοῖς προτέροις φίλοις. Hoc est: Nullum amicum fac, priusquam inquisieris, quomodo usus sit prioribus amicis, spera enim ipsum & erga te fore talem, qualis & erga illos fuit &c. Isocrat. ad Demonic. ad hortat. 104 Kluge und nützliche Staatskunst, der Mensch in thöriger Hoffart, Hochmuth, Trotz, Stolz und Eitelkeit zu steigen, folglich die alten Freundschaften zu brechen, der vorigen alten Freunden und ihrer Wohlthaten zu vergessen. Endlich, so urtheilet man von einem Menschen, zu folg seine Freunde, die er zu haben pflegt. 82. Ein Staatsmann soll sich allezeit nothwendig machen: Daß nemlich andere seiner, auf was Manier es auch seye, vonnöthen haben, wie auch ihme verbunden seyn. Daß er von jeden begehret und ersuchet werde. Er soll sich niemahlen gegen seinen Oberherrn, oder Fürsten aufwerfen, noch rebelliren (§. 40.), denn solche Unternehmung ist närrisch und boshaft, wenn sie schon ein grosses Glück beyführte. In allen seinen Reden und Thaten solle er keine Paßion, Ammosität, und Vorurtheil zeigen. Er solle dahin trachten, daß andere Unrecht von seinen Fehlern und Gebrechen urtheilen; nemlich, daß er wohl lebe, so werden alle falsche Urtheile von ihme vernichtet. Er wolle nicht allezeit zeigen, was er willens vorzunehmen oder zu verrichten, sondern zuweilen das Gegentheil seines Vorhabens zu verstehen geben. Man muß zu Zeiten seine Werke, Verrichtungen und Geschäfte in seinem Vornehmen veränderen, denn hiedurch betriegt man öfters diejenigen, welche dir in deinem Interesse vorkommen, oder Schaden zufugen wollen. Ein Weltkluger solle bedacht seyn, die Schwachheit und Mängel der Menschen zu erkennen, mit denen er verknüpfet ist (§. 1. 12.), denn dies ist der Kunstgrif, die Menschen nach seinem Willen und Sinn zu haben; und alle Menschen besitzen gewisse Schwachheiten, Sinnlichkeiten und Begierden, da der eine die Ehre liebet, der andere den Eigennutz, der dritte die Wollust und Eitelkeit, u. s. w. Man soll diejenige, bey denen die Wohlfahrt und Glück blühet, erkennen, und sich von denen entfernen, bey welchen das Unglück und Boßheit herrschet. Ein Staatsmann solle sich bemühen, alle zu befriedigen, denn dieser Ruhm zie oder politische Maximen. 105 het ihm die allgemeine Wohlgewogenheit des Volks an (§. 35.). Niemahlen soll er etwas von seinen Freunden begehren, welches sie nicht gewohnt sind, ihme oder andern zu accordiren oder zu thun, denn hiedurch mißbrauchet er ihrer, und wird folglich ihrer Hochschätzung beraubet werden, obgleich sie es öfters nicht werden merken lassen. Er soll alle Dinge nach ihrem Wehrt, und nicht nach ihrem Preiß kaufen. Das ist: alle Sachen annehmen mit Bedenken, wie sie ihme dienen oder schaden können. Hauptsächlich aber solle er sich bemühen, von allen geliebt zu werden, und im Ansehen zu seyn (§. 3. 17.); wenn er in officio publico stehet. Er soll sich alsdenn auch hüten für allzugrosser Verbindung in grossen Sachen und wichtigen Geschäften, welches eine vornehme Staatsmaxime ist; dieweilen öfters grosse Verbindungen und Einmischungen die vorsichtigsten Staatsleute im Untergang gestürzet. Ein Politicus soll also leben, daß er ihme nichts vorzuwerfen habe (§. 4. 82.); darum ist sein eigenes Gewissen und gesunde Vernunft die beste Richtschnur und Regel aller seiner Werken und Thaten. Man soll niemahlen alle seine Kunst, noch Wissenschaft, weder andere Sachen auf einmahl an Tag geben. Dies ist eine Maxime, allezeit im Credit und Ansehen zu bleiben; weilen man hiedurch niemahlen die Gränze seines Vermögens und Geschicklichkeit entdecket und man allezeit mit etwas neues kan hervortreten, wodurch man auch beständig die Gemüther der Menschen in Verwunderung und Vorwitz erhaltet, folglich also in beständigen Ansehen und Ruhm verbleibet (§. 44.). Man soll sich entfernen von allen Sachen und Gelegenheiten, die uns Verdruß, Unmuth und Unzufriedenheit verursachen können. 83. Man soll sich von allen Stichel= und Schimpfreden entfernen, denn dies ist eine unausbleibliche Gefahr, sich grosse heimliche FeindDaher geschicht es, daß solche Leuschaft über den Hals zu ziehen. te, welche so heuchlerischer weis andere beschimpfen und Stichelworte geben, 106 Kluge und nützliche Staatskunst, geben, vor boßhafte, falsche und tückische Menschen gehalten werden, und jedermann sie hasset und fliehet. Solche Nasenrümpfer, spottund stichlerische Leute soll man allezeit meiden, denn meistentheils, wenn sie schon Freunde zu seyn scheinen, sind doch ihre Reden voller Arglist, Bosheit, Feindschaft, Falschheit, und Scheinheiligkeit. Ja, ihre Stichelwörter sind den allergiftigsten Stacheln und den unwahrnehmlichen Donnerstrahlen zu vergleichen, die da beleidigen und schaden, ehe man sich vorgesehen. Indessen ist es doch rathsam, daß, wenn man von solchen falsch=giftigen Zungen durch Schmachund Stichelworte getroffen wird, man selbe simulire, bis die Gelegenheit kommt, mit Nutzen ihre Unrichtigkeit ihnen zu erweisen, und sie zu mehr christliche Beurtheilung zu überführen. Es ist eine Thorheit, sich darauf zu erzörnen, zu betrüben, oder zu erschröcken; verstelle dich, als wenn es dich nicht anbetreffe. Philippus der II., König in Spanien, ware hierin ein erfahrner Staatskluger, welcher dichtete, viele Beleidigungen nicht zu wissen, welche ihme wiederfahren, er sagte, daß man zu Zeiten ignoriren müsse, nemlich sich also zu stellen. Dichos y hechos de don phil. 2. cap. 7. in solchen Vorfällen muß man Vorsichtigkeit brauchen und erkennen, was die Meinung des Stichelreder seye, und worauf er zielet. Wenn wir einem etwas darthun müssen, welches andern im Reden verdriessen, betrüben, erschröcken oder erzörnen soll, so ist rathsamer, daß die Reden auf einen zweyfachen Verstand und zweydeutigen Ausdruck gestellt sind (§. 2. 60.), nemlich, daß man sie auf zweyerley Art verstehen, und auslegen kan. Ja was Würde, Character und hohen Stand ein Staatsmann bey der Welt stehet; so befleisse er sich, jedweden vor sich gerne kommen zu lassen, und keinem den Zugang durch Stolz oder Hoffart zu verweigeren; daß er nemlich leichte von allen kan angesprochen werden, und jedem Gehör gebe, sogar auch dem allergeringsten (§. 14. 35.). Dann alle diejenige, welche durch einen gewissen Trotz oder Hochmuth und Eitelkeit beschwerlich sind anzusprechen, besitzen hierin einen grossen und tadelhaften Fehler, und die man wohl mit dem Nahmen Misanthropos oder 170 oder politische Maximen. oder Menschenfeinde beleget. Solcher Stolz ist gewiß nicht der rechte Weg bey dem gemeinen Wesen in Ansehen, Lieb und Credit zu gelangen, wenn man andere, so zu sagen, verabscheuet. Treflich wohl spricht hier der kluge und scharfsinnige Staatsmann de la HOUSSAIE: daß nichts artiger zu sehen sey, als da solche unhandelbare monstra ihr hochmüthiges Wesen annehmen. Diejenige [spricht er ferner), welche das Unglück haben, mit solchen Geschäften abzuhandelen, gehen nach ihrer Audienz, als wenn sie gegen Löwen und Tigern streiten solten, das ist: bewaffnet mit Furcht, Angst und Vorsichtigkeit. De la Houssaie, l'homme de Cour de grac. maxim. 64. pag. 96. Darum soll ein Politicus sich solcher preißwürdigen Huld und Leutseligkeit oder Menschenliebe (§. 14. 35. 51.) bewerben, und allen leichte den Zugang, Gehör und Ansprach verleihen (*). Ich sage mit Fleiß, daß die Höflichkeit, Belebsamkeit, Leutseligkeit oder freundschaftliches Bezeugen gegen jederman eine der vornehmsten Regeln der wahren Lebensart seye. Sie ist in der That einem Zauberwerk oder Gauckelspiel zu vergleichen, weilen man sich dadurch bey allen beliebt macht. Im Gegentheil durch die Unhöflichkeit wird man von allen verhasset und verachtet. Sie verdienet auch allen Haß und Verachtung, spricht der gelehrte Politicus GRACIAN, und kommet von hoffärtigen, aufgeblasenen und groben Menschen her. PliNIUS, der jungere, erzählet, daß Kayser Trajanus durch seine Höflichkeit, und freundschaftliches Bezeugen sich die Liebe und Hochachtung aller seiner Unterthanen erworben. Plin. jun. in panegyr. mit einem Worte, all höfliches, ehrbares und manierliches Wesen ist von einem unbeschreiblichen Nutzen, und sehr vortheilhaft sich desselben gegen seine Feinde und Verfolger zu gebrauchen (§. 6. 23.). Die Freundlichkeit ist ruͤhmbar und von grossem Wehrt, da sie doch wenig kostet (§. 35.); sie hat den Vortheil, daß sie demselben Ruhm und Hochachtung zubringt (§. citat.), der sich derselben bedienet; denn O 2 Paragraph. 51. Esto sermone affabilis, accessuque facilis. &c. Seneca in Neron. lib. de Clem. 108 Kluge und nützliche Staatskunst, denn wer ehret, der wird geehret. Treflich wohl hat der gelehrte Cardinal JOANNES BAPTISTA CICALA, der ein berühmter Staatsmann der letzteren Zeiten gewesen, uns ein schönes praeceptum politicum und Staatsregel hinterlassen: daß der wahre Stylus und Gebrauch des wohlgearteten Lebens derjenige seye; welche wolle geehret, und respectirt seyn, solle andere ehren und respectiren, ohne sich einzubilden, daß andere vor ihn einige Höflichkeit haben werden, wann er ihnen keine bezeiget. §. 84. Nun bleibt hier noch anzumerken, daß man sich nach aller Menschen Wesen schicken solle (§. 1. 12.) und sich nach ihren Sitten und Gemüthsart zu lenken wisse; gleich einem weisen Proteo, der Fromme mit dem Frommen, der Gelehrte mit dem Gelehrten, der Ernsthafte mit dem Ernsthaften, lustig mit den Kurzweiligen, u. s. w. (§. 50. 53.); dies eben ist eine unschätzbare Maxime die Gemüther einzunehmen, und die Herzer zu gewinnen, da die Gleichnuß oder Aehnlichkeit die Verknupfung der Liebe und Wohlgewogenheit ist: ad connectandas amicitias tenacissimum vinculum morum similitudo. Plin. Epist. 15. lib. 4. Wer sich in alle Händel der Welt schicken will, der muß wohl das vornehmste axioma der Politic: Nosce alios, oder lehren andere wohl kennen, verstehen; nemlich die Kennschaft anderer (§. 1.), und die Gemüther, mit welchen er umgehet, wohl zu unterscheiden wissen (§. 12. 50.). Sodenn durch solche politische Transformation und Dißimulation erfähret man die wahre Beschaffenheit, die innere Qualität und Eigenschaft der Gemüther und Sinnen anderer. Diß ist eben ein Geheimnuß, so allen [die von anderen dependiren oder verbunden sind] durchaus nothwendig. Hierzu wird zwarn eine grosse Klug= und Geschicklichkeit erfordert. Ein verständiger Politicus aber, der viele Erkäntnuß und Erfahrung besitzet, wird sich gleich hierinne schicken können, nicht aber, wie solche Grillenfänger, Händelschlichter und Windauffanger oder politische Maximen. 105 fanger (§. 69. 74.), die nur durch ihr verstelltes, gezwungenes Wesen und affectirte Manieren sich vereitelen und gar vor Narren anzusehen sind, wenn sie ihren Hut nach allen Seiten drehen, und nach allen Formen richten, aber doch in der That das wahre Stichblatt verfehlen, und deren ganzes Wesen vielmehr ein confusum chaos aller Grillen, als eine kluge Lebensart zu halten ist. Diese sind vielmehr pedantische Staatisten oder schulfuchsische Weltleute, als erfahrne Philosophen in der rechten Staatsklugheit (§. 69.) 85. Beständig sollst du dich informiren und nachforschen, über alles, was dich da angehet (§. 10.), damit nichts unbedachtsam vorbeygehe; also nichts vernachläßiget werde. Fleisig soll man seyn in allen Werken und Unternehmungen (§. 30.). Nichts soll man auf die lange Bahn schieben; wie dieses der Vers wohl ausdrückt: Propterea nec te venturas differ in horas: Qui non est hodie, cras minus aptus erit. Daher kommt es, daß alle diejenigen ihnen selbsten einen merklichen Schaden und Nachtheil verursachen, welche ihre eigene Geschäfte, Werke, Vornehmen und andere Sachen (oder die Geschäfte von Fremden) aufschieben, und dadurch meistentheils versaumt und vernachläßiget werden. Es erfolget öfters dieses daher, wenn man viele Ding auf einmal auf sich nimmt, und verrichten will; wenn man einen Unterwinder- und Unternehmer aller Dinge abgeben will, indem man dadurch von Geschäften uberhäufet, vorgekommen und übereilet wird, und folglich müssen eine oder andere Affairen, Werke oder Verrichtungen nothwendiger weise verabsäumet werden. Wer in Justiz= oder Policey=Officien stehet, soll nicht allzuscharf noch allzu streng seyn, denn öfters ist also die Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit und Tyranney verandert worden (§. 54.). Vor Grausamkeit, Tyranney, Unbilligkeit, und unmenschlich=unchristlichen Thaten soll man Q 3 Kluge undnützliche Staatskunst, 110 man sich durchaus hüten, wie auch für alle Unrechtfertigkeit und Unbarmherzigkeit, denn diese Fehler ziehen den Haß und Verfolgung aller Menschen nach sich. §. 86. Diß ist ein grosser Kunstgrif, wenn man aus der Verfolgung seiner Feinden einen Vortheil zu practisiren weis. In allen Werken, Vornehmen und Vorhaben muß man standhaftig seyn (§. 56.); ohne sich von der Furcht, nicht zum vorhabenden Entzweck zugereichen, abschröcken zu lassen, denn gibt dieses denen Gegenpartheyen die Gelegenheit, deine Schwachheit und Kleinmüthigkeit zu erkennen. Ich sage mit Fleis, daß sie gleich daher schliessen werden, daß sie allezeit einen kleinen Widerstand werden zu überwinden haben, wenn sie etwas intereßirendes und wichtiges gegen dich vornehmen wollen. 87. In dem Vorbericht haben wir schon gemeldet von dem unschätzbaren moralischen Principio und Maxime: Nosce te ipsum, oder, lerne dich selbsten wohl kennen; nemlich von der Kennschaft seiner selbsten. Es soll dahero einem Politico vorderist angelegen seyn, sich selber zu kennen, das ist: sein Gemüth, Verstand, Willen, seine Schwachheiten, Gebrechen, Neigungen, Begierden, Sitten, Gewohnheiten, und angebohrne Eigenschaften zu erforschen (§. 1.) Denn wie kan der Mensch sich selbsten regieren, wenn er sich selbsten nicht gründlich kennet? wenn er nicht seine Kräfte und Schwachheiten weis? wie wird er bestehen, wenn er nicht seine Paßionen, Assecten und böse Inclinationen dampfet? darum soll man allezeit seine Kräfte und Geschicklichkeit bedenken, ehe und zuvor man etwas unterwindet oder angreift, und so fort, zur Unternehmung aller Sachen soll man voraus seine Kräfte und Vermögen wissen. Ich sage auch mit Fleis: daß man seine Paßionen und böse Affecten solle zu dämpfen 111 oder politische Maximen. dämpfen suchen. Und wo dieses in allem unmöglich, doch solche zum wenigsten zu dißimuliren (§. 60.); denn sie sind die größten Verräther deines Gemüths und der Seelen. Die Wissenschaft, zu simuliren, ist hierzu die nothwendigste und nützlichste Kunst, weilen durch Simulirung unsere Neigungen wir andern Verhindernüß stellen, unseren rechten Willen, Gedanken und inneres Wesen zu entdecken. Ist es ja nicht besser, den Willen und die Gemüther anderer bevor zu erkennen, als daß sie deine Neigung erkant haben? Dies ist ein Mittel, über andere zu herrschen. Daher wissen dieses wohl diejenigen, welche dir feind sind, wie sie auf solche Weise dich belauren und öfters überwinden. Deßwegen soll man hauptsächlich dahin trachten, alle seine Paßionen und Inclinationen unter gute Vernunftsregeln zu beschränken, und mit aller Geschicklichkeit zu verdecken, damit niemahlen ein Ausspeher den Grund unserer Gedanken und Concepten entdecken könne, und sie folgends in einem beständigen Zweifel und vergeblicher Bemühung zu halten. Diese vortrefliche Staatsklugheit lehret also mit der Zeit zum klügesten Politicum zu werden, und listiger weis seine Fehler, Gebrechen und Schwachheiten vor diejenigen zu verbergen, welche dich öfters dadurch beschädigen, gar auch zum Untergang bringen wollen. Ja hiedurch führet man solche Ausspeher manchmal wohlverdienter weise mit der Nasen auf dem Narrenseil herum, daß sie sich sogar in ihrem Ausspehen oder Versuchen, verirren und verwirren. Der kluge Alexander de Medicis, erster Herzog von Flyrenz, ware hierin ein geübter Staatsmann. §. 89. Ein Staatsmann, der bey der Welt in Authorität stehet, seye beflissen, nicht allein seine Reputation zu bewahren (§. 3.); sondern jemehr Ruhm und Ansehen zu erlangen (auch wohl hier dienet, was TACITUS vom Agricola sagt: ipsa dissimulatione famae famam auxit) aber daß solche Abzielung auf Ruhm und Ansehen, weit von aller blosen Eitelkeit und Ehrgeitz entfernet seye. Er soll sich hüten, auf 112 Kluge und nützliche Staatskunst, auf seinem Glück und Wohlfahrt zu pochen, zu trotzen und sich groß zu machen, indem er sich hiedurch kan verhasset machen, ja von allen verspottet. Es ist zugleich auch eine Maxime der Weisheit und Vorsichtigkeit: daß er nicht warte, bis ihn das Glück verlässet; daß er nemlich die Dinge der Welt verlasse, ehe sie ihn verlassen (*). Hiedurch eben ist er ausser aller Gefahr, einiger Confusion, oder Verlust an seinem Ruhm oder Betrübnuß und Verdruß, den er nicht sobald wird können vergessen. Und so pflegt es oftmalen einem Unvorsichtigen zu ergehen, daß er nicht mehr zu trösten ist (da er sich in einem Augenblick von allem Glück und Wohlfahrt verlassen siehet) und darum wohl billig unter die Anzahl derjenigen Leute zu setzen, davon ein sinnreicher spanischer Author sagt: daß auf Erden zweyerley Menschen sind, die nicht zu trösten wären, nemlich erstens: die Reich-geitzigen, welche am Sterben liegen, indem sie also ihren lieben Abgott, will sagen, alle ihre Reichthümer und Schätze vor ewig verlassen müssen. Zweytens aber sind auch untröstlich die vermeinten schöne Personen, wenn sie alt werden, und ihre eingebildete Schönheit vergehet, Juan Rufo apophtheg. 699. da sowohl die letztere als die erste Art Menschen zum Schau- und Beyspiel aller Welteitelkeiten wird, nemlich, wie alle Ding in diesem zeitlichen Leben so zergänglich und nichtig sind; wie alle Menschen und irrdische Sachen so unbeständig, wechselhaft und eitel sind! 90. Ein Politicus solle immer auf die Zeit und Gelegenheit in allen seinen Reden und Thaten acht geben (§. 1.2.). Er soll sich in die Zeit und Leute schicken, (§. 57.84.). Sich in die Zeit und Leute schicken, [*) Ein kluger und vernünftiger Politicus wird leichtlich diese Maxime verstehen, ohne daß ich dieselbe mit einer weitläuftigen Anmerkung und Auslegung zu erkiären bedarf. Ich habe zwar hier und dort viele besondere neue Maximen gegeben, die dunkel oder zweydeutig scheinen, da sie doch durch ein kurzes Nachsinnen zu begreifen sind. 113 oder politische Maximen. schicken, sind zwey unschätzbare politische Rubriquen, ja, unentbehrliche Staatsregeln. Ich sage mit Fleiß, daß ein Mensch, welcher dem gemein= und gesellschaftlichen Leben anklebig ist, soll sich durchaus in die Zeit und Dinge schicken. Ich glaube also, noch zu wenig angeführt, behauptet und gesagt zu haben. Weil man zu sagen pflegt: daß ein Mensch sich in die Zeit und Dinge schicken müsse; so wird man dadurch vermuthlich verstehen wollen, daß man sich in demjenigen ergeben solle, welches jährlich, monathlich, täglich, stündlich, ja augenblicklich vorgehet, und welches uns während unserem Lebenslauf betrift, vorkommt und begegnet (§. 58.). Die Gemüthsfassung eines vernünftigen, sittlich- und politischen Menschen (der sich nemlich in die Zeit und Dinge schicket) bestehet hauptsächlich in der Fähigkeit, Gutes und Böses zu seinem Vortheil anzuwenden, im Glücke Verstand, im Unglücke und Widerwärtigkeit aber Entschlossenheit zu behalten (§. cit.). Wir mussen alle Ding der Welt dem Nutzen nach kaufen und nicht mehr dafür geben, als sie in sich wehrt sind (§. 82.). Alle Schicksale und Zufälle sollen wir annehmen, als Warnungs=Mittelen; sie sollen uns zum Abscheu vor das Böse, und zum Antrieb das Gute zu suchen, zu lieben, und zu thun, dienen. Dieses ist zwarn eine moralische Reflexion, folgendes aber eine politische. Sich in die Zeit schicken, heisset ferner nach allen gegenwärtigen Moden und neuen Gewohnheiten den Mantel zu hangen, sogar die Künste und Wissenschaften will man alamodisch haben, und warum ist man bewundert, daß die neue Welt auch allezeit etwas alamodisches (oder neu=aufgebrachtes) liebet, da schon die uhralte Welt das alte gehasset, und das neue geliebet, in einigen Sachen haben auch wohl die Menschen Recht und Ursach, das neue zu lieben, indem viele Dinge täglich vollkommener, besser, sauberer und subtiler. gemacht werden, oder beständig etwas neues erfunden und beygesetzt wird, daß in der alten Welt ganz unbekannt gewesen. Die Erfahrung bezeuget dieses durch die vielen neuen Erfindungen und nützlichen Entdeckungen, schönen Experimenten, Observationen in der Philosophie, nemlich in der Physic, auch in der Mathematic und Medicine, als 114 Kluge und nützliche Staatskunst, als auch in allen anderen Wissenschaften, Künsten, Manufacturen, Fabriquen, Profeßionen und allerley andere Sachen, die zum gemeinen Nutzen und menschlichen Leben diensam sind. Ja, wie sind nicht alle Kunste und Wissenschaften Zeit etwa einem Saeculo zu ihrem höchsten Flor und Perfection gestiegen. Darum soll sich ein verständiger Staatist nach der gegenwärtigen Zeit (oder nach der heutigen Welt) richten, nicht allem was die Manieren angehet, sondern auch, was das Gemüth anbetrift, obgleich das Verflossene ihme besser zu seyn scheinet. Diesen Lehrsatz gibt der bekannte Staatsund Geschichtschreiber TACITUS: se ulteriora mirari, praesentia se qui. Tacit. hist. 4. Dieser Lehrspruch hat zwarn eine Exception oder Ausnahme bey den guten Sitten, indem die Tugend zu allen Zeiten soll geübet werden. Und es ist ein schlechtes Zeichen, wo man sich so gar in die Moden vernarret, daß, was da böse ist, vor eine Mode gehalten wird, vermittelst, daß ein jeder selbes nachfolge. Tugend bestehet, und alle neue Gewohnheiten vergehen doch zu ihrer Zeit. Mit einem Wort, man lebe also nach der Zeit, wie man wird können, wenn man nicht kan, wie man wohl wunschen thäte. Und wer den Handlungen der Welt verbunden ist, der schicke sich nach allen ihren Minen, Grillen und Possen (vermittels, daß er nichts gegen GOtt, seinem Nächsten und eigenem Gewissen vornehme) denn obschon sie ihm eitel, unwitzig und närrisch vorkommen werden, so wird er doch vor einen Idioten, Phantast und Wahnwitzigen gehalten werden, wenn er dieselbe vor thöricht angeben und tadeln wird. Es ist ja klüger, mit allen närrisch als allein witzig zu seyn scheinen, und besser mit allen witzig, als allem närrisch und einfältig zu seyn scheinen (§. 35.). Derhalben ein erfahrner Historicus jetziger Zeit die Sachrecht wohl ausdrückt, wenn er schreibt: Wer jetzund in der Welt sich nicht politisch stellt, Und da und dorten will auf alle Weis mitmachen, Den wird als simpel man verhöhnen und verlachen, So ist die Mode jetzt bey der verkehrten Welt. ꝛc. §. 91. oder politische Maximen. 115 91. Hernächst soll ein Politicus niemalen seinen Unwillen, Unzufriedenheit und Ungedult zeigen, sondern dieselbe vielmehr verhehlen und simuliren (§. 32. 58. 60.). Er soll ferner niemahlen seine Noth oder Elend, Verdruß, oder ihme geschehene Unbill anderen klagen, (§. 32. 58.), denn diß vergringert nicht allein zuweilen deinen Glauben und Credit, sondern verursacht auch bald bey anderen Mißgünstigen mehr heimliche Freude, als Hulfe und Mitleiden (§. citat.). Ein vernünftiger Staatskluger soll sich nimmer von eigenem Vorurtheil, Paßion und Animosität einnehmen und überwinden lassen; sondern sich allezeit bey der gesunden Vernunft halten, und niemahlen die Gesätze und Grenze derselben überschreiten. §. 92. Die klügesten Staatisten halten dieses für ein vornehmes Stratagema und Kunstgrif, wenn man unter dem Vorwand und Deckmantel anderer sein eigenes Interesse anzutreffen sucht, diß ist, sagt GRACIAN, eine Listigkeit, dasjenige zu erhalten, was man begehrt. Allein diese Rubrique soll mir zur heilsamen Warnung dienen, sich vor diejenigen in acht zu nehmen, welche dich unter einem scheinbaren Vorwand überreden wollen, daß sie deinen Vortheil, Nutzen und Gewinn suchen, da sie doch ihren eigenenprofit und Interesse in Verrichtung deiner Affairen erwischen. Ein Politicus soll heldenmüthig seyn, sich guter Sitten und heroischer Qualitäten anmassen (§. 66.), er sey jederzeit gutes Gemüths, lustig, holdselig, beständig, unverdrossen (§. 58.), bedachtsam, u. s. w. Er solle alle Eingezogenheit und Ehrbarkeit in allen seinen Reden und Werken bezeigen. P 2 §.93. 116 Kluge und nützliche Staatskunst, §. 93 Es ist eine herrliche Sache, wenn man das Uebel von sich abzuweisen, und abzuwenden verstehet, und dieses ist eine Maxime von grossen Nutzen, allen denjenigen, nemlich welche herrschen wollen. Ein Politicus hüte sich, daß er andere zu viel intereßire, insonders seine Freunde, indem es viel besser ist, nach meiner Meinung, daß andere uns verbunden sind und Dank wissen müssen, als daß wir andern grosse Obligation schuldig sind. Er suche, daß alle seine Werke und Handlungen prävaliren und bey der Welt gelten können. Ferner soll man sich hüten, andere zu erhöhen, wenn man dadurch den Untergang seines eigenen Ruhms und Ansehens beförchtet. Es ist auch eine grosse Vorsichtigkeit, daß man sich nicht an die Menschen betriege, weilen sie uns meistentheils anders vorkommen, als sie eigentlich in sich beschaffen sind (§.73.); allein der spanische Staatsscribent GRACIAN hat hierinn wohl recht (wie ich schon oben ein gleiches angemerket: §. 73.] wenn er spricht: daß es besser seye, sich an dem Preise, als an der Waare selbsten betrogen zu haben. Grac. el oraculo y arte de prudencia. max. 157. 94 Es ist eine schöne Eigenschaft und löbliche Tugend, wenn man die Narren dulten kan, ja eine grosse Weisheit. Es wird aber eine grosse Gedult aller Thorheiten zu ertragen erfordert (§. 58. 90.); insonderheit von denen, welchen man in nichts verbunden ist. Daher geschicht es, daß man von Freunden und Verwandten öfters viel leichter ihre Geckereyen, Thorheiten, Grobheiten und Insulten übersehen muß, als von fremden und unbekannten. Indessen die Thorheiten oder Boßheiten seyen so grob als sie nur mögen, so muß man möglichst suchen, selbe zu verbeissen und zu simuliren (§. 57.); wenn sie geschehen von denen, welchen man verknüpft oder verobligirt ist, und die Zeit und Gelegenheit mit Gedult erwarten, dessen Gemüth auf 117 oder politische Maximen. auf bessere Gedanken zu führen, wegen vielleicht geschehener Unbill, Verfolgung, Trotz, Verspottung und dergleichen. Kan und darf ein redlicher Mann mit Recht den Gegner vor behörigem Richter abladen lassen, zuweilen ist es auch unumgänglich nothwendig, wenn schon die Rachbegierd unerlaubet ist. Wer eine Sach glücklich zu vollbringen gedenket, der kan zuweilen voraus einen blinden fingirten Concepten (der ungefehr von selberer Art ist, so man vornehmen will) so ins hundert an Tag bringen, denn diese Subtilität ist der rechte Weg zu erkennen, wie dir dasjenige glücken könne, welches du im Vorhaben hast; insonderheit, wenn es Sachen sind, an deren glücklichen Ausgang du stark zweifelest. Durch solches Vorkommen und Listigkeit hat Kayser Tiberius bey Antritt seiner Regierung das Vornehmen und die Meinungen der vornehmsten entdecket: ad introspiciendas procerum voluntates. Tacit. annal. 1. 95• Nicht leicht soll ein Politicus sich in einem Proceß, Geschäft, Handlung, Unternehmen [und was es seyn kan] mit einem anderen einlassen, wenn derselbe nichts zu verlieren hat. Denn gemeiniglich solche Leut, die nichts zu verspielen haben, sind die kühnsten, sich in allen critischen und gefährlichen Händeln unbesonnener weis zu wagen; also stellt man sich in Gefahr, nicht allein sein Haab und Gut, sondern auch zuweilen seine Ehr und Reputation in die Schanz zu schiessen. Wer mit einem Armen procediret, der verspielt allezeit, wenn er auch durch Recht gewinnet. Wer mit einem solchen ein Geschäft unternimmt, oder eine neue Handlung (in Compagnie oder Gesellschaft) anfängt, wird allein zuletzt vermuthlich die Last tragen müssen, wofern die Sach einen üblen und unglücklichen Ausgang nimmt. Dieses dienet auch allen denen verblendeten und bethörten Leuten zur klugen und heilsamen Warnung, welche sich mit Alchymisten oder Goldmachern, mit Schatzgräbern und dergleichen Phantasten anlegen und impliciren (§. 16.). Denn da p.3 118 Kluge und nützliche Staatskunst, da nicht allein die Alchymisterey, oder Goldmachen und Schatzgräberey lauter Thorheiten, Betrug und Boßheiten sind, so pflegen überdem solche sinnlose Leut öfters Lügner und Betrüger zu seyn. Oder arme vermessene und frevelmüthige, welche (da sie nichts mehr zu verspielen haben) andere dahin zu überreden suchen, um mit ihnen in Societät zu stehen, um entweder Gold zu machen (oder Schätze zu graben) oder ein anderes gefährliches desperates Werk zu unternehmen, und folglich all ihr Hab und Gut so blinder weis zu wagen, und gewiß zu verlieren. Die verdammliche Begierde zu grossen Reichthum und der unersättliche Geldhunger hat zu allen Zeiten viele sinnlose Menschen dahin verführet, daß sie annoch das ihrige auf solche Weise verschwendet in der eitelen Meinung, reicher zu werden, und die hernach zu Bettler, oder gar zu Lügenern, Betrugeren, falschen Münzmachern und Chevaliers d'Industrie (wie die Franzosen sagen) geworden. Wo hat man ja jemahlen einen reichen Laboranten gesehen? und im Gegentheile, da sie sollen (nach eigener Aussag der Alchymisten) aus dem schlechten Dinge das Gold auslaboriren, so pflegen sie doch das gute Gold in dem allerschlechtsten Ding zu verwandelen, nemlich in Staub und Aschen, und in Rauch und Dampf aufzutreiben. Kein besseres Præservativum gegen alle Tücke, Ränk und Listigkeiten, als die Vorsichtigkeit und ein wohlbedachter Rathschluß (§. 12. 13.); derhalben soll man auf diejenigen wohl acht geben, welche sich in deinem Interesse einmischen, um sich mit dem ihrigen daraus zu ziehen (§. 92.) O! wie oft geschicht es, daß andere sich deines Interesse unter einem speciosen Prätext oder scheinbaren Vorwand annehmen, nur aber, um Gelegenheit zu haben, ihren Eigennutz und Vortheil zu suchen, und in der That, diß ist vor solchen eine artige Bedeckung, und die täglich practisiret wird. Und darum, wie PLINIUS SECUNDUS sagt, daß (angesehen die Arglisten der Menschen und der böse Zustand der Zeiten) es eine Klugund Weisheit sey, die Boßhaften zu betriegen: Quos decipere, pro moribus temporum, prudentia est. Plin. jun. Ep. 18. lib. 8. nemlich solchen nichts zu trauen, noch zu glauben, die in etwa verdächtig oder politische Maximen. 119 tig sind (§. 27.). Hiedurch werden sie eben betrogen, und man beschweret darum sein Gewissen nicht. 96. §. Der alte Staatserfahrne Lisander hat uns hier eine kluge Rubrique und Staatsregel hinterlassen: daß man sich des Fuchsbalgs bedienen solle, wo man die Löwenhaut nicht gebrauchen kan; das ist: wo man nicht mit Gewalt etwas auswürken oder durchdringen kan, da muß man List und Kunstgriffe gebrauchen. Da überdem ein Kunstgrif und Stratagema oftermalen mehr behänd, kräftiger und vortheilhafter ist, als alle Macht und Gewalt. Ein Politicus solle viele Sachen mit Fleis ignoriren, das ist, äusserlich nicht vermerken lassen, daß er einige Wissenschaft davon habe (§. 9.); sondern sich so verhalten, als wann ihme diese oder jene Sach ganz unbekennt sey (wenn man ihme sonderlich eine verdriesliche Zeitung anbringt, oder über eine schädliche Sach errinneren will, die er doch weis); dieweil es oft die Noth erfordert, die Wissenschaft von einer ihm gar wohl bekennter Sachen zu bergen. Man erfähret eben hiedurch noch andere Sachen, die man in der That nicht gewust (§. 46.). Die nemliche Beschaffenheit und Vortheil hat es auch öfters in gelehrten Sachen, denn zuweilen die allerklügsten und gelehrtesten Männer haben dieses wissen zu spielen. Zumahlen, es gibt gewisse Vorfälle, wo die gröste Kunst darin bestehet, sich zu verstellen und zu dichten, als wüste man nichts (§. 44. 61.). Man soll darum aber durchaus kein Ignorant seyn, sich aber zu etlichmalen unwissend und ungelehrt anstellen, ist sehr dienlich und preißwürdig. Einfalt und Unwissenheit ist nicht allezeit gut, derhalben ist es auch nicht allezeit dienlich, seine Wissenschaft zu simuliren oder mit Fleiß zu ignoriren, sonderlich bey ungelehrten, ungeschickten und Einfältigen; dieweil öfters daher Verachtung und Geringschätzung entstehen kan. Bey Idioten, Thoren, Narren und Ungelehrten, braucht man sich nicht zu affectiren, sondern jeden nach seinem Witz, Verſtand Kluge und nützliche Staatskunst, 120 stand und Character begegnen, wie dieses der Weise ermahnet: Responde stulto juxta stultitiam suam, ne sapiens sibi esse videatur. Proverb. 26. §. 97. In gefährlichen Händeln und critischen Unternehmungen soll man allezeit einen Mitgesell nehmen, denn hiedurch hat man Hofnung, nicht allein die ganze Last zu tragen (fals das Unternehmen einen unglücklichen Ausgang haben solte), dieweil der Mitgesell einen Theil des Unfalls ertragen muß; daher ist es eine Thorheit, sich allein in einer Gefahr zu wagen (§. 95.). Zudem, es ist allweg unerträglich, allein zu leiden, hat man aber einen Mitgespän, es sey im Ungluck oder Widerwärtigkeit, so kommt es nicht so schwer vor, selbe zu ertragen. §. 98 Es ist gemeldet worden, daß ein Politicus sich selber wohl kennen solle (§. 87.) seine Schwäche und Kräfte wissen, ehe er etwas (sonderlich wichtiges) vornimmt. Darum soll ein jeder Weltmann seine innere Beschaffenheit wohl erwägen (wenn er Lust hat, den statum militarem, oder Kriegs=Leben zu amplectiren) ehe er sich in Kriegs=Dienste einlässet; ob er Muth dazu habe, alle Ungemächlichkeiten, Lasten, Gefahren und Unruhen auszustehen (*), welche im Kriegswesen vorkommen. Viele lassen sich in einen Stand ein, ohne dessen Beschwernüssen oder Vortheile wohl voraus bedacht zu haben, und daher gerathen sie auch wohl zuweilen in Confusion, und verlieren ihren Ruhm, den sie in einem andern Stand höher getrieben. Ein jeder vernünftiger Mensch soll diesen Rath gleich einer allgemei[*) Dieses Lehrstück dienet allen, welche einen Stand erwählen und eingehen wollen; Es sey sowol im Civil= als Militair=Leben, und sowol im weltlichen als im geistlichen Leben. oder politische Maximen. 121 gemeinen Lebensregel annehmen: daß, ehe er einen Stand eingehen, oder eine Kunst [oder Handlung, und was es nur ist] amplectire, er wohl bedenken soll, ob er darzu recht inclinirt oder geneigt seye (§. 7. 15. 20.), und ob er sich darinn während seinem ganzen Lebenslauf wird schicken können; ob er alles gutes und Böses, wie es nur vorkommen wird, unverdrossen und unermüdet wird ausstehen und ausmachen können, denn es wäre viel besser, auch heylsamer, niemahlen etwas zu unternehmen; als solches hernacher nicht wohl verrichten, versehen noch betretten. Diese Anmerkung ist jedem nothwendig, insonders aber denjenigen, so gesinnet seynd, in Kriegsdiensten zu gehen. Demnach so ist es ohnstreitig wahr, daß ein Mensch, nur zu einer Kunst, Wissenschaft, und einem Lebensstand eine naturliche Inclination oder mehr besondere Zuneigung hat; wie dieses auch der gelehrte spanische Philosoph und Arzneylehrer, Herr J. HUARTE in seinem Examine de ingenios para las sciencias mit Grund behauptet. Ein Politicus aber, welcher sich in Kriegsdienste begibt, thut vernünftiger, wenn er zuerst eine untere Post antritt. als gleich auf einmal eine hohe anzugehen. In allen Ständen der Welt ist es keine Unehr, in den untersten Stellen anzufangen, um allgemach oder Stufenweis (nach dessen Glück, Geschicklichkeit Herkommen, oder nach dessen Verdiensten) zu höheren Ehrenstellen und Würden zu steigen, denn durch solche allgemählige Promotion wird man allezeit desto mehr Einsehen und Respect vor ihn haben. Ein Militair, soll sich mit seinen Oberherrn als Untergebenen wohl über dem vorsehen, was das Interesse angehet, denn dies ist die öfterste Ursach, wodurch einer mit dem andern in Haß und Zwiespalt geräth. Durchaus soll er sich allezeit unterthänig und gehorsam zeigen (§. 66.), und dieses in allen Gelegenheiten, ja, sogar soll er nachmal einen blinden Gehorsam und Unterthänigkeit zeigen; das ist: wenn ihme etwas vom Oberherrn auferlegt wird, in Sachen, die er nicht directè zu verrichten schuldig wäre. Diejenigen, welche in Kriegsdiensten lange Zeit gestanden, wissen wohl, von was für einem grossen Vortheil ein solcher blinder Gehorsam und politische Submißion seye. 2 Ich Kluge und nützliche Staatskunst, 122 Ich heise dieses auch mit Fleis ein blinder Gehorsam, wie solches ein vortreflicher und gelehrter französischer Kriegsmann gethan. La Cond. de mars. chap. 7. pag. 68. seg 99. Ein Officier soll allezeit wahrnehmen, wo er sey, und mit wem er spreche (§. 1.2.) auf daß er allezeit seinen Oberherrn den behörigen höchsten Respect beweise, obschon er etwa einmal davon bestrafet wird (§. 60. 98.). In Feldzügen ist es viel rathsamer, daß ein Capitain hinter dem Volk sey, als vornen, auf daß er zusehe, daß keiner entgehe, oder sonsten etwas sträfliches begehe. Es hat sich also mehrmalen zugetragen, daß durch solche Unvorsichtigkeit die Soldaten hier und dort im Durchziehen entweder desertirt, oder den gemeinen Mann bestohlen (zur höchster Schäme aller Kriegsrechten, ja gleichfalls zum Trutz der schärfesten Kriegsordres) und geplündert, welches hernach der Capitain mit seinem grösten Schaden hat müssen erstatten, in dergleichen Fällen soll ein Officier streng seyn; denn gute discipline und Ordre erhält die Soldaten im Zaum, und der gemeine, im Kriegswesen unschuldige Mann behält das Seinige: Optimé enim Ducis severitate militum improbitas, nimia audacia, rapinae & quaevis scelera compescuntur. Vern. polit. lib. 4. pag. 470. §. 100. Es ist nicht rathsam in feindlichen Landen, daß ein Officier durch grosse Waldung marschire, sonderlich mit Cavallerie oder Reuterey, und soll er dahero alle Umwege suchen, wenn er nicht anders kan. Es ist dieses aber hier vornehmlich von Reuterey zu verstehen, welche allezeit auf dem ebenen Feld ihre Dienste thun kan, hingegen ist es öfters eine verspielte Sach für die Infanterie [oder Fußvolk] auf dem platten Land, wofern sie nicht bey einer 123 oder politische Marimen. einer feindlich=stärkern Anfechtung von der Reuterey (oder von etwas anders) bewahret, verdecket und manutenirt wird. Das Fußvolk kan aber mit mehrerer Sicherheit in Kriegszeiten und feindlichen Landen durchmarschiren; weil solches viel balder sich in einem Wald für die Verfolgung der feindlichen Reuterey verthädigen und beschützen kan, und es wird sich keiner gelüsten lassen, Fußvolk in einem Buschwerk zu verfolgen, da dieses vermessentlich gehandelt wäre, und sich aus blosem Muthwillen in Lebensgefahr gesetzt. Ein Officier soll während Kriegszeiten niemahlen mit fremden, unbekanten und verdächtigen correspondiren (§. 12. 48.); und wenn er mit seinen Freunden oder Verwandten Briefe wechseln will, so schreibe er niemalen solche Neuigkeiten von Kriegssachen oder Geheimnuͤssen, die in einem weitläuftigen Verstand und Argwohn können genommen werden, denn man stellt sich eben hiedurch in Gefahr, öfter für einen Spion oder Verräther angesehen zu werden [wofern etwas nur repetirt wird) und in andere critische Weitläuftigkeiten zu gerathen (§.31 101. Unter allen Kriegslisten ist dieses ein vornehmes Stratagema und Maxime; daß allezeit ein Kriegsheerführer einige Vorläufer (im Marsch durch feindliche Lande und suspicieusen Oertern) voraus abschicke, um die Anwesenheit, oder Annäherung der Feinde auszukundschaften (§. 100.). Es sollen solche Vorläufer und Kundschafter also abgerichtet seyn, daß sie bey dem geringsten Mißtrauen und argwoͤhnlichen Zeichen, ihren Herrn (welcher den ganzen Zug führt und commandirt) avisiren. Es müssen aber dieselbe nicht grad, wie einige aus Unwissenheit thun, bis zum Gesicht des Feinds in einem fortgehen, ohne unterwegs, was da verdächtig ist, wahrzunehmen und Grund, so viel möglich, davon einzunehmen. Es ist auch hier rathsam, daß solche Vorläufer mit einer Uniform gekleidet sind, welche der feindlichen Uniform ungefehr ähnlich ist; sogar diese Vorläufer sollen zum Theil die Sprache des Feindes und Landes Q 2 124 Kluge und nützliche Staatskunst, des wohl verstehen. Diese Vorläufer des Kriegszugs oder einer Colonne sollen ungefehr an der Zahl 12. oder 15. seyn, nebst einem weisen, klugen und vorsichtigen Anführer, wie dieses ein Kriegserfahrner lehret: La conduite de mars. chap. 12. pag. 144. Hier bleibt aber annoch anzumerken, daß wann diejenige, welche man zu kundschaften voraus schicket, etwa unterwegs in einem Dorf durchgehen mussen, sie sich heimlicher weise informiren: ob keine feindliche Völker allda vorhanden sind, welche Nachforschung unter einem scheinbaren Vorwand geschehen kan; daß sie nur an dem ersten, den sie in einem Dorf oder Flecken begegnen, fragen: was neues seye, und hernach durch verblümte Reden es allgemach suchen gewahr zu werden. Indessen kan man die verdächtigsten Personen, darauf man mit Grund argwohnet, und die man auf dem Marsch begegnet, arrestiren und anhalten, bis der Zug vorbey ist. §. 102. In Feldzügen ist es viel rathsamer, wenn es die Witterung erlaubet, im Feld zu campiren, als die Soldaten in die Städte, Flecken und Dörfer einzuquartieren. Denn es wird einem Officier niemahlen daher so grosser Schaden erfolgen; dieweilen die Solda ten keine so leichte Gelegenheit haben, zu desertiren, auch nicht den armen unschuldigen Burgern und Bauren zur Last sind und molestiren, wie öfters ausser aller Vernunft, Billigkeit, und zur Verachtung aller wahren Kriegsrechten zu geschehen pflegt. 103. Nachdem ein Officier durch verschiedene Mittel die Liebe, Treu und Ansehen bey den Soldaten gewonnen (§. 17. 82.); so soll er doch niemalen denselben zu viel Freyheit verleihen, denn obschon die Freyheit angenehm ist, so werden sie ihn doch wohl verachten oder gering schätzen (§. 99.); weilen er seine Dienste und Schuldigkeit so ſchlecht oder politische Maximen. 120 schlecht in acht nimmt. Welches auch eine gefährliche Sache ist, die nach vielen mühsamen Verdiensten erworbene Reputation auf einmal zu verspielen. Insonders soll er sich hüten, den geringsten Heller den Soldaten von ihrer Besoldung unbilliger weis abzuziehen, unter was Prätext es auch seyn mag (§. 98.), denn dieses ziehet Haß und heimliche Rachgier nach sich. Und es ist auch nichts unbilliger, als den armen Soldat zu hintergehen, der gemeiniglich ohnedem zu wenig hat zu seiner rechten Erhaltung, und deme man viel balder beysteuren solle, und ihre öfters gar kleine Besoldung zu verbessern helfen, um sie zu animiren, und damit sie in getreuen Diensten verharren. Welches sonsten nicht zu geschehen pflegt, wenn sie ungerechter weis geschlagen, vervortheilet, und übel tractiret werden von ihren Officieren, und sodann einer nach dem andern durchzugehen suchet, wo und wenn er nur die Gelegenheit haben wird. Dieses bezeuget die tägliche Erfahrung, daß ich keine weitere Beweisthümer davon anzuführen bedarf. §. 104. Ein Officier, der auf der Wacht stehet, oder die Ronde [la patrouille oder Scharwacht) gehet, hat vieles zu observiren, wenn nemlich der Feind in der Nähe ist. Denn es wohl zu Zeiten geschiehet, daß ein Soldat von der entfernten Wacht oder von der Ronde desertiret, oder auch durch den Feind aufgehoben wird. So muß man gleich das vorhin gegebene Wort oder Signal änderen; weilen es zu beförchten ist, daß der Feind sich vermittels dem Wort oder Signal einer Kriegslist bedienet, um sie unversehens zu überfallen, welches Signal oder Parolle er aus der desertirten oder aufgehobenen Schildwacht erzwungen. Keinen Ueberläufer oder einem Deserteur soll ein Officier in Kriegszeiten einigen Glauben zustellen, sondern sich aller Mißtrauen (§.27.); indem dieselbe öfters Spionen und Verräther seyn können; und sie unter dem Prätext der Desertirung leichtere Gelegenheit suchen, alles, was dem Feind vortheilQ 3 haft Kluge und nützliche Staatskunst, 126 haft seyn kan, auszukuͤnden, und hernach abermahl ausreissen, um alles dem Feind zu rapportiren oder überzutragen; dieses ist eben das Mittel, den freyesten Paß zu haben, um alles auszuspioniren. Daher man sich wohl vorzusehen hat bey solchen Gelegenheiten, da man sich öfters am wenigsten mißtrauet (§. 24.). §. 104. Es ist sonderlich einem Officier sehr rathsam, daß er bey Ankunft in Diensten, den Soldaten grossen Abscheu und Furcht vor das Stehlen und Rauben bezeige, sich auch vorstelle, dergleichen Laster und andere Excesse hart zu strafen (§. 99.); Ja keineswegs soll ein Officier einigen Diebstahl, und sonsten hier zu schweigende sträfliche Laster übersehen, denn es ist ihme solches (in Mangel der rechtmäßigen Bestrafung) vor GOtt und der Welt verantwortlich, daß er also dafür stehen muß. Und ich glaube nicht, daß einige Raison de Guerre ihme sein Gewissen davon zu reinigen wird vermögend seyn; vielweniger werden es die Theologanten, und moralisten, noch des Kriegsrecht erfahrene Politici solches approbiren. Treflich wohl hat ein wahrer Capitain (den man vor einen recht ehrlichen, gewissenhaften und frommen Mann ansehen konte) einigen Officieren, so weniger gewissenhaft waren, als er, begegnet, da sie ihn gefragt: Warum er seinen Soldaten nicht ein einziges Huhn zu stehlen erlaubte? Hat er ihnen geantwortet: daß er gnug mit seinen eigenen Sünden beschweret sey, ohne sich mit Sünden anderer zu belasten. Conduite de mars. Chap. 13. Gewiß, ein Officier, der da erlaubet, daß durch diejenigen, worüber er die Obsicht und Commando hat, die Wittwen, Waysen, Bürger, Bauren und andere arme bedrängte Menschen beraubt, bestohlen und unterdrückt werden (§. 54.); ist schuldig und durchaus verpflichtet, entweder in dieser Welt oder in der andern eine gänzliche Restitution davon abzustatten, obschon er von den geschehenen Extorsionen keinen Vortheil noch Nutzen gehabt. Darum soll ein Politicus, der in Kriegsdiensten stehet, sein Gewif sen oder politische Maximen. 127 sen und der unterhabenden rein zu halten suchen; und darum in allem gute discipline und Ordre exerciren: morum disciplina in cibo, potu voluptatibus moderandis, furtis cavendis &c. Vernul. in stitut. polit. lib. 4. tit. 12. de Discipl. milit. art. 2. 105. Mit einem Wort, ein politischer und sittlicher Kriegsmann kan niemahlen vorsichtig gnug seyn, insonderheit, da in sichern Vorfällen sein Gewissen und ewiges Heyl in Gefahr stehet. Anderseits, so ist doch kein Mensch (wenn er sich auch schon so heldenmüthig und unfurchtsam anstellet) welcher nicht den Tod und das darauf ohnfehlbar folgende strenge Urtheil GOttes beförchtet, wenn er weis, daß er sich die Strafe und Rach GOttes über den Hals gezogen. Darum soll es einem Officier (von was hohen oder niedrigen Character und Rang er auch seye) angelegen seyn lassen, nicht allein friedliebend, heldenmüthig, fromm, tugendsam und sittlich zu leben (§. 66.), sondern auch die Soldaten und unterhabende Domestiquen darzu zu verbinden und durchaus anzuhalten (§. 104.). Eben darum, daß wenn sie mit grossen Lastern und Sünden beschweret sind, gemeiniglich mit Unmuth, Angst, Furcht und Kleinmüthigkeit zu einem Kampf gehen. Ja, es hat sich wohl courage und Heldenmuth, wenn ein Officier mit solchen Soldaten zum Streit gehen soll, die nur für Angst beben und zittern, die mehr todt als lebendig, von wegen der Furcht des bevorstehenden Todes, von wegen der Angst der Verdammnüß ihres etwa lasterhaft=ungebundenen geführten Leben. Ja, sage ich, was für eine Hulf und Trost wird ein Kriegsmann von solchen Soldaten zu verhoffen haben, die schon zittern, ehe sie den Feind sehen, und mit denen er, anstatt zu victorisiren, in Gefahr stehet, zu unterliegen und zu sterben? Darum ist eine allgemeine Lebensregel vor alle wahre Christen: daß sie beständig leben sollen; wie sie an ihrem Ende gelebt zu haben wünschen werden. O! wie viele Exempel von solchen allzuspäten Wünschen und SeufFry 128 Kluge undnützliche Staatskunst, zern könte ich hier anführen, wenn es die Zeit und die Gelegenheit erlaubete! Also soll ein jeder wohl leben, so wird es ihme an Muth und Herzhaftigkeit, alles zu überstehen, nicht fehlen (§. 104.); denn wer ein reines Gewissen hat, und sich unschuldig zu halten sucht, wird den Tod gar nicht förchten. §. 106. Es scheinet schier eine allgemeine Maxime zu seyn, vor alle diejenigen, welche im Kriege geschwinde avanciren und zu höherem Glücke steigen wollen: Daß sie sich nicht abwendig machen lassen von allen Beschwerlichkeiten, so da nur vorfallen. Denn er hat zu verhoffen, daß, wenn er darin glücklich ist; sich also vor allen andern unterscheide. Diß ist eben die Ursach, warum vormahlen viele in kurzer Zeit so hoch in Kriegsdiensten gestiegen. In dem Militair=Leben und Kriegswesen hilft nicht allezeit die Courage oder der Muth, grosses Glück zu erreichen, sondern vielerley Liste, kluge Erfindungen und politische Stratagemata sind mehrentheils die besten Mittel, sich zu erhöhen (§. 96.), denn wer seine Gegenparthey oder Feind mit öffentlicher Gewalt uberwinden will, bringt sich öfters selbsten in Gefahr des Untergangs. Man muß also wissen, die Maas nach der Zeit und Gelegenheit zu gebrauchen. Je höher er aber gestiegen, je mehr soll er sich vorsehen, daß keine Fehler und tadelhafte Mängel an ihm gespühret werden (*). Denn je höher der Stand; je mehrere Aufsicht gibt es, und je mehr ist man dem Urtheil und Crisi des gemeinen Wesens unterworfen. Also je höher man bey der Welt stehe, je mehr soll man an Tugend, an herrlichen Qualitäten und löblichen Thaten hervorleuchten zur Vergnügung aller und jeden (§. 16.); da gemeine und schlechte Leuthe in der Dun**) In dieser moralischen Anmerkung sind nicht allen hohe Militair=sondern Civilpersohnen, auch sowol geistliche als weltliche; sowol öffentliche als Privatpersohnen zu verstehen. 129 oder politische Maximen. Dunkelheit und im Schatten leben, die hohen und vortreflichen aber im Licht; die letztern müssen demnach eher und mehr von sich urtheilen lassen, als die ersteren. §. 107. Im feindlichen Land soll ein politischer Kriegsmann sich allezeit und überall mißtrauen (§. 51.), sonderlich, wenn er mit Kriegsvolk unbekennte Wege durchmarschiren soll, und durch des Lands Einwohner, als Wegweiser geführt wird. Denn es ist zu beförchten, daß, wenn man sich nicht vorsiehet, in Feinds Hände geliefert werde; nicht allein darum, daß derjenige Wegweiser ein Spion ex professo sey, sondern ein Landseinwohner ist allezeit ohnedem verdächtig, weilen er durch den Krieg selbsten intereßirt ist. Denn gemeiniglich ein Wegweiser oder Geleitsmann ist wohn= und seßhaft in dem Land, wo man den Krieg gegen seinem Herrn und zu seinem eigenen privaten Nachtheil führt, so ist er ja allezeit verdächtig, wegen sein eigenes Interesse, obschon derselbe unschuldig ist oder seyn kan, nemlich daß er nichts böses noch verrätherisches vor hat. Ich weis, daß alle in der Kriegskunst und im Kriegswesen Erfahrne mir hier ihren Beyfall nicht versagen werden, da die Erfahrung dieses so oft dargethan. Gewiß, warum soll man es auch öfters einem verdenken, der selber in einer Sach intereßirt, da es zu schliessen ist, daß mancher, der sein Vatterland und Landsgenossen bis im Grund verdorben und ruiniren sehe, daß dieser, wenn er könte eine ganze Armee verrathen, und in Feinds Hände lieferen solte, sich nicht erspahren würde, damit er sein Land und sich selbsten auf einmahl dadurch befreye. Derhalben kan ein Officier in Feldzugen durch feindliche Landschaften nicht gnug vorsichtig seyn. Er soll sich ferner hüten, nach dem Weg zu fragen an diejenigen, die er begegnen könte an unbekannte und gefährliche Oerter; weilen es oft Spionen seyn können, die in solcher Zeit überall schwärmen (§. 103.). R §. 108. Kluge und nützliche Staatskunst, 130 §. 108. Man hat übrigens noch ferner allgemeine und auch besondere Kriegsregelen und eine Wissenschaft, die davon ex instituto handelt, welche POLEMICA (oder Kriegskunst) genennt wird, und worzu viele andere Künste zu wissen erfordert werden, nemlich viele Theile der Mathematic und zwarn: 1. die Arithmetic oder Rechenkunst. 2. die Geometrie oder Erdmeßkunst. 3. Die Geographie oder Erdbeschreibung. 4. Die Pyrotechnie oder Feuerkunst. 5. Die MilitairArchitectonic oder Kriegsbaukunst und andere mathematische Künste, welche einige Kriegsgelehrte darzu rechnen. Wir haben allein einige Stratagemata, oder besser zu sagen, Kriegsmaximen anführen wollen, welche da grosse Verwandtschaft und Verknüpfung mit der Privatpolitie haben. Indessen, wer die Politie verstehet, der bedarf wenige besondere Regeln und Specialmaximen aus der Kriegskunst, was seine Lebensart und Aufführung anbetrift. Die Privatpolitic ist eben ihnen sowol, als allen andern vonnöthen, und eben sowol einer Militair= als Civilpersohn unentbehrlich. Ja, in einem Wort, allen und jeden (sowol öffentliche als Privatpersohnen, und von was Stand, Würde, Character und Qualität einer auch sey) ist die Privatpolitie nothwendig, dienlich, und von einem unbeschreiblichen Nutzen. Allein, man hätte viel zu schaffen, wenn man manchen phantastischen Idiot oder eigensinnigen Kopf durchaus überreden wolte, daß diese oder jene Wissenschaft sehr löblich, dienlich, nothwendig, nützlich, vortheilhaft und plaisirlich zu wissen sey. Und wie insonders der ungelehrte und gemeine Mann, der sich öfters bey den allerbesten Gründen und unwidersprechlichsten Proben nicht benügen laßt, und was er in seinem vermeinten Witz gefasset und vorgestellet, das muß durchaus so seyn und nicht anders. So hört man oft einen halbgelehrten oder rechten Ignoranten sprechen; diß ist eine Kunst oder eine solche Sache, die zu nichts dienen kan, und dadurch man nichts zu profitiren vermag, und so weitere eigensinnig= ungegründete Reden pflegen dergleichen Nasenweise Tadeler und 131 oder politische Maximen. und leichtsinnige Gemüther zu führen. Ist diß nun aber einiger Grund, eine Sach zu verachten oder vor unnütze auszugeben? Wir sehen ja täglich in den Ländern und Staaten, wo die schöne Wissenschaften (als die Philosophie, Mathematic, und übrigens alle andere nützliche Künste und Disciplinen) blühen, daß auch allda durch dieselbe alle andere Ding im Flor sind (§. 32. 55. 56.). Diß lehret alle vermeinte Klugen: wie behutsam und vorsichtig man von dem Nutzen und Nothwendigkeit der Sachen urtheilen müsse. Darum soll uberhaupt ein jeder, er seye gelehrt oder ungelehrt, sich niemalen unterstehen, eine Sach vor unnützlich und gering auszugeben, wenn er schon nicht begreift, was sie in dem gemeinen Leben der Menschen vor einen Vortheil und Profit bringen solte. Daher, sage ich, stehlen allezeit diejenigen, welche von eigenem Vorwahn oder Vorurtheil, Partheylichkeit, Präsumption und Paßion eingenommen und verblendet sind. Treflich wohl spricht hier der gelehrte Redner QumTILIANUS: Felices artes essent, si de illis soli artifices judicarent. Glücklich wären alle Künste und Wissenschaften, wenn von ihnen nur allein die Gelehrten und Künstler urtheilen thäten. Quintil. cap. 4. vers. 5. Allein, die Klugheit mancher solchen critistrenden Tölpeln bestehet oft darin, daß sie eine edele Kunst zu vergringern suchen, damit sie sich nicht bey Leuten von gleichem Stof verdächtig machen, dieselbe Sach nicht zu verstehen, und ihre Ungeschicklichkeit, als auch Unwissenheit an Tag zu geben. Ja, dies ist das leichtste Mittel, denn solche einfältige Leut, um auf einmahl aus dem Traum zu kommen, gebrauchen; daß wann sie eine Sach nicht verstehen, und dieselbe ihren Witz übersteiget, so pflegen sie solche zu verachten, zu tadelen und zu vergeringeren. §. 109. Wie hoch also ein Politicus die schönen Künste und nützlichen Wissenschaften schätzen solle; haben wir schon einiger massen gemeldet (§. 32. 55. 56. 108.): weilen sie nicht allein die schönsten Zierrathen R 2 Kluge und nützliche Staatskunst / 132 rathen eines Menschen sind, sondern wegen eigenem sowol daraus zu schöpfendem Vortheil (§. 87.), als Nutzen des gemeinen Wesens und des ganzen menschlichen Geschlechts (55. 56.). Ich sage also mit Fleiß, wenn man allein bedenket, was gesagt worden (§. citat.), daß die Erkäntnüß, Gelehrtheit und grosse Erfahrung in vortreflichen Wissenschaften der vornehmste Weg ist, sich zu immortalisiren, und das Mittel, sich bey der Nachwelt einen ewigen Nahmen und unsterblichen Ruhm und Lob zu erwerben, wie wir die Erfahrung an vielen grossen Männern gehabt. Und es wäre mir hier allzu weitläuftig, nur blos die Nahmen derjenigen unvergleichlichen Geistern, (die sich in einer oder andern Wissenschaft verewiget) anzuführen. Es ist aber eine Thorheit und eitele Sach, sich blos aus solcher Absicht auf Wissenschaft zu begeben. Ein kluger Weltmann solle sich vor allen und zuerst angelegen seyn lassen, gründlich unterrichtet zu werden (§. 7. 63.), und den möglichsten Punct der Gelehrtheit darin zu erreichen, um ihme selbsten, die seinigen (ohnedem zu widersprechen, was im Vorbericht gesagt worden) und seinem Oberherren, seinem Vatterland und Nebenmenschen zu dienen und beförderlich zu seyn. Denn GRACIAN wohl spricht: daß der Gelehrte alles kan (*), und der Ungelehrte gleichet einer finstern Welt. Der geringste Tag eines Gelehrten, sagt SENECA, ist mehr werth, als das ganze Leben eines Ignoranten oder Ungelehrten, wie lang er auch schon lebet: Unus dies hominum eruditorum plus valet, quam imperiti longissima aetas. Seneca Epist. 78. Und daher spricht hierauf abermahl der spanische Staatslehrer GRACIAN in seiner politischen Schrift: El discreto. cap. hombre de plausibles notitias &c. Daß keiner als Mensch lebe, als allein derjenige, welcher gelehrt ⁕ sey ( ) In der That, es scheinet auch, daß die Idioten, so zu sagen, PLUTARCHUS hier wohl spricht: Vir literatus duplò acutius videt, Apud. Plutarch. [**] Welcher sich nemlich vor das erste auf der Weltweisheit beständig und wohl beflissen, und zwarn auf ihre vier vornehmsten Theile; Nemlich die Vernunftlehre, Naturlehre, Sittenlebre, Staatskunst, auch Meraphysic, bernach auf andere Wissenschaften, darzu er geneiges oder politische Maximen. 133 sagen, in einer zeitlich=irrdischen Finsternüß leben, und gleich einem Blindgebohrnen in der Welt so dahin leben. Der meiste Theil der Menschen bewerbet sich nur Tag und Nacht, damit sie allein ihre unersättliche Begierden, Lästern, Sinnlichkeiten und Neigungen ergötzen möchten, als im stätigen Essen, Trinken, Spielen, Divertiren, und in andern lustigen Leben, welches sie vor die wahre zeitliche Glückseligkeit rechnen, und wer ihnen von der alleinigen und wahren Ergötzlichkeit, Lust= und Süßigkeit Freunde, Nutzen, Nothwendigkeit und Kostbarkeit der schönen Wissenschaften predigen würde, diesen würden solche Bachanten vor einen Narren und Wahnwitzigen halten. Ja diese Epicurier würden jenem Weltweisen aus Griechenland vor einen Phantast, Schulfuchs und blinden Heyden schelten, welcher gesagt: daß die zeitliche Glückseligkeit des Leibs in der Gesundheit bestehe, die zeitliche Glückseligkeit des Gemüths aber in der Wissenschaft, Gelehrtheit und Weisheit. Da hingegen vieler Epicurischen Menschen ihre irrdische Glückseligkeit in der Wollust, in ihren Sinnlichkeiten unmäßigen Leben und Eitelkeiten bestehet. Kurz, es ist eine schier vergebliche Bemühung für diejenigen, der da bey solchen Menschen einen Eifer vor die Wissenschaften zu erwecken suchet. 110. Da, wie wir gesagt haben, ein Politicus sich für allen Schimpfen, Spotten und Verachtung hüten solle (§. 39. 64.), soll er sich zuvorderist abhalten von anderer Leute Schriften und Bücher, in specie allzufrey zu urtheilen, zu tadelen und zu critisiren. Es ist ja niemahlen ein Buch so schlecht, so finden sich doch Liebhaber und Hochschätzer darzu, denn in allen ist etwas gutes, vornemlich in einem Buch, welches gewöhnlicher massen mit Fleiß und Mühe verfasset worden. Der jüngere PLINIUS erzehlet, daß sein Oehme zu sagen pflegte: daß nie ein Buch so schlecht sey, daß es doch zu etwas gut seye; dicere solebat, nullum esse librum tam malum, ut non aliquâ parte prodesset. Plin. jun. Ep. 5. lib. 1. Und in der R.3 That Kluge und nützliche Staatskunst, 134 That, niemahlen ist ein Buch so schlimm gewesen, so ist doch allezeit etwas darin zur Lehr und Unterweisung übrig geblieben, nemlich, was sittliche und ehrliche Bücher gewesen. Ueberdem so ist es nicht sittlich noch rathsam, die Bücher anderer, sonderlich hoher gelehrten Leute zu censuriren und zu critisiren; weilen es eine gefährliche Sach ist, sich mit Gelehrten im Streit einzulassen, denn durch eine Linie können sie manchmal jemand mehr schaden und beleidigen, als tausend andere. Eine Wunde, so durch ein Gewehr verursacht, kan wohl geheilet werden, wer aber von einem Gelehrten einmahl verwundet worden, den kan man wohl unter die Incurablen rechnen, denn Schriften bleiben auf undenklichen Zeiten. Wir haben die Erfahrung noch täglich in unzähligen Fällen. Zu unserer Zeit ist es geschehen, daß ein vortreflicher kluger Staatsmann sich bis dahin vergessen, einen andern beruhmten Gelehrten, (auch zugleich ein treflicher Staatsmann bey einem gewissen Hofe) zu tadelen und zu verachten, um ihn bey der Welt ausser allem Ruhm, Lob und Ansehen zu bringen. Das Gegentheil ist aber erfolget, da dieser Staatsmann (der vorhin selbsten in grossem Credit, Authorität und Estime bey allen Persohnen von Distinction, und bey dem ganzen Volk gestanden) nur durch einige im Druck ausgegebene Zeilen des Gelehrten in die größte Verachtung bey der Welt gerathen, und so gar seines Lebens nicht mehr sicher gewesen. Man könte viele dergleichen Exempeln anführen, die annoch zu unsern Zeiten geschehen, allein, es hat keine Artigkeit, wenn man den Namen, und das Ort in einer Geschicht verhehlen soll; welches doch wegen Hochachtung und Ehrfurcht, jemand in specie zu touchiren einen Abscheu trage. Also soll ein jeder sich solches Critisirens enthalten, sonderlich über gelehrte Sachen, und Gelehrten fälschlich aus etwa einer Paßion, oder mit Vorurtheil zu censuriren, wenn er auch schon selbsten gelehrt ist. Man weis es ja wohl, daß allein Idioten und Unvernünftige zu tadeln gewohnt sind, denn Gelehrtheit und Geschicklichkeit hat keine grössere Feinde, als ungeschickte und ungelehrte Leute, die zuerst ihre Crisin oder Urtheil über Sachen geben wollen, welche sie im geringsten nicht verste oder politische Maximen. 135 verstehen. Ignoranten und Ungelehrte wollen allezeit besser wissen, einen wahren Gelehrten zu erkennen, als die Gelehrten selbsten. Im Gegentheil ein kluger Staatist, der sich selbsten der Weisheit und Kunst beflissen, wird wohl begreifen, wie übelanständig die Verachtung anderer Gelehrten und gelehrter Sachen seye, ja wie unbillig und undankbar es sey, die Gelehrten und ihre Schriften zu tadeln [anstatt zu rühmen]; da meistentheils ihre grosse Bemühung und unschätzbare Beschäftigung zu des gemeinen Bestens Wohlfahrt, Dienst und Vortheil abzielet und gereichet. Es dienet also hier, als in allen Vorfällen, die Haupt= und Grundregel, daß es ersprieslicher seye, alles und alle in particulari zu loben, zu rühmen und zu preisen (§. 12.); hingegen keinem ins besondere zu verachten, zu widersprechen, noch dessen Werke nach der Schärfe zu beurtheilen. (§. 39. 64.). §. 111. Ich finde es nicht vor unrathsam, daß man gleichfalls zwey Register in die Gedächtnüß habe, worinnen man beständig alle vorkommende merkwürdige Zu= und Vorfälle anzeichnet. Ein Memorial soll seyn, worinnen alle Wohlthaten, Gefallen, Gunsten, Dienstleistungen und Freundsstücke, die dir von anderen widerfahren, enthalten sind, damit du dich der empfangenen Wohlthaten zur gewissen Zeit und Gelegenheit errinneren kanst (§. 68.); da insonders die Menschen viel balder der ihnen erzeigten Wohlthaten, als der ihnen zugefügten Uebelthaten zu vergessen pflegen. Hingegen das zweyte Register soll ein anderes Memorial seyn, worinnen alle die dir von anderen zugefügte Boßheiten, Falschheiten, Hinterlist, Verfolgunzen, Feindſeligkeiten, Vervortheilungen, Zorn, Injurien, Confusionen, Affronten, Stichelworte, Verachtungen, Verläumdungen und dergleichen widrige Sachen bemerket, damit, wenn dazu durch unrichtigen Wandel Ursach oder Gelegenheit gegeben worden, forthin mit aller Sorg solche Veranlassung verhütet werde; es kan auch Zeit Kluge und nützliche Staatskunst, 136 Zeit und Gelegenheit kommen, daß, wenn dergleichen Unbilde ganz widerrechtlich zugefügt worden, ohne im mindesten etwas verschuldet zu haben, anderen zu Nutzen, solche Untreu, Unbild und Uebelthat [ohne dannoch, daß man mit unbezämten rach= oder tückischer Weis sich revangiren soll), gebührlicher Weis bestrafet werden (§. 6.). Wer also alle ihme von anderen geschehene Unbild, Schaden, Verfolgung, Betrug, Verrätherey, Confusion, Streit, Spottreden, Schmach⸗ und Feindſchaften (ſowol oͤffentliche als heimliche) großmüthiger Weis simuliret, und die Zeit einer vorhero wohlüberlegter gerechter Bestrafung erwartet, der zeiget Verstand zu haben; die Zeiten sind sehr verschieden, in einer Zeit verlachet man öfters einem, den man in einer andern Zeit förchten, lieben oder ersuchen muß, und vonnöthen hat, mithin von selbsten eine vollständige Gnugthuung vor das erlittene erfolget; also ändern sich die Zeiten, und wir verändern uns in den Zeiten; und die Menschen begegnen sich in verschiedenen Gelegenheiten. Es kan dahero nicht schaden, wenn ein Staatist eine fleisige notitiam aller merkwürdigsten Zufällen, die ihm von anderen wiederfahren, haltet theils zu seiner selbsteigener, theils zu anderer Menschen Besserung, damit nicht durch ubereilte Satisfactionsgesinnung aus kleinen Schaden ein grösserer erwachse. §. 112. Ein Politicus solle nimmer müsig seyn, noch einen Tag vorbey schleichen lassen, ohne etwas löbliches, nützliches, heilsames oder erspriesliches gelesen, geschrieben, studirt oder verrichtet zu haben §. 30.79.85.), nach Rath jenes fleisigen Mahlers, der uns diesen löblichen Denkspruch hinterlassen: Nulla dies sine linea. Keinen Tag ohne Zeile, sonderen doch etwas gutes verrichten, womit ihme selbsten oder seinem Nebenmenschen gedienet seye. Kurz, man meide alle Faulheit und Müßiggang (§. cit.), denn solcher ist nicht allein der Seelen schädlich, sondern auch dem Leibe. Hohe, vornehme, gelehrte, fromme und weise Personen haben zu Zeiten eine löbliche oder politische Maximen. 37 liche und nützliche Occupation und Geschäft gesucht, entweder in Durchlesung schöner und sittlicher Bücher, oder in einer leichten Handarbeit, damit sie doch die kostbare Zeit wohl zugebracht, und nicht der Trägheit ergeben seyen. Durch eine löblich=nützliche Beschäftigung vertreibet man alle böse Sinnlichkeiten und unnütze Gedanken. Daher die schöne Ordnung und Gebrauch, den man in den Klöstern zu haben pflegt, nicht gnug zu loben ist, wo eine jede Persohn mit etwas stets zu verrichten, beladen wird. Es ist der Müßiggang eben die Ursach und Ursprung unzähligen Lastern und Uebeln bey vielen Menschen; ja, Eitelkeit, Ausgelassenheit und liederliches Leben; wie dieses der beruhmte Italienische Poet FRANCISCUS PETRARCHA in sein em Triumph der Liebe ausdrücket: Ei nocque di otio è di lasci via humana. Allein, es ist hier der Ort noch das Vornehmen nicht, diese Moral weiter auszuführen, an ihrem behörigen Ort soll auch mit der Zeit weiter davon gemeldet werden. Was ist auch verächtlicher und sträflicher, als die Faulheit? Hernächst soll ein fleisiger Weltmann (der sich um die Gelehrtheit und gründliche Erfahrung einer Kunst oder Wissenschaft befleissen will) alle darinn vorkommende vornehmste Lehren, die er etwa von andern wahren Gelehrten höret oder lieset ad notam führen. Er soll ferner allezeit alle Kunstgriffe, Kunststücker, Remedien, Experimenten, Observationen, Secreten, Arcanen, (oder Geheimnusse) Maximen, Rubriquen und allerhand gelehrte Sachen aufzeichnen; wie auch allerhand lehrreiche Texten, Versen, scharfsinnige Sprüche, Axiomata, Symbola, Sentenzen oder Ausspruche, seltsame Historien, merkwürdige Begebenheiten und was nur dergleichen curieuse und rare Sachen sind, welche verdienen aufgeschrieben zu werden; es wird einmahl die Zeit kommen, daß er sich dieses oder jenes mit Vortheil wird bedienen können, nach dem alten Spruch: Wer heget, der nimmt wann er bedarf; gleich einem sorgfältig-sparsamen Haußwirth, der keinen alten Nagel, keinen Fetzen und Lappen, oder Stücke, was einmahl in der Haushaltung wird dienen können, wegwirft, sondern fleißig aufhebet und verwahret, bis es irgendwo zum Nutzen gereichen kan. Wel Kluge und nützliche Staatskunst, 138 Wer die Heller und Pfennige achtet, der hat Hofnung bis zum Thaler und weiter zu kommen. 112. §. Sich selber loben und ruͤhmen, ist einfaͤltig, eitel und grosse Thorheit (§. 61. 62.); aber man kan auch oft dadurch die wahre Liebe, Treu, Gunst und Wohlgewogenheit eines Freundes probiren, Dann dieweil eigener Lob bey anderen selten angenehm ist (§. 61.) so braucht man sich nur selbsten recht und mit Vorsatz in Gegenwart eines vermeinten Freundes loben und rühmen; wird er nun hierzu eine innerliche Freud zeigen; und sogar dich selber jemehr rühmen, so ist ein gutes Zeichen, wann er zuvorn kein Schmeichler oder Heuchler geargwohnet worden. Wird er aber im Gegentheil ganz confus, verblaßt und stillschweigend oder einen äusserlichen Widerwillen spühren lassen, oder dir hierin mit Fleis widersprechen, so ist es ein Zeichen, daß er deines Rühmens, Ehr und Ansehen ein Mißgönner seye, folglich wenige Liebe noch Treu zu dir hege, und also vermuthlich nur Freundschaft mit dir heget aus gewissen intereßirten Absichten (§. 81.) 113 Da man nun hauptsächlich auf die Freundschaften zu sehen muß, die man zeitlebens contractiret; weilen sie in conversatione civili und Welthandlungen ein der vornehmsten Puncten seynd (§. 81.); so handele man mit seinen Freunden (an deren Aufrichtigkeit man zweifelt) als wäre man schon vergewissert, daß sie unsere NB. In diesen letztern nachfolgenden Absätzen wird alles, was in vorigen §phen gesagt worden, ganz kurz recapitulirt oder wiederhohlet, gleichfalls einem kurzen Begrif, Auszug und Idea des ganzen Werks. oder politische Maximen. 133 sere Feinde sind, oder mit der Zeit unsere Verfolger werden. (§. 20.) Die gelehrten Politici geben dieses allgemeine principium politicum melius medium, quam praecipitia; daß es gewisser gehandelt seye, das Mittel zu erwählen, als den höchsten Punct; denn wie beschwerlich es sey, in allen Dingen der Welt nach dem höchsten Gipfel zu steigen, lehret die Erfahrung. Wie gefährlich es aber sey, wann man bis dahin gekommen, zeiget abermahl die Erfahrung von denjenigen, die bis zur höchsten Staffel der Ehre, der Reichthümer und des Glücks gestiegen, die aber auf einmahl unversehens in den Abgrund des Glücks und Untergangs gestürzet worden. (§. 16.) Eine Theilung von Güthern und anderen Sachen (da das dein und mein getroffen wird) soll man suchen in Einigkeit und Friede zu schlichten, anstatt sich darüber in Chicanen, Dispüten, Processen und Zweyspalt einzulassen, und sofort mit allen Dingen (§. 13.) man seye also friedsam und liebe die Einigkeit. §. 114. In dem Cabinet hoher Potentaten und Fürsten ist es ein vornehmer coup d'état oder Staatsgrif und Staatsklugheit; die schädliche und zuförchtende Mächte im Æquilibrio oder Gleichgewicht zu erhalten, ja diß scheinet eines der nothwendigsten Interessen der raisons d'êtat zu seyn; also auch ist es eine gefährliche und unerträgliche Sache, wenn viele in Compagnie oder Gesellschaft stehen wegen einer Handlung, Kaufmannschaft, Manufactur, Geschäft, oder wegen ein wichtiges Vornehmen, aber einer darin zu mächtig und vermögend wird, darum ist es wohl zu Zeiten rathsam, das Gleichgewicht in solcher Handlung und Geschäft zu erhalten, dieweil ansonsten es öfters um die Societät oder Gesellschaft geschehen. In allem Vornehmen, Vorhaben und Concepten, soll man sich allemahl das böseste und schlimmste vorstellen (in einigen Vorfällen aber erwähle man dasjenige, was am leichtesten vorkommt) und hernächst sich befleissen solches zu überwinden und aus dem Wege S 2 Kluge und nützliche Staatskunst, 140 zu raumen, so hat man einen glücklichen Ausgang desto geschwinder zu verhoffen, (§. 69.) darum gar zu eifrig, zu hitzig, zu scharf und unbedachtsam in seinem Thun und Werken ist nicht rathsam, sondern alles soll man wohl voraus bedencken, sich das Ende reiflich vorstellen und alles wohl vorsehen, (§. 13.) in Mangel dessen die öfters allzuspäte Bereuung folget. Mit einem Wort, man soll in allem behutsam handelen, seine Geschäfte achtsam anstellen, (§. 69.) wie die allgemeine politisch=moralische Lebens=Regel ermahnet: Bedenke wohl, wohl du thust. Also soll man niemand merken lassen, was eigentlich deine Gedanken, Meinung, Vornehmen, Vorhaben und Absicht von dieser oder jener Sach sey, davon man Kennschaft hat; oder worinn nemlich deine Wissenschaft bestehet; wohin man seine Inclinationen oder Neigungen hinstellet, was dein Verlangen ist, was man suchet, liebet, förchtet, hasset (§. 60.) und wofür man einigen Abscheu trägt. Ein sparsamer Weltmann soll sich abhalten grosse überflüßige Banquetten, Hochzeiten, Kirchweihen, Prassereyen, Balletten, Spiele, und andere verschwenderische Divertissementer anzustellen; wie auch sich von grossen Assembleen, Compagnien oder Zusammenkünften und von allerhand unnützlichen Rendez-vous hüten. Ja er solte sich solche überflüßige Tractementer als einem feindlichen Rath vorstellen, nemlich, als wann ihme solches seine Feinde gerathen, um ihn zu seinem Untergang zu führen, wie dann auch gewöhnlicher massen die Armuth, die Noth und Elend auf grosses Prassen und Schlemmen eine Folge ist. Unterdessen solle er nicht geitzig seyn, sondern gastfreygebig, nemlich, wo es die Ehr, das Ansehen, die Schuldigkeit, oder eine andere Ursach erfordert. 115. In allen Dingen das Mittel halten, ist sehr vorsichtig und vernünftig gehandelt (§. 113.); daher ist die Neutralität und Unpartheylichkeit während allen Factionen, Rebellionen, Conspira oder politische Maximen. 141 spirationen, Secten, Complotten, Kriegen und Zweyspalten das gewisseste und beste Kunststück, indem man ausser aller Gefahr und Verlust stehet; zu geschweigen anderer erheblichen Ursachen und Vortheile, die uns da verbinden, neutral und unpartheyisch zu seyn, um den allzeit zu wünschenden Frieden zu unterhalten (§. citat.). Dannoch, wann man gezwungen wird, die Neutralität aufzuheben; so ist es rathsam, sich zu der mächtigsten Parthey zu alliiren und zu vergesellschaften, mit dem ausdrucklichen Beding, daß die Allianz und Verknupfung uns nicht zu Vollbringung, Mithülfe oder Beförderung einer ungerechten Sach verbindet. Indessen, wenn man der machtigsten Parthey oder mehrist=vermögenden Gesellschaft nicht beypflichten kan oder darf, so soll man doch möglichst nichts dagegen vermessentlich vornehmen, oder allzugrob verfahren, damit man einige Auswege der Entschuldigung hernach vorbringen kan. Endlich so bemühe sich ein Staatskluger, alles zu wissen, so wohl gelehrte Sachen, als Weltsachen, dahero soll er nichts verachten, sondern sich befleissen, alles zu erfahren und zu lernen, was in vita civili kan dienlich seyn, und damit er in allem belesen, von allem gründlich und vernünftig zu discuriren weis. (§. 7. 109.) Er suche die Liebe, die Hochachtung, die Gunst und Ansehen bey allen zu erhalten, (§. 16.) welches das erste Mittel hierzu ist, wann er sich gegen jedermann hold, ehrbar, höflich, gesprächig, leicht=zugänglich (§.83.) zeiget, und mit allen freundlich, discret, civil= oder politisch umgehet, wann er jedem seinem gebührlichen und zukommenden Respect erweiset, und aller Menschen Freund zu seyn scheinet. Man kan daher also seine Feinde oder Verfolger, und alle diejenige, die man sonsten nicht wohl erdulten kan, höflich und holdselig begegnen, und ihnen ihre Freunde zu seyn bezeugen, (§. 60.) dann durch diese innerliche Gemüths=Bezwingung lehret man die rechte Kunst zu simuliren; man lehret ferner hiedurch mit andern desto klugsinniger, behutsamer und vorsichtiger umzugehen. S 3 §. 116. 142 Kluge und nützliche Staatskunst, §. 116. Da man niemand trauen soll, (§. 17.) so ist auch rathsam, einen kleinen Mißtrauen und Argwohn so gar auf seinen Freund zu haben; (§. 81.) also daß man auf jedwedem keine alzugrosse Confidenz, oder Glauben und Vertrauen haben kan. Woraus folget, daß man sich bey den größten Versprechungen (und sogar Eydschwüren) nicht solle überreden lassen, daß man dich höflicher und behülflicher, als andere, begegnen wird, da du etwa hernacher in Noth, Unglück, Gefahr oder Feindschaft gerathen soltest. Ja laß dich nicht bereden oder bethören von deinen vermeinten Freunden, daß sie dich besser als andere tractiren werden, wann du ihnen wirst einmal etwas schuldig werden und nichts mehr zu zahlen haben wirst. Darum mißtraue dich deiner Freunden und aller, es seye dann, daß du sie aus langer Probe kennest, daß sie nemlich nicht an der Geldsucht preßhaft sind. Aber mit guten und aufrichtigen Freunden und Bekennten soll man jederzeit getreu und aufrichtig handelen; (§. 68.) mit dem Beding, daß man sie aus gewisser Erfahrung, so zu seyn, befunden habe. Treu verdienet Treu, und mit aller Aufrichtigkeit belohnet zu werden. Alle Rechte, alle Gesätze der Natur, die christliche Sittenlehre, und alle Lehren der wahren Staatskunst verbinden uns, daß wir unsern wahren Freunden in Worten und Werken alle Treu, Liebe und aufrichtige Freundschaft bezeigen müssen. §. 91. Die Politici halten dieses gleichsam vor eine allgemeine Staatsund Lebens-Regel, wie dieses die Mazarinischen Rubriquen ausweisen: Daß es besser seye, einen geringen Schaden zu haben, als sich wegen Hofnung eines grossen Gewinstes in Gefahr zu setzen. Dieses politische Axioma findet in vielen Vorfällen der Welt= oder politische Maximen. 145 Weltfachen seine application und Nutzen. Ist es ja nicht manchmal tauglicher, ein kleiner Verlust, als sich in Hofnung eines guten Gewinsts in Processen; oder in andern gefährlichen critischen Händelen und verschiedenen intricaten Materien einzulassen (§. 113.). Was man durchaus gern erhalten wolle, darauf soll man keine grosse Liebe zu haben blicken lassen, bis man solches erlanget habe (§. 18.), dann da man merken wird, daß du selbes insonders zu haben verlangest, so wird man öfters dir solches jemehr weigern, oder gar abschlagen. Und was du nicht zu haben verlangest, das begehre zu Zeiten (§. 18.). Seine Paßionen, Affecten und böse Inclinationen soll man im Zaum halten (§. 87.), und wann dieselbe uns zu etwas anreizen, so soll man dieselben als Fallstricke und Verführungen verdächtig halten, und gefährlich uns auf Irrthum, Fehler, und Laster zu verleiten, dann ein jeder Mensch erkennet nicht leichte seine eigene Fehler, vielweniger die Ursache derselben (§. 4.), darum sollen uns alle Ansporrungen unserer Begierden und Sinnlichkeiten suspeet vorkommen, es seye auch worauf sie nur abzielen. §. 118. Geschencke oder Gaben kan man geben, wo es die Ehr, oder die Schuldigkeit, die Noth, oder eine andere vortheilhafte Absicht erfordert (§. 21. 37.), aber unnützlich oder unverdienter weiß, oder ohne gewisse Absicht Geschenke verehren, soll man als einen bösen und feindlichen Rath ansehen (§. 75.), und vor eine zum Untergang zielende Verschwendung halten. Ein verständiger Staatist soll immer die Beleidigung simuliren, und seinen Zorn mäßigen (§. 39. §. 111.), dann wer sich bemühet, die Bewegung des Zorns, der Rachgierig keit und anderer bösen Neigungen zu dämpfen (§. 87. 117.), der sucht sich dadurch mehrern Schaden und böse Händel abwendig zu machen, und bringt ihnen Vortheile von vielen andern nuͤtzlichen Sachen. Alle Mißgunst, Verfolgung, Verleumdung, Afterreden und Spötterey soll er verachten (§. 64.). Er soll sich bemühen, anderer Kluge und nützliche Staatskunst, 144 anderer Menschen Liebe, Treu, Gunst, Wohlgewogenheit und Hochachtung zu gewinnen, und dabey das Ansehen bey allen zu erwerben, daß er in allen Geschäften fleißig, in allen Handlungen aufrichtig, und in allen Dingen beständig getreu seyn, (§. 16. 115.) folglich soll er sich befleissen, daß er nicht von denjenigen, die ihm schaden können, den Zorn, Haß und Ungunst auf sich ziehe. Hernächst soll er sich bemühen, den nervum rerum gerendarum mit Recht und Maaß zu erwerben, zu versorgen und zu behalten, (§. 75.) auch ehrlich, nicht aber verschwenderisch anwenden, (§. 37.) daher sehe er wohl zu, wem er etwas leihe, (§. 26.) weder jemand etwas lehnen, was man gemeiniglich nicht pflegt wiederzubekommen, wie man es andern gelehnet hat. §. 119. Da viele Menschen zu diesen letzteren Weltzeiten sehr falsch und arglistig sind (§. 48.); so soll ein vorsichtiger Staatskluger, (wann er mit Vernunft argwohnet, Feinde zu haben) allen heimlichen Nachstellungen, tückischen Verfolgungen und hinterlistigen Feindseligkeiten zu entgehen, sich höchst befleissen, daher soll er sich aller Vertraulichkeit enthalten, sonderlich gegen diejenige, die ihm nur etwas suspect vorkommen. Oefters geschiehet es, daß man dir allein nachstellet, um dich mit den Reden oder Thaten zu fangen, so muß man alsdenn sich wohl vorsehen (so wohl in Gebarden, Affecten, als Reden) und die verborgene Gemüthsneigung möglichst verdecken. Alle falsche, boßhafte und arglistige Gemuther fliehe, als tollmüthige, trotzige, freche, unverschämte, ausgelassene, aberwitzige, wie auch mit allen zänkischen, rachgierigen, neidigen, desperaten oder vermessene, unzuchtige und liederliche Gemüther habe nichts zu schaffen, denn sie sind alle gefährlich. Anbey auch die in allem unmässige Leute, so da nur Wollust, Fresserey, Saufen, Tanzen, Spielen und Prasserey suchen. Endlich solche boßhafte Gemüther, die gegen ihren Herrn, oder gegen dem Volk und Nächsten tyrannisch, grau⸗ oder politische Maximen. 145 grausam oder unbillig und ungerecht, kan man bey der Welt verhast machen, und von ihren Aemteren und Diensten ohne Remißion absetzen, damit sie in sich gehen, sich besseren, hinführo auferbaulich leben, und durch ihre Straf ein Exempel statuirt werde. §. 120. Hat man aus menschlicher Schwachheit einen kleinen Fehler begangen, indem Fehlen und Irren menschlich ist, so soll man dieselben verhehlen und corrigiren. Ist er aber offenbar, so soll man ohne Scheinheiligkeit eine desto grossere Begierde zeigen, zu Verrichtung ehrbaren und guten Werken, um die begangene Gebrechen hiedurch in der Gedächtnüß der Menschen auszuwischen, und durch auferbaulichen, sitt= und tugendsamen Lebenswandel in Vergeß zu stellen. Ein gewissenhafter Staatskluger soll seine Parole oder Wort und Versprechen anderen unverbrüchlich halten (§. 49.). Die Falschheit und den Betrug soll er hassen, und die Aufrichtigkeit und Wahrheit lieben, deswegen aber nicht jedem zu glauben, sondern die Wahrheit erforschen, vornehmlich von denjenigen, die in wenigem Credit und Glauben stehen, und die der Lugen und des Betrugs gewohnt, und dafür reputirt seynd. Die Lugen und Untreu hasset ein jeder, hingegen liebet man die Wahrheit allenthalben, und dannoch werden gethane Versprechen und Versicherungen wenig vollbracht; ja auch öfters am wenigsten von denen, so sie am meisten zu observiren sich verbunden erkläret haben. §. 121. Dafern ein Politicus nicht allein von vornehmen Herkommen und Familie herstammet, sondern auch in vortreflichen Wissenschaften gründlich erfahren und gelehrt ist, auch in schönen Sitten, preißwürdigen Tugenden und manierlichen Lebensart qualificirt ist; so soll er eine Ehrenstelle, hohes Amt und Würde zu erlangen, sich bemühen; 146 Kluge und nützliche Staatskunst, hen; dieses aber, worzu er inclinirt, und sich geschicklich und fertig gemacht hat (§. 7.). Es sey dann eine Ehrenstelle und Officium im geist⸗ oder weltlichen Stand, im Civil⸗ oder Militair⸗Leben, nemlich in einem Staat, oder im Krieg, oder an einer Regierung, oder Magistratur, oder im Commercien=Wesen, und sofort in allen Ständen, nachdem es die Zuneigung und Gelegenheit zu diesem oder jenem Stand giebt. Demnach aber, wann er eine Dignität oder ein Officium erworben, so solle er in allem zufolg seinem Caracter, Qualität und Condition leben und sich aufführen (§. 1. seqq.), vorderist soll er sich befleissen, sein Amt und Pflicht mit genauester Richtigkeit zu versehen und zu betretten, damit keine Klagen weder von dem Oberherrn, weder von den Unterthanen und gemeinen Wesen gegen ihn mit Fug und Recht gemacht werde. Darum soll er erstens des Herrn sein Privat-Interesse zu suchen trachten, anbey des gemeinen Bestens Wohlfahrt zu beförderen sich beeiferen, inzwischen soll er des Seinigen auch nicht vergessen, was ihme von rechtswegen zukommt (§. 22.). §. 122. Man soll sich in die Zeit und in die Leute schicken (§. 84. 90.), darum muß zu Zeiten der Mensch gewisse Gemüths-Bewegungen und Gebärden an sich nehmen, ja gänzlich seine Affecten verstellen oder simuliren, und sich nach dem Wind und Wink zu drehen wissen, aber zu Zeiten soll man auch hinwiederum seine Gravität und Authorität behalten, und nicht thun, wie etliche Windauffänger, die in allen ihren Bewegungen nur lauter verstelltes Wesen, affectirte Minen, und theatralische Manieren machen. Solche Personen sind Sclaven in ihrer eigenen Persohn, indem sie sich also in einer immerwährenden Verstellung und simulirten Aufzug regelmäßig hervorzeigen müssen (§. 69. 85.). Ein Weltmann soll wohlanstandige Manieren, eine civilisirte und moralisirte Lebensart besitzen. 123. oder politische Maximen. 147 §. 123. Insonderheit bemühe sich ein Politicus, alles Argdencken oder Argwohn von ihme abzuwenden, und alle Aergernüß oder böß Exempel zu meiden, dann dieses sind die ersten Ursachen, ihm alle seine Authorität und Ansehen auf einmal zu benehmen. Insonderheit, wann er in officio publico stehet, so solle er anderen zum Beyspiele, gutes Exempel zu geben, dienen. Seine Andacht, Frömmigkeit und gute Werk verhehlen, ist sittsam, und eine Anzeige eines wahren frommen gottesförchtigen Menschen (§. 44. 46.), der von aller Hypocrisie oder Scheinheiligkeit entfernet ist, aber seine Tugenden und gute Sitten soll man nicht allezeit verdecken, damit man auch nicht vor gottloß und boßhaft ausgeschrien werde; indessen aber auf dieselbe Tugenden keinen Hoffart treiben, sonsten ist der Verdienst bey GOtt und der Welt verlohren. Hernach soll ein Weltweiser Politicus in Religionssachen oder GlaubensArtickelen fleißig zu folgen bedacht seyn; nemlich bey allen und jeden Verrichtungen fromm, andächtig, gottesförchtig, sittlich und tugendsam zu leben (§. 66. 105.) und zu sterben, (*) dann ein Staatskluger bedarf sich keines wahren Glücks in hiesiger Welt (und folgenden Heyls in der andern) versichern, wann er nicht nach einer wahren christlichen Sittenlehre und zufolg den Gebotten GOttes seinen Lebenswandel einrichtet. Dieses zu beweisen, habe ich gnugsame vernünftige Gründe und unwidersprechliche Proben, ohne mich auf Theologisch und moralische Principia (da sie doch die gewissesten, und allen andern weit vorzuziehen sind) zu berufen. Erstlich: Man kan T 2 keinen [*) Ich sage dieses allhier mit Fleiß und wohlgemeintem Ernst; und ohne die Rationes, [welche ich allegiren werde, um zu probiren, was ich jetzo gesagt] so könte ich unzählige Exempel anführen, dieweilen selbe öfters mehr Impreßion oder Eindruck in die Gemüther der Menschen haben als die unüberzeugende Rationes und Gründe, und schöne moralische Anmerkungen beyzufügen wären, allein die Zeit erlaubet es anjetzo nicht. 148 Kluge und nützliche Staatskunst, keinen grossen Glauben auf einem Menschen stellen, der da gänzlich seine Schuldigkeit gegen GOtt und seinen Gebotten vergessen. Es ist ja also zu schliessen, daß er je balder dasjenige nicht halten wird, was er uns in Treu, Aufrichtigkeit und Wahrheit zugesagt und zu thun schuldig ist. Zweytens, ist es ein schlechtes Mittel, die Liebe und Hochachtung der Menschen zu erwerben, wenn man den Rahmen hat, unfrom, ohne Gottesfurcht (und ohne wahren Eifer zum Gottesdienst) zu leben, und hingegen böß= und lasterhaft zu seyn. Die Unfrömmigkeit, Unandacht, Gottlosigkeit und liederliches Leben besitzen diese Eigenschaften, daß alle Welt vor solchen einen Abscheu tragt, sogar diejenigen, welche in der meisten Unordnung leben. Drittens, daß man umsonst vor einen ehrlichen Mann respectirt zu werden suchet, wann man kein christlich=auferbauliches Leben führet, noch gutes Gewissen besitzet. Es ist gewiß umsonst, alle Afferey und Simulirung, ja vergeblich all angenommenes Wesen, wann man bey der Welt den Nahmen eines kalten Christen, eines Libertiner (oder Freygeist) eines machiavellischen Politici, oder gar eines Atheisten (der ohne GOtt und Gebott lebet) führet. Man findet sogar gewisse Narren, die sich sogar bis dahin vergessen, daß sie sich es vor eine Ehre schätzen, ein kalter Christ (wie man in gemeiner Redensart zu sagen pflegt) zu seyn. Wie kan doch aber ein Mensch so schwach und gewissenloß seyn, daß er sich einbildet, ihme einen Ruhm durch seine Boßheit und tadelhaftes Leben gewinnen zu können. Wer dann die Nahmen eines wahren Staats= und Weltklugen, eines recht christlichen Politici gewinnen willt, der sey gewissenhaft und lebe ordentlich nach den Geboten Gottes, und Gesätzen der wahren Kirchen, und von GOtt offenbarter Religion (§. 105.), so wird er von allen wahren Christen jemehr hochgeachtet und respectirt werden, auch von GOtt zweyfache Belohnung zugewarten haben; ja er wird alsdann mit Recht den Titel eines grossen Staatsmanns, oder Politici und vortreflichen Weltweisen verdienen. §. 124. oder politische Maximen. 149 §. 124. Ein gewissenhafter mit gesunder Vernunft begabter Politicus bedenke ferner, was es ihme helfen wird, wann er vor eine so kleine Zeit seine Lust, seine Sinnlichkeiten und allen bösen Willen hier in der Welt ausführen und dieselben gnug thun wird, hernacher aber in der andern Welt dafür wird ewig und ewig leiden müssen. Derhalben ist diß billig eine unbeschreiblich=nutzliche Lebens=Regel, die ein sittsamer Staatsmann allezeit vor Augen haben soll, und ohne Ablaß sich derselben erinneren; wann der geistreiche Kirchenlehrer Augustinus von der Weltlust spricht: Momentaneum est, quod delectat, aeternum quod cruciat. Augenblicklich ist die irrdische Lust, womit die Welt scherzet, aber ewig die Schmerzen. Da nemlich diß zeitliche Leben der Menschen ein elendes Leben, dabey gar kurz ist; ehe man sich vorsiehet, kommt der Todt heran, [welchen kein Kunstgrif noch Weltliste, und Staatsklugheit, noch Ansehen, weder Vermögen und Macht abwenden kan) wornach der Menschen Werke und Thaten ohne Einsehen gerichtet werden, welchemnach erschröckliche Strafen und Peinen für begangene Saumseligkeiten werden auszustehen seyn, und vor die geringsten Laster und Sunden ewige Busse erfolgen wird. §. 125. Es ist nicht rathsam, Sachen zu begehren, welche durch lange, beschwehrliche und verdrüßliche Wege mussen erhalten werden, und wann man schon halb versichert ware, solche zu gewinnen, so ist es T 3 besser, [*) Ich weiß voraus, daß dergleichen Anmerkungen einem vorwitzigen Leser vielleicht nicht angenehm seyn werden, ja überdrüßig seyn. Solche Anmerkungen aber sind die heilsamsten, nothwendigsten und nützlichsten Da Christliche Staats=Leuthe ihnen das folgende Ewige bey Verrichtung aller Werken reiflich vorstellen sollen, und zuvorn alle ihre Handlungen, Maximen, Jntriquen und dergleichen auf dem Probierstein eines wohleingerichteten gewissen Versuchen müssen. 150 Kluge und nützliche Staatskunst, besser, daß man sich der allerkürzesten und leichtesten Mittelen gebrauche (§. 114.). Wann man mit andern spricht, so sey man behutsam im Reden §. 2.) spricht man aber von andern, so rede man nichts böses, sondern alles gutes von ihnen, auf das nichts böses rapportirt oder wiedergesagt werde, und wie zuweilen zu geschehen pflegt, damit kein Verräther, Ohrenbläser, Rapportenträger etwas fälschlich beyflicken kan. Und was man heimliches redet, soll jederzeit an einem Ort geschehen, wo niemand etwas davon hören kan (§. 1. 2.). Man kan sich nicht gnug in Obacht nehmen in den Reden, daher allemahl die Zeit, die vorkommende Sachen und die Person, mit welcher gesprochen wird, zu observiren seynd (§. citat.); damit was man redet, nicht kan übel angedeutet oder ausgelegt werden, oder damit nicht ein dritter, den man vielleicht zuvorn nicht wahrgenommen, alles höre, was da heimlich gesprochen worden. Man soll ferner allezeit bey andern solche Sachen reden, die man allezeit wahrmachen und behaupten kan, dann es geschiehet öfters, daß man hernach in Feindschaft mit demjenigen gerathet, bey welchem man vielleicht unbehutsam etwas ungebührliches von andern gesprochen, so pflegen solche Ohrenbläser alle die geschehene Reden zu übertragen, um sich zu rächen, ja annoch oftermahlen viele falsche Dinge aus Haß, Rachgier und Boßheit darzusetzen. In Summa, vor allen unbesonnenen, unverschämten, ärgerliche, injurieuse und verläumderische Reden (als auch für Schwätzhaftigkeit und ungebundene Offenherzigkeit) soll man sich allezeit und aller Orten enthalten (§. 2. seqq.), so hat man niemahlen etwas zu verantworten, und man bezeiget Verstand, Tugend und gute Sitten. §. 126. Alle Gaben oder Geschenke, die man von andern verehret bekommt, soll man loben (§. 61. 62.), auch so gering sie nur sind, und in einem Wort, alles, was man nur von andren empfängt, soll man preisen und rühmen, hiedurch gewinnet man das Ansehen dank⸗ oder politische Maximen. 151 dankbar zu seyn. Zuweilen geschiehet es, daß einige dein Gemüth und deine Neigungen auskundschaften wollen, so pflegen sie deine Werke aus solcher Absicht gleich zu tadelen, oder zu loben, diesen must du wissen zu begegnen (§. 59.) mit tyrannischen, barbarischen oder grausamen Gemüthern soll man nichts zu schaffen haben (§. 119.), wie auch mit allen Geitzhälsen, Wucherern, Gewinnsüchtigen, Eigennützigen und sehr Intereßirten Menschen, dann ihre Freundschaft und Conversation ist gefährlich und auch öfters schädlich, und daher höchstens zu meiden. §. 127. Ein grosser Staatsmann, nemlich der Alphonsus der Weise, König in Spanien, hat mit Recht gesprochen, daß die Feder mehr Plätze gewinnen und die stärksten Festungen einnehme, als grosse Macht und Waffen, dieser Sinn und Denkspruch ist wohl gegründet, da die alten und neuen Historien uns unzählige Exempeln an die Hand geben, wie oftermahlen kluge Hof-Politici und Staatsministern mit seinem Federzug, mit einer listigen Intrique, mit einer subtilen Maxime, mit einem spitzfindigen Staatsstreiche, und hochzubewunderenden Kunstgrif mehr ausgerichtet haben, als ein KriegsHeld mit einer grossen Macht hätte zuwege bringen können. Daher hiehin diese Rubrique gehöret: Daß Monarchen, Magnaten, Regenten, Republiquen und Magistraten weltkluge Staatisten oder erfahrne Politicos, und trefliche Räthe haben sollen. Was ist demnach einem Reich, eine Staat und Republic nothwendiger und dienlicher, als kluge, vorsichtige und gelehrte Staatsleuthe (*), die dem Monarchen, Fürsten und der Republic oder dem gemeinen Consiliarii sunt viri periti, fidique, qui salutaria principi consilia bello paceque suggerunt. Hi principibus omnino sunt necessarii. Quippe tantae molis, quanta in Reipubl. administratione est, principis und 152 Kluge und nützliche Staatskunst, gemeinen Wesen mit fleißiger Obsicht und gutem Rath beständig an die Hand gehen können: Omnia regna, civitates, nationes usque eo prosperum imperium habuerunt, dum apud eos vera consilia valuerunt. Salustius in fragmentis. Darum haben allezeit die weisesten Monarchen (die da selbsten kluge Staats=Leuthe und aus der Staats-Wissenschaft ersehen, wie unentbehrlich ihnen und dem gemeinen Wesen gelehrten Politici seyen) sich befleißiget, vortrefliche Staatsmänner und Räthe zu haben (*). Ist nun aber ein Politicus von einem Fürsten oder Republik zu einem gewissen Amt erhoben, so bemühe er sich allmöglichst und durchaus des Fürsten oder der Republic Aufnahm, Wohlfahrt und bestes Vortheil zu suchen (§ 121.) ja er solle auch sein eigenes Interesse und Affairen auf die Seite stellen, wann Staats-Geschäften zu verrichten seynd, und in CabinetsSachen seye er geheim und verschwiegen (§. 77. 78.). Er sorge nichts zu vernachläßigen, und hiedurch prävenirt zu werden, sondern, daß alles richtig bestellt sey. §. 128. unius mens nequaquam est capax; jus omnibus ex aequo & tot difficultatibus ac negotiis est respondendum. &c. Accedit quod per consiliarios majorem sibi princeps apud subditos conciliet auctoritatem, quod ea justa esse credant, quae ex prudentum Consilio virorum ille facit, aut dicernit. Vernul Instit. polit. seu Elem. civil. Doct. de Consiliar. tit. 1. art. 1. [*) Dieses hat unter anderen Staatsklugen Potentaten und Fürsten der vortrefliche König Matthias in Hungarn wohl eingesehen und verstanden, da er diesen Denkspruch hinterlassen, wie Gracian meldet: les Rois doivent se concilier la faveur des bons Ecrivains. L'Hom. de Cour. de Gra. par de la Houss. maxim. de mat. Roi. d' Hong. pag. 327. Daß Könige und Fürsten sich um die Gunst und Freundschaft guter Scribenten und vortreflicher Gelehrten bewerben sollen. oder politische Maximen. 153 §. 128. Wan einem Politico annoch nach Verrichtung seiner täglichen Geschäfte und Occupationen einige müßige Stunden oder Zeit übrig bleibt, so soll er doch beständig die Zeit anwenden auf Lesung der Bücher und Studirung der Wissenschaften und Sprachen (worauf er sich zuvorn applicirt) damit er in beständiger Uebung und Qualification verbleibe (§. 30.), oder daß er zu seiner Gemuths=Ergötzung allerhand wahre Historien (sowol geistliche als weltliche; sowol moralische, physicalische, als civil= oder politische, und sowol alte als neue Weltgeschichten) lesen, sintemahlen er weit mehrern Nutzen davon tragen wird, als mit Durchlesung buhlerischer Romanen, Liebs=Geschichten, Gedichten und unsittlichen Fabeln. Dann was manche schone Sitten-Lehre, vernünftige Lebens-Regeln, ungemeine Staats-Klugheit, verschlagene Regierungs-Gesätze, subtile StaatsGriffe, [coups d'êtat] und kluge Exempeln wird man in den aufrichtigen Geschicht-Büchern finden, welche hernach in allerley Vorfälle und Zufälle in dem gemeinen Leben von einem fast unschätzbaren Nutzen seyn werden. Daher verderben alle diejenigen die Zeit schändlicher weiß, welche dieselbe zubringen, mit Durchlesung garstiger Fabeln, Romanen, Zotenbüchern, und anderer unnützen Schriften, dieweil man mehr Lügen, Betrug, Boßheit, Thorheit, Eitelkeit und Untugend daraus erlernen wird, als man Wahrheit, Auferbaulichkeit, Weisheit, Gottesfurcht, Tugend und gute Sitten daraus schöpfen wird. Ja man seye versichert, daß was sich gutes und sittsames in dergleichen Büchern und Gedichten zufälliger weiß finden solte, daß wird auch gewiß in andern ehrlichen Schriften und wahren Historien zu lesen seyn. Ein kluger Staatist soll keinem Augenblick unnützlich vorbeygehen lassen (§. 30. 79. 112.), sondern immer ein schönes gelehrtes Buch an der Hand haben, damit er darin lesen kan, wann alle nothwendie Geschäfte, Studien oder Pflichten versehen sind. Indessen kan er etlichemahl eine Veränderung, Erquick-Stunde und Gemüths-Ergötzung brauchen, nach dem bekannten 154 Kluge und nützliche Staatskunst, ten Vers: Interpone tuis interdum gaudia curis &c. Dann das Gemüth begehret und soll auch sowol seine Ruhe und Erquickung haben, als der Leib, aber dieselbe soll doch nicht zu lang anhalten, damit keine Nachläßigkeit der Kost= und unschätzbaren Zeit uns betrüge. (§. 79.) §. 129. Ein Weltkluger hüte sich für gewinnsüchtigen und intereßirtem Spiele, sowol vor sich selbsten, als sich mit gewinnsüchtigen Spielern zu vergesellschaften (§. 30.). Mit albern, einfältigen, groben, ungeschickten, unhöflichen und unsittsamen Leuthen (die keine Discretion, Respect oder Einsehen vor diejenige haben, gegen welche sie unterthänig zu seyn schuldig sind) habe er nichts zu schaffen (§. 119.) aber mit getreuen, höflichen und discreten Menschen, welche da besonders eine schöne Lebensart und sittliche Manieren besitzen, kan man ohne grosse Affection und Simulation umgehen, weilen diese gewöhnlicher massen, jedweden nach seinem Stand, Herkommen und Eharacter zu ehren und zu respectiren wissen. Man erkennet leichtlich und öfters aus der äusserlichen Lebensart, Gebärden und ganzem Wesen, woher einer entsprossen, und wer er sey, ob er von schöner Familie herstammet, oder ob er von groben, ungeschickten Eltern und unter dem Gepöbel auferzogen. Die schönen Sitten, die guten Tugenden, und höfliche Lebens=Geschicklichkeit sind klare Anzeigen einer rechtschaffenen Auferziehung; die Grobheit aber und Ungeschicklichkeit bezeiget das Gegenspiel. Bey allen Menschen finden sich noch gnugsame Semina der Ehrbarkeit, der Ehrfurcht, der Belebsamkeit und Höflichkeit. Allein es fehlet den Menschen oft an guter Aufführung und Unterweisung in der Jugend (welches doch einer der vor nehmsten und nothwendigsten Puncten ist) woran entweder die Eltern oder die Obsichter der Jugend es oft verfehlen. Auch wohl kan der Mensch eine schöne Lebensart in seinem angewachsenen Alter vernachläßigen und grobe Fehler darwider begehen, und diß kommt her von besondern Ursachen. Als zum Exempel, allzugrosse Wohlfahrt, Gluck und Reichthum ist öfters die Ursach, daß mancher sich oder politische Maximen. 155 in Stolz übernimmt, andere verachtet, und ihnen den zukommenden Respect verlieret. Oder ein hohes Ansehen, Herkommen, Würde und Ehrenstelle, oder grosse Gelehrtheit, Erkäntnüß, Klugheit und Erfahrung in allen Disciplinen und Wissenschaften sind eben auch zuweilen Ursachen, dadurch mancher die Demuth vergist und in Hochmuth, Trotz und Hoffart steiget, und durch eine eitele Einbildung endlich die gebührende Veneration und Hochachtung gegen anderen im Wind schlägt. Ja die blose Einbildung und Präsumption ist gnug, manchen brutal, indiscret, trotzig und stolz zu machen, daß er nicht einmal gedenket, woher er gekommen seye, und wohin er wieder zurückgehen werde. Endlich so soll ein Politicus niemahlen anderen etwas vorschreiben, commendiren oder befehlen (§. 65.), nemlich über welche er nichts zu sagen noch zu befehlen, oder einige Herschung besitzet. Er soll auch niemand ermahnen oder corrigiren uber Fehler, Gebrechen und dergleichen, wann er nicht darzu bestellt ist (§. 12. 57. 65.), dann durch solche Präsumptionen wird man gemeiniglich bey denjenigen verhast, denen man etwas ohne Authoritat und Vollmacht vorschreiben, befehlen oder ermahnen, corrigiren, und also zu sagen, über andere herrschen wilt. Solchermassen pflegt es oft zu geschehen, daß sich einige Nasenweise durch eitele Einbildung unterstehen, andern Lehren und Ermahnungen vorzuschreiben, oder über Sachen zu corrigiren (ohne nicht allein darzu authorisirt und bevollmächtiget zu seyn, sondern, ohne die Sachen besser zu verstehen, als diejenigen, denen sie etwas vorschreiben wollen. Ja solche einbildische Leute werden nicht allein bey andern verhast, sondern auch verlacht und verspottet, da sie andern eine Sache lehren oder vorschreiben wollen, darin sie selbsten ungelehrt sind; oder wann sie andern gute Ermahnungen geben, und uber Fehler bestrafen wollen, da vielleicht sie selbsten mit mehreren Gebrechen behaftet sind. 130. Endlich, wann ein Politicus ihme selbsten zu rathen und sich von aller Gefahr zu befreyen sucht; so glaube er keinem (§. 9. 27.). So dich jemand lobet, so bilde dir em, daß er deiner spotte, weilen U 2 Schmei Kluge und nützliche Staatskunst, 156 Schmeicheley und Fuchsschwänzen dahinten seyn kan, zum wenigsten, da du argwohnest, daß man dich rühmet und preiset nicht aus aufrichtiger Liebe und Wohlmeynung, sondern spottweis und aus Heucheley. Und ich rathe dir getreulich, daß wann du jemanden unterweilen lobest, und dessen tugendsamen oder heldenmüthigen Lebenswandel rühmest, daß es geschehe um eine Begierde, zur Nachfolgung zu erwecken, und nicht um Fuchsschwänzerey oder Gleißnerey zu treiben; daß es geschehe, um das Gute und Preißwürdige in einem Menschen zu loben (§.65.), und diejenigen zu preisen, welche es mit Grund und Recht verdienen, nicht aber um zu schmeichelen. Diß ist unsere Meinung, zugleich unser wohlgemeinter Rath; dann es wäre ein grosses Laster, die Heucheley und Schmeicheley zu lehren, und der ganzen Welt vorlegen lassen, da ich dieselbe so hoch in anderen bestrafe und tadele. Man lobe, weder verachte sich nicht selbsten (§. 61. 62.), wie auch seiner eigenen Werken und Thaten soll man sich nicht gerühmen, weder auch dieselbe critisiren oder tadelen. Man simulire und dißimulire alles (§. 9. 59. 60.), aber nach Ermahnung des gelehrten Staatsverständigen Professoren VERNULAEI: sit tamen Dissimulatio salvâ virtute. Zeige dich, ein Freund aller und jeden zu seyn; vorderist aber gegen deine Feinde, und gegen diejenigen, gegen welche du einen besondern Abscheu hast (§. 14. 23. 35.). Erzeige einem jeden alle Ehr, Respect und Veneration nach Standes Gebühr. Sehe beständig auf das, was du redest, (§. 1. 3.), und was du verrichtest, nemlich, wo, wann, wie und womit, auf daß es nicht jemand höre oder sehe, die du nicht wahrnimmst (§. 105.). §. 131. Lerne dich selbsten und andere wohl kennen (§. 1. seqq.), hernächst fleißiglich die Gemüther anderer, mit welchen du zu schaffen verbunden bist, zu entdecken (§. 311.), damit du wissest, mit wem du umgehest, und wie du ihn begegnen sollest. Alle, und alles, so viel es ein aufrichtiges Gewissen erlaubet, sollst du loben, preisen, ruhmen, gut heissen, und keinem, wohe es besondere Verbindlichkeit oder politische Maximen. 157 keit nicht erheischet, contradiciren (§. 12. 16. 130.), darum rede man weder übel noch boͤses von jemand; vornemlich aber spreche nichts boͤses noch ungebührliches von deinen geistlichen- und weltlichen Oberen, sondern alles gutes von ihnen mit allem Respect und schuldiger Ehrfurcht; daher folget beständiger Fried und Einigkeit zwischen der Obrigkeit und den Unterthanen. Du sollst auch nichts ungebührliches von denen reden, davon du einigen Dienst, Nutzen, Gewinn, Gunst, Gefallen oder etwas vortheilhaftes zu verhoffen habest. Ohnfehlbar sollst du deine Geheimnüssen und Wichtigkeiten vor allen verborgen halten, dann wann man andern etwas geheimes entdecket, so bringt man sich selbsten in Verdacht und Argwohn, daß, da man seine eigene Heimlichkeiten nicht verschweigen kan, man folglich die Geheimnuͤssen anderer vielweniger nicht verborgen halten koͤnne (§. 10. 20. 77. 78.), und erinnere man sich dessen, was der scharfsinnige Staatsmann und Sittenlehrer FREDRO spricht: Tuum secretum erit clausum, si tibi soli apertum. Fred. monit. polit. moral. part. 4. num. 59. auch verlange nicht, daß andere dir etwas geheimes von grosser Wichtigkeit offenbahren, dann es ist öfters mehr Gefahr als Vortheil dabey. §. 132. Schließlich soll man sich vor alle wohl vorsehen und keinem zu viel trauen (§. 12. 48.); wie ein kluger vortreflicher Politicus also rathet: Fidus enim, cum hodie nullus sit, cur ipse fidem praestet aliis? cur animum suum alicui credet, qui ab aliis sibi metuat, potius, quàm fidos opinetur? Demnach lebe mäsig und ordentlich (§.29.). Wann andere glücklich sind, so zeige keine Mißgunst (§. 23.), und woferne sie unglücklich sind, so lasse darum keine Freude blicken. §. 1 Insonderheit sollest du niemand betrügen, sondern mit allen aufrichtig umgehen. Nicht belästige noch beschwäre allzuviel deine Knechte, Dienstbotten oder Unterthanen. Haben wir SchulU. 3. Kluge und nützliche Staatskunst, 158 Schuldener; so soll man dieselbe, wann an ihnen keine offenbahre Boßheit zu bemerken, nicht quälen noch tyrannisiren, sonderen mit ihrem guten Willen möglichste Gedult haben (§. 37.). Man soll nicht stolziren noch prahlen über seine Kunst, Wissenschaft, Gelehrtheit, Adel, vornehme Herkommen, Reichthum, Würde, Ehrenstelle u. s. w. (§. 61. 62.), sonderen sich von aller prahlerischen Ruhmredigkeit abhalten; kurz, hüte dich vor allem Hochmuth. 134 §. Erwählte die Tugend und guten Sitten; bewahre dich vor Schwätzhaftigkeit (§. 45.), vor albere Offenherzigkeit und Unbesonnenheit (§. 10. 130.). Entferne dich von aller Unverschämtheit, Frechheit, Tollkühnheit, und Frevelmuth. Hüte dich vor unmäßiger Fresserey, Trunkenheit, Zeitverschwendung, und vor der Gemüthsart eines liederlichen Menschen. Hasse alle Schmeicheley, Heuchelung und Scheinheiligkeit (§. 14. 28. 65. 74. 130.). Fliehe allen Streit und erwähle den Frieden. Hasse den Geitz und allzugrosse Begierde zu den zeitlichen Dingen. 135 Endlich folge in deinen Reden und Werken, und in allen deinem Thun und Lassen, dieser lehrreichen Aussprüche der Weisen: weiſt. 1. sage hörest. 2. glaube kanſt. 3. thue nicht alles, was du leſeſt. 4. wisse hast. 5. gebe 6. urtheile ſeheſt. Das erstere zeiget Thorheit an, wann wir alles entdecken wollen, was uns bekannt ist. Zweytens, wann wir alles glauben, was uns zu Ohren gebracht wird, und ein Placeho abgeben, so bedeutet es eine Leichtsinnigkeit und Wahnwiz. Drittens, wann wir alle unsere Kunst und Geschicklichkeit auf einmahl an den Tag geben, so scheinet es ein Hoffart, Ehrgeiz oder Ruhmredigkeit zu seyn. Viertens, lesen wir etwa oder politische Maximen. 159 etwa unnütze Schriften, leichtfertige Bücher, abergläubische Lehren und dergleichen verführerische Sachen, so entstehen bey uns öfters vielerley Laster, Fehler und Irrthümer. Fünftens, wenn man allzu freygebig ist, so entstehet öfters daher eine Verschwendung, insonderheit, wann man zu freygebig, wo es sich nicht gebühret, und die es nicht verdienen. Sechstens, da wir alles urtheilen, was wir sehen, ohne den Grund davon zu wissen, so begehet man eine Verwegenheit, und Unbesonnenheit, dann zu Zeiten sind unsere Urtheile sehr falsch und ungegründet (§.73.), da die Sach ganz anders in sich beschaffen ist, als wir uns embilden, und uns dieselbe vorstellen. p. 136 Es bleibt nur hier annoch anzumerken, daß wer seinen Stand zu einer gebührlichen hohen Staffel hingeführet, daß er wolle damit zufrieden seyn, und sich mit seinen gegenwärtigen Glückeszustand begnugen (§. 89.). Dann derjenige, der in Ruh und Zufriedenheit leben kan, begehet Thorheit und Eitelkeit, wofern er nach mehreren strebet, und sich gar der allzugrossen Liebe des Irrdischen selavischer weiß unterwirft. Man muß allen Ueberfluß der zeitlichen Ehre und der weltlich=unbeständigen Reichthümern mit einem großmuthigen Herzen verlachen, und mit dem was GOtt gegeben, sich begnügen lassen (§. 32.). 137. §. Welcher mit dem zufrieden ist, was ihme durch GOttes Segen bescheret worden, dieser, sage ich, ist der allerglücklichste, allerreichste der Welt, dieser besitzet alle Schätze und Reichthümer dieser Welt (§. 32.). Dann die zeitliche Glückseligkeit bestehet ganz allein in der Gedult, Zufriedenheit und Vergnügung des Gemuths, aber nicht in der Menge der zeitlichen Ehren; in dem Ueberfluß der irrdischen Güthern, wie dieses blinder weiß, einige Epicurische Geister geglaubet. Kurz zu sagen. Derjenige, welcher nimmer zufrieden ist, wird allezeit arm und elend seyn, wann er schon bis über den Kopf mit Reichthümern und Ehren wird überhäufet seyn §. 32. 58. 89.136.). §. 138. Kluge und nützliche Staatskunst, 160 §. 138. Schlüßlich sey hiemit ermahnet, daß du den Armen helfest, und denen, so in Noth und Bedrängnüß stehen, verthädigest (§. 19. 22. 26. 54.); daß du ihnen allezeit wollest Gehör geben, und ihr klägliches Anbringen mit guten trostreichen Worten begegnest; ihnen ein hülfgeneigtes Gemüthe zeigest, dann hievon wirst du Ruhm und Hochachtung erhalten, ja sie niemahlen ungetrost von dir abgehen lassen. Insonderheit aber sollst du vornehmen und vortreflichen Standspersohnen, die etwa durch Unglück und Zufälle im Rückstand und Dürftigkeit gerathen, Hülfe leisten, und ihnen in ihrer Nothdurft beyspringen. Die Erfahrung lehret es zur Gnüge, das derjenige, welcher den armen und nothbedrängten nach seinem Vermögen beystehet, nicht verarme, sondern das viel eher seine Reichthumer und Vermögen zunehme. Man könte hievon viele Beyspiele zum Beweiß anführen, allein es ist hier der Ort nicht. Mit einem Wort: es ist eine heilsame Lebens=Regel, und nichts schier so ersprieslich zur Gewinnung der Gemüther, als da man den nothleidenden, wie gering sie auch seyn, Trost zuspricht, Wohlgewogenheit zeiget, Mitleiden in ihrem Unglück beweiset, und Beystandt leistet. §. 139. Dieß solte nun wohl vor dießmahl gnug von dieser Materie seyn, indem wir uns nicht vorgenommen, in weitere Umstände und Weitläuftigkeiten bey dieser intricaten Materie einzulassen. Es ist auch wahr, laut den Mazarinischen Rubriquen, daß selten ein vollkommenes Staatsgebäude oder Systema politicum gefunden wird, da die Circumstanzen und Dependenzen (welche die praecepta generalia oder allgemeine Gesätze stündlich ja augenblicklich im Wechsel und Veränderung stellen) nicht zu bestimmen sind, so ist diß eine leichte Lehrart die generale Regulen oder allgemeinen Lehrsätze auf allerhand Special=Occasionen, Accidenten, oder auf besondere Vorfälle und Zufälle zu appliciren, und also durch diese Methode die Theorie, das ist, die Lehrsätze zu würklicher Uebung zu bringen. Eben darum haben 161 oder politische Maximen. ben wir hier diese Lehrart in einigen Fällen gefolget, besonders aber in dem ganzen Werk unsere gewöhnliche Methode observiret, und darnach alle Lehren eingerichtet, daß schier alle Paragraphen (einer von dem andern unterstützet) gleich einer Kette miteinander verknüpfet, dabey die principia generalia, auch die vornehmsten Special=Regeln, und einer besonderer Druckschrift von den übrigen zu mehrerer Deutlichkeit unterſchieden. §. 140. Man hätte aber viel zu schaffen, wann man alle Special=Regeln oder besondere Gesätze anführen solte; solche Arbeit erfordert eine vielgeübtere Feder, als die Meinige, und lassen sich unmöglich in die Gränze eines so kleinen Werks einschliessen. Bisher habe ich schon gnug gesagt, und ich besorge nicht ohne Grund, daß man mir zu viel Dank dafür wissen wird. Allein die Einbildung der Menschen, oder besser zu sagen, ihre Gewogenheit ist so weit gekommen, daß man den Scribenten wenigen Dank für allen ihren unbeschreiblichen Fleis und Arbeit weis. Man vermeinet der Sach gnug gethan zu haben, wenn man dem Buchhändler oder Buchdrucker ein Buch bezahlet, ohne dem Buch, Verfasser, oder Authoren dafür Dank zu wissen. Man bildet sich ferner ein, daß ein Author für seine fast unbeschreibliche Bemühung reichlich belohnet seye mit der grossen Ehr, Lob und Ruhm, die er vielleicht bey der Welt davon trägt von wegen Verfassung einer vortreflich=gelehrten Schrift, (dannoch finden sich solche Eselen, will sagen, gnugsame Tadeler, die ihnen eine Hand voll Ehr und Ruhms mißgönnen) den nun das point d'honneur oder die Ehrsucht quält, der kan vor seine Belohnung und Dank sich mit so viel Ehr und Ruhm begnügen, ja sich mit Eitelkeit und Thorheit erfüllen, als ihme beliebet. Meines Theils verlange nicht das Ansehen eines grossen Gelehrten für eine Bemühung zu gewinnen, ich begehre auch nicht, daß man mir zur Vergeltung grosse Obligation oder Dank dafür habe. Mein Wunsch ist allein, daß ein jeder sich dieser Bogen, auch aller meiner zukommenden Werken und herauszugebenden Schriften zu einem christlichen Gebrauch und löblichen Nutzen bediene. Werde ich Zeit und Gesundheit erhalten, und erfahren, daß GOtt und 162 Kluge und nützliche Staatskunst, und der Welt mit meinen Schriften gedienet ist, so werde ich Kräfte, Eifer und Muth verdoppeln, um dem gemeinen Wesen immer je nutzlicher und dienlicher zu werden. Lebe wohl. Beſchluß. Kunmehro wollen wir nicht hoffen, daß einer unserer Leser etwas werde einzuwenden haben, gegen dem, was gesagt worden, da wir gesinnet gewesen, mit diesen wenigen Bogen unserm Leser zum klugen Gebrauch der jetzigen Zeiten und critiſchen Weltlauf aufzumuntern, und ihme die Kunſt griffe, Staats=Streiche und Geheimnüsse zu zeigen, zufolg deme er die geheimeste Sachen entdecken kan, und wodurch er, in einem Wort, die wahre Beschaffenheit der Menschen und inneres Wesen der Welt ersehen kan. Das ist: Eine wesentliche Abschilderung der verschiedenen GemüthsBeschaffenheiten, und Grundlegung der kürzesten Staats= und Weltklug heit, wie mit allen Standes=Personen, guten Freunden, Verwandten, Bekannten, Fremden u. s. f. mit allen Menschen zu handeln und zu conversiren sey, damit doch dadurch das Mittelmaaß der Tugend, und die Gesätze der guten Sitten nicht überschritten werden, und dannoch sich bey den Menschen in Gunst, Liebe, Treu, Glauben, Ansehen und Freundschaft zu bringen. Würde man uns aber beschuldigen, daß einige angeführte Maximen auf gegen der Moral widrige Lehren verabzieleten, als auf einer Regelmäßigen Staats=Kunst, so könte es wohl ein übereiltes Urtheil seyn, unrecht thun, und zu weit in critischer Beurtheilung fortgehen; da wir alle machiavellische und pseudopolitische mit allem Fleis zu meiden ermahnet haben; zudem ich verthädige, behaupte noch allegire keine Rubrique, Regel noch Lehrsatz, um mich dadurch bey einigen andern beliebt, angenehm, oder gefällig zu machen, oder aus andern Absichten. Es ist gnug, daß es unser Vorhaben gewesen, von der gemeinen Staatskunst abzuweichen [dieselbe vor dißmahl, bis zu einer andern Zeit, denen überlasse, die davon ex instituto oder ex professo weitläuftig und lehrreich geschrieben), doch alles dieses eben nach dem rechten Politicismo und Lehre der vornehmsten Staatsleuthen, nemlich zufolg den vernünftigsten Lebens=Regeln deren Weltklugesten Staatisten. In diesem Fall wäre ich viel zu scrupulöß oder gewissenhaft, meinen Leser solche wichtige Gesätze vorzuschreiben, ohne mich auf Beweißthümer oder politische Maximen. 163 zu gründen, ja eine Freyheit zu prätendiren, ohne Documente aufzulegen. Eben warum solte ein aufrührischer Kopf einige Maximen in einem widrigen, unrechten und weitlaͤuftigen Verstand nehmen [mich berufend auf alle diejenigen, was in dem Vorbericht gesagt worden], da wir die Welt ohnedem noch wenig kennen, folglich wir auch nicht gnug vor denen Nachstellungen und Fallstricken vorsichtig seyn können. Ja, würde man mich Ja, würde man mich zornig machen, so wolte ich noch hinzu setzen, daß alles, was uns von den Eigenschaften und Beschaffenheiten der Welt und ihrem Wesen bewust ist, ein Nichts seye, gegen dem, was wir noch nicht wissen. Ist diß aber nicht eine verdrießliche Sach? gewiß, es ist eine Lästerung gegen das ganze menschliche Geschlecht. Wir Menschen sind die allervollkommensten Creaturen, und sollen die Welt [das ist, uns selbsten unter einander] nicht kennen. Wie! solten wir Menschen die Welt nicht kennen, da wir Menschen die Welt selbsten auf dieser Schaubühne vorstellen und ausmachen? Haben dann nicht die alten Recht, deren ordentliche Rede ist, wann sie sagen: Jetzo ist die Zeit weit schlimmer, und die Welt mehr falsch und boßhaft, als zu der Zeit, da wir jung waren? Hat nun dieses nicht allein in ihrer Einbildung Grund, so habe ich nicht zu viel gesagt, daß wir nemlich die Welt noch nicht nach ihrer wahren Beschaffenheit kennen, und daß die meisten Listigkeiten, Verblendungen, Nachstellungen, Verführungen, Betrügereyen und Kunstgriffe uns noch unbekannt sind. Dieses alles zu probiren, bedarf ich keine Beweisgründe zu allegiren, da die tägliche Erfahrung [bey vielerley Handlungen der Welt] unseren Satz bestättiget. Es ist wohl wahr, daß die Zeit allezeit böse gewesen, dann nur in der Jugend läst man die Täge saus grosser Unachtsamkeit und Unbesonnenheit] ohne Aufmerksamkeit vorbeyrauschen und hinlaufen, die man bey reifferen Jahren mehr betrachtet. Und hierauf eben gründet sich vermuthlich das Urthei der Alten, daß sie aber theils recht haben, will ich nicht in Zweifel ziehen. Nur was wir bey der Welt seltsam bemerken, ist, daß ein jeder mit E Fleis sucht, die Zukunft seines Lebens auf eine gewisse Staffel der immerwährenden Befriedigung und Wohlseyn zu stellen; Aber wie? geschicht es nicht mehrentheils, was die Franzosen sagen: l'homme en esperant toûjours d'avoir mieux; vit tant, qu'il devient vieux. Doch ist derjenige klug gemug, welcher in der Welt einen spitzfindigen Gebrauch und eine politische Lebensart besitzen kan, wodurch er zwar dem Nächsten auf keinerley . 164 Kluge und nützliche Staatskunst, oder pol. Maximen. nerley weiß schadet und nachtheilig ist, weder sein eigenes Gewissen beschweret, seinen Zustand aber bis auf den letzten Punct seiner zeitlichen Glückseligkeit hauptsächlich anbauen und befestigen kan? ja, diesen kan man billig einen wahren Politicum oder rechten Weltklugen heissen. Ich sage allein zum Beschluß, daß dieses nicht die Grundregel vieler falschen Weltleuthe und machiavellischen Partisanen sey, da sie nemlich nicht die Tugend und ein aufrichtiges Gewissen zur Richtschnur ihrer Handlungen und Werken erwählen, sondern die ihren Glückszustand und Lebenslauf mit boßhaften Practiquen, arglistigen Künsten und verbothenen Streichen (unter dem scheinbaren Vorwand der Aufrichtigkeit und betrüglichen Larve der Tugend) auszuführen suchen; die alles verrichten, es sey erlaubt oder verbotten, es sey böß oder gut, billig oder unrecht; und die alle ihre Thaten in ihrem unmäsigen Privat-Interesse oder Eigennutz stellen. Wann aber schon alles ihm zu gewissen Zeiten glückt, so pflegen doch ihre krumme Streicheine unglückliche Endschaft zu nehmen. Das ärgste Gift der sinnlichen Begierden ist der unersättliche Gelthunger, der ungebührliche Eigennutz, und die grosse Gewinnsucht. Und diese verruchte Fehler mögen wohl die Ursach seyn, wodurch die meisten Menschen verlohren gehen. Wann aber also die zeitliche zergangliche Wohlfahrt, die sterbliche Hocheit, die irrdischen Güter und alle Welteitelkeiten unsere Gemüther und Begierden also an sich ziehen; wie soll man dann nicht um das unvergängliche unzerbrechliche ewige Gut trachten? und nach einer ewig=ewigfortdaurenden Glückseligkeit streben? Eben einem solchen kan man mit Grund vor den allerklügesten Staatisten oder weisesten Politicum ansehen, welcher sich dieser christlichen Maximen vor allen andern bedienet. Darum soll ein sittlicher Staatsverständiger fromm und tugendsam seyn. Ich sage mit Fleis, fromm und tugendsam, dann mit diesen zweyen Wörtern allein habe ich alles gesagt. Die Tugend, Frömmigkeit und guten Sitten sind die Folge und Verknüpsung aller wahren Vollkommenheiten, und den Mittelpunct aller Glückseligkeit, denn sie machen die Menschen verständig, witzig, klug, aufmerksam, ein gezogen, heldenmuthig, edel, glücklich, und bahnet ihnen den geraden Weg zur ewigen Glückseligkeit, welches billig unser vornehmster Entzweck, ja unsere bestandige Bemühung feyn solle. Dann eben nach aller Mühe, Leyd, Elend, Lust und Freude, ja nach aller zeitlichen Glückseligkeit kommt doch endlich die Zeit, die Stunde, und der fürchterliche Augenblick unserer Abreise in das Ewig-Ewige, so hat alsdann alles Glück und Ehre ein E N D E. B&W S .